Die unsichtbare Diktatur

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Wer die Welt als sein Selbst erachtet, dem kann man die Welt wohl anvertrauen. Wer so die Welt liebt und gleichsetzt mit sich selbst, dem kann man die Welt überlassen.

Laotze, verm. 6. Jhd v.Chr.

Ich hatte hier im BLOG bereits einmal etwas zum Thema Freiheit geschrieben. Auf meinem Trip durch Asien 2018/2019 begleitete mich das Thema nahezu täglich. Ich reiste durch Länder, die wenig von der Freiheit des Individuums halten, welche die dies offensichtlich zeigen und andere, die von sich behaupten die Freiheit zu gewähren, es aber nicht tun.

Die Freiheit des Menschen und seines Denkens hat mich für mich als deutschen Staatsbürger eine besondere Bedeutung, insofern im Deutschen Grundgesetz diese garantiert wird und die Grundrechte darauf ausgelegt sind, sie jedem Bürger zu ermöglichen. Doch nur weil verfassungsgemäß Freiheit garantiert wird, bedeutet dies noch lange nicht, dass der Begünstigte sie auch tatsächlich nutzt. Es gibt eine Menge Bilder, die man zur Veranschaulichung benutzen kann. Nach längeren Abwägungen finde ich am deutlichsten das Gleichnis mit einem Rahmen.

Das Grundgesetz gibt einen modernen Rahmen, der ein Bild umgibt. Doch wird ein altes Gemälde durch diesen ein modernes? So sehe ich das deutsche Bürgertum, ein altes Gemälde umgeben von einem modernen Rahmen.

Ich persönlich finde «Freiheit» nicht unproblematisch. Da wären die Menschen, die die ihnen gegebene Freiheit dazu benutzen, sie für andere abzuschaffen. Frei nach Goebbels, der spottete, dass die ihm zuteil gewordene Freiheit noch lange nicht bedeutet, dass er und seine Mitstreiter, diese auch der anderen Seite zugestehen. Freiheit geht für mich auch einher mit Verantwortung und Vernunft. Übergebe ich einem Menschen, der weder vernünftig ist, noch dazu bereit ist, für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen, ist sie in seinen Händen eine Zeitbombe.

Wer im Nebel über die A2 fährt, kann dieses auf der linken Spur verfolgen. Freie unvernünftige und unverantwortliche Bürger rasen in einer freien Marktwirtschaft produzierten Vehikeln ohne Sicht durch den Nebel. Vernunft und der Mensch scheinen nicht zwingend zusammen zu passen.
Gleichermaßen sieht es beim Kapitalismus und dem zerstörerischen Wirken des Menschen in Bezug auf seine Umwelt, und damit auf sich selbst aus. Die Unvernunft beginnt bereits bei der Trennung zwischen Umwelt und Mensch. Jede Umweltzerstörung ist auch ein Verbrechen an der Menschheit und allen anderen Lebewesen. Beides gehört untrennbar zusammen.

Ein echtes Dilemma. Einerseits ist das, was wir unter Freiheit verstehen, das Recht eines jeden Lebewesens, doch übergeben wir sie einem Großhirnbesitzer, wird es problematisch und endet stets auf ein Neues in einer Katastrophe. Ein theoretischer Lösungsansatz wäre, den Menschen schon von Kindesbeinen an, den Umgang mit der Freiheit zu vermitteln. Reine Theorie! Das kollektive historische Wissen und die Erfahrungen, sagen uns: Unmöglich! Am Ende macht uns der Faktor Mensch immer einen Strich durch die Rechnung.

Der amerikanische Ökologe Garret Hardin setzte sich in den Sechzigern mit einigen Aspekten in seinem berühmt gewordenen Aufsatz: Die Tragik der Allmende auseinander. Er betrachtete sogenannte Kollektivgüter und setzte sie mit der mittelalterlichen Allmende gleich, auf die jeder Bauer sein Vieh treiben durfte. Jeder Bauer versucht, sein Vieh solange wie möglich grasen zu lassen, während sich niemand um die Rekultivierung des Bodens kümmert, somit das Land verödet.

Sein Aufsatz wurde zum Fetisch aller Liberaler und Befürwortern des Kapitalismus. Daran änderten auch diverse Nobelpreise für Analysten nichts, die zumindest abschwächende Lösungsansätze fanden.
Fakt ist, dass die Privatisierung immer Gewinner und Verlierer hervorbringt.Aus diesem Grunde meiner Meinung nach zumindest kritisch zu betrachten. Unter dem Strich entsprach die Adaption seitens der Neoliberalen nicht der Intention des Ökologen, der sich ausschließlich auf eine aus seiner Sicht drohende Überbevölkerung der Erde bezog. Eine Art rhetorische Universalwaffe der industralisierten Länder gegen die Dritte Welt. Gern übersehen wird dabei, dass viele Kinder in der Dritten Welt das fünfte Lebensjahr nicht erreichen. In Sozialsystemen die auf eine Versorgung der Alten durch die Kinder ausgerichtet ist, für die Eltern eine schwierige Prognose.

Im Kapitalismus und in seiner Ausformulierung dem Neoliberalismus, nach heutigem Verständnis, wird Verantwortung durch Gewinnmaximierung ersetzt.

Der Manager eines Konzerns hat sein Handeln darauf auszurichten, dass die Aktionäre das größt mögliche Kapital ausgezahlt bekommen. Dabei sollte vor dem Hintergrund der anstehenden Probleme, der größt mögliche Nutzen und Schadensabwendung für die Erde das Kriterium sein. Konzerne sind keine natürlichen Personen, die sich einzeln in einer Verantwortung sehen. Noch übler sind Investmentriesen, die an jeder Krise verdienen. Per Computer gestützter Analyse erkennen sie sofort, welche Investitionen innerhalb der Krise das größte Kapital abwerfen. Ich empfinde dies als pervers, wider jeglicher Verantwortung und ethisch unvertretbar. Ich stelle mir vor, meinem Nachbarn geht aus irgendwelchen Gründen im Winter das Heizmaterial aus und ich kaufe in der gesamten Umgebung rechtzeitig alles auf, um es ihm dann zu einem überhöhten Preis zu verkaufen.

Für mich steht und fällt alles mit der Verantwortung des Individuums. Das bedeutet, ich muss Rechenschaft für mein Handeln vor jemanden oder einer dazu berufenen Institution ablegen. Religionsstifter haben das praktischerweise ganz nach oben zu einer imaginären Instanz – Gott – delegiert.
Baust Du zu irdischen Lebzeiten Mist, folgt die Strafe nach dem Tode. Na ja, das kann man schon einmal drauf ankommen lassen. Für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit, wurde mit sehr bedingten Erfolg der Internationale Gerichtshof eingerichtet. Vorsorglich lehnen die USA den Strafgerichtshof in Den Hag ab.

Nochmals: Jede Umweltschädigung ist ein Verbrechen gegen die Menschheit! Ob nun Öltanker versinken, Fracking, Regenwaldabholzung, weiterer CO2 Ausstoß, das ungebremste Verbrennen fossiler Brennstoffe, alles davon ist ein Verbrechen, das international zu verantworten ist. Jedem der dazu eine Unterschrift leistet oder sich daran beteiligt müsste bei einem gerichtlichen Ansatz klar sein, dass dies bei Bekanntwerden übel endet. Leider hat die Weltgemeinschaft gelernt, dass dieses bei Kriegsverbrechen nicht funktioniert.

Eben jene angesprochene Verantwortung wird konsequent abgelehnt. Aber wer Verantwortung ablehnt, verwirkt auch das Recht auf Freiheit. Beides steht in unmittelbarer Verbindung zueiander.
Die Deutschen verwenden neuerdings gern das Wort Meinungsfreiheit. Jeder darf frei seine Meinung äußern. Was ist das eigentlich eine Meinung? Im DUDEN steht hierzu: „persönliche Ansicht, Überzeugung, Einstellung o. Ä., die jemand in Bezug auf jemanden, etwas hat (und die sein Urteil bestimmt).“

Jemand kann und darf zum Beispiel die Ansicht vertreten, dass die Erde eine Scheibe ist, Äpfel nach oben fallen und die Addition von zwei und zwei, fünf ergibt. Hilfreich ist diese Meinung nicht, dass sie den naturwissenschaftlichen und mathematischen Erkenntnissen widerspricht. Erkenntnis basiert wiederum auf der Fähigkeit durch geistige Verarbeitung von Eindrücken und Erfahrungen zu einer Einsicht zu kommen.

Die o.g. Ansichten zeigen demnach auf, dass der Äußernde nicht dazu in der Lage ist, kognitiv Forschungsergebnisse, Erfahrungen und Eindrücke zu verarbeiten. Kaum jemand würde auf die Idee kommen, so einem Menschen ernsthafte Aufgaben zu übertragen.Ich stelle mir den Auftrag an einen Architekten vor, der das Ergebnis „fünf“ zu seiner durch das Grundgesetz verbürgten freien Meinung deklariert.

Aber wir übergeben solchen Menschen politische Aufträge. Nichts anderes passiert nämlich, wenn ein Politiker sagt: «Es mag sein, dass 23.000 Naturwissenschaftler, darunter so ziemlich alle anerkannten renommierten wissenschaftlichen Institute der Bundesrepublik Deutschland Erkenntnisse zum auf menschlichen Handeln basierten Klimawandel liefern, aber ich habe eine andere Meinung.» Anders: «Es ist mir vollkommen egal, wenn Mathematiker sagen: 2 + 2 = 4. Meiner Meinung nach lautet das Ergebnis – fünf – ». Diese Aussage ist von der Meinungsfreiheit gedeckt, aber wie gesagt nicht hilfreich.

Vielleicht lautet die Aussage übersetzt auch anders. «2 + 2 = 4, ist grundsätzlich richtig, 5 passt mir aber besser in den Kram und ist für meine Ziele förderlicher, deshalb bleibe ich dabei.»

Dies würde bedeuten, dass dieser Mensch seine Freiheit dafür nutzt seine Ziele durchzusetzen. Wenn das Ergebnis seines Verhaltens katastrophal ist, muss er dafür zur Verantwortung gezogen werden. Da diese Katastrophe bei einer derartigen Realitätsverweigerung und kognitiven Minderleistung erwartbar ist, sollte schlauerweise vor dem Eintritt interveniert werden. Man finde den Fehler!

In der öffentlichen Diskussion hat es sich durchgesetzt einfach mal «fünf» zu sagen. Nicht nur, weil diese Leute schlicht keine Ahnung vom richtigen Ergebnis haben, sondern weil ihnen das falsche Ergebnis von «Meinungsmachern» als korrekt suggeriert wird. Hier schließt sich der Kreis. Kann ich noch Freiheit sprechen, wenn die Leute bis zur Unterkante mittels Kampagnen vom eigenen Denken befreit sind und von anderer Seite her ferngesteuert werden? Sie an das falsche Ergebnis „fünf“ glauben, an dem wiederum ein anderer mit Kalkül Geld verdient?

Wer in Gesprächen innerlich die verwendeten Worte und Argumentationsketten der Anwesenden notiert, stellt schnell fest, wie hoch der Durchsatz mit Schlagworten und Konnotationen ist. Wer den Verdacht hat, dass bei einem Verhandlungspartner ein unsichtbarer Berater dahinter steht, muss nur auf die Wortwahl achten. Entspricht sie nicht der angestammten Natürlichen, stimmt etwas nicht. Findet das Ganze in einem überschaubaren Umfeld, zum Beispiel innerhalb eines Betriebs statt, ist der «Strippenzieher» im Hintergrund schnell enttarnt. Grundsätzlich gilt für mich die Faustformel: Desto reflektierter ein Mensch ist, je geringer der Anteil an Schlagwörtern und vorgefertigten Argumentationsketten.
Anhand der verwendeten Schlagwörter lässt sich vielleicht konkret die beauftragte Agentur ermitteln, aber der Auftraggeber gibt sich durchaus zu erkennen.

Wir leben demnach innerhalb einer theoretisch möglichen Freiheit, die durch PR Kampagnen und ihre Initiatoren, aufgehoben wird. Der Bürger besitzt die Freiheit, ist aber geistig nicht mehr dazu in der Lage sie in Anspruch zu nehmen, da er sich in einem Gefängnis vorgegebener Gedankenmuster befindet.

«Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.»

Edward Bernays

Aus meiner Sicht gibt es zwei verschiedene Sorten der Diktatur. Die offene, stark in die Jahre gekommene klassische Diktatur mit einem Despoten, Autokraten oder Diktator/Clique an der Spitze und die moderne leise perfide, intelligent mittels Massenmanipulation agierende. Mit einem Freiheitsgedanken hat das nichts mehr zu tun.

Mich amüsiert es, wenn ich in Tweets oder Kommentaren etwas vom «mündigen Bürger» lese. Ich denke jemand wie Bernays oder einer seiner Schüler bräche wahrscheinlich in ein höhnisches Gelächter aus. „Du hältst Dich für mündig – lustig!“
Abgeleitet wird der Begriff von «Mündel», einem Menschen, der selbst keine Verantwortung tragen kann. Der «mündige Bürger» ist einer, der Verantwortung für sein eigenes Leben und sein Handeln übernimmt. Darüber hinaus beteiligt er sich am gesellschaftlichen Entwicklungsprozess.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (kurz BpB) fügt ergänzend hinzu:

«Mündigkeit“ hat noch eine weitergehende Bedeutung. Gemeint ist damit auch Selbstbestimmung und Urteilsfähigkeit. Man spricht oftmals von „mündigen Bürgern“ und meint damit, dass die Bürger und Bürgerinnen nicht nur für sich selbst Verantwortung übernehmen, sondern auch für ihren Staat und ihre Gesellschaft. In einer Demokratie wie in Deutschland ist das besonders wichtig. Die Demokratie braucht mündige Bürger und Bürgerinnen, die sich interessieren und engagieren, die bereit sind, politisch im Staat mitzuwirken.»

Der Gegensatz dazu ist geschichtlich der Idiot. Dies war nämlich im alten Rom die Bezeichnung für die leute, die sich ausschließlich im Privaten befanden und am «polis», ergo dem politischen Leben nicht teilnahmen. Später war der Idiot im philosophischen Sinne einer, der im Gegensatz zum Fachmann ein Ahnungsloser war.
Meistens sind die Leute, welche den Begriff «mündiger Bürger» verwenden, diejenigen welche in nahezu jedem Kommentar eine hohe Schlagwortdichte aufweisen. Mit anderen Worten ihre Urteilsfähigkeit an andere übertragen haben. Sie sind in der Regel auch nicht an einem gesellschaftlichen Diskurs interessiert, sondern wollen ihr Recht in Anspruch nehmen, sich ins „Private“, also ins „Idiotische“, zurückzuziehen.

Ich wiederhole es gern immer wieder. Es gibt meiner Auffassung nicht die eine fest definierbare deutsche Gesellschaft. Sie besteht aus einer Vielzahl von Fragmenten. Ein Teil besitzt die Deutungshoheit (auch mal von mir ein Schlagwort) für Moral, Ethik, Recht, Gesetz und Normalität. Daneben stehen diverse andere Teile, von deren Seite anteilig massiv Kritik geübt wird.Wenn ich von Fragmenten schreibe, folge ich damit der Argumentationslinie des Establishments. Schleichend wurden von dort aus die alten Begriffe wie Klasse und Schicht eliminiert. Arbeiterklassse, Oberschicht, Intelligenz, Inhaber der Produktionsmittel oder Kapital, würden Konflikte, Dissonanzen und vor allem eine inhomogene Gesellschaft andeuten. Es passt besser in deren Intention, von einer homogenen Gesellschaft und Outsidern auszugehen. Jene Outsider sind die Hartz IV Bezieher, die Sozialschmarotzer, Linke, Kriminelle pp..

Der Teil mit der Deutungshoheit, also dem dominanten Part, rekrutiert sich größten Teils aus dem Bürgertum. Eins, welches sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts kaum verändert hat.Die CDU/CSU nebst der AfD verbalisieren immer noch einen „völkischen Gedanken“, der seinen Ursprung im ausgehenden 19. Jhd. hatte. Der schon fast bedauernswerte Philosoph Habermas musste einen Missbrauch seines Gedankengangs bezüglich einer europäischen Leitkultur hinnehmen, als die Ikone der Neoliberalen Friedrich Merz daraus kurzer Hand eine „Deutsche Leitkultur“ bastelte. Traditionell hält dieses Bürgertum nicht sonderlich viel von der Freiheit des Individuums. Die bedeutet nämllich immer Kontrollverlust.

In einer Zeit, die durch die Digitalisierung und den damit in Verbindung stehenden Folgen, den erforderlichen Reaktionen auf den Klimawandel, ungelöster Hinterlassenschaften aus der Energiepolitik des 20. Jahrhunderts, zunehmender ungerechter kriegsfördernder Ungleichverteilungen, in Arm und Reich gespaltener Gesellschaften, innovative und u.U. sogar radikaler Lösungen erfordert, ist dies ängstliche Beharren an alten Lösungen und Strukturen kontraproduktiv. Festzustellen ist, dass uns diese bisher angewandten Lösungen den Mist eingebrockt haben.

Stellen Sie sich vor, dass Sie eine Idee haben und dafür eine Produktionsmaschine benötigen. Weil sie zwar eine Idee und Vorstellung vom Produkt haben, aber keinen technischen Sachverstand, beauftragen sie Ingieneure und Techniker mit der Konstruktion. Die machen sich ans Werk und nach einem Jahr steht eine Maschine in der Halle. Erwartungsvoll schalten Sie sie ein und warten auf das fertige Produkt. Zu Ihrer Enttäuschung produziert die nur unbrauchbaren Müll, der sich am Ende auch noch als gefährlich erweist. Trotz unzähliger Versicherungen und Nachbesserungen ändert sich am Ergebnis nichts. Was würden Sie tun? Ich denke jeder würde die Konstrukteure hinauswerfen und sich nach neuen mit besseren Ideen umsehen.

Bis in die ausgehenden Sechziger des 20. Jahrhunderts gingen die meisten davon aus, dass der  wirtschaftliche Wachstum und die voranschreitende Technik auch die Situation der Dritten Welt verbessern würde. Sorgen bereitete den Analysten nur die Gefahr eines atomaren Krieges. Die aktuelle weltweite Lage zeigt uns, dass die sich gründlich irrten und einige Faktoren übersahen. Die Konstrukteure des Kapitalismus sind schlicht und ergreifend gescheitert. Bezüglich des Kommunismus eröffnet sich für mich eine Diskussion, ob in der Weltgeschichte überhaupt jemals einer entsprechend der Grundidee existierte. Meiner Auffassung nach nicht. Aber dies gelte es zu diskutieren. Bezüglich Kapitalismus halte ich das für unstrittig. Spätestens, als ich vor einem halben Jahr in Moskau vor einem McDonald stand, wurde mir das bewusst.

Es ist nicht soweit her mit dem Freiheitsbegriff, sich daraus ergebender individueller Verantwortungsübernahme und dem Verständnis, was Freiheit eigentlich ist und bedeutet. Und wenn nicht aufgepasst wird, bleibt nicht viel übrig. Ich vertrete die Auffassung, das seitens der Bevölkerungen böse Fragen zu stellen sind. Befinden wir uns beispielsweise beiden gegebenen Verhältnissen noch in einer Demokratie? Oder ist das international übergreifende politische Geschäft nicht längst an multinationale Konzerne und Investoren übertragen worden? Beschränkt sich Demokratie nicht unter Umständen nur noch auf kommunale Strukturen? Wie sieht es mit dem Verhältnis zwischen einem ethischen Verständnis bezüglich des Lebens auf der Erde und einem rein auf Profit ausgerichteten System aus? Marx ging davon aus, dass ausnahmslos jeder menschliche Aspekt im Kapitalismus zu einem veräußerbaren oder käuflichen Gut wird. Auch die Freiheit?

Letztens ging mir durch den Kopf, dass ich bei der Geburt meiner Kinder zuerst gefragt wurde, ob ich privat oder kassenversichert bin. Gleichzeitig fiel mir auf, dass bei einem Verstorbenen in meinem Umfeld gleich die Frage aufkam, wer die Beerdigungskosten trägt. Sagt das nicht alles über die Gesellschaft aus? Kinder ist das Stichwort der aktuellen Diskussion. In meiner Welt übernimmt ein Mensch, wenn er Kinder in die Welt setzt eine Verantwortung. Mir ist bewusst, dass das nicht jeder so sieht. Ich persönlich verweigere mich dem gesellschaftlichen Anspruch des dominierenden Teils, dass meine Nachkommen funktionierende, das bestehende System stützende und bejahende Zahnräder einer Maschinerie werden, die fortwährend Müll, Umweltzerstörung, Kriege, Hungersnöte, Not und Elend produziert.

Spätestens, als ich in der mongolischen Hauptstadt Ulanbataar auf einem im Kommunismus entstandenen Prachtplatz stand, zu meiner linken Hand die Slums waren und auf der rechten Seite die Phallussymbole des Kapitalismus in Gestalt von glitzernden Wolkenkratzern der Banken, Minengesellschaften und Investmentfirmen sah, war mir klar: Das kann es nicht sein, die machen alles kaputt.

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