Nazis raus … und dann?

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«Nazis raus!», lautet der aktuelle Trend in der Gegnerschaft der AfD. Ich frage mich schon länger, ob das alles einen Sinn ergibt. Mir fehlt bei der ganzen Sache eine gesellschaftliche Analyse. Denn erst wenn ich verstehe, was da in den letzten Jahren passiert ist, besteht die Möglichkeit einer Kehrtwende.

Ich glaube, man muss hierzu sehr viel berücksichtigen. Grundsätzlich befinden wir uns in Deutschland hierfür in einer günstigen Position, da wir auf geschichtliche Erfahrungen zurückgreifen können. Zunächst einmal haben wir es mit Menschen zu tun. Ich halte die Feststellung für wichtig. Der Terminus «Nazi» ist mir persönlich zu abstrakt.

In unserer Gesellschaft existieren meiner Auffassung nach einige Grundprägungen. Deutschland nach 1945 erlitt einen massiven Identitätsverlust. Vom «Herrenmenschen» mutierten die Deutschen plötzlich zum Anhänger eines monströsen Systems: «Nationalsozialismus».
Doch die Propaganda, die sprachlichen Eingriffe und das aufgebaute Selbstverständnis, endet nicht schlagartig mit dem Ende eines Krieges. Ähnliches passierte 1989. Nochmals verloren Teile Deutschlands ihre nationale Identität. Diesmal mussten sich viele damit auseinandersetzen, dass man sie als Anhänger und Unterstützer eines stalinistisch geprägten Systems sah und sie vor allem verloren hatten. Ich benutze bewusst das Verb: «Verlieren!». Verlieren schmerzt in der Seele. Und auch die Propaganda zusammen mit den sprachlichen Eingriffen, wirken in der Gesellschaft nach.

Ein Marokkaner sagte letztens in einem Gespräch: „Die benutzte Sprache ist das Betriebssystem des Sprechers.“ Ich finde besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Es gibt Worte, die Verantwortung und Freiheit signalisieren. Andere setzen uns in die Passivität. Wir handeln nicht mehr selbst, sondern mit uns geschieht etwas bzw. sind wir bereit, uns als Individuum zu Gunsten einer Idee, Gemeinschaft, Schublade oder Kategorie aufzugeben. Die Sprache von Religionsgemeinschaften, Parteien und insbesondere der Nationalkonservativen, Konservativen, Neoliberalen, ist angefüllt mit Satzgefügen und Worten, die eben dies erreichen wollen. Volk, Deutscher, Leitkultur, möchte ich hier nur exemplarisch benennen. Ich fühle mich in erster Linie nicht als Deutscher, sondern ich sehe in mir einen Angehörigen der Spezies Mensch, in den Fünfzigern, der versucht ein Leben zu führen, auf das er mit dem letzten Atemzug zufrieden zurückblicken kann. Die Befähigung dies so zu sehen ist meine Identität.

Identität geht mit Anerkennung einher. Wer oder was bist Du? Ein deutscher Staatsbürger? Ein fürsorgender Familienvater? Ein stolzer Arbeiter? Ein interessanter eloquenter Typ? Worüber definierst Du Dich? Wer sich über seine via Geburt erworbene Eigenschaft als Deutscher definiert, sagt über sich eine Menge aus. Was passierte da in den Zwanzigern und Dreissigern des letzten Jahrhunderts? Diverse Identitäten wurden diffamiert und neue vergeben. Die «Deutsche Mutter», der hart wie Krupp – Stahl geschmiedete junge Mann, das «Deutsche Mädel», der «Landser», der «Deutsche Offizier».
Auf der anderen Seite erzeugten die Kommunisten die Identität des zusammenstehenden Arbeiters aus dem Proletariat, der Ehre und Anstand in den Knochen hatte und im Gegensatz zu den Bonzen und Nazis mit seinen Händen etwas erschuf. Schwer hatte es die Intelligenz. Wenn Philosophen, Autoren, Journalisten nicht eins der beiden Lager bedienten, wurden sie schnell aussortiert.

Der Mensch auf der Suche nach Identität, Anerkennung, Gemeinschaftsgefühl, gemeinsamen Zielen und Antworten, die er sich selbst nicht geben kann. Dies sind psychologisch betrachtet auch die Gründe für die Zuwendung zu Religionen. Die AfD ist lediglich ein Zusammenschluss von Menschen unter einer Bezeichnung. Höcke beruft sich auf alte Vordenker, die davon ausgingen, dass die Masse an sich eine strikte Führung benötigt. Vermutlich hat er damit nicht einmal ganz unrecht. Die Geschichte der Menschheit spricht de facto dafür. Erst war es die Priesterschaft, dann die Pharaonen, Cäsaren, Könige, Diktatoren … die Geschichte hierzu ist lang.
Ich denke, eins der schwierigsten Unterfangen im Leben ist das Finden des ICH und die Übernahme einer Verantwortung für das eigene Leben, sowie der eigenen Handlungen. Unsere Gesellschaft und der Aufbau der Wirtschaft macht diese Lebensaufgabe nicht einfach. Hannah Arendt hat trefflich darüber nachgedacht, was passiert, wenn ein Mensch die Folgen der eigenen Handlung nicht mehr sehen kann.
Ebenso gibt es diverse Abhandlungen über die Verwendung des Worts «man». Man macht, man denkt, man ist im Allgemeinen der Meinung usw.. Unser Gehirn ist dankbar für die Vereinfachungen, entspricht es doch der evolutionären Prägung eines Lebens in der Horde. Doch Horden bestanden meistens aus zehn bis fünfzehn Individuen und nicht aus Millionen. Verzweifelt sucht sich der Mensch eine neue Einheit: Das Volk!

Die Nationalsozialistische Partei Deutschland gehört der Vergangenheit an. Streng genommen gibt es keine Nazis mehr, es sei denn sie sind Überlebende. Was aber noch existiert sind die Voraussetzungen in der Persönlichkeit eines Menschen und seinem Verhalten in der Masse. Nicht ohne Grund war Heidegger anfangs ein Fan der NSDAP. Er sah in ihnen die Antwort auf die in ihm entstandenen Fragen bezüglich der Steuerung und Führung einer Masse.

Damit existieren zwei Sorten Mensch. Zum einen die in der Masse lebenden und andererseits die Einzelnen, welche sich dazu berufen fühlen, diese Masse zu steuern und hierzu Antworten gefunden haben. Die Frankfurter Schule machte sich einst Gedanken über die Auswirkungen des Prozesses der immer mehr voranschreitendenden Verwaltung der Wohlstandsgesellschaft. Im Ergebnis stellten sie fest, dass das Individuum grundsätzlich innerhalb eines von Freiheit geprägten Rahmens lebt, sich jedoch aktiv selbst für die Freiheit entscheiden muss, da es sonst zu einer verwalteten Einheit verkommt. Ich denke instinktiv spüren viele, dass sie versäumt haben diese Entscheidung zu treffen. Sie finden sich in der Anonymität wieder. Das Einnehmen einer nationalkonservativen Position, die vermeintlich aus einer deutschen Leitkultur entstehende europäische Individualität, gibt ihnen scheinbar etwas zurück.

Zu allem kommt hinzu, dass in dieser Gesellschaft, die Lebensleistung des Einzelnen nicht mehr gewürdigt wird, sondern Statussymbole die Gier nach Anerkennung befriedigen. Scheinheilig versprechen die Konservativen die Abkehr davon. Scheinheilig deshalb, weil sie die Ersten sind, welche darauf zurückgreifen, wenn es um sie selbst geht. Sie können gar nicht anders, weil das grundlegende System «Kapitalismus» darauf basiert. Nationalsozialismus stellt etwas in Aussicht. Anerkennung der Lebensleistung innerhalb des nationalen Gefüges. (Z.B. Mutterkreuz). Nationalismus ist die Unterordnung jeglicher Lebensleistung und identitätsstiftende Verhaltensstruktur zum Wohle der Nation.
Wie gesagt: «Nazi!», ist mir zu einfach. Freiheit ist ein komplexes Thema. Freiheit kann einem Menschen nicht einfach mittels eines gesetzlichen Rahmens zugesprochen werden. Er muss auch etwas damit anfangen können und sich seiner eigenen Geisteshaltung dazu bewusst sein. Gerade auf diese innere Freiheit des Geistes wird seit Jahrhunderten mit einem Vorschlaghammer eingedroschen. Der Kapitalismus mit seinem Bedürfnis, jeglichen menschlichen Aspekt zu einem veräußerbaren bzw. käuflichen Gut zu machen, hat sein Übriges dazu getan. Auch die Freiheit ist davon nicht verschont geblieben. Da ändert auch die Präambel des Grundgesetzes nichts.

Nach dem Krieg wurde den Bürgern Sicherheit verkauft. Sei es die Sicherheit vor einem weiteren Krieg, persönlichen Verlusten, Krankheit, einem Leben in Sorge oder Armut. Die Frage lautete stets: Welchen Preis seit ihr bereit für die Sicherheit zu zahlen? Kaum jemand hat nach dem Preis für die Freiheit gefragt. Der sicherste Platz ist ein moderner Bunker mit allem Schnickschnack. Doch zugleich ist er ein Gefängnis. 100 % Sicherheit ist zugleich der maximale Zustand an Unfreiheit. Eine einfache Rechnung. 80 % Sicherheit, 20 % Freiheit … usw.. Meiner Auffassung nach bedingt der Kapitalismus auch ein Stück weit das Erstarken der Ultra – Rechten und der ihn eigenen psychologischen Voraussetzungen. Gleichfalls der Zulauf zu anderen extremistischen Gruppen.

Die Praxen von Psychiatern, Psychologen, Therapeuten füllen sich immer mehr. Und nicht selten sind der Verlust der Verantwortung für das eigene Leben und der Freiheit ursächlich. Das ist ein Spiegel der modernen Wohlstandsgesellschaft. Selbst wenn sich diese Probleme nicht mehr an der AfD wie Wasserdampf absetzen, sind sie nicht verschwunden und werden andere Parteien verändern. Mit «Nazis raus!» ist es nicht getan. Die Gesellschaft muss sich einige Fragen stellen lassen. Manche finden den Weg in den religiösen Fanatismus, andere in den politischen. Doch beide Wege sind die Symptome eines gesellschaftlichen Syndroms.

Nebenbei lässt sich das nicht nur in Deutschland nachvollziehen. Ich habe über Freiheit in letzter Zeit mit vielen Menschen aus sehr unterschiedlichen Nationen gesprochen. Sehr wenige haben sich jemals Gedanken über ihre eigene Freiheit im Kopf, jenseits der staatlichen Rahmenbedingungen gemacht. Merkwürdigerweise waren es meistens Nordafrikaner, die darüber nachdachten. Doch dies kann ein Selektionsfehler meinerseits sein.

Danke für die Zeit, die Du/Sie Dir/sich für das Lesen genommen hast. Denn auch das ist Freiheit. Auf der einen Seite anzuerkennen, dass ein anderer Mensch Lebenszeit für einen selbst investiert hat und im Gegenzuge habe ich mir die Zeit spendiert, den Versuch zu unternehmen, etwas zu verändern.

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