47 Tage unterwegs

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Ich bin nun bereits einige Zeit unterwegs. Es ist an der Zeit einmal kurz innezuhalten und die zurückliegende Zeit Revue passieren zu lassen. Ich habe mir die schönen Dinge der Gegenden angesehen, aber ich bin auch dort hingegangen, wo die Eindrücke der Seele weh tun. Parallel habe ich die Nachrichten, Ereignisse, die kleinen und großen Vorkommnisse des in der Ferne liegenden Deutschlands verfolgt. Unmerklich haben sich meine Perspektive und die Sicht verändert. Ich merkte dies daran, dass ich mir häufiger die Frage stellte: Was machen wir da?

Ich habe anhand meiner Eltern und Großeltern die Entwicklung und die Gedankengänge der Nachkriegsgeneration verfolgt. Vieles an Reaktionen und Auffassungen verstand ich als Kind nicht. Später, selbst Vater, erahnte ich, worum es ging, wenn von Überfluss, mangelnder Wertschätzung, Konsumzwang, überzogenen Sicherheitsbedürfnis, dem Wert von Bildung, dem Recht eine Schule besuchen zu dürfen, die Rede war. Trotz des Umstandes, dass ich immer mal wieder an die Bodenhaftung erinnert wurde, bin ich in einer Welt der Selbstverständlichkeiten aufgewachsen. Warmes sauberes Wasser, welches aus der Wand kommt, eine geheizte Wohnung, ein Bett mit einer Matratze, ein Schulgebäude, eine Wandtafel, Papier zum Schreiben, mehrere Stifte, zur Witterung passende Kleidung, Schuhe, ein Auto, ein Fahrrad, Werkzeug für die Reparatur und so weiter. Nichts, aber auch gar nichts vom Aufgezählten ist selbstverständlich.

Mindestens auf vier Positionen der vorhergehenden Aufzählung nicht zu haben, ist die Selbstverständlichkeit in vielen Ländern. 2018 gibt es noch mehr Selbstverständlichkeiten. Ein funktionierendes Smartphone, welches original vom Hersteller ist und tatsächlich alle versprochenen Funktionen hat. Eine WLAN – Verbindung, mit der man surfen kann, seinen BLOG betreibt und Bilder in die Cloud hochlädt. Eine stabile Stromversorgung, ein erreichbares Krankenhaus, welches manche sogar aufsuchen, weil der Arzt gerade keine Sprechstunde hat. Selbstverständlich kann jeder Facebook, Twitter und WhatsApp nutzen. Niemand muss in Deutschland Tricks anwenden, um staatliche Sperren zu überwinden. Wer sich mit der Polizei anlegt, besitzt mannigfaltige Möglichkeiten, sich zu beschweren. In Deutschland zieht kein Polizist nach einem Unfall aufgrund eines Schnellurteils den Schlüssel ab und gibt ihn gegen Zahlung von 500 EUR wieder heraus. Das Herumgeschreie einiger selbst ernannter Retter des Rechtsstaats, erscheint einem nach Russland, China, Mongolei, Thailand und Laos ein wenig skurril.

Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass nicht mein Telefon am Scheitern einer Verbindung schuld war. Doch wer weiß, vielleicht tun die Diktatoren, Autokraten und Oligarchien ihren unter Kontrolle stehenden Mitmenschen sogar einen ungewollten Gefallen.Hunde und Katzen besitzen bei uns quasi den Staus eines Familienmitglieds. Viele bekommen mehr zu Essen, als eine dreiköpfige Familie in den laotischen Bergen oder in einer GER Siedlung in Ulan Bataar. Wir binden ihnen Leinen an, um die Umwelt vor ihnen zu schützen. In anderen Ländern werden sie auf die Art davor geschützt, auf dem Grill zu landen. Obwohl an vielen der bedauernswerten Geschöpfe, kaum etwas dran ist.

Die Dekadenz, die Verlust der Sicht auf die wesentlichen Dinge im Leben, frisst sich wie ein Geschwür durch Mitteleuropa, den USA, Australien und den reichen asiatischen Staaten. Unzählige Kommentatoren in den Social Media, Postings über ach so tolle Aktivitäten, erzeugen bei mir immer mehr Belustigung. Ich hatte mir von meiner Reise einiges versprochen und bin glücklich, dass ich mit meiner Selbsteinschätzung richtig gelegen habe. Ich musste mal weg!
Mir reichen unterwegs völlig die quakenden Girlies aus den Staaten aus, deren jedes dritte Wort: «Amazing», «Cute», «Awesome», ist und sie damit quasi eine akustische Umweltverschmutzung produzieren. Das diese dummen Hühner Bürger einer Weltmacht sind, kann einen ängstlich werden lassen.

Mit dem «Weg!», habe ich mich nicht nur räumlich entfernt, sondern auch gedanklich. Es ist beinahe wie ein Blick auf ein Simulationsspiel. Die vielen Unterschiede im Umgang mit dem alltäglichen Leben, führen einen nach und nach auf die Suche nach den Gemeinsamkeiten. Sie sind es, die den Menschen ausmachen. Mir war nicht bewusst, wie kontaktfreudig Inder sind. Ebenso wenig hatte ich jemals auf die Unbekümmertheit von Schweizern mit Ordnungskräften nachgedacht. Niemals zuvor war mir die Identitätssuche der Australier aufgefallen. Neuseeländer scheinen sich durch ihre Neugierde auszuzeichnen, gleichsam haben sie keinerlei Respekt vor Obrigkeiten. Mich erwarten noch einige Überraschungen, denen ich mit Spannung entgegen sehe.

Aktuell kann ich sagen: Eine bessere Idee hätte ich nach dem Quittieren des Polizeidienstes nicht haben können. Mich fasziniert auch, dass eine bestimmte Sorte Menschen, egal aus welchen Land sie kommen, schnell zueinander finden und übereinstimmende Sichtweisen der Gesellschaften finden. Ihnen ist gemeinsam, dass sie einen Schritt zur Seite gemacht haben und ein Bewusstsein entwickelt haben. Das Gleichnis, demnach wir alle nur die Finger einer Hand sind, die wiederum zu einem Körper gehört, ist grundsätzlich stimmig. Aber die Intelligenz ist dazu fähig, sich alle Finger, Hand und Körper mit Abstand anzusehen. Bisher ist mir noch keiner von den länger jenseits des allgemein üblichen Tourismus Umherreisenden begegnet, der nicht Ähnliches berichtete.

Heute besuchte ich das Cope – Institut. Es ist in Vientiane auf dem Gelände eines Krankenhauses untergebracht. Wie der Name andeutet, kümmert es sich um Amputierte, die zumeist durch Blindgänger des Vietnamkriegs verstümmelt wurden. Es trifft nahezu ausschließlich die Landbevölkerung und bei denen meistens die Kinder. Wie auch heute noch, wurden im Krieg Cluster – Bomben abgeworfen. Die etwas kleiner als eine Boule – Kugel ausfallenden mit Sprengstoff gefüllten „Bombies“ liegen heute wenige Zentimeter unterhalb der Erdoberfläche. Mal gehen sie bei einem Treffer mit einer Hacke hoch, die Kinder spielen damit Fangen oder eine Kochstelle befindet sich ungünstiger Weise darüber. Hinzu kommen Minen, Bomben mit bei Berührung auslösenden Drahtantennen, die in den Bäumen hängen. 

In der Ausstellung des Instituts kann man sich die perversen Gerätschaften kranker Waffenkonstrukteure ansehen. Daneben sind in einer Art Mobile hunderte selbst gefertigte Prothesen zu sehen, mit denen sich die Armen aus den Bergen behalfen. Ich würde gern mal einen kennenlernen, der solche Bomben entwirft. Was geht im Kopf eines solchen Menschen vor? Was ist mit dem Arbeiter am Fließband? Oder einem Handelsvertreter, der sie der US Army, den Saudis, Syrern oder Türkei verkauft? Wie sehen sie sich selbst? Was haben sie für ein Bild vom Menschen?

Hier in Indochina ist alles verschoben. Die Kampfhandlungen endeten, als ich in dem Alter der Kinder war, die heute von den Hinterlassenschaften der US Army verstümmelt werden. Die Laoten in meinem Alter sind die Nachkriegsgeneration. Die Zwanzigjährigen nehmen meine Rolle ein. Die Missbildungen durch Agent Orange und die Verstümmelungen lassen nur eine Aussage zu: Der Vietnam Krieg dauert an. Erst wurden Bomben geworfen, um den armen Laoten und Vietnamesen gegen die bösen Kommunisten zu helfen, und nun schickt die westlich – kapitalistische Welt NGO’s, die die Folgen dieser „Hilfe“ beseitigen sollen. 

Morgen ist das Fest der großen goldenen Stupa, dem Wahrzeichen von Vientiane und Laos. Am Tempel werden sich gemäß Ankündigung einige Tausend sammeln. Man hat mir geraten dort zwischen 06:00 Uhr und 07:00 Uhr hinzugehen, da ich sonst ein Fernglas brauche. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Danach werde ich weiter in Richtung Meer ziehen. Ich freue mich auf einen echten Sandstrand mit Palmen und warmen Wasser.

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