November 1989 …

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Im November 1989 begann die Wiedervereinigung. Jeder, der diese Zeit bei der Polizei und Feuerwehr erlebte hat seine eigenen Geschichten erlebt. Ich finde, sie alle sind es wert festgehalten zu werden. Es war eben nicht dieser eine Tag, der 9.11.1989 an dem sich alles schlagartig alles änderte, sondern es folgte eine wilde Zeit.

Der Tag an sich war ein historisches Einzelereignis, bei dem in der nachträglichen Betrachtung einige Dinge gern übersehen werden, die in Zukunft wieder Bedeutung bekommen könnten.

Ich bewundere die Offiziere der Grenztruppen, die die Schlagbäume öffneten und keinen Schießbefehl gaben. Ein einzelner Schuss und es hätte eine Katastrophe gegeben. Eine auflaufende Menschenmenge läßt sich nicht einfach mal stoppen. Viele der heutigen Demonstranten für eine Grenzschliessung übersehen dies. Eigentlich muss man sagen: Wer diese Nacht erlebt hat, sollte die Ereignisse 2015 auch mal unter diesem Gesichtspunkt betrachten.

Schaue ich auf damals zurück, fehlt mir persönlich der chronologische Ablauf der Geschehnisse.

Eins weiß ich noch: Es gab einen Plan … der gründlich in die Hose ging. Die Polizei West und Ost sollte nach und nach, geordnet und strukturiert zusammengeführt werden. Dazu muss Jüngeren die Ausgangslage erklärt werden.

Zu Mauerzeiten hatte die West – Berliner/Berlin – West (siehe weiter unten) Polizei einen sogenannten Kombattantenstatus. Das bedeutet, die Polizisten durften im Kriegsfall legal abgeknallt werden, hätten aber im Falle einer Gefangennahme die Genfer Rechte in Anspruch nehmen können.

Es tobte der Kalte Krieg und das geteilte Berlin galt als Frontstadt. Gemäß der allierten Bestimmungen wurden Polizisten im Westteil der Stadt noch am MG , zeitweilig an Granaten und Sturmgewehren ausgebildet. Es gab zu dieser Zeit abstruse Pläne. Auf ein geheimes Stichwort hin, hätten sich alle Polizisten bei der nächsten Dienststelle melden müssen und wären dort in Kampfeinheiten aufgeteilt worden, um zusammen mit den alliierten Streitkräften die herranstürmende Rote Armee aufzuhalten. Die wären im Ernstfall vermutlich einfach um Berlin herum gelaufen, aber der Kalte Krieg hatte selten etwas mit Vernunft zu tun.
Zu dieser Zeit wurde auf kleinste Dinge geachtet. Keiner hätte BRD geschrieben. BRD war die Bezeichnung seitens der „DDR“ (man beachte die Anführungsstriche ;-)), offiziell schrieb man BR Deutschland. Gleichfalls verhielt es sich mit Berlin – West oder West – Berlin. Auch aus diesem Grunde kann ich 2018 nur mit dem Kopf schütteln, wenn es heute heißt, die Sprache wäre vollkommen unwichtig. Manch einer meiner Generation sprach noch konsequent von der SBZ (Sowjetisch besetzte Zone).

Jedenfalls waren Polizisten beidseitig durchaus bereit, aufeinander zu Schießen und es kam auch vor.

Nämlich dann, wenn die Grenzposten drüben Flüchtlingen hinterher schossen. Vor der Mauer gab es auf der Weststeite das sogenannte Unterbaugebiet. Dieses gehörte noch zum Staatsgebiet der DDR. Lag dort ein verblutender Flüchtling, konnte ihm schwer geholfen werden. Schaffte er es heraus und die Kerle schossen weiter, wurde zurück geschossen. Die Situation war immer etwas unübersichtlich.

Befuhr man als Polizsit die Transitstrecke, gab es immer ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Die „Drüben“ wussten sehr wohl von jedem den Beruf und sogar den Dienstgrad. Vorkommnisse, wie zum Beispiel ein Ansprechversuch seitens der Staatssicherheit oder besondere Kontrollen mussten der Dienststelle gemeldet werden. Freunde sehen anders aus, es war eher eine echte tiefgreifende Feindschaft. Die hatte auch etwas mit dem Berufsethos zu tun.

Die „Drüben“ schützten eine Diktatur, während auf der anderen Seite die Freiheit und die Demokratie geschützt werden sollte.

An einem der Tage nach dem „Mauerfall“ traute ich meinen Augen nicht. In der Perlebergerstr., dem Dienstgebäude der Direktion 3, vor dem „Mauerfall“ noch Direktion City genannt, standen auf dem Flur des Geschäftszimmers ca. 80 Frauen und Männer herum. Normalerweise stand dort in den frühen Morgenstunden niemals jemand. Es muss kurz vor der Wiedervereinigung gewesen sein. Die da standen, war die komplette Kriminalpolizei des Ostteils. Ermittler, Sekretärinnen, Schrankenwärter, Dienststellenleiter, Spurensicherer … ein bunter Haufen. „Kollektiv“ hatten sie beschlossen „herüberzumachen“, denn keiner war sich sicher, wo die Reise hin geht. Mein damaliger Kommissariartsleiter, der schon in den Tagen zuvor Pläne für eine Zeit nach der Vereinigung ausarbeitete, bekam den Auftrag, die Lage zu lösen. Er lief durch die Meute und teilte jedem eine Nummer zu, die einem Kommissariat entsprach.

Kurz darauf saßen wir uns in den Räumen gegenüber. Gestern noch Feinde … heute irgendetwas. Dabei galt es herauszufinden, wer denn nun eigentlich was war. Außerdem war an den Folgetagen immer einer wemiger da. Es hieß dann immer: „Drei Buchstaben!“. Gemeint war das MfS (Ministerium für die Staatssicherheit). In der ersten Welle, waren dies aber nur die ganz groben Fälle. Das Feintuning sollte Jahre dauern. Ich erinnere mich persönlich an einen Feuerwehreinsatz in Berlin – Mitte. Dort hatte die Feuerwehr bei einem Brand eine Wohnung öffnen müssen. In der Wohnung lagen überall gestohlene Mercedes Sterne herum. Das war Routine. Weniger gewöhnlich waren einige Unterlagen, die offen herum lagen. Es handelte sich um Einsatzberichte eines inoffiziellen Mitarbeiters, die von einem Offizier unterzeichnet waren, den wir noch nicht auf der Rechnung hatten und deshalb noch im Nachbarkommissariat arbeitete. An anderen Tagen verweigerte ein Festgenommener die Aussage, solange die „Schreibkraft“ noch im Raum wäre – drei Buchstaben.

Nicht weniger spannend war die Arbeit im „Wilden Osten“, wie wir das neue bzw. alte Stadtgebiet nannten. Dabei wurde mir erstmalig das gesamte Ausmaß des Verfalls im Osten bewusst. Viele Wohnungen waren Hals – über Kopf von den Bewohnern aufgegeben worden. Dort zogen nun seltsame Gestalten ein. Undichte Gasleitungen brachten uns in Panik. In manchen Wohnungen fehlten Teile des Fussbodens, so dass man im Dunkeln aufpassen musste, nicht abzustürzen. Zeitweilig war auch die Kommunikation nicht gewährleistet. Notgedrungen führten wir zwei Funkgeräte mit und versuchten den Ost – und den Westfunk zu verfolgen. Als Zivilkräfte patroullierten wir mit heruntergelassenen Scheiben und lauschten auf die Sirenen der Feuerwehr. Rauschte eine an uns vorbei, hefteten wir uns an die Stoßstange. War es ein Brand oder eine Leiche, blieben wir, gab es nichts zu tun, streiften wir weiter herum.

Plötzlich herrschte überall Materialknappheit. Bei Papiermangel schrieben wir auf DIN A4 Umschlägen. Zeitweilig gingen uns die Farbbänder aus, ein anderes Mal fehlte es an Durchschlagspapier. Um die Not zu überwinden, wurde der Fahrzeugpark durchmischt. Prompt durfte ich lernen, wie ein Barkas 1000 funktioniert. Das Ding brachte mich beinahe um. Ich machte den Fehler auf dem Kaiserdamm bei einer Sonderrechtsfahrt die Bremse zu treten. Der Versatz waren zwei komplette Fahrspuren. Ich denke dabei auch an die Kollegen, die einen Wartburg zum regulären TÜV brachten und die Karre gnadenlos durchfiel.

Legendär war auch die Einsatzfahrt mit einem Wartburg quer durch die Stadt von der Perlebergerstr. nach Lankwitz. Dort sammelten wir wichtige Beweismittel ein. Auf der Rückfahrt stellte sich Höhe des Rathaus Schöneberg ein aufbgebrachter Kollege quer. „Ihr Irren! Die halbe Stadt versucht Euch einzufangen, weil angeblich drei durchgeknallte Ossis durch Berlin rasen.“ Wir hatten übersehen, dass unser Wartburg noch Ost – Berliner Kennzeichen hatte und schwerlich als Polizeiwagen zu identifizieren war.

Manche „Kriminalfälle“ brachten einen zum Staunen. Da war zum Beispiel dieser Büroeinbruch. Der Staatszirkus der DDR war in einem Gebäude der GeStaPo oder einer ähnlichen Truppe aus dem III. Reich untergebracht. Jedenfalls gab es in jeder Etage uralte massive Wandtresore, in denen noch die Schlüssel steckten. Die Staatssicherheit hatte jedoch die Nutzung untersagt. Deshalb bewahrten die Angestellten das Geld in einem Blechschrank auf, der von den Einbrechern mit Leichtigkeit geknackt wurde. Verrückt!

Delikte, die keiner mehr kannte, standen wieder auf der Tagesordnung. Kohlendiebstahl beim Nachbarn, zigfacher Stromdiebstahl und Riegelzieher hatten wieder Hochkonjunktur. Die Türsicherungen im Westen hatten diese Sparte quasi aussterben lassen. Kaum hatten die Junkies aus dem Westen gepeilt, wie einfach es war im Osten einzubrechen, brach dort die Hölle aus.

Manch einer tat mir auch leid. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der in einen Kiosk einbrach, weil er schlicht Hunger hatte und nicht begriff, wie das neue System funktionierte. Überhaupt waren einige aus der unbekannten Kundschaft seltsam. Damals war es zum Beispiel äußerst unüblich sich das Gesicht tätowieren zu lassen. Einer hatte es mir dann mal erklärt. In der DDR galt man damit als asoziales Element, dem man bevorzugt die Ausreise bewilligte. Bitter, wenn die Aktion Anfang 1989 statt fand.

Auch die Kollegen untereinander taten sich anfangs schwer mit der  aufgezwungenen Freundschaft. Mehrfach kam es zu Schlägereien untereinander, bei denen auch mit dem Schlagstock und dem Tränengas nicht gespart wurde. Einmal soll der Anlass die Bezeichnung POW gewesen sein. Der so Bezeichnete fragte nach, was die Abkürzung bedeuten würde. Die Antwort: „Such Dir was aus. Entweder Prisoner of War oder Privat Ossi Worker.“

Wie immer, wenn eine Dikatur zusammenbricht, gibt es ein Problem: Was machen wir mit denen, die einst den Staat stützten? Es ist nicht möglich, schlagartig ausreichend Personal zu bekommen.

Also greift man auf die Alten zurück. Manche gingen, viele blieben oder wenn sie aus Berlin verschwanden, tauchten sie in Brandenburg wieder auf. Schwierig! Ich selbst legte mir die Philosophie zu, dass ein ehemaliger Volkspolizist letztlich auch nur seine Arbeit machte. Probleme hatte und habe ich mit den höheren Diensträngen. Ein Major der Volkspolizei muss sich besonders mit dem System DDR arrangiert haben und hat in der neuen Polizei nichts zu suchen. – meine Meinung! Doch viele von denen blieben dabei. Schlimmer noch: Sie stiegen wieder auf. Mir sagte mal einer im Vertrauen:

Eins ist doch klar. Wäre die Mauer in die andere Richtung gefallen, würdest Du jetzt in Bautzen den Hof fegen. Wir hätten Euch alle aussortiert.

Zitat Major (Ang.) R., 1992

Ich hatte auch meine Probleme mit den Grauzonen. Da gab es zum Beispiel einen, der im Umfeld von Jugendclubs polizeiliche Informanten führte. Angeblich ging es immer nur um Straftaten, die auch im Westen geahndet worden wären. Ich kann das nicht glauben. Ein seltsamer Geschmack bleibt. Mir wurden auch einige bekannt, deren Personalakten von Leuten gesäubert wurden, die schon einige Monate vor dem Mauerfall den Braten rochen. Aus einigen NVA Soldaten wurden plötzlich Polizisten und der eine oder andere Vermerk verschwand aus der Akte.

Dan waren da noch die ganz merkwürdigen Kollegen. Sie verfügten über Kenntnisse und Nahkampfausbildungen, die nicht im Entferntesten etwas mit Polizei zu tun hatten. Sie waren ehemalige Mitglieder von Spezialeinheiten der NVA – zumeist 1500 % Überzeugte – die zur Belohnung nach dieser Zeit dort, bei der Polizei übernommen wurden. Ohne passende Ausbildung … versteht sich.

Bisweilen wurden aber auch Talente übersehen. Einige Zeit fuhr ich mit einem Ost – Kollegen, der sich im Besonderen auf die Spurensicherung verstand. Kein Wunder … der Mann war der Spezialist der Spezialisten und konnte den „Alten“ noch einiges zeigen. Zum Beispiel war die DDR damals bei der Sicherung von Schuhabdruckspuren weiter, wie der Westen.

Mein persönliches unvergessliches Highlight dieser wirren Jahre war die Feier zur Wiedervereinigung. Der Polizeiführer plante der Weeltpresse ein besonders friedliches Bild abzuliefern. Deshalb sollten wir in Zivil die Wiese vor dem Reichstag und die dort anwesenden Kamerateams aus aller Welt schützen. Bereits in den Nachmittagsstunden waren wir hoffnungslos verloren. Unserer zivilen lockeren Polizeikette standen hunderttausende Menschen gegenüber. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit, rannten wir ohne ein Kommando bekommen zu haben, um unser Leben. Wir kamen erst an der Freitreppe wieder zum Stehen und formierten dort zusammen mit der Volkspolizei und eigenen uniformierten Einsatzkräften eine aus drei Reihen bestehende Kette, an die die Menschenmasse anbrandete. In diesem Augenblick hätte alles passieren können.

Später hatte Bundeskanzler Kohl die irrsinnige Eingabe, den Menschen vor dem Rednerpult die Hand zu reichen. In Folge dieser Aktion wurden mehrere Menschen fast zu Tode getreten. Nur das beherzte Eingreifen des dort stehenden SEK Berlin verhinderte das Schlimmste.

Fazit 2018 …

Die Polizei änderte sich. Die ich 1987 einst kennenlernte, veränderte sich auch unter dem Einfluss der Wiedervereinigung. In keiner anderen Deutschen Stadt hatten die Ereignisse der Anfangsjahre vergleichbare Auswirkungen auf die Polizei, wie in Berlin. Ausschließlich in Berlin trafen innerhalb weniger Stunden die Vertreter zwei unterschiedlicher Staatssysteme von einer Minute auf die andere zusammen und managten mit großer Improvisationsgabe eine chaotische Lage, die extrem gefährlich war.

Danach kam die Phase des Zusammenwachsens von zwei Systemen, die eigentlich nicht zusammenwachsen können. Allein schon, wenn man beispielsweise berücksichtigt, dass herausragende Mordfälle in der DDR verschwiegen wurden und spezielle Ermittler der Staatsicherheit die Aufklärung übernahmen. Weiterhin an allen Ecken und Enden Verbindungen zwischen MfS und Polizei bestanden, die in dieser Form im Westen undenkbar waren. Mir fiel bis 1989 jedenfalls kein Büro des Beauftragten für das LfV am Ende des Flures auf. Es gab bei uns auch keinen Briefkasten, in dem man Hinweise hinterlassen konnte.

Meiner sehr persönlichen Bewertung nach, waren wir im Westen naiv. Wir dachten, dass ausschließlich wir bestimmen würden, wie sich alles entwickeln würde. Meiner Auffassung nach, ist diese Annahme unlogisch. Selbstverständlich hat auch der Osten seine innerdienstlichen Gepflogenheiten eingebracht und mit Einfluss genommen. Anfangs wies ich auf die Lage an der Grenze 1989 hin. Ein ehemaliger Kollege der Volkspolizei sagte mal zu mir:

Niemand wurde dazu gezwungen aus der DDR zu flüchten. Die Flucht war ein unverantwortlicher Akt, vor allem, wenn noch eine Familie dabei war. Jedem waren die Konsequenzen bekannt.

An seine Worte muss ich immer denken, wenn ich die Sprüche von PEGIDA Demonstranten und auch manch einem ehemaligen Kollegen höre. Sie klingen sehr ähnlich. Niemand wird gezwungen in ein Boot zu steigen und jedem sollte klar sein, worauf er sich einläßt … im Zweifel ist die Flucht tödlich. Niemand aus dem alten Westen, wäre auf die Idee gekommen, bezüglich der Mauertoten einen Gedanken in dieser Richtung zu hegen. Für uns lag der Fehler beim schießenden GrePo (Grenzposten) und nicht beim Flüchtling, der sein gutes Recht wahrnehmen wollte. Das Denken der DDR Gesellschaft hat uns eingeholt. Womit ich nicht sage, dass nur ehemalige DDR Bürger dieses Denken inne haben, sondern es hat sich wie ein Virus in der kompletten Gesellschaft verbreitet.

Es ist auch nicht der Fall, dass die Volkspolizei der DDR Teil der Bürgerbewegung war, die angeblich die DDR zu Fall gebracht hat. Im Gegenteil, sie war die letzte Bastion des Regimes. Diese Bürgerbewegung hätte gar nichts ausgerichtet, wenn die damalige Sowjetunion nicht grünes Licht gegeben hätte. Es wäre auf einen zweiten 17. Juni hinausgelaufen. Genausowenig stand die gesamte Bevölkerung der DDR auf der Straße. Hundertausende von 16,4 Millionen! sind nicht alle. Die SED hatte ab 1961 alles dran gesetzt, um die Kultur, das Denken in der Bevölkerung bis tief in die Familien hinein zu verändern. Man muss schon sehr seltsam unetrwegs sein, um dieses zu ignorieren. Natürlich haben diese fast dreissig Jahre Spuren hinterlassen.

Gleichermaßen hat sich die Berliner Polizei bis heute nicht von den finanziellen und materiellen Verlusten dieser Zeit erholt. An manchen Stellen wurde es auch in der Gestaltung der Stellen ein wenig holperig. Anfangs sagte man beispielsweise, keiner der alten Führungskräfte wird jemals eine Führungsaufgabe in der neuen Polizei bekommen. Ein reines Lippenbekenntnis. Revanchismus? Mag sein … Ich fand es die falsche Botschaft. Beamte sind nun einmal die tragende Säule des Staats. Wer sich bis 1989  innerhalb der DDR bereits auf einen führenden Dienstgrad hochgedient hatte, bewies seine Systemtreue. Ich habe mich auch nicht mit den Ausbildungsinhalten der Volkspolizei in den unteren Dienstgraden beschäftigt. Persönlich habe ich jedoch Abgründe kennengelernt. Wenn ich heute die Kritik an den neuen Polizeischülern lese, kann ich nur sagen: Dann hättet ihr mal damals einige der neuen Kollegen aus dem Osten erleben sollen. Es soll auch vorgekommen sein, dass Leute, die zuvor lediglich die Steinplatten am Alex mit den Schuhsohlen putzten, plötzlich zum Ermittler avancierten.

Fairerweise muss ich einräumen, dass wir eine Bundeskanzlerin haben, die ebenfalls eine Führungsposition in der DDR einnahm. Für mich immer das Gegenargument, wenn Leute über die SED Vergangenheit der LINKEN meckern. Die Blockflöten von der DDR CDU einfach zu übernehmen, war jetzt auch nicht gerade der geschickteste Schachzug in Sachen Demokratie. Aber immerhin hat die Frau die Sache mit den Grenzen nicht vergessen – das ehrt sie.

Keiner der Haushalte nach 1989 war ansatzweise ausreichend, um die gigantische Aufgabe des Aufbaus einer neuen Hauptstadtpolizei zu stemmen. Es wurde jedes Mal nur Flickschusterei betrieben. Ich bleibe auch bei meiner Kritik an einem Typen wie Thilo Sarazzin, der maßgeblich am finanziellen Untergang beteiligt war und heute den Mund aufreisst. Vielleicht hätte er sich damals ein wenig mehr mit den finanziellen Problemen der Innensicherheit beschäftigen sollen, anstatt Eigenstudium in der Rassenlehre zu betreiben. Die Polizei im Westen hatte schon ihre Probleme aus den Vorjahren und dann kam auch noch die Wiedervereinigung. Mit Ruhm hat sich in den Jahren weder die CDU unter Diepgen, noch die SPD unter Wowereit bekleckert. Die Polizei war für beide ein lästiger Wurmfortsatz und beide mochten den Öffentlichen Dienst nicht sonderlich gut leiden. Polizei waren immer diese lästigen Forderer, die den schönen Haushalt durcheinander brachten.

Hätten wir in den Neunzigern Fotos unserer Räume veröffentlicht, wäre das Geschrei groß gewesen und es hätte ein Disziplinarverfahren nach dem anderen gegeben. Ich erinnere daran, dass Berliner Polizeigebäude von Hollywood bei Agentenfilmen mehrfach als Kulisse herhielten, wenn alte Ostblockgebäude aus den Sechzigern/Siebzigern dargestellt werden sollten. Das Gute an einer Bürokratie ist die lückenlose Erfassung. Es gibt heute noch Stühle bei der Polizei, die einen Erfassungsstempel aus den Fünfzigern haben! Ich will auch nicht wissen, aus welchen Jahren diverse Blechschreibtische stammen.

GDie Ausbildungsjahrgänge, welche 1989 ihr erstes Dienstjahr draußen versahen, begannen unwissentlich 1987 in den letzten Jahren des Kalten Kriegs ihre Ausbildung unter Alliertenstatus. Erstaunlicherweise stellen sie heute noch die Mehrheit der Beschäftigten. Es sind aber auch die Jahrgänge, von denen in der Presse berichtet wird, dass sie nach und nach in die Knie gehen. Das mag auch daran liegen, welche Leistungen im Zusammenhang mit dem Aufbau erbracht  und welche Entbehrungen in Kauf genommen wurden. Diese Jahrgänge, sind vermutlich die letzten, denen ständig erklärt wurde: Sie müssen für den Aufbau Opfer bringen. Da will ich gar nicht dran denken, dass wir mal mit Urlaubsgeld , 13ten Monatsgehalt und Berlinzulage eingestellt wurden. Wir lernten auch noch das fiskalische Jahr kennen und butterten eigenes Geld ins Inventar. Wir organisierten ausrangierte Büromöbel bei Banken, kauften auf eigene Kosten Kopfhörer, Taschenlampen, PC’s, Drucker, Büromaterial usw., weil es galt den Aufbau zu organisieren.

Ich werde mir keines der Bücher eines Sarazzin oder vielleicht demnächst mal von Wowereit kaufen. Ich verspüre wenig Lust, denen nachträglich nochmals Geld in den Rachen zu werfen. Wir wurden zu Zeitzeugen wichtiger historischer Ereignisse. Auch wenn der Vergleich bösartig ist, mache ich ihn. Nach 1945 stand Deutschland vor ähnlichen Problemen. Das Dritte Reich war tatsächlich nicht nur der Holocaust und der II. Weltkrieg. Das III. Reich war auch ein Beamtenapparat in einem gleichgeschalteten System. Nach 1945 konnte nicht alles aussortiert werden, man musste auf altgedientes Personal zurückgreifen. 1989 sah das nicht anders aus … für mich war das eine lehrreiche Geschichtsstunde zum Verständnis der Geschehnisse nach 1945. 2018 werden mir immer mehr die Auswirkungen dessen bewusst. 23 Jahre nach 1945 erlebte die Bundesrepublik die Bewegung der 68er. Ich vertrete die Meinung, dass man geschichtlich schon etwas unterbelichtet sein muss, wenn man diese 68er Ereignisse nicht entsprechend in einen Kontext setzt. Frau Bär und Herr Dobrindt haben da Einiges nicht verstanden. 1989 ist nunmehr 29 Jahre her. Es ist an der Zeit, dass sich die Jugend mit den Überbleibseln der DDR in der Gesellschaft auseinandersetzt. Ich glaube nicht daran, dass alles zur Zeit einem Rechtsruck geschuldet ist – vieles hat auch mit der DDR und den Folgen zu tun, die nicht aufgearbeitet wurden.

So lange ich in einem normalen Café noch patziert werde, mich eine Verkäuferin fragt: „Was möchte er denn bitte?“; oder Eingaben auf dem Revier gemacht werden; manch einer sich im Kollektiv gut aufgenommen fühlt; durchs Gebiet macht … wird bei mir die Erinnerung nicht verblassen und die Veränderungen nicht unsichtbar bleiben.

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