Chiang Mai – Chiang Rai

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«Manche leben in einem Zimmer, andere in einer Wohnung, der nächste lebt in einer Straße, und wieder andere in einer Stadt, in einem Land und so weiter. Ich wurde auf einem Planeten geboren. Sollte ich jemals sesshaft werden, möchte ich mir den besten Platz dafür selbst aussuchen.»


Suneal V., Backpacker, Weltreisender, Kinderbuchautor, online – Englischlehrer aus Neuseeland.

Ich habe V. als Zimmergenossen in einem Guesthouse in Chiang Mai kennengelernt. Sollte es jemanden in die Ecke verschlagen, empfehle ich mal durch die Moonroad Soi. 6 zu laufen. Vielleicht an einem Freitag, denn dann spielen in einem kleinen Straßenlokal drei alte Thailänder Country und Folksongs. Dazu wird thailändischer Branntwein ausgeschenkt. Die Straße ist belebt von Aussteigern aus allen Ländern dieser Erde, hat am Anfang einen kleinen Markt und endet mit eben jenem Guesthouse, in dem ich mir mit V., einem Lebenskünstler aus Ibiza, und nacheinander mit einer aus Bulgarien stammenden Türkin und einer Italienerin das Zimmer teilte.


Natürlich haben wir uns auch über Deutschland unterhalten. International werden Deutsche für ihre Zurückhaltung geschätzt. Dem kann ich nur beistimmen. Heute zum Beispiel stand ich an einem Fahrkartenschalter und eine ältere Thailänderin drängelte sich mit dem üblichen Lächeln im Gesicht an mir vorbei. Thailänder können das. Sie ziehen Dich über den Leisten, sind dabei aber unglaublich freundlich. Chinesen haben keinerlei Probleme damit, sich jeden nur erdenklichen Vorteil zu Deinem Nachteil zu verschaffen, ohne auch nur den Anflug eines Bedauerns zu zeigen. Fortwährend krächzen sie den Schleim aus dem Rachen und spucken vor sich hin. US Amerikaner machen den Globus gern zum Spielplatz, auf dem sie sich lautstark austoben. Manchmal hatte ich in den letzten Tagen den Eindruck, Schilder werden eigens für Deutsche aufgestellt, denn sie sind die Einzigen, welche sie lesen und achten. Andere Nationen betrachten sie mehr als Hinweise auf Etwas. Wenn dies ihrer Interpretation nach, keinen Bestand hat, wird das Schild auch nicht beachtet. Ohne Wertung! Es fällt nur auf.
Deutsche haben den Ruf einen Lebensplan zu verfolgen, der recht simpel ist. Aufstehen, zur Arbeit gehen, Sachen kaufen, für die sie noch mehr arbeiten müssen, auf das Wochenende warten, Geld ausgeben, zur Arbeit gehen, Schlafen … Sterben. Da könnte meiner Beobachtung nach tatsächlich etwas dran sein. Mit Sicherheit spielen neben der Mentalität noch ein paar andere Faktoren eine Rolle. Wenn ich ohnehin keine brauchbare Absicherung habe, muss ich auch nicht darauf setzen und kann von vornherein darauf pfeifen. Ich habe mich bei den Diskussionen bzw. Statements brav herausgehalten. Was hätte ich als pensionierter deutscher Beamter dazu sagen sollen?

Eine andere Sache fiel mir dabei auf. In vielen deutschen Werken über Lebensgestaltung, Burnout, Depressionen und Lebenshilfe, versuchen die Autoren, mühsam herzuleiten, dass es eine Garantie für ein langes Leben nicht gibt. Insofern es wenig Sinn macht, sich über Dinge Gedanken zu machen, die man unter Umständen nicht erleben wird. Neuseeländern, Australiern, Amerikanern scheint gar nicht in den Sinn zu kommen über Derartiges nachzudenken.

Doch alle jungen Europäer, die als Backpacker in den Hostels unterwegs sind, schauen auf den Heimatkontinent mit steigender Skepsis. Der Begriff «Festung Europa» hat für sie nichts Schützendes an sich, sondern geht in die Richtung Festungshaft. Einerseits macht mir das persönlich Hoffnung für die nächste Generation, andererseits wird mir der tiefe Spalt in der Gesellschaft immer bewusster. Die einen, zumeist aus meiner Generation oder älter, wollen eine Gesellschaft mit Hosenträgern und Gürtel, die anderen ziehen sich gleich eine Hose an, die für beides ungeeignet ist. Es ist eigenartig dies aus 7000 Kilometern Entfernung heraus zu betrachten, vor allem wenn man sich in Unterkünften und Gefilden herumtreibt, die einem kaum etwas von den sogenannten deutschen Standards bieten.

Doch es gibt auch diese deutschen Eigenarten, die mir persönlich erst hier auffallen. Wir sind tatsächlich das einzige Land, wo es noch einen Markt für Toilettenschüsseln gibt, wo man seine Hinterlassenschaften auf einer waagerechten Fläche begutachten kann. Sie werden weniger, aber sie werden in Baumärkten und Fachhandel noch angeboten. Keiner in Asien verwendet ernsthaft Toilettenpapier. Alles wird mit fließenden Wasser geregelt, wobei ich mir Gegenzuge über die örtlichen Abwasserregelungen lieber keine Gedanken mache. Mir fallen solche Dinge auf. Bei der Polizei gab es einen Persönlichkeitstest, wo man gefragt wurde, ob man vor dem Spülen noch einmal nachsieht, was der Körper verdaut hat. Die Psychologen gehen davon aus, dass dies jeder tut und wer behauptet, es nicht zu tun, ist unehrlich und hat seine Gründe dafür.

Nun ja, zurück zum appetitlichen Teil. Oscar Lafontaine sagte in einem Interview, moderne Staatsgrenzen grenzen heute Sozialversorgungssysteme ein, wer eine grenzfreie Welt fordert, ist naiv. Da rennt er bei mir offene Türen ein. Aber teilweise wächst eine Generation heran, die in einer völlig anderen Realität lebt. Sie glauben nicht mehr an eine Welt, wie sie heute existiert. Mit Sozialsystemen, Altersversorgung und Umweltschutz. Sie reist umher und sieht deutliche Zeichen, jenseits der Lippenbekenntnisse der politischen Führung. Der Kontinent Asien ist in den Städten eine einzige Umweltkatastrophe. China expandiert gnadenlos und holzt alles ab. Rohstoffe werden ohne Rücksicht auf Verluste gefördert. In Europa werden Umweltgifte in rauen Mengen produziert oder fallen als Abfallprodukte an. Überall wo man hinschaut, macht sich zur Schau gestelltes Kapital breit, während die Mehrheit entweder in bescheidenen Verhältnissen oder gar in Armut lebt. Schrittweise bringt die unersättliche Gier der Menschen alles außer Kontrolle. Wenn man an verschiedenen Stellen der Welt überhaupt noch ein halbwegs humanitäres System erkennen kann. Nicht zu Unrecht sagen sich da die heute 20 – 30 jährigen: Was weiß denn ich, wie die Welt in 40 Jahren aussieht?

Chiang Mai ist eine durch und durch buddhistisch geprägte Stadt. Morgens um 06:00 Uhr ziehen an einem die gewandeten Mönche vorbei. Die Geschäftsleute treten vor die Tür, verneigen sich tief und spenden ihnen. Sie, die jeden Tag emsig arbeiten, spenden denen, die allem entsagt haben. Und trotzdem die Kaufleute dies tun, lebt die Mehrheit für unsere Verhältnisse bescheiden. Sie sind leise und sehr freundlich. Es ist eine Kultur der gegenseitigen Begrüßung, des Anlächeln und gegenseitiger Dankesbekundungen. Jeder, der sich dem anpasst und sich für eine kleine Verneigung nicht zu schade ist, wird freudig angenommen.
Doch bei der Besichtigung der Tempel von Chiang Mai, kann man auch beobachten, wie die westliche Zivilisation und Dekadenz auf eine andere Kultur trifft. Was umtreibt Touristengruppen, wenn sie ungefragt die meditierenden Mönche fotografieren? Warum können sie nicht warten, bis der Verkäufer fertig ist mit seiner Fürbitte und dann erst den Laden betreten?

Auch Chiang Mai ist nicht von den frustrierten Männern verschont geblieben, die sich von emanzipierten Frauen kastriert sehen, und ausschließlich über Geld eine Verbindung herstellen können. Während sich in der Heimat die finanziell erfolgreichen Typen mit ausreichendem Budget die jungen Frauen leisten, müssen die mit weniger ins kostengünstigere Thailand ausweichen. Chiang Mai hat sehr schöne Seiten, aber auch ein ausgeprägtes unsympathisches Nachtleben.

Wie ich bereits schrieb, empfohl mir in Chiang Mai ein deutscher Auswanderer nach Chiang Rai, den Weg über Thaton zu nehmen. Dort könnte man mit dem Boot auf dem Kok eine dreistündige Bootsfahrt buchen.

In Thaton kam ich in einer Art Bungalow – Anlage unter. Auf dem Papier sollte sich direkt vor meiner Tür ein Pool befinden. Etwas Ähnliches wie ein Wasserbassin befand sich dort tatsächlich. Aber ich traute dem Wasser nicht. Bei näherer Untersuchung fand ich einen toten Frosch und einige ertrunkene Tausendfüßler im Wasser. Von Chlor konnte ich auch nichts feststellen.

Bei der Gestaltung des Zimmers hatte ein Innendesigner nette Ideen, aber einen lausigen Wartungsdienst. Irgendwie ist alles im Verfall begriffen und ein wenig schmuddelig, aber in etwa wie: «Wir haben doch sauber gemacht! Was sie alles sehen? Merkwürdig.» Es funktioniert halt und diese Dinge sind ihnen nicht wichtig. Frösche fallen nun einmal in den Pool und sterben. Gleiches gilt für Tausendfüßler und andere suizidale Insekten. Hat man jemals davon gehört, dass daran ein Mensch gestorben ist?

Zur Entschädigung gab es eine funktionierende Klimaanlage und einen tollen Blick auf den Fluss. In der Nacht ertönte ein beeindruckendes Konzert von den Bewohnern des nahe gelegenen Regenwalds. Am Morgen wurde ich mich mit einem freundlichen «Hallo!», des örtlichen Begrüßungskomitees «Freie Schaben Thailand» im Badezimmer begrüßt. Wenn die Schaben wüssten, dass ich vor einem Verspeisen frittierter Artgenossen nicht zurückschrecke, wären sie ein wenig zurückhaltender aufgetreten. Dafür blieben sie aber auch die einzigen Mitbewohner.

 Am Anfang der Zufahrtsstraße zum Bungalow Park traf ich ein deutsches Ehepaar, dem Dialekt nach aus Thüringen. Sie waren auf der Suche nach weiteren Mitreisenden, da das Boot sonst zu teuer werden würde. Das waren keine guten Aussichten. Außerdem würde es nur mit mindestens vier Leuten ablegen.

Trotz der Aussicht nicht wegzukommen, checkte ich am Folgetag aus und marschierte zum nahegelegenen Bootssteg. Vorher sah ich mich noch nach etwas Essbaren um. Wenige Meter vor der Anlegestelle fand ich ein vernünftig aussehendes Strassenlokal. An einem der Tische saß ein Europäer, den ich auf ca. Siebzig taxierte. Auf Englisch fragte ich ihn nach den Booten. Sein Dialekt verriet, dass er entweder Deutscher oder Schweizer sein musste. Es stellte sich heraus, dass es sich um einen Berner handelte, der dort schon 30 Jahre festhing. Nach seiner Scheidung hatte es ihn nach Thailand gezogen. Mit Anfang Vierzig schmiss er seinen Job und nahm mit der kleinen Pension vorlieb. «Nie wieder eine Frau, hatte ich gesagt …! Und dann kam diese Thailänderin.» Zwei Kinder hatte er mit ihr, dennoch hielt es nicht. Jetzt fährt er jeden Monat nach Laos herüber, bleibt dort kurz und verlängert dann sein VISA. Seit 30! Jahren. Für eine Staatsbürgerschaft hat er kein Geld und für die Schweiz würde sein Geld nicht reichen. Während wir plauderten, gesellte sich ein Holländer mit seiner mindestens 20 Jahre jüngeren Frau zu uns. Nach einiger Zeit kam das Gespräch auf einen «Klaus», der nicht mehr wieder käme, weil er mit 65 im nahegelegenen Krankenhaus den Löffel abgab. Ich fragte sie, warum sie sich ausgerechnet Thaton ausgesucht hatten. Es gibt wahrlich schönere Ecken in Thailand. Beide zuckten mit den Schultern. Darauf hatten sie keine Antwort. Sie waren einfach an diesem Platz auf der Erde hängengeblieben. Nach glücklichen Aussteigern sahen die beiden nicht aus. Für mich wurde es Zeit, nach dem Boot zu sehen.

Siehe da: Einige Einheimische hatten sich am Steg versammelt und warteten. Mir dämmerte das Problem. Meine Thüringer waren auf ein Privatboot aus gewesen. Für die üblichen Public Boote gab es genug Interessenten. Eine Gruppe wartender Laoten lud mich sogar zum Kosten ihres ausgebreiteten Essens ein. Jeder, auch ich, nahm sich mit den Fingern einen Klumpen Reis und kratzte damit etwas vom gefährlich aussehenden Brei aus einer Schüssel. Einerseits sehr lecker, aber auch höllisch scharf. Bezüglich der möglichen Bakterien beruhigte mich das; meine Mandeln fanden es weniger lustig. Die ich anschließende Bootstour entschädigte dann die etwas strapaziöse Anreise. Für 9 EUR volle drei Stunden mit dem Boot durch eine von Dschungel, Bergen, gerodeten Tee – und Kaffeeplantagen geprägten Landschaft. Der Bootsführer verstand seinen Job und steuerte mit viel Geschick durch die Stromschnellen und Untiefen.

In Chiang Rai angekommen nervte mich mal wieder ein Taxifahrer. Ich hatte weder meinen Rucksack angeschnallt, noch war ich mit dem Anziehen meiner Schuhe fertig, da begann er bereits auf mich einzureden. Doch langsam bekomme ich darin Routine. Ich zeigte meine Schuhe hoch und sah ihn passend an. «Ernsthaft? Du Pfosten?»,lag in meinem Blick und er verstand. Zehn Minuten später wurden wir uns einig und ich saß auf der Ladefläche seines Pick – ups. Eine durchaus normale Vorgehensweise.

Mit Skepsis marschierte ich vom Stadtzentrum aus zum gebuchten Guesthouse. Selbstverständlich hatte der Fahrer die Anschrift nur in etwa gefunden. Für Thailand hatte ich mir noch keine SIM – Karte gekauft. Aus diesem Grunde konnte ich die Jungs noch nicht mit Google – Maps steuern. Spätestens in Laos wird sich dies ändern. Doch an diesem Tag konnte scheinbar nichts schief gehen. Das Guesthouse war eine Pracht. Neu, mit einer richtigen Rezeption, perfektes Englisch sprechendes Personal, beinahe Krankenhaus cleanes Zimmer mit Schlafabteilen, Klimaanlage und sauberen Duschen. Was wollte ich mehr?

Hallo Chiang Rai!

Chiang Rai ist nochmals näher zu Laos und das merkt man. Nicht zuletzt an den ersten Angeboten an frittierten Insekten. Ich hatte zunächst keine Vorstellung, wie lange ich dortbleiben würde. Doch bereits am ersten angebrochenen Tag wurde mir klar, dass ein sofortiges Weiterziehen der Stadt nicht gerecht werden würde. Zunächst stand die Ernährung im Vordergrund. Schon bei der Anfahrt fiel mir auf, dass das Guesthouse sich am Rande des Vergnügungsbereichs befand. Alle zwanzig Meter schallte mir das gewohnte «Massaaaaaaaaage?», entgegen. Nach wenigen Minuten stand ich vor dem ersten Wahrzeichen der Stadt. Ein riesiger goldner Uhrenturm. Vom Aussehen her, gehört das Ding zu Alice im Wunderland. Entstanden ist es aus der Fantasie eines Künstlers heraus, der auch den etwas außerhalb von Chiang Rai gelegenen White Temple erbaut hat. Doch zu dem komme ich später noch. Der Turm erwacht ab 19:00 Uhr und zu jeder weiteren vollen Stunde bis 22:00 Uhr zum Leben. Angenehme, aber sehr laute asiatische Musik beginnt die Kreuzung zu beschallen und der Turm wird Objekt einer Lichtinstallation.
In manchen Reiseberichten meckern einige, weil sie nicht verstehen, wie man mitten in Chiang Rai eine Disney – Figur installieren kann. Nun, ich denke mal, es ist hinreichend bekannt, dass es auf dem gesamten Kontinent etwas schriller zu geht. Das wurde mir einige Meter weiter in Form eines Tempels vor Augen geführt. Dessen Pracht hatten sie auch mit üppig installierten Scheinwerfern untermalt. Ich verzichte auf die Nennung aller Namen der Tempel. Die sind nur für jemanden interessant, der konkret dort hinfährt und hierfür existiert jede Menge Literatur.

Im Tempel traf ich eine Frau in einer weißen Uniform, die sich vor einer Buddhastatue verneigte. Sie sah furchtbar offiziell und wichtig aus. In Deutschland hätte ich von der Uniform auf einen hohen Offiziersrang bei der Marine geschlossen. Sie erklärte mir, dass genau an diesem Tag ein hoher Feiertag wäre und ich um 00:00 Uhr wieder am Tempel sein sollte. Bis dahin galt es noch einige Stunden zu überbrücken. Und es galt immer noch, mir etwas zu Essen zu besorgen. Endlich fand ich eine Straße mit Street Kitchen und schon stand ich wieder vor meinem alten Problem: Zuviel! Ich lief an den Ständen vorbei und alles sah gut aus. Der Magen knurrte, doch der Kopf wollte nicht entscheiden. Den Ausschlag gab dann das Fehlen einer Beschreibung des Essens, was sofort mit dem hervorragenden Englisch des Kochs ausgeglichen wurde. Nudelsuppe Variation 120 – und wieder ausgesprochen lecker.

Bei Street Kitchen gilt: Niemals nachdenken, sondern essen. Vermutlich bekäme jeder deutsche Vertreter eines Ordnungsamts beim Anblick der fahrenden Küchen Schnappatmung. Doch die Speisen sind absolut frisch, nahezu alle werden mit sehr hohen Temperaturen gekocht und man kann dem Koch jederzeit auf die Finger schauen. Aus dem Verkehr heraus, kommen alle zu ihrem Lieblingswagen und holen sich ihre bevorzugte Suppe in einer Plastiktüte ab. Ja, Tüte und da sehe ich ein echtes Problem, an dem sie arbeiten könnten. Ich denke wiederverwendbare Essensschüsseln könnten erheblich den Plastikmüll reduzieren. Wer am Stand sitzenbleibt, bekommt ordentliches Geschirr, Stäbchen und einen Löffel. OK, die Sache mit dem Abwasch in einem Eimer wäre dann wieder etwas für das Ordnungsamt. Aber dafür gibt es im Zweifel die desinfizierende Wirkung der Chili – Schoten, für die man meiner Meinung nach einen Waffenschein einführen sollte. Doch wer sich von seinen deutschen Allüren nicht lösen kann, sollte einen anderen Ort wählen.

Den Bauch voll, sah ich mich nach einem Kaffee um. Ich wurde in der zum Guesthouse führenden Straße fündig. Nach zehn weiteren «Massaaaaage!» Lud ein kleines Café mit Kaffee aus einer eigenen Plantage ein. Ich will mich nicht festlegen, aber wenn man aus dem Merci Hostel kommt, einfach die nächste links, an allen mies aussehenden Bars vorbei und am netten Café mit Holzeinrichtung einkehren. Auf dem Weg zum Nigthbazaar muss man da ohnehin vorbei. Plötzlich stand ein junges deutsches Pärchen vor mir, das ich in Chiang Mai kennengelernt hatte. Sie Studentin der Psychologie und er Jura. Zusammen machten wir uns auf den Weg zum Nightbazaar.
In Chiang Rai befinden sich dort auch zwei Unterhaltungsbühnen. Ich weiß nicht, was die Thailänder mit ihren Ladyboys haben, auf der einen Bühne gibt es jedenfalls jede Menge davon. Auf der anderen saß an zwei Abenden ein etwas verloren wirkender Sänger, dem niemand zuhörte. Ziemlich schade, für ein bis zwei Auftritte bei Deutschland sucht den Superstar hätte es gereicht.
Langsam ging es auf 00:00 Uhr zu. Das merkte man auch. Alle wurden unruhig und strebten zur Hauptstraße. Die gesamte Straße wurde von der Stadtbevölkerung gesäumt. Erst kamen vom Tempel her Lautsprecherwagen, die ohrenbetäubend laute Musik von sich gaben. Unfairerweise hielten sie unmittelbar vor den Gläubigen, die so auf 10 cm mit Düsentriebwerk lauter Musik betäubt wurden. Alle hatten Geschenke dabei. Da war er wieder der buddhistische Ablasshandel. Einige wirkten so, als wenn sie den auch dringend nötig hatten.
Den Wagen folgte eine Art Monstranz, die von mehreren Pick-ups begleitet wurde. Sich selbst überschlagend reichten die Gläubigen ihre Geschenke, mit denen die auf dem Wagen stehenden Typen nicht sonderlich pfleglich umgingen. Wäre das mein Viertel – Monatsgehalt gewesen, hätte ich die Kerle vom Wagen gezogen. An die Wagen schloss sich eine Ordnertruppe an, die einen ordentlichen Auftritt hinlegte. Ihr Job bestand darin, die nun folgenden Mönche, meist blutjunge Kerle bis hin zu Knaben, vor allzu großer Überschwänglichkeit zu schützen. Auch sie wurden reichlich mit Spenden bedacht. Ich wage zu bezweifeln, dass die Zehnjährigen dies alles richtig einschätzen konnten. Grund der Prozession war das Ende der Fastenzeit der Mönche. Der Legende nach, hatte Siddharta Gautama zu diesem Zeitpunkt die Erleuchtung. Normalerweise dürfte auch kein Alkohol ausgeschenkt werden. Doch diesbezüglich muss die Mehrheit etwas missverstanden haben.

Danach verabschiedete ich mich von den Deutschen und trabte in mein Guesthouse. Ich versuchte, noch ein wenig für die kommende Zeit im Internet zu recherchieren. Ernsthaft? Ich bin zu alt für diese Google Maps – Karten. Wenn schon, dann empfehle ich OpenMaps und die App Map.me. Für einen größeren Überblick gibt es nichts Besseres, als die gute alte Faltkarte. Entnervt beschloss ich, am folgenden Tag eine zu kaufen.

Gegenüber dem Merci – Hostel befindet sich ein Book – Shop für gebrauchte Bücher. Das Schwarz – Rot – Gold Schild am Eingang sagt alles. Der Shop gehört einem Bayern, der erst ein Hotel in Malaysia führte und aktuell sein Dasein in einem kleinen Haus mit unzähligen Büchern und Zitaten von Bertold Brecht an den Wänden fristet. Der Mann hatte tatsächlich eine Karte von Laos für mich. Über den Kauf hinaus, kam ich auch mit ihm ein wenig ins Gespräch. Er hat eine Schwester in Deutschland. Sie würde ihm vorwerfen, dass er alles so schwarz sehe. Dies wäre aber kein Wunder, denn sie sehe nur das Systemprogramm ARD und ZDF. Was die Merkel angerichtet hätte, wäre unglaublich. In Thailand wären Ausländer auf sich gestellt. Da bekäme man keine Hilfe. Er müsse mit seiner Rente aus Deutschland und ein wenig Zubrot auskommen.

Leider habe ich verlernt, meine Gesichtszüge zu kontrollieren. Er hakte nach: «Siehst Du das anders?»
«Immerhin bekommst Du eine Rente aus Deutschland, mit der man hier ganz gut leben kann. Und keinem Rentner würde es bessergehen, wenn alle Flüchtlinge Deutschland verließen. Ich weiß nicht, aber hier hängen Zitate von Brecht an der Wand. Wer zieht denn wirklich das Geld aus den Taschen der Armen?»
Kurz setzte er zu einem: «Stimmt eigentlich …», an. Doch dann wurde ihm dies zu kompliziert.
«Na, ja … jeder hat seine Meinung! Viel Spaß in Laos.», verabschiedete er mich. Nachdenklich machte ich mich auf den Weg in die Stadt. Der lange Arm der AfD reichte bis nach Chiang Rai. Vielleicht war die Kausalität gar nicht so abwegig. Einige von deren Klientel waren exakt hier gelandet, weil sie dieses Gedankengut im Kopf hatten. Hier saßen sie am Tresen und nörgelten aus 7000 km Entfernung über das Land, welches sie hinter sich ließen. Sie fühlten sich dort nicht mehr akzeptiert. Die Frauen waren ihnen zu emanzipiert. Mit kleinem Budget mussten sie mehr eigene Werte mitbringen, denn sie sich wie in vielen Gesellschaftskreisen üblich mittels dickem Konto kaufen konnten. Hier war es selbst ihnen möglich, mit ein paar EUR eine devote junge hübsche Frau zu ergattern. Sie blieben unter sich und verschafften sich gegenseitig einen Status und eine Identität. In ihren Gesprächsrunden waren sie schlauer, wie die in Deutschland gebliebenen Männer. Ihrer Meinung verhielten sie sich, wie sich ein Ausländer zu verhalten hat. In dem Punkt musste man ihnen recht geben. Im thailändischen Knast will niemand landen.

Mein Weg führte mich in den White Temple. Tipp: Wen es nach Chiang Rai verschlägt, kann am Bus Terminal 1 gut den Shuttle Dienst, statt dem öffentlichen Bus nehmen. Der Unterschied liegt bei 10 Baht (30 Cent). Dafür gibt es deutlich besseren Komfort.
Der White Temple ist ein Kunstprojekt eines thailändischen Künstlers und Architekten namens Chalermchai, dessen Kreativität grenzenlos zu sein scheint. Das Handwerkliche scheint nahezu allen Malern in Thailand zuzufliegen. Auf diversen Basaren kann man sie dabei bewundern, wie sie fotorealistische Bilder malen. Er ist Maler, Zeichner, Grafiker, Architekt und Bildhauer in einer Person. Mit dem White Temple, der wie der Name sagt, komplett weiß ist, versucht er, den Buddhismus auf eine moderne Art zu interpretieren. Er begann zunächst die Arbeit als ein Opfer an Buddha zu betrachten, später erkannte er die touristischen Möglichkeiten. Damit ihm keine Großspender ins Handwerk hineinreden können, hat er die Spendenhöhe begrenzt. Beim letzten Erdbeben wurde vieles zerstört, doch er begann erneut. Die Fertigstellung ist für 2070 geplant. Das werde ich dann wohl nicht mehr erleben.

Vor der üblichen Treppe zum Tempel sind links und rechts Gruben, die von Dämonenfratzen umrandet sind. Aus den Gruben recken sich verzweifelte Arme und Hände. Man fühlt sich an das Zitat von Nietzsche: «Wenn man lange genug in einen Abgrund starrt, schaut er einen, irgendwann selbst an.», erinnert. Seitwärts vom Tempel befindet sich ein Wandgemälde, welches eine Collage der zurückliegenden Ereignisse der Moderne darstellt und ständig erweitert wird. In einer Galerie sind die Acryl – Gemälde des Künstlers ausgestellt. Sämtlich sind es Bilder mit buddhistischen Symbolen, die völlig surreal, wie im LSD Rausch entstanden, erscheinen. Mir gefiel nicht alles, aber die Menge und Kreativität ist phänomenal.

Wieder im Hostel beschloss ich, am nächsten Tag Chiang Rai zu verlassen und mich auf den Weg nach Laos zu machen.

Fortsetzung folgt.

Bilder muss ich aktuell schuldig bleiben, da ich mich jetzt in diesem Augenblick in Laos befinde und es bereits kniffelig war, die Beitragsseite zu öffnen. Sie folgen …

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