Traveling

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Traveling übersetzt bedeutet Reisen. Es sich so einfach zu machen, kommt der Übersetzung von Firewall in Feuerwand gleich. Reisen, Wandern, Pauschalreisen, Urlaub, Tourismus, mit allem wird Unterschiedliches verbunden. Ich habe Traveling als Lebenshaltung kennengelernt, die nicht jedermanns Sache ist. Am ehesten ist es als Wanderschaft zu sehen.Die meisten Menschen sind darauf aus, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Hieraus entstehen Bindungen und Interaktionen.  Der kanadische – US – amerikanische Psychiater und Begründer der Transaktionsanalyse Eric Berne sprach dabei von Spielen. Es gibt  Spieler, Spielregeln, Ziele und einen stets ähnlichen Spielverlauf. Ich kann sein Ende der Sechziger entstandenes Buch „Spiele der Erwachsenen Untertitel: „Psychologie der menschlichen Beziehungen“ wärmstens empfehlen. In seinem Buch stellt er 36 Spiele vor, bei denen reflektierte Leser von einem Aha – Erlebnis ins nächste stolpern.

Wer auf Wanderschaft geht oder zum Traveler wird, zieht von einem Platz zu nächsten und vermeidet es, an den Orten allzu feste Bindungen aufzubauen bzw. sich in die Spiele einbeziehen zu lassen. Wanderjahre oder „on the Road“ zu gehen ist literarisch mehrfach verarbeitet worden. Alles was ich in dieser Richtung las, beschreibt einen tiefgreifenden die Persönlichkeit verändernden Prozess. Viele von denen die ich auf einer zurückliegenden mehrmonatigen Reise kennenlernte, werden nie wieder irgendwo heimisch werden.

Stabile Bindungen aufzubauen, sich innerhalb einer Struktur oder System durch Gestaltung wirklich werden zu lassen, wird allgemein favorisiert. Das geht soweit, dass ein gegenteiliges Verhalten von manchen als psychisch gestört betrachtet wird. Spannenderweise passiert dies in der Regel  selten außerhalb unseres Kulturkreises. Vielleicht verhält es sich auch ganz anders. Ich will nicht ausschließen, dass Traveler auf der Suche nach einem Platz sind, der ihnen zusagt.

Eins widerfährt allen „on the road“. Die besuchten Orte werden zur wechselnden Kulisse eines Theaterstücks. Ein Schauspiel ohne Regisseur und Drehbuch, welches von unzähligen Menschen auf einer Bühne gespielt wird. Ab – und wann wiederholen sich Verhaltensmuster, manches ist chaotisch, aber immer dem Gesetz der Wechselwirkung unterliegend. Man selbst beobachtet und versucht im Zuschauerraum zu bleiben. Nach einigen Wochen strecken die Spieler auf der Bühne die Hände aus. Dann muss der Traveler seinen Rucksack schultern und verschwinden. Es bedeutet ein Leben aus dem Rucksack zu führen. Keine Bücher in einem Regal, keine selbst ausgewählten Bilder an der Wand, kein Nippes oder Erinnerungen, die sich in der Wohnung verteilen. Das Motto „Lass Dich niemals von toten Gegenständen besitzen.“, wird quasi en passant umgesetzt.

Traveling ist Freiheit und der Ausstieg aus einem System. Was sollte es bringen, sich unterwegs sinnloses Zeug zu kaufen? Man müsste es im Rucksack mit sich herum schleppen. Die heutzutage jeden Menschen begleitenden Algorithmen kommen mit den undurchschaubaren Planungen und irrationalen Verhalten eines Travelers schwer klar. Die eingeblendete Werbung, oftmals in der falschen Sprache oder vollkommen abstrus, zaubert einem oftmals ein Grinsen ins Gesicht. So wurde mir in Malaysia bei 38 Grad Werbung für eine mobile Heizung eingeblendet, die angeblich alle Malaien um den Verstand bringe.

Selbstverständlich weiß ich, dass meine Daten weiterhin gesammelt werden und mein Reiseverhalten registriert wird. Ich verfolge eine andere Taktik. Für mich ist entscheidend, im Notfall auch bei den Datensammlern abtauchen zu können. Dafür habe ich gesorgt, außerdem mag ich die Maßnahme der Desinformation. Wenn man ein Abgreifen von Daten und eine Beobachtung nicht vermeiden kann, bleibt einem ausschließlich die Option, dem Spion ein falsches Bild zu übergeben. Ich habe zwei Traveler kennengelernt, die durchaus nachvollziehbare Gründe zum Abtauchen haben. Einer versteckte sich  an einem wahrlich abgelegenen Ort und dennoch fanden sie ihn. Sein Fehler bestand darin, dass er den Diensten nichts anbot. Damit weckte er ihre Neugierde und sie kümmerten sich intensiver um ihn. Reisen führt einen durch diverse politische Systeme und man trifft auf Leute, die sich gut auskennen. Auch die Überwachung und das Gebaren der Mächtigen ist ein begleitendes Thema. Für den Einzelnen ist ein Verschwinden und der Entzug mit einer einzigen Maßnahme: Abschalten und kein elektronischer Datenverkehr. 

Ein Australier sagte zu mir: „Es gibt Menschen, die leben in einem Zimmer. Andere in ihrem Haus oder in der Straße, wo es steht. Manche kennen die Stadt in der sie wohnen. Eine andere Sorte betrachtet ihr Land als Habitat. Ich verstehe mich als Erdenbürger, dem es frei steht, sich einen Platz auf diesem Planeten zu suchen.“ Diese Einstellung bringt Politiker und Ökonomen um den Verstand.

 

Christian Lindner brachte es stellvertretend für alle auf den Punkt: „Wenn Frieden herrscht, müssen Flüchtlinge zurückkehren, wenn sie nicht die Kriterien eines neuen Einwanderungsgesetzes erfüllen, das ihnen einen neuen Aufenthaltsstatus verschafft. Es gibt kein Menschenrecht, sich seinen Standort auf der Welt selbst auszusuchen.“

Ich stelle mir dazu den Dialog mit einem Außerirdischen vor. Was würde ich dem antworten, wenn er mich nach meiner Herkunft fragen würde? Spandau? Berlin? Deutschland? Damit könnte dieser vermutlich wenig anfangen. Wahrscheinlich würde er sich wundern, nach welchen Kriterien Erdenbewohner ihren Aufenthaltsort auswählen, oder ihnen zugewiesen wird. Überwiegend ist das Geschehen auf der Erde und das Verhalten der Menschen vollkommen irrational. Das geht so weit, dass vernünftiges Handeln mit dem Attribut Naivität belegt wird. An einem lebensfeindlichen Ort Ausharren oder dazu gezwungen zu werden, ist für mich kein Zeichen menschlicher Intelligenz. Wirtschaftliche Systeme zu stützen, die sich der Gier des Menschen bedienen, Persönlichkeit und Lebensraum zerstören, hat auch nichts damit zu tun. Merkwürdigerweise wird behauptet, dass die Suchtpersönlichkeit vor Drogen beschützt werden muss, während die Gier bedient wird.

Große Teile der modernen Wirtschaft sind für mich Dealer und Drogenbarone, die ohne Rücksicht auf die Gesundheit der User und den natürlichen Ressourcen aller, Geld verdienen. Freiheit ist unter anderen, etwas nicht tun zu müssen. Keiner ist gezwungen sich seinen Lebensunterhalt als Dealer oder Konzernchef zu verdienen. Er kann auch einer ehrlichen Arbeit nachgehen. Viele sagen: „Ja, wir brauchen sie aber!“ Mag sein! Wenn ich die Todesstrafe befürworte, benötige ich auch einen Henker. Stehe ich für einen Kapitalismus, der Kriege, Diktaturen, Armut, Elend, Zerstörung des Planeten, zur Folge hat, brauche ich auch Konzerne und ihre Leiter.

Nahezu alle Traveler, die ich kennen lernte, waren Menschen mit sehr wachen Geist, die sich das Geschehen um sich herum genau ansahen und sich bewusst dem System entzogen. Die überwiegende Zahl der mir bekannten Leute sehen die Welt, wie der Betrachter eines Gemäldes, der seine Nase auf die Leinwand presst. Erst einige Schritte zurück, verschaffen die Möglichkeit das Bild, die Intention des Malers und die Wirkung zu erfassen. Es bringt nichts, sich mit jemanden über ein Bild auseinanderzusetzen, der zum einen aufgrund der Nähe es nicht sehen kann und zum anderen nicht bereit ist, den Abstand herzustellen. Traveler bringen zwischen sich und dem Bild meistens eine gehörige Distanz. Die ermöglicht die Überwindung von Vorurteilen, schafft Toleranz für andere Lebensweisen und Religionen. Problematisch ist die Erkenntnis, dass diverse schädliche Prozesse nicht zu stoppen sind. Daran hatte ich schon vorher zu arbeiten. Desillusionierung  ist der Verlust von Illusionen. Sich mit Wunschvorstellungen zu beschäftigen halte ich mittlerweile für Zeitverschwendung. Womit ich nicht behaupte die Realität zu kennen. Die kennt niemand auf dieser Welt. Wir alle laufen mit einem individuellen Abbild davon in der Gegend herum. Aber ich weiß, dass der Mensch keinesfalls religiösen, ethischen oder moralischen Idealen entspricht. Weiterhin habe ich anhand der Beobachtung anderer feststellen können, wer ich bin und welches Verhalten ich mir selbst nicht antun bzw. aneignen muss.

Ich kann jeden verstehen, dem dieser Lebensstil nicht zu sagt. Naturgemäß ist er auch nichts für Menschen, die Verantwortung für eine Familie zu tragen haben. Unterwegs benötigt man in der Regel wenig Geld. Viele arbeiten mobil oder suchen sich für kurze Zeit einen Job. Auch das ist nicht jedermanns Sache. Es ist halt ein sehr spezielles Leben, aber ein spannendes und mit Sicherheit kein schlechtes. Eins ohne Netz. Der Gewinn ist Freiheit, sehr viel innere Gelassenheit und Bedürfnislosigkeit. Kürzlich fragte mich jemand, ob ich nach den Geschehnissen der zurückliegenden fünf Jahre und der Reise noch eine Verbundenheit zu irgendetwas empfände. Ich denke ausschließlich mir und meinen nahen Familienmitgliedern. Gesellschaft und Institutionen interessieren mich nicht mehr. Mir gefällt nicht, was ich sehe, aber ich kann es auch nicht ändern. Ich akzeptiere, dass ich dass das Bestehende so gewollt ist, sonst wäre der Widerstand dagegen größer. Da kann man nur seinen eigenen Weg gehen. Mal sehen, wo ich noch überall lande.

 

 

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2 thoughts on “Traveling”

  1. Als ehemaliger Traveller kann ich Dir nach diesem Beitrag versichern: Innere Gelassenheit und Bedürfnislosigkeit, neben anderen „erworbenen“ Erfahrungen, werden Dich nicht wieder verlassen. Ein dauerhaft veränderter Blick auf die Dinge wird Dir jedoch erhalten bleiben und Dich bisweilen Lächeln, ein anderes Mal den Kopf schütteln lassen. Stand straight mein lieber Trölle 🙂

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