Gedanken über das Reisen

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Reisen veredelt den Geist und räumt mit unseren Vorurteilen auf.

Oscar Wilde 

Reisen … in unserer Zeit ein banales Wort. Die meisten Deutschen des Mittelstands fahren einmal im Jahr in den Urlaub. Sie nennen dies in der Regel: Verreisen! Ich stolperte darüber zum ersten Mal, als meine Lebensgefährtin mich darauf hinwies, dass sie dabei durchaus einen Unterschied machen würde. Ein Urlaub ist keine Reise und anders herum gilt dies ebenso.

OK! Urlaub ist in erster Linie das Verbringen freier Tage bei einer festen Anstellung. Diese Tage kann man im eigenen Garten verbringen oder einige Tage ausspannen. Das wäre dann noch keine Reise. Was ist aber, wenn ich meine freien Tage in einem fernen Land verbringe? Finden dann nicht die beiden Begriffe zusammen? Der eine wird den Zeitvertreib an einem sonnigen Strand verbringen, der nächste schnaufend und ächzend aktiv einen Berg besteigen, andere werden sich die Kultur ferner Städte ansehen. Allgemein wird dann von einer Städtereise gesprochen.

Wie war das einst mit dem Reisen? Erst machten sich Entdecker, wie Marco Polo und James Cook auf den Weg. Sie sind nicht ohne Grund die Namensgeber von Reiseagenturen. Merkwürdigerweise gibt es keine Heine, Goethe, Storm, Humboldt oder Storm Agenturen. Obwohl sie reisten und davon berichteten. Reisen war eine langwierige, kostspielige und strapaziöse Angelegenheit. Vor allem gab es noch keine Aufforderungen zum Slow -Travel, denn es gab dieses schnelle Reisen noch gar nicht.

Bei den Vorbereitungen zur meiner eigenen anstehenden Reise wurde mir bewusst, wie sehr sich selbst in meiner bisherigen Lebenszeit alles verändert hat. Noch vor dreissig Jahren stieg ich in meinen alten Golf und fuhr fünf Wochen durch Südfrankreich und war dann mal eine Weile von der Bildfläche verschwunden. Kein Internet, kein Messengerdienst, keine Emails oder ein Mobiltelefon verband mich mit denen in der Heimat. Heute? Melde Dich mal! Sag mal Bescheid, wo Du gelandet bist und ob es Dir gut geht.


Das ist keine Wertung, sondern zunächst einfach eine Feststellung. Urlaub? In der Regel findet der in einer Club – Anlage, festen Hotel oder wenigstens in einem festen Gebiet statt. Bereisen – ist dann tatsächlich noch mal etwas anderes. Die alten Risiken sind minimierbar. Damals war ich mit Traveller – Schecks unterwegs. Nicht gerade die optimale Lösung, wenn man sich verkalkuliert hat und sonntags kein Bargeld hat. Jetzt ziehe ich eine der vorbereiteten Karten. Wenn ich nicht gerade in der Mongolei vor einem Nomaden stehe, der weder mit Plastikgeld, noch mit der falschen Währung etwas anfangen kann. Auch das Risiko von Wegelagerern ausgeplündert zu werden, hat sich verringert. Und wenn, dann lassen sich die Schäden begrenzen. Ich lasse mich überraschen, aber ich glaube erst einmal, dass die wilden Abenteuer vorbei sind. Da kommen bei mir üble Erinnerungen an das Hafenviertel in Marseille hoch, oder einige Episoden Lyon, auf die ich nachträglich immer noch verzichten kann. Das mag aber auch an meinem Alter liegen. Es gibt da ein paar Sachen, die ich mir nicht mehr geben muss. In diversen Reiseführern las ich von «Tubing» und ermittelte aus dem Zusammenhang, dass es etwas mit dem guten alten Chilling zu tun haben müsse. Tatsächlich ist das Treiben im Fluss mit einem LKW Reifen gemeint. Chillen und was dazu gehört – ergibt sich aus der Partymeile, wo es angeboten wird. Ich werde alt. OK – Saufen bis zum Absturz und das Einwerfen aller nur erdenklichen Substanzen ist bei mir vorbei.
Reisen ist eine Horizonterweiterung ganz eigener Natur.

Deshalb habe ich mich auch für Asien entschieden. Europa brächte mich an Orte mit Menschen, deren Kultur und Denken, meiner zumindest sehr ähnlich ist. Asien verspricht von Anfang an Überraschungen auf allen Ebenen. Und genau das will ich. Vieles in unseren Gefilden wird mehr oder weniger berechenbar. Wie die Menschen miteinander agieren, die Persönlichkeitsstrukturen passen meistens in die in mir vorhandenen knappen 500 Stereotype, die organisierte Langeweile und das Bestreben konservatives Denken zu favorisieren, ist überall im Vormarsch.


Letztens sah ich mir mal wieder den Film «B – Movie» an. Da wurde mir das wieder sehr deutlich bewusst. 1980 – 1989, das war meine Jugend in West – Berlin. Blixa Bargeld, Soilent Green – später besser bekannt unter dem Namen «die Ärzte», David Bowie, Ton Steine Scherben, Frank Zappa, der Punk, Diskotheken wie der Jungel, Ballhaus Tiergarten, Ballhaus Spandau, das Sound und viele kleine weniger berühmte Läden, prägten uns. Berlin war damals etwas Besonderes. Im Film wird festgestellt, dass die Szene schon vor dem Mauerfall kippte. Ich hatte dies selbst noch nie so gesehen, aber der Regisseur liegt vollkommen richtig. Es ging in Drogen und Sinnlosigkeit über, der Gnadenstoß erfolgte mit dem Fall der Mauer. Heute regen sich die Spießer bereits über ein paar Texte einiger Bands bei einem Benefiz Konzert auf. Sie stimmen ein lautes Gezeter an, wenn sich einige Aktivisten in Bäumen verschanzen. Da wird von neuen Qualitäten gesprochen und niemals da gewesener Gewaltbereitschaft. Ich befürchte, sie werden es nie lernen. Sie haben es in Brockdorf und in Gorleben, nicht in Bonn und auch nicht im SO36 verstanden.

Ebenso langweilig finde ich die ständigen Vergleiche zwischen Links und Rechts. Das hatten wir alles schon und die Argumente werden nicht besser. Nein, das ist nichts mehr für mich. Dazu ist alles gesagt. Die Rechten und die Konservativen befinden sich auf dem Holzweg, ebenso wie die tendenziöse Presse, die es stets auf ein Neues versucht. Wie gesagt: Ich persönlich bin dessen müde.


Bei der Planung und Gesprächen zum bevorstehenden Asien – Trip zeigte sich in Gesprächen einiges zwischen den Zeilen. Wie kann einer auf die Idee kommen, ohne Guide oder wenigstens einem Reiseveranstalter im Hintergrund auf eigene Faust durch Thailand, Laos und Vietnam zu reisen? Ist denn das nicht viel zu gefährlich? Bist Du geimpft? Hast Du keine Angst bei dem Essen dort? Ehrlich gesagt, habe ich mehr Sorge von ein paar besoffenen Glatzen am Bahnhof – Lichtenberg auf die Kauleiste zu bekommen, als dass mich eine Straßenbande in Laos überfällt. Gleichermaßen habe ich mehr Angst, in einer Berliner Ranzkneipe in eine Schlägerei verwickelt zu werden, als in einem Hostel zwischen die Fronten zu geraten. Risiken gibt es überall. Was da um die Ecke linst, ist die typische Deutsche Haltung: Hier ist bzw. war alles wunderschön, geregelt, sauber und hat seine Ordnung. Für meine neue Meldeanschrift in Niedersachsen auf dem Land mag das zutreffen, meine Stadt habe ich anders kennengelernt und zwar von Geburt an.Reisen!

Reisen überschreitet Grenzen. Bunte Linien auf dem Papier, die oftmals nichts mit den kulturellen Gebieten zu tun haben, sondern mit politischen Entscheidungen. Anders Essen, Trinken, Schlafen, sich Fortbewegen, lässt einen sich selbst Fragen stellen. Wie oft sagen wir uns: Das ist doch normal! Jeder macht das so! Ich weiß, dass dies nicht der Fall ist und stelle mich gern erneut auf die Probe. Menschen haben Überschneidungen im Verhalten, schlicht weil sie Menschen sind. Dann gibt es noch die Eigenheiten, die sich aus den unterschiedlichsten Gegebenheiten ergeben haben. Geschichte, Religionen, Philosophien, topografische Bedingungen bringen andere Seiten zum Vorschein, die in jedem von uns vorhanden sind, nur sich nicht zeigen. Zwischen der asiatischen Philosophie und der europäischen verläuft eine Trennlinie. Während unser Denken von den alten Griechen bestimmt ist, hatten die Asiaten Buddha und Konfuzius. Wir fragen und forschen nach dem Warum und denen ist das ziemlich egal. Am ehesten wird dies an einer Aussage von Buddha gegenüber seinen Schülern deutlich. Frei wieder gegeben, fragte er seine Schüler, wie sich ein Arzt bei einem Mann verhalten solle, der von einem vergifteten Pfeil getroffen wurde. Er machte an diesem Beispiel deutlich, dass es wenig Sinn macht, wenn der Arzt vor einer lebensrettenden Behandlung erforscht, wer den Pfeil, mit welchen Bogen und Material abgeschossen hat, sondern sich erstmal um den Patienten kümmern sollte. Beide Philosophien haben ihre Berechtigung, aber es ist uns kaum möglich nicht nach dem Ursprung zu forschen.

Im Regelfall leben wir in einer Welt voller Selbstverständlichkeiten. Zum Beispiel haben wir Wohnungen, bei denen wir Wert auf die Inneneinrichtung legen. Wir halten Häuser mit Zäunen und Gärten für erstrebenswert. Ankommen und Sesshaftigkeit stellt kaum jemand in Frage. Der durchschnittliche Deutsche zahlt seine Rechnung alleine und verlangt vom Ober eine getrennte Rechnung. Unser Essen kaufen wir steril und genormt an der Kühltheke. Vieles bemerken wir überhaupt nicht mehr. Es geht nicht darum, dies alles in Frage zu stellen. Ich finde ein Bewusstsein dafür wichtig.

ICH tue dieses oder jenes, weil ich mich selbst dazu entschlossen habe, in dieser Form zu leben. Keinesfalls, weil es ein tief im menschlichen Dasein verwurzeltes Verhalten ist. Im Gegenteil, einiges dürfte eher eine Perversion von der Vorstellung des Menschen sein. Einiges machen wir sicherlich auch deshalb, weil wir es niemals anders kennengelernt haben. Die Eltern haben es vorgelebt, in der Schule wurde dem niemals widersprochen, die Nachbarn und Freunde leben nach dieser Art – aber ist es wirklich die eigene Vorstellung?


Das ist für mich Reisen. Schauen, beobachten, kennenlernen, überrascht werden, das eigene Repertoire erweitern, und vielleicht Dinge verstehen, die ich zuvor nicht begreifen konnte. Mir wird das nicht immer gelingen. Denn egal, wie sehr ich auch darauf bedacht bin, nicht der klassische Tourist zu sein, bin ich immer der Typ mit dem für andere Verhältnisse teuren Rucksack, dem intakten Smartphone, kostspieligen Klamotten und verweichlichten Verdauungstrakt. Aber immerhin habe ich die Komfortzone des Hotels und den Reiseveranstalter verlassen.Fortsetzung folgt nach dem ersten Tag in der russischen Bahn. Bin gespannt, mit wem ich meine Kabine teilen werde. Bis denne …

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