Alle anderen sind links …

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Und wenn ihr den großen Leuten erzählt: »Ich habe ein sehr schönes Haus mit roten Ziegeln gesehen, mit Geranien vor den Fenstern und Tauben auf dem Dach …« werden sie sich das Haus nicht vorstellen können. Ihr müsst vielmehr sagen: »Ich habe ein Haus gesehen, das hunderttausend Franken wert ist.« Dann kreischen sie gleich: »Oh, wie schön!«

Der Kleine Prinz – Antoine de Saint-Exupéry /Konservativer Kampfflieger

So wie in letzter Zeit, nahezu alles «links» einsortiert wird, was nicht dem bürgerlichen Mainstream folgt, mutiert für mich langsam «konservativ», zum Inbegriff der Unfähigkeit differenziert zu denken.
Wer sich getraut etwas gegen den «Kapitalismus», wobei auch hier genauer auszuführen wäre, was man darunter versteht, zusagen, ist «links». Im Prinzip ist mir der «Kapitalismus» vollkommen egal. Ich bin lediglich gegen Leute, die entweder legal, aber aus menschlicher Sicht verwerflich, kreativ, dem Gesetzgeber immer eine Nasenlänge voraus oder tatsächlich illegal, erhebliche Geldbeträge beiseite schaffen und andere damit schädigen. Mir sind Charaktere ein Gräuel, die andere ausnutzen, ausbeuten, schuften lassen, und sich selbst mit wenig Aufwand die Taschen vollstopfen. Ob sie dazu nun gesetzlich legitimiert wurden oder nicht, ist für mich uninteressant.

Mich macht es wütend, wenn ich sehe, lese oder höre, dass im 21. Jahrhundert Institutionen erschaffen und erhalten werden, deren Aufbau gesellschaftsschädliches Verhalten begünstigt. Das Milgram Experiment und die Ausführungen von Hannah Arendt haben uns gelehrt, daß Systeme, in denen Menschen nicht mehr erkennen können, welche Folgen ihre Entscheidungen haben, sie also keine individuelle Verantwortung übernehmen, in die Katastrophe führen können. Nichts anderes passiert bei multinationalen Konzernen. An der Spitze wird es noch perverser, weil der oder die Manager, wegen meiner auch Managerin, sich nicht in der Verantwortung als Mensch und gegenüber der Gesellschaft befinden, sondern ausschließlich den Aktionären einen größt möglichen Gewinn erwirtschaften sollen. Da kann nichts Gutes herauskommen.

Es betrübt mich, in einem Gesellschaftssystem zu leben, in dem Selbstoptimierung, Leistung bis zum Äußersten, das Erlangen von Statussymbolen und ein pornoröser Konsum erstrebenswerter ersehen wird, denn ein menschliches Leben. Jeden Tag werden die Leute mit Werbung und geschickt erdachten Manipulationen zugedröhnt. Dies trifft mich als Mensch und ich habe keine Ahnung, ob das etwas mit links zu tun hat. Ich habe die Folgen vor Augen. Medikamentenmißbrauch, Einnahme leistungssteigernder Drogen, eine Schwemme von Psychopharmaka, Depressionen, Burnout, Suizide, das Abschieben der nicht mehr «Leistungsfähigen» u.s.w. Das kann nicht richtig sein – ist die Kritik an solchen Dingen «links»?

Freiheit! Jeden Tag wird von Freiheit gesprochen. Mal ist es die Freiheitlich Demokratische Grundordnung, ein anderes Mal der «Freie Bürger». Ich weiß nicht, ob diese Freiheit noch existiert. Was ich wahrnehme, ist etwas anderes. Leute in Public Relation und Werbeagenturen verdienen ihr Geld damit, dass sie die Menschen mit Sprache, Wortbildungen, Erschaffung von Assoziationen, dem Erwecken von Bedürfnissen, Verängstigungen und zeichnen von Feindbildern, lenken. Selbstredend steht es jedem frei, sich dagegen zu wehren, aber nicht jeder hat gelernt, die Tricks und Kniffe zu durchschauen. Einst war es die Aufgabe der intellektuellen Elite, die Menschen davor zu schützen und zu warnen. Wer dies heute tut, landet in einer Schublade: «links». Psychologische Tricks, Taktiken der Massenbeeinflussung, Propaganda, Desinformation zu entlarven, ist links? Armes Deutschland!
Die Menschen in einem Land darauf hinzuweisen, dass ihr Wohlstand einen Ursprung hat und am Ende immer einer den Preis dafür zu zahlen hat, wurden früher Systemkritiker genannt. Heute sind sie nur noch «Linke». Mahner, die auf die menschliche Natur und die Auswirkungen, wie zum Beispiel sozialer Verfall, Kriminalitätsquellen, gestiegenes Aggressionspotenzial quer durch die Gesellschaft hinwiesen, waren einst Psychologen, Philosophen, Soziologen, Kriminologen und Verhaltensforscher – heute ist jeder, der es tut, ein Linker. Kant, Schopenhauer, Hegel, Heidegger, Nietzsche, Adorno, Fromm, Jung, Arendt, Sartre, Russel, Wittgenstein, Popper würden in der bürgerlichen Diskussion 2019 alle als «Linke» tituliert werden. Selbst die Diskussionen, welche die ersten Atomwissenschaftler hinsichtlich der Notwendigkeit einer Verantwortungsübernahme seitens der Wissenschaft anstrebten, hat heute bereits den Geruch einer linken Denkrichtung. Was ist mit einem Hawking, der uns zu Lebzeiten vor den sich andeutenden Katastrophe warnte? Ein Linker?

Das, was wir als Bürger, das Bürgertum oder veraltet Bourgeoisie bezeichnen, hatte schon immer eine eigene Psychologie. Sie wurde von Tucholsky, Mann, Zweig, Frisch, Engelmann, Böll, hinreichend beschrieben. Dazu muss man nichts mehr sagen oder schreiben – es ist alles gesagt. Selbst in Form von Gemälden haben Künstler diesbezüglich alles auf Leinwand gemalt. Wer es wissen will, muss sich nur eingehend die Bilder von George Grosz, oder wer es einfacher mag, die Bilder von Haderer ansehen.

Doch wann genau haben sich die Deutschen nach 1945 darauf eingelassen, alles gegen die Psyche des Bürgertums gerichtete, als links zu bezeichnen? 1967 – 68 mag das verhältnismäßig kurz nach dem III. Reich noch gegangen sein. Prinzipiell habe ich für mich eine Antwort, doch sie gefällt mir nicht, genauer gesagt, ich habe Angst vor ihr. Nach 1945 wurde im Kalten Krieg nahezu alles hoffähig. Keine Taktik oder Strategie, kein Lump, kein Diktator, keine noch so menschenverachtende Maßnahme, wurde geschmäht, wenn es gegen die bösen Kommunisten ging. Da wurden in vielen Bereichen beide Augen fest zugedrückt. Egal, ob politische Extreme jenseits des Kommunismus gefördert wurden, Umweltkatastrophen in Kauf genommen wurden (von der gesprengten Pipeline bis zur Sabotage in AKW’s war nahezu alles legitim), Millionen Tote bei Stellvertreterkriegen in Reaktion auf die «Fast» – Katastrophe in der Kua -Krise, alles war für das Ziel genehm. Ich weiß nicht, ob der Kalte Krieg vorbei ist. Es wird allgemein behauptet, mir persönlich fehlt der Glaube.

Wie auch immer, auf beiden Seiten der Demarkationslinie wurde ein besonderer Typus Mensch gefördert. Gefordert ist die Eingliederung in ein bestimmtes akzeptiertes Denk – und Verhaltensspektrum. Zu heftiges Abweichen wird als bedrohlich wahrgenommen. Wachstum, Leistung, das Bedürfnis nach mehr, Luxus, Status, Strebsamkeit, Karrierestreben, Akzeptanz von Hierarchie, Autorität und Ordnung, im Zweifelsfall die schweigsame Unterordnung, die Vermeidung der Diskussion alt hergebrachter Traditionen, und die Aufgabe des Individuellen zugunsten höherer Prinzipien, ist erwünscht bzw. wird eingefordert. Jeder, der sich wagt, diese Dinge zu hinterfragen – ist neuerdings links.

Worte wie progressiv, avantgardistisch, Boheme, innovativ, gesellschaftskritisch, differenziert, Diversität, human, scheinen dem Sprachschatz entschwunden zu sein. Alles landet in einer universellen Ablagebox mit der Aufschrift: Links.

Zum Thema Kapitalismus führt Saul D. Alinsky in seinem Buch «Rules for Radicals» aus, daß die Rhetorik: «Jeder, der den Kapitalismus kritisiert, ist ein Kommunist!», ein Ergebnis der McCarthy Ära war. Heute erscheint es, als wenn die Rhetorik lautet: «Wer sich nicht den sich selbst als konservativ bezeichnenden Strömungen anschließt, ist links.» Ich betone, sie bezeichnen sich selbst, als solche. Einer allgemeinen Tendenz nach, beutet Konservatismus, altbewährtes erhalten, und erkannte Fehlentwicklungen behutsam verändert, werden.

Heute hat sich Prinz Charles zu Wort gemeldet. Ich finde, der geht unter konservativ glatt durch. Er gibt der Welt satte 18 Monate, in denen konsequent, innovativ und unter Umständen auch radikal, Maßnahmen beschlossen werden können, die die Ursachen für den Klimawandel beseitigen und darüber hinaus eine Rückführung in einen stabilen Zustand leisten. Ansonsten geht er von einer irreversiblen Entwicklung aus, bei der wir als Spezies den Kürzeren ziehen. Oha! Ist Prinz Charles, ein Royal, ein eher zurückhaltender Mann, plötzlich links geworden? Oder hat er einfach erkannt, dass Dinge, die bisher unter «Bewährt» liefen, tatsächlich Fehlentwicklungen waren, bei denen man wegen eines «Kalten Krieges» auf behutsame Veränderungen verzichtete. Mal abgesehen davon, dass er einen interessanten Frauengeschmack hat, ist der Mann kein Idiot und vor allem keiner, der sich ohne Berater öffentlich äußert.

Aber wie wollen wir mit Menschen eine längst überfällige, ehemals teilweise bereits eingeleitete, aber unter Führung von Ronald Reagan zu Gunsten seiner Politik der Stärke gegenüber der Sowjetunion, wieder gestoppten Entwicklung, die immer noch an den alten schädlichen Strategien festhalten, dies erreichen? Sie glauben immer noch an Wachstum, industrielle Lösungen, Kontrolle der Natur durch die Wissenschaft und damit durch den Menschen. Ausgerechnet Naturwissenschaftler werden in die Ecke eines religiösen Wahns einer Klima – Religion gestellt. Auf die Idee muss einer erst einmal kommen. Klimaaktivisten werden quasi zu den neuen Zeugen Jehovas abgestempelt. Mir fiel letztens wieder Erich Kästners «Die Konferenz der Tiere» ein. «Eltern, die nichts taugen, dürfen entmündigt werden.», lautete die Rechtfertigung für die Kindesentführung durch die Tiere. War Kästner ein Linker? Ich glaube kaum. Er war einer, der das Gute im Menschen fördern wollte und sich dem Primitiven entgegenstellte.

Die selbsternannten Konservativen, für mich einfach nur bockige Pubertierende in Anzügen, die am Schaltpult der Macht herumspielen, werfen ihren Kritikern «Apokalyptische Visionen» vor. Ja, für lange Zeit der Menschheitsgeschichte hatten sie Recht. Egal was passierte, es ging immer irgendwie weiter und Prognosen für die Zukunft waren eher Firlefanz und unseriös. Gut … an der einen oder anderen Stelle, hat dieses Denken sein Ende erreicht. Wir haben nach und nach einen technischen Stand erreicht, der geeignet ist, uns selbst aus der weiteren Geschichte des Planeten zu entfernen. Atomare Strahlung ist nicht gut – wir haben es ausprobiert. Zuviel CO2 bereitet wie einige andere chemische Verbindungen eklige und nachhaltige Probleme. Schon Paracelsus wusste: Die Dosierung macht das Gift.

Wir wissen, nach einigen Fehlversuchen: jeder Versuch in die Natur einzugreifen, fliegt uns konsequent um die Ohren. Wer es nicht glaubt, die Bauern in den USA fluchen gerade über genverändertes Getreide und damit in Verbindung stehende Unkrautvernichtungsmittel. Das Aufforsten der Wälder mit Monokulturen hat auch super geklappt. Eine tolle Idee war auch die Einführung fremder Spezies zur Bekämpfung von einheimischen «Schädlingen». Wir können es einfach nicht – basta! Ist diese Behauptung links?

Der Mensch hat einige spezielle Macken, die andere Spezies auf diesem Planeten nicht haben. Unser Großhirn hat sich immer weiter entwickelt und war eines Tages gelangweilt. Wir forschten und forschten, ob alles zu wissen und alles Mögliche auszuführen eine gute Idee ist, fragte sich bereits Goethe im Faust. Wir machten den Menschen zu einem seelenlosen Instrument, der zum Bauteil der Maschinen wurde, die er erfand, konstruierte und ursprünglich zur Produktion von Dingen nutzen wollte, die ihm das Leben angenehmer machen sollten. Dies hatte sich schnell erledigt. Geld sollte das Leben vereinfachen, es war für den Menschen gedacht. Es war einfach lästig einen 50 kg Sack mit Mehl zum Schmied zu schleppen, damit der einem im Austausch Schrauben für die neue Mühle produzierte. Heute haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Der Mensch lebt für das Geld. Es hat oftmals auch keinen gegenständlichen Gegenwert mehr, es ist zum Selbstzweck geworden. Und wenn es doch einen faßbaren Gegenwert hat, ist es zu 80 % sinnloses Zeug, welches nach kurzer Zeit unbrauchbar ist, damit neues Geld kursieren kann. Ist die Kritik daran links? Ist nicht vielmehr der Bodenständige, der sich eine Waschmaschine kauft, welche 20 Jahre hält, einer der sich an der Haltbarkeit und omnipotente Einsetzbarkeit einer Sache orientiert, der zum guten alten Handwerksmeister geht und sich dort seine Schuhe reparieren lässt, ein Konservativer? Oder sind doch die Krakeeler, welche nach Wachstum, Wachstum, Konsum, Konsum, Kaufen, Kaufen, Investitionen, Aktien, Rendite, Leistungsvermögen, schreien, die Konservativen?

Was ist mit den Menschen, die von ihrem Gewissen angetrieben werden? Das will keiner der Anzugträger, welche sich von einem künstlich beleuchteten, klimatisierten, beheizten Raum zum nächsten schleppen, hören. Deren Horizont beschränkt sich auf einen alten Schlager: «Eine Bootsfahrt, die ist lustig, die ist schön … Trallala!» Niemand von denen will mit vierzig Menschen, die eine lebensgefährliche Odyssee hinter sich haben, unter eher unangenehmen hygienischen und sanitären Bedingungen, auf einem Schiff zubringen. Die wollen sich nicht mit den Horrorgeschichten dieser Menschen auseinandersetzen, keine toten Säuglinge in einer Kühltruhe aufbewahren, eitrige Wunden oder offene Brüche versorgen. Ich schaue mir einen Schönling wie Christian Lindner an, wie er mit Dreitagebart und wohlfeilen Worten die panischen Passagiere beruhigt.

Oder wie würde sich ein Jahrgangsbester der Verwaltungs – und Wirtschaftsakademie, Horst Seehofer, das ehemalige Arbeiterkind aus Bayern, auf einem Rettungsschiff machen? Vermutlich nicht gut, da er offensichtlich bewusst nicht ins Handwerk ging, sondern ins Beamtentum. Das sind nur zwei Exemplare an Bürodrehstuhlkapitänen, die mir spontan einfallen. Nein, auf so einem Boot zu sein ist kein Vergnügen, wer das auf sich nimmt, muss bis in die letzte Faser von Überzeugung und Gewissen beseelt sein. Der Wille zur Umsetzung von Gerechtigkeit, das Mitfühlen von Leid, den Trieb innezuhaben, etwas dagegen zu tun, ist ein eher konservatives Bestreben. Sich parfümiert in die Ecke zu setzen und heiße Luft von sich zu geben, während andere harte Arbeit am Menschen leisten, nannte sich mal geckenhafter Parvenü. Und wer einen Menschen, der sich für diese Aufgabe aufopfert, sogar bereit ist, dafür in den Knast zu gehen, einen Schlepper nennt, ist schlicht und einfach, frei nach Klaus Kinski: «Eine dumme Sau!» Da ist im Verhältnis zur deutschen Scheinelite der Absolvent einer Jesuiten Schule, Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo eine ganz andere Hausnummer. Der stand sofort auf der anderen Seite. Ein Jesuiten Zögling als Linker? Schwer vorstellbar. Da fällt mir sofort Heiner Geißler ein. Gleichfalls von Jesuiten ausgebildet, Konservativer und von den Selbsternannten als Linker geschmäht.

Nein, es geht nicht um links, rechts, Kapitalismus, konservativ, Sozialist, liberal …, sondern um eine innere Haltung, Denkvermögen, vielleicht manchmal auch um eine spirituelle Position, die Bereitschaft umzudenken und ausgefahrene Irrwege zu verlassen, den Mut zu haben, unliebsame Dinge zu sagen. Doch seien wir mal ehrlich. Was würde mit einem deutschen Politiker, der freie Bürger, auf unbegrenzten Autobahnen, sorgsam von Vater Staat betreut, bis zur Pflege der Osteoporose und Rheuma auf Mallorca, einem Ende mit Eichensarg und Kapelle vor Augen, vertritt, passieren? Was hat der gesagt? Das ist ein Linker … Nein, so einen wollen wir hier nicht.

Und was sagte Herr Kinski zu diesem Thema? «Leck mich am Arsch, Mensch!» Nein … das ist nicht konservativ.

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