Das Twitter – Spiel

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Ein verständiger Mann trägt seine Klugheit nicht zur Schau; aber das Herz des Toren schreit seine Torheit hinaus.
Bibel, Sprüche 12, 23

Während meiner Reise verfolge ich gern meine «Timeline» bei Twitter. Ich schätze den Unterhaltungswert. Es gab da mal diesen Witz von dem Mann, der in einen Computerladen geht und nach Windows 2000 fragt. Der antwortet: «Warum fragen sie? Haben sie die Vorgängerversionen schon zu Ende durchgespielt?» Es kommt immer mal wieder zu Wartezeiten oder Augenblicken, in denen ich einfach nur dummes Zeug machen will. Ich könnte auch ein Buch lesen, aber dafür müsste ich mich konzentrieren. Warum also nicht dieses Spiel «Twitter» auf dem Telefon spielen?

Ich besitze zwei Accounts. Einen mit meinem realen Namen und einen mit dem Namen meines Alterego Kommissar Emmes. Mit wenigen Klicks lässt sich nachvollziehen, wer hinter Kommissar Emmes steckt. Da weitere Klicks auf diesen BLOG hier führen, bin ich recht gut einzuschätzen. Bei einer Unzahl Accounts ist dies nicht der Fall. Hinter dem Namen kann sich alles verbergen. Schreibt dort eine Frau oder ein Mann? Ein Erwachsener, ein Jugendlicher oder ein Kind? Sitzt der Verfasser oder die Verfasserin in Deutschland, oder irgendwo im Ausland unter Palmen? Jemand der mit einer Krankheit ans Bett gefesselt ist? Bei Antworten auf Tweets gehen die Kommentatoren amüsanterweise immer von dem aus, was ihnen an Informationen angeboten wird. Gleichermaßen setzen sie eine gewisse Zurechnungsfähigkeit des anderen Twitterers voraus. Dabei könnte es sich um einen schwer gestörten Psychopathen handeln.

Bei der Polizei gibt es Spezialisten, die bei anonymen Schreiben anhand des Textes, der Wahl des Übersendungsweges, des Schriftbilds, der Wortstellungen, Rückschlüsse auf die Persönlichkeit und im Falle einer Forderung, die Ernsthaftigkeit einer Drohung analysieren. Ein Tweet, es sei den man kennt den Verfasser persönlich, ist nichts anderes, wie ein anonymes Schreiben.

Polizeiliche Themen lassen in Deutschland die Twitter – Szene immer wieder hochkochen. Menschen, die sich im normalen Leben selten begegnen, treffen unvermittelt aufeinander. Der bürgerliche Spießer kollidiert oftmals mit dem erlebnisorientierten spätpubertierenden Youngster aus der Szene. Letzterer muss nicht mal ein Autonomer sein. Vielleicht handelt es sich nur um einen Freak, der mal kurz das Fenster seines Videospiels minimiert hat, während seine Mutter in der Küche das Essen zubereitet. Was man bei diesen Themen zu lesen bekommt, ist eine riesige psychologische Datenmenge, hervorgegangen aus einem genialen Experiment unter der Code – Bezeichnung Twitter. Mich würde es nicht wundern, wenn in zwei Jahren ein Team in Harvard preisgeben würde, dass sie das Experiment gestartet haben.
Hauptsächlich werden keine reinen Informationen getwittert, sondern Wertungen beigefügt. Irgendeinem passt diese Wertung nicht, deshalb setzt er einen Kommentar darunter, in dem er klar stellt, dass er viel schlauer ist. Begrifflichkeiten werden selten geklärt bzw. hält sich niemand an Definitionen, die einen vernünftigen Austausch ermöglichen könnten. Das Abweichen von Definitionen wird interessanterweise zur Meinungsfreiheit. Ich stelle mir dabei immer zwei Männer in einem Raum vor, die die Gegenstände nach gut Dünken bezeichnen. Was für den einen ein Stuhl ist, bezeichnet der andere als Flasche. Zwei mögen sich noch einigen können, aber wie sieht es mit dreissig, hundert oder mehr aus? Gewiefte PR Strategen streuen gern mal eine Meldung ein. Im Chaos brüllen sie in den Raum: «Jetzt mal alle Ruhe! Wir definieren jetzt für Euch, was ein Tisch oder ein Stuhl ist. Gleichzeitig sagen wir Euch, was ihr damit anzustellen habt.»

Eine andere Gruppe schreit ihre Einsamkeit, in der Hoffnung ein vorbeiziehender Passant vernimmt sie, aus dem Fenster hinaus. Sie schreiben über den Tod ihres Haustieres, dem Verlustschmerz nach dem Tod eines Angehörigen, ihre Diagnosen beim Arzt oder ihren seelischen Zustand. Wie hieß es mal in einem Liedtext? «Jeder hat einen Hund, aber niemanden zum Reden.» Nicht weniger interessant sind diejenigen, welche diesen einsamen Seelen Zuspruch zukommen lassen. Sie erleichtern den inneren Druck, in dem sie mit knappen Worten Kraft und Stärke wünschen.

Der US -amerikanische Psychiater und Entwickler der Transaktionsanalyse Eric Berne verfasste das Buch «Spiele Erwachsener Menschen». Stets wiederkehrende Verhaltensweisen betrachtete er als «Spiele» mit Regeln, vorgegebenen Ablauf und Mitspielern. Was hätte er für Twitter gegeben bzw. für seine Forschungen anstellen können? Twitter ist angefüllt mit Spielen dieser Art. Wird das eigentlich bereits verwendet? Ich dachte immer das von Berne aufgestellte Transaktionsmodell und die Weiterentwicklungen von Schulz von Thun würden nur im direkten Kontakt funktionieren. Denn im Gegensatz zur unmittelbaren Unterhaltung hat jeder bei Twitter alle Zeit sich des Zustandes bewusst zu werden, in dem ihn ein Kommentar versetzt hat. Doch das ist nicht der Fall. Der Mitleser oder Mitspieler, bekommt lediglich eine schriftlich nachvollziehbare Dokumentation des Prozesses. Die fehlende Körpersprache und Mimik wirkt eher wie ein Katalysator. Mit einem sarkastischen Tweet, dessen Aussage durch die Mimik klar und deutlich wäre, kann ein Schalter bei unzähligen Personen umgelegt werden, die daraufhin komplett ihren eigenen Film drehen.

Alles bei Twitter liefert tiefe Einblicke in die Persönlichkeiten, die unsere Gesellschaft formt. Wir bekommen Informationen über den anwachsenden Narzissmus. Jeder kann mitlesen, wie einsam sich die Menschen in der Massengesellschaft fühlen. Oscar Wilde schrieb einst: «Warum teilen wir anderen Leuten unsere Meinung mit? Weil wir Angst haben, mit ihr alleine zu sein.» Wie richtig er doch gelegen hatte, können wir jeden Tag lesen. Jeden Tag können wir nachvollziehen, wie unsere Gesellschaft durch gezielte Kampagnen mit künstlichen Bedürfnissen, Ängsten und vermeintlichen Lösungen gesteuert wird. Der Konsument ist Verbraucher und Produkt gleichzeitig.
Ein zufriedener Mensch konsumiert bekanntlich nicht über seine Grundbedürfnisse hinaus. Niemand entkommt in der heutigen Zeit diesen Kampagnen. Selbst diejenigen, welche sich ihrer Meinung nach außerhalb der Gesellschaft wähnen, tappen in die Falle. Denn sie wären nicht bei Twitter, wenn sie ihr entgangen wären.

Für meinen Teil freue ich mich bereits auf die kommenden Threads. Mich amüsieren sogar Beleidigungen oder Bedrohungen. Ausschließlich Vampire haben der Legende nach, kein Spiegelbild. Jeder der sie ausspricht gibt ungewollt mehr Informationen über sich preis, als ihm lieb ist. Bedrohungen bei Twitter haben ohnehin kein Potenzial. Gefährlich sind im wahren Leben die Schweigsamen, welche plötzlich vor der Haustür stehen. Alle anderen quaken entweder nur herum oder haben darüber informiert, welche Planungsintelligenz bei ihnen besteht. Jemanden zu bedrohen, dessen Optionen für eine Antwort man nicht kennt, ist schlicht dumm. Es kommt dem Verhalten einer bellenden Trethupe gleich, die wegen eines Geräuschs in den Wald hineinrennt und sich plötzlich einem Wolf gegenüber sieht.
Bei Beleidigungen gilt das buddhistische Prinzip, dass ein Maler ohne passendes Medium, wie zum Beispiel eine Leinwand, aufgeschmissen ist. Der «Täter» gibt nur eine Information darüber, was in seinem Kopf vorgeht, was für ihn selbst eine Beleidigung darstellen würde und womit man ihn selbst am ehesten treffen kann. Im übrigen kann von mir jeder denken was er will, ich mache es im Gegenzuge nämlich ebenfalls. In mir wird niemand eine Leinwand finden. Beleidige ich selbst jemanden, steckt nahezu immer ein provokanter Ansatz dahinter.

So … ich werde dann mal weiter ein wenig Laos genießen. Ich schreibe hier am Tresen eines fantastischen Guesthouses. Der aus der Region stammende Kaffee wird vor meinen Augen mit der Hand gemahlen und pro Tasse einzeln gefiltert. Es ist im Stil der Zwanzigerjahre eingerichtet und im Hintergrund ertönt Jazz aus den Dreissigern, der sich mit den auf Englisch geführten Gesprächen der Backpacker mischt. Mit ein wenig Fantasie befindet man sich in einer anderen Epoche. Das macht es mir nicht einfach auf die Straße zu gehen. Draußen hat es gerade 28 Grad und die Sonne brennt unbarmherzig herunter. Mal sehen, was der Tag noch zu bieten hat.

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