Bye Bye … Facebook

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Ich lebe mein Leben und du lebst dein Leben.
Ich bin nicht auf dieser Welt, um deinen Erwartungen zu entsprechen –
und du bist nicht auf dieser Welt, um meinen Erwartungen zu entsprechen.
ICH BIN ich und DU BIST du –
und wenn wir uns zufällig treffen und finden, dann ist das schön,
wenn nicht, dann ist auch das gut so.

Fritz Perl, Gestaltgedicht

Zum 1.1.2019 werde ich nach reiflicher Überlegung meinen Facebook Account löschen. Ich könnte dies heimlich still und leise machen. Doch ich habe mich aus mehreren Erwägungen heraus, dagegen entschieden und möchte hier über beides, Abschalten und die Form, einige Worte schreiben.

Als Facebook aufkam, war ich neugierig. Ich begann mit einem Account unter einem falschen Namen. Ich wählte damals den Namen Jason Borowski. Das ist der Name von Jason Bourne in den Originalbüchern von Robert Ludlum. Hinzu kamen später einige Fake Accounts, die ich dienstlich verwendete. Damals hatte ich das Spiel «Facebook» noch unter Kontrolle, besser, ich kontrollierte das Geschehen. In den 90gern trieb ich mich in einigen Newsgroups herum. Neben fachspezifischen Gruppen, die durchaus informativ waren, gab es dort auch schon eine Menge Blödsinn, der mich ein wenig an das aktuelle Facebook erinnert. Doch Blödsinn wäre noch kein Grund, das Spiel abzuschaffen.
Facebook hatte für mich zeitweilig eine besondere Funktion. Die mich näher kennen, wissen darum, dass ich über Jahrzehnte hinweg aus beruflichen Gründen «nicht identifizierbar» bleiben wollte und musste. Eine Verbindung zwischen Abbild und Namen, wären nicht zuträglich gewesen. Diese Verbindung herzustellen, war für mich eine innere Befreiung. Mit einem individuellen Paukenschlag beendete ich damit auch eine berufliche Karriere. Doch das war eher ein Spezialfall.

Warum posten Menschen etwas bei Facebook? Es mag dafür unterschiedliche Gründe geben, doch Meistenfalls läuft es auf Anerkennung hinaus. Das ist erst einmal nicht negativ. Anerkennung ist für ein soziales Wesen wie den Menschen eine existenzielle Notwendigkeit. Ich möchte, dass mich andere Menschen eines sozialen Gefüges erkennen, sehen und letztendlich als Gruppenmitglied anerkennen. Diesem Gedanken folgend ist ein Post nichts anderes, wie eine Art Bewerbung bei einer nicht fest abgegrenzten Gruppe, der ich zugehörig sein will.
Selbst wenn ich einen kritischen Post unter den Beitrag eines anderen setze, tue ich dies nicht, um denjenigen zu beeinflussen, sondern ich will meiner Gruppe etwas zeigen. Seht her, ich stehe dem Thema oder der Aussage dieses Vollpfosten kritisch gegenüber. Die Annahme einer Einflussnahme ist töricht. Niemand überdenkt seine Haltung ernsthaft, weil er bei Facebook kritisiert wurde und ändern können wir bekanntlich immer nur einen Menschen, nämlich uns selbst.

Wenn ich unter diesem Aspekt die Beiträge aus meiner sogenannten Timeline lese, komme ich zu folgenden Ergebnissen:

  1. Der hinter FB liegende Algorithmus ist mittels Analyse zum Ergebnis gekommen, dass die mir gezeigten Beiträge entweder von einer Gruppe stammen, der ich wahrscheinlich beitreten möchte oder sie zu meiner bereits vorhandenen Gruppenzugehörigkeit passen.

  2. Die Postings sind Ausdruck dessen, worüber sich die Menschen definieren und womit sie sich bei Leuten bewerben. Im realen Leben machen wir das auch. Unsere Kleidung, die Wortwahl, was wir beim Kennenlernen erzählen oder verschweigen, gehört alles zur Anbahnung einer Bindung.

  3. Demnach stehe ich zu einer Vielzahl von Menschen in Verbindung, die sich über ihre Freizeitgestaltung (Diskotheken, Vergnügungen, Barbesuche u.ä.) und dem Zeigen, mit wem sie dieses tun, definieren. Es scheint ihnen wichtig zu sein, jedem zu zeigen, wen sie kennen und das sie für viele Menschen ein Sympathieträger sind. Kurzum: Sie sind demnach gute, nette, sympathische Menschen. Dann wären noch die erwähnenswert, die mir ihr Essen zeigen. Eigentlich zeigen sie mir nicht ihr Essen, stattdessen teilen sie mit, in welchen tollen Restaurants sie speisen, dass sie nicht wie der letzte Spießer immer ein und dieselbe Pizzeria aufsuchen, sondern weltoffen und Bohemien sind.

  4. Eine spezielle Kategorie sind die Aufreger. Ungewollt und vermutlich auch unbewusst, geben sie mehr über sich und ihr Inneres preis, denn sie vermuten. Ein Beispiel hierzu. Mehrere dieser Leute posteten letztens ein Video von einem älteren bärtigen Mann, welcher sich in einer mitteleuropäischen Fußgängerzone abwechseln mit ein und derselben Hand den Hintern und das Gesicht wusch. Zur Herkunft des Videos, dem Ersteller, den Ort, zur Person des Mannes gab es keine Informationen. Die Aufreger stellten diese Fragen auch nicht. Für sie war klar, dass es sich um einen Flüchtling islamischen Glaubens handeln müsse. Im gleichen Zuge beschworen sie gefahren für unsere Kultur herauf.

a) Wer hat nichts besseres mit seinem Leben anzufangen, als dieses Video zu drehen?
b) Wer sagt mir, dass es sich nicht um einen Obdachlosen oder einen psychisch Kranken handelt, der entweder verwirrt ist oder einfach glücklich ist, sauberes Wasser gefunden zu haben?
c) Warum erzeugt dieses Video bei jenen Kommentatoren Zorn, statt sie Mitleid aus den Gründen unter b) ableiten?
d) Bei wem wollen Sie sich bewerben und wie sieht diese soziale Gruppe aus?

Bemerkenswert finde ich auch die Leute mit merkwürdigen Zusatzinformationen bzw. Satzkonstruktionen. Meiner Meinung nach haben wir z.B. solange ein gesellschaftliches Problem mit der Homosexualität, wie Beschreibungen mit «Obwohl» beginnen oder die Ausrichtung überhaupt erwähnenswert befunden wird. Gleichermaßen sieht es mit unserem «Fremdeln» aus. Letztens postete eine Freundin ein Ereignis, bei dem sie in einen Verkehrsunfall verwickelt wurde und der von ihr getroffene Fußgänger das Weite suchte. Er wird seine Gründe gehabt haben. Sie ergänzte: Er war nicht blond – und scherzhaft: Ich habe nicht mit dem Mercedesstern gezielt. Informationen, die obsolet sind, und etwas offenbaren. Mit Sicherheit kein Rassismus, dafür kenne ich die Verfasserin zu gut. Sondern: In diesem Land läuft einiges aus dem Ruder und was das ist, erklärt sich zwischen den Zeilen. Auch das ist eine Abgrenzung und Bewerbung zugleich. Klappe halten für Relativierer, Nachdenker und Gutmenschen – Einladung an die eher populistisch ausgerichteten Zeitgenossen.

Ich habe mal nachgelesen, in wie vielen meiner eigenen Postings und derer meiner Freundschaften offene Fragen vorkommen. Die Tendenz strebt gegen Null. Fragen sind entweder ein rhetorisches Führungsmittel oder ein echtes Interesse an Thema oder Person. Weder ich noch die anderen interessieren sich offensichtlich füreinander, sondern es geht um Eigendarstellung. Auch hierzu ein Beispiel aus jüngster Zeit. Meine aktuelle Reise ist nicht einfach ein Urlaub, sondern für mich ein Weg, um mir über einiges im Leben klar zu werden. Ein paar Ereignisse, besonders wenn es um Gespräche mit für MICH interessanten Menschen, ging, erwähnte ich. Zumeist las ich Kommentare, in denen es darum ging, denen ich entnahm dass die Schreiber dies alles bereits erlebt hatten, die wiedergegebenen Biografien ohnehin für zweifelhaft fanden und meine Gedanken eher seltsam wären. Dies ging so weit, dass mir geraten wurde, meine Ernsthaftigkeit wieder gegen mehr Spaß einzutauschen. Spaß habe ich unterwegs ohne Ende. Doch ich bin nicht auf einer Vergnügungstour oder in einem Cluburlaub. Ein paar Sachen gingen in der Vergangenheit schief und ich versuche zu verstehen, wo die Abbiegungen waren, die ich nicht hätte nehmen sollen. Jedoch handelt es sich nicht um eine Selbstfindung, denn wer, wo und was ich bin, weiß ich längst. Ich will wissen, welche Faktoren mich zum Abweichen von der eigenen Linie brachten. Die Betrachtung von Facebook und meinem eigenen Verhalten dort, ist dabei recht aufschlussreich.

Facebook konfrontiert mich in schöner Regelmäßigkeit mit Themen und Aussagen, bei denen ich den inneren Ärger schwer unterdrücken kann. Ich gebe zu, die „Meinung“ des einen oder anderen innerhalb meines Bekanntenkreises hätte ich besser nicht erfahren sollen. Wie in einer guten Partnerschaft, sollten man vielleicht nicht alles von und über den anderen wissen. Manch einer mag damit in seinem Bekanntenkreis umgehen können oder legt Wert auf andere Attribute, mir sind Menschenbild, Umgang und Lebensführung ein Bedürfnis. Facebook hat einige demaskiert. Damit sind sie für mich nicht zu schlechten Menschen geworden, aber eine Bindung wäre mir zu viel des Guten. Wir haben schlicht einen anderen Way of Life. Ein Hippie wies mich letztens darauf hin, dass „Take it Easy“ nicht mit leichter Lebensweise übersetzt werden kann, sondern sich auf die Bedeutung bezieht, die man einer Sache für das eigene Leben bei misst. Ein kleiner, doch bedeutungsvoller Unterschied.

Facebook ist zu einem Steuerungs- und Manipulationsinstrument geworden, dem man sich selbst bei aller Aufmerksamkeit schwer entziehen kann. Ich stimme alten Internet Gurus in voller Breite zu, wenn sie von einer Gefahr sprechen. Es ist bisweilen nahezu unfassbar, wie selbst Menschen, die man gut zu kennen glaubte, Kampagnen auf den Leim gehen. Selbst Menschen, mit denen ich jahrelang zusammen arbeitete, denen ich immer einen scharfen analytischen Verstand unterstellte, fallen auf simpel überprüfbare konstruierte oder verfälschte Geschichten herein. Schlicht, weil bedient wird, was sie glauben wollen und in ihr geistiges Universum passt. Für mich selbst stelle ich fest, dass es mir nach dem Ausstieg aus der «Mühle» immer einfacher fällt, dem zu entkommen. Vielleicht liegt es daran, dass ich wieder Ressourcen aktivieren kann, die ich zuvor dem Stress opferte. Doch die anderen sind mir egal. Wenn dem nicht so wäre, hätte ich vermutlich beizeiten Fragen gestellt. Wie erwähnt tat ich das nicht.

Neben der Betrachtung meines Verhaltens und anderer bei Facebook stellte ich fest, dass mir sehr wichtige Menschen, die eben dort nicht präsent sind, aus dem Fokus geraten sind. Ein interessanter und zugleich erschreckender Umstand. Das Abschalten gehört zu meinem Plan, mich wieder mehr um die zu kümmern, an denen ich wirklich ein Interesse habe. Bei Facebook kursieren immer wieder diese Ketten – Kommentare. «Wenn Du wirklich … bla, bla, bla … dann hast Du diesen Text bis zum Ende gelesen … bin gespannt … bla, bla, bla.» Ist das nicht armselig und gleichzeitig bedauernswert? Das Problem erkannt und einfach weitergemacht.

Ich denke, wer ein echtes Interesse an meiner Person hat, wird keinerlei Probleme haben, mit mir im Kontakt zu bleiben. Andersherum gilt dies auch. Unsere Welt ist derart vernetzt, da geht es gar nicht anders. Selbst Freunde in Übersee können heute anders erreicht werden und wenn sie einen wirklich treffen wollen, gibt es immer noch diese Mailfunktion.

Doch ich schrieb es schon einmal an anderer Stelle: Lebenszeit ist für mich zu einem persönlichen wertvollen Besitz geworden. Jede Ausgabe will gut überlegt sein. Wenn man das liest, könnte man meinen ich habe schreckliche Botschaften erhalten. Keine Sorge, dies ist nicht der Fall. Im Gegenteil, ich fühle mich besser, als mit 40. Mir ist aber der Wert von Lebenszeit bewusstgeworden. Und bei Facebook kann ich diese Lebenszeit genauso gut in den nächsten Mülleimer treten. Mir ist durchaus bewusst, dass manche sich nach diesem Text auf den Schlips getreten fühlen. Ein unumgänglicher Faktor. Vielleicht löst sich auch die eine oder andere Bindung – doch wie im eingehenden Zitat erwähnt: Dann ist das so. Und ich habe beim Auswerten meines Accounts sehr wohl zur Kenntnis genommen, wer mir und wem ich Fragen gestellt habe.

In diesem Sinne

(Die Seite wurde gerade frisch bezahlt … da geht es wie gehabt weiter. Gruß an Dich Horschi.)

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1 thought on “Bye Bye … Facebook”

  1. Hallo Trölle,
    zunächst einmal freut es mich, dass dir deine Reise so viel Freude und Zeit zur Reflektion gibt. Ich habe im Ringen um Formulierungen in meinem Kopf mit allerhand floskelhaften Sprüchlein wie „Glückwunsch“, „hast du dir verdient“ und „alles richtig gemacht“ gespielt. Das ist allerdings alles halbwahr, ungenau oder nahezu inhaltsleer. Es freut mich schlicht und ergreifend ungemein für dich.
    Zu deiner Ankündigung: Du hast wieder einmal einen guten, nachvollziehbaren Text geschrieben. Wie ich gerade gesehen habe, kann ich deinen Blog hier auch abbonieren, daher fällt die facebooksche Meldung, dass es einen neuen Text von dir gibt auch gar nicht mehr so ins Gewicht. Ich war und bin im Internet in den letzten Jahren sowieso ein stiller Mitleser, ich führe einfach ungern Unterhaltungen im Internet.
    Viel mehr freue ich mich darauf in persona mit dir zu sprechen, wenn du wieder im Lande bist und sich die Gelegenheit ergibt. Man muss zum Glück nicht Teil des Alltags des jeweils anderen sein, um sich verbunden zu fühlen.
    Liebe Grüße, Matthias

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