Täglicher Spiegelblick

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Die Geschichten auf der Reise prasseln derzeit in derart kurzen Zeitabständen auf mich ein, dass ich beim Verarbeiten weder im BLOG noch im Buch hinterher komme. Ich residiere aktuell auf der malayischen Insel Langkawi im Guesthouse GECKO.

Erst bildete sich hier eine Gruppe bestehend aus einem Katalanen, einem Iren, einen Österreicher, einer in Singapore lebenden Amerikanerin und einer Deutschen. Wir verbrachten Weihnachten und Sylvester zusammen. Der Ire, kurz «G» genannt, schlug eine Weihnachtschallenge vor. Ab 12:00 Uhr, jede Stunde ein Drink, keine Sorte Alkohol zweimal, 12 Durchgänge. Gar nicht einfach! Und bei weitem nicht so schlimm, wie es klingt.
Natürlich sprachen wir über Weihnachten und die Unterschiede in den jeweiligen Ländern. Für die kommenden Weihnachten habe ich für mich mitgenommen, daraus einfach eine nette Partie zu machen und den ganzen Background des Festes zu streichen. Dann wird die Sache einigermaßen verträglich.

Ich habe von der Truppe eine Menge mitgenommen. Sei es nun die Sichtweise der Katalanen im aktuellen Konflikt, oder die Lebensart des Iren, der trotz seiner jungen Jahre bereits jahrelang durch die Länder zieht. Der Österreicher steht am Anfang von alledem. Er hat in Österreich alles verkauft und ist gerade auf dem Weg nach Laos.

Traveller und Backpacker sind unstete Gesellen. Doch kaum waren sie weg, folgte die nächste Konstellation. Zwei Marokkaner auf der Flucht vor den Ansprüchen der Familie an sie, ein durch die Welt reisender französischer Gitarrist, ein ebenfalls reisender Saxofonist aus Uruguay und ein lokaler Profimusiker. Im Vorbeigehen entdeckten sie das Talent des Marokkaners, dessen Augen bei einer Jam Session im Dunkeln strahlten.
Gemeinsam verschlug es uns in ein Luxus – Hotel, in dem der Saxophonist zusammen mit anderen Südamerikanern aufspielte. Reisende Profi – Musiker! Wieder eine Welt, zu der ich zuvor niemals Zugang hatte. Die Marokkaner bestätigten mir erneut einen Verdacht. Nordafrikaner verfügen über ein unglaubliches Sprachtalent. Unter fünf Sprachen machen es die wenigsten.

Alle zusammen gaben mir ein Bild über die Deutschen mit auf den Weg, welches mich stolz macht und gleichzeitig traurig hinterlässt. Noch vor knappen 20 Jahren hatten sie einen schlechten Ruf. Der ist längst von Israelis, Russen und den Franzosen abgelöst worden. Deutsche Traveller gelten zur Zeit als zurückhaltend, freundlich, gebildet und aufgeschlossen.
Traveller setzen sich viel mit Sprachen auseinander. Was kann, wie und in welchem Umfang in einer Sprache transportiert werden. Deutsch wird allgemein «Powerfoul» benannt. Die «Araber» gaben mir ein Beispiel. Es ist wohl sehr schwer, im Arabischen eine ICH – Position einzunehmen, mit der die eigene Verantwortung herausgestellt werden kann. Kommt zum Beispiel ein Teilnehmer eines Meetings zu spät, verweist er darauf, dass die Zeit zu schnell verstrichen ist und er deshalb zu spät kommt. Er würde niemals auf die Idee kommen, dass er der Verantwortliche für seine eigene Zeiteinteilung ist.
Viele Jüngere wollen wichtige Texte im Original lesen. Abhandlungen über das Internet in Englisch, Texte zur französischen Revolution oder Begründung des modernen Staatswesens von Montesquieu, Molière, Voltaire in Französisch. Philosophische und physikalische Abhandlungen von Heisenberg, Einstein, Kant, Schopenhauer, Nietzsche in Deutsch.
Eins fällt dabei auf. Das Interesse an deutschen Texten endet mit Beginn des Dritten Reichs. Weder ein Heidegger, eine Hannah Arendt, die komplette Frankfurter Schule gehört zum Kanon des Interesses. Jean – Paul Sartre steht hingegen immer noch hoch im Kurs.

Ich hörte nur zu. Warum den Ruf beschädigen? Doch die Realität in Deutschland sieht anders aus. Die deutschen Rechtspopulisten basteln hinterhältig am Reichtum der deutschen Sprache. Ein altes Phänomen in Deutschland. Massen lassen sich am ehesten mit markigen Begriffen steuern, denen eine fest umrissene Bedeutung angehängt wird. Sind es alte Begriffe, wie zum Beispiel Volk oder Kultur, beanspruchen sie Deutungshoheit. Bei den neueren Schlagworten ist es einfacher. Immerhin haben sie sie selbst erschaffen und damit auch gleich die Konnotation mitgeliefert. Hierfür ist der «Gutmensch» ein hervorragendes Beispiel.
Bei den Gesprächen über Sprachen wurden stets zwei Autoren erwähnt. George Orwell und Aldous Huxley. Beide erkannten bekanntermaßen die Macht und Wirkung der Sprache. Ich hätte erwähnen können, dass beide in Deutschland in den letzten 10 Jahren längst umgesetzt werden.

Die Möglichkeiten eines differenzierten Denkens, die mittels des Deutschen durchaus möglich ist, ist den Populisten ein Gräuel. Neuerdings bleibe ich häufig am Begriff «Einzelfall» hängen. Nüchtern betrachtet ist jeder Fall ein einzelnes Ereignis. Bei Ermittlungen seitens der Polizei werden bisweilen mehrere Fälle zu einem Vorgang zusammengefasst, da sie von einem Täter ausgehen. Trotzdem kommt der Ermittler nicht daran vorbei, sie einzeln zu betrachten, es sei denn, die Straftaten gehören zu einem Sachverhalt. Das ist der Fall, wenn ein Täter ein Fluchtfahrzeug stiehlt, sich illegal eine Schusswaffe besorgt und dann in eine Bank spaziert.
Das Großhirn ist nicht dazu in der Lage dauerhaft einzelne Ereignisse, als solche zu akzeptieren. Es benötigt Assoziationsketten, die am Ende eine Geschichte ergeben. Zu allem anderen muss der Mensch sich intellektuell zwingen. Dies ist selbstverständlich nicht im Sinne eines Populisten. Die spöttische Verwendung des begrifflich unsinnigen Wortes «Einzelfall» soll die Verstandsleistung diffamieren und die Menschen wieder zum Denkfehler des Großhirns hinführen. Außerdem erzählen die Populisten ihre Geschichte, welche sie dann in die Köpfe hineinsetzen.

Allein die Tatsache, dass wir auf eine philosophische Geschichte zurückblicken können, in der sich Denker über Worte wie Vernunft, Verstand, Wirklichkeit, Wahrheit, Meinung, Fakten, Gedanken machten, zeichnete uns aus. In der Breite der Masse verblassen diese Differenzierungen. Es ist ein schleichender Prozess. Einer, der nicht ausschließlich seitens der konservativen Nationalisten vorangetrieben wurde, sondern über Jahrzehnte von einer politischen Elite und der Wirtschaft favorisiert wurde. Die Fragmente der nationalsozialistischen und realkommunistischen Propaganda der DDR tragen ihr übriges dazu bei.

Ich wiederhole mich. Reisen ist wie der Gang durch ein Spiegelkabinett. Jeder neue Mensch, auf den man trifft, ist ein Spiegel, durch dessen Reflexion man sich selbst erkennen kann. Die Musiker haben mir durch ihre Art zu leben, meinen eigenen Lebensweg, mit seinen Vor- und Nachteilen gezeigt. Ihr Verzicht auf Sicherheit und die damit verbundene Freiheit, gegen meine Sicherheiten und hierdurch entstandenen Abstrichen. Ihre Kreativität und Leichtigkeit, gegen meine Möglichkeiten, von der sicheren Basis aus zu analysieren. Da ich beschlossen habe, mich nicht mehr zu verstecken kommt die Knallerbse immer am Ende. Was hast Du bisher beruflich gemacht? «Äh, Kriminalbeamter!» Bisher kam nicht einmal die Aussage: «Habe ich mir gedacht.» In der Regel ist blankes Staunen die Regel. Ich gebe zu, dies erfüllt mich mit ein wenig mit Stolz. Nicht, weil ich mich für die Verhaltensweisen und das Denken eines Polizisten schämen würde, sondern weil ich bei Ihnen Klischees zertrümmere.

In Deutschland erscheint mir dieses längst unmöglich. Große Teile der Gesellschaft haben einen Prozess vollendet, der seitens der Frankfurter Schule vorausgesehen wurde. Die Entstehung einer vollständig verwalteten Gesellschaft. Bis zu einem gewissen Grad ist das Denken in Kategorien durchaus normal und ein weiterer schwieriger Prozess im Gehirn. Wir benötigen Kategorien und Vorurteile für schnelle Reaktionen. Doch in unserer Gesellschaft werden diese Kategorien mittlerweile wie ein Kasten System angewendet. Da war doch mal etwas bei Orwell und Huxley? Das ist die Aufgabe der Freiheit des Individuums und der Anfang Menschen zu katalogisieren. Die Flüchtlinge, die Migranten, die Beamten, die Polizisten, die Hartz IVrer, die Rentner, das Prekariat, die Linken, die Rechten. Ein trauriger, doch scheinbar nicht abwendbarer Prozess.
Ich habe aus den Gesprächen der letzten Monate mitgenommen, dass ich aus einem Land stamme in dem die Rahmenbedingungen für die Freiheit mit Abstand die besten sind. Doch ein moderner Rahmen verändert noch lange nicht das Bild, welches er umrahmt. Ein altes Ölgemälde bleibt, das was es ist, und verändert sich nicht durch einen Aluminiumrahmen und schicke Strahler. Ich hoffe, diejenigen aus der CDU, CSU, AfD, NPD und alle anderen aus dem konservativen bis hin nationalkonservativen Spektrum, die an einem alten Holzrahmen schnitzen, scheitern am Ende an den modernen Vorstellungen der jungen Generation.
Die Musiker haben mir erneut gezeigt: Freiheit hat einen Preis. Wer frei sein will, muss auch auf Sicherheiten verzichten können. Sie ist diesen Preis wert. Aber da ist immer noch die Geschichte von dem in Gefangenschaft groß gewordenen Vogel, der draußen in der Freiheit nicht überleben kann, weil er es nie gelernt hat und deshalb nach einem Ausflug sich wieder in den Käfig setzt. Danach kann die Tür zum Käfig offen stehen. Er fliegt nicht mehr hinaus. Lieber opfert  der Vogel das Fliegen und die Freiheit für Schutz und Nahrung.

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