„On the road“ – Old Style /Deutsch

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It’s a mystery to me
We have a greed
With which we have agreed
You think you have to want
More than you need
Until you have it all you
Won’t be free
Society, you’re a crazy breed
I hope you’re not lonely without me

Eddie Vedder, Society, «Into the wild»

Zwei junge Männer haben sich vor drei Jahren auf den Weg gemacht. «On the road!!» Für den einen begann die Reise im Norden Italiens, der andere startete in Marrakesch. Sie sind auf der Suche. Was sie suchen, weiß ich nicht und selbst wissen sie es auch nicht. Der Marokkaner wollte den Vorstellungen seiner Eltern für sein Leben entkommen. Sie sind reich, sogar sehr reich. Dem Italiener gefiel das eingefahrene Leben in Mailand nicht.

«On the road!» Das klingt nach Jack Kerouac, Hemmingway, Bob Dylan, Allan Ginsberg, Jon Krakauer, Willie Nelson, Johnny Cash, Lynnyrd Skynnyrd und anderen klangvollen Namen. Freiheit, Zeit, Abenteuer, unendlich erscheinende Straßen und Weite. «On the road!», ist auch Hunger, Durst, die Suche nach einem Schlafplatz, kein Geld in der Tasche, mit einer Gitarre auf dem Boden sitzen und die Menschen mit steinernen Blick an sich vorbeiziehen sehen. Manchmal ist auch ein Alleinsein mit den eigenen Gedanken, die einen zu den merkwürdigsten Orten der Psyche treiben.

Beide sind hoch intelligent. Sie sprechen mehrere Sprachen, beherrschen ihre Gitarren, sind belesen in klassischer Literatur, Philosophie und Naturwissenschaften. Was könnten sie suchen? Den Menschen in sich? Das echte Leben? Was braucht der Mensch wirklich? Ein Leben jenseits der Gier? Gibt es das noch? Eins jenseits der Werbung, Konsum, künstlichen Bedürfnissen, erzeugten Ängsten? Gibt es da draußen auf der Straße noch echte Menschen?

Neuerdings ist der Italiener dazu übergegangen am Strand Wohlstandsmüll einzusammeln. Er kann sich für einen kleinen Puppenarm begeistern, der aus unerfindlichen Gründen angebrannte Finger hat.
Ein Spielzeugsieb, ein Stück Draht, ein alter Wasserkanister, eine Drei aus Plastik, alles stopft er seit Tagen in seine Plastiktüten. Eine von Drogen ausgelöste Psychose oder sympathische Zuwendung zum Detail? Ich weiß es nicht.

Beide schreiben eigene Lieder. Lieder in denen es um das Leben geht. Texte über Sprachlosigkeit, die sie mit dem Gitarrenspiel überbrücken. Ist etwas in Ihnen, wofür sie keine Worte besitzen? Der Marokkaner hat begonnen mit Begeisterung Charles Bukowski zu lesen. Immer wenn ich ihm begegne, zitiert er einen neuen Absatz aus «Portions From a Wine-stained Notebook – Das weingetränkte Notizbuch».

Sammeln wir nicht alle jeden Tag irgendwelches Zeug ein und stecken es in unsichtbare Plastiktüten? Sind nicht alle bettelnd nach Aufmerksamkeit unterwegs und sitzen auf dem Boden mit einer Gitarre? Spielen nicht alle jeden Tag ihre Lieder in der Hoffnung, dass einer sie würdigen weiß? Was werden die beiden zwanzig Jahre später über dieses Leben «On the road» denken?

Der Marokkaner hat seinen Laptop für 300 Ringits (50 EUR) als Pfand hinterlegt. Gegeben hat ihm das Geld ein Muslim, der in seiner Jugend ein Beachboy war, der nach und nach alles verlor und jahrelang auf der Straße lebte. «Sei vorsichtig Bruder, es ist nicht viel Geld.»

Unterwegs jenseits aller Konventionen, außerhalb der Gesellschaft, Verzicht auf allen Wohlstand, kann das funktionieren? Verweigerung von jeder Unterordnung, Hierarchie, ohne die Gier! Wo wird es die beiden hinführen? Ich werde es nicht erfahren. In zwei Tagen verlasse ich die Insel. Es ist unwahrscheinlich, dass ich sie jemals wiedersehe. Aber das was sie tun hat bei mir die Funktion eines hellen Richtstrahlers, mit dem die Gesellschaft beleuchtet wird, aus der ich komme.

Dafür Danke ich Euch beiden. «Reist immer sicher und auf guten Wegen!»

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