Eine Gesellschaft von Richtern

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Es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil anderer abhängen.

Jean Paul Sartre

«Nur die allein leben in Muße, die ihre Zeit der Weisheit widmen: Sie allein leben. Sie hüten nämlich nicht nur ihre eigene Lebenszeit gut, sie fügen ihr auch noch jede Zeit Epoche hinzu. Alle Jahre, die vor ihnen gelebt wurden, haben sie für sich gewonnen … Man kann mit Sokrates diskutieren, mit Karneades zweifeln, mit Epikur zurückgezogen leben, das Wesen des Menschen mit den Stoikern überwinden, mit den Kynikern hinter sich lassen.»

Senecea, Das Leben ist kurz

Das menschliche Großhirn verarbeitet Informationen, die zuvor durch die älteren Hirnareale gegangen sind und von unzulänglichen Sensoren ermittelt wurden. Diese unzulänglichen Daten werden basierend auf individuellen Erfahrungen, dem bestehenden Gefühlszustand, den individuellen Fähigkeiten und vorhandenen Routinen ausgewertet. Diverse Fehlerquellen, die evolutionär begründet sind, sind nur mit äußerster Konzentration und viel Übung einigermaßen umgehbar.

Am Ende lautet das Ergebnis: Ich habe recht. Mein Abbild von der Welt ist korrekt. Meine Lebensvorstellungen sind die richtigen und wer dagegen verstößt, handelt falsch.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass zu irgendeinem Zeitpunkt die Kapazität des Gehirn größer wurde, denn der Mensch zum Überleben benötigte. Es begann sich zu langweilen. Damit begann eine neue Ära. Es erzeugt in uns ein individuelles Universum. Wollen wir einem anderen Menschen mitteilen, wie dieses Universum aussieht, müssen wir kommunizieren. Dies tun wir mit der Körpersprache, Gestiken, hormonellen Ausströmungen, der Stimme, Wörtern, erzeugten Klängen und Bildern.

Eine äußerst komplizierte Sache, die trotz aller Sorgfalt grundsätzlich nur bedingt funktioniert.

Im Prinzip ist jeder ein Maler. Mit einer individuellen Farbpalette und einer Sammlung an Pinseln, zeichnen oder malen wir ein Bild auf einer inneren Leinwand unseres Gegenübers. Wir haben keinerlei Einfluss darauf, welche Art Projektionsfläche uns der andere zur Verfügung stellt, wir wissen nicht, welche Farben er erkennen kann und wir haben auch keine Kenntnis über seine Interpretationen. Wir müssen erfragen, wie der andere das Bild auslegt. Außerdem kann sich das, bei der Veränderung eines einzigen Faktors, innerhalb einer Sekunde ändern. Gleiches widerfährt uns. Im Ergebnis haben wir keinerlei Möglichkeiten unser Bild, welches ein anderer von uns hat, zu beeinflussen. Dennoch sind wir mit dem Versuch rund um die Uhr beschäftigt.

All diese Dinge sind menschlich. Immer wenn ein Mensch handelt, ist es von der logischen Ableitung her, menschlich! Unmenschlich ist an sich ein vollkommen unsinniges Wort. Gemeint ist ein vom Gehirn erzeugtes «Idealbild» eines Menschen, welches variiert.

In unterschiedlichen Kulturen zeichnete irgendwann mal jemand ein Bild auf der inneren Leinwand und definierte: So sollte meiner Auffassung nach, ein Mensch handeln. Mit der tatsächlichen Natur des Menschen hat dieses Bild wenig zu tun. Je idealer es aussieht und von den 200.000 Jahre alten Verhaltensmustern des Säugers aus der Ordnung Primaten, Unterordnung Trockennasenprimaten, Familie Menschenaffe – kurz: nackter Affe abweicht, umso unerreichbarer wird es.

In den Buchreligionen wird alles vom Idealbild abweichende mit dem Begriff Schuld belegt, dem totalen Ideal entspricht ausschließlich Gott. Die Anhänger versuchen sich dem Bild zu nähern, sind aber am Ende auf Vergebung angewiesen, weil sie es nicht erreichten. Konfuzius und einige Griechen beschrieben den Weg und die Unternehmungen zum Erreichen des Idealbilds als das Lebensziel des Menschen. Buddha ging auf die Suche, warum der Mensch es nicht erreichen kann, und vertrat die Meinung, dass erst einmal die Hinderungsgründe beseitigt werden müssten.

Der nüchterne Verhaltensforscher und Psychologe sagt: Ihr könnt anstellen, was ihr wollt, am Ende landet ihr immer bei dem, was in der Evolution entstanden ist. Um dieses Verhalten zu ergründen, beobachten sie und testen den Menschen in verschiedenen Lebenssituationen aus. Damit nähern sie sich ein wenig Buddha an. Mit dem Unterschied, dass der einen Weg gefunden haben will, wie man dem Verhalten entkommt.

Diese Schuld, also nicht dem Idealbild zu entsprechen, laden wir im Alltag mal mehr oder weniger gravierend, auf uns. Wir entschuldigen uns, wenn es sich nicht gerade um Gibbs in Navy CIS handelt, rund um die Uhr. Für Unaufmerksamkeiten, Unterlassungen, Gedankenlosigkeiten, Fehlleistungen, falsche Lagebeurteilungen und vieles mehr. Zusammengefasst für lauter Dinge, die schlicht dem menschlichen Verhalten bzw. Fehlbarkeiten entsprechen.

Oftmals deshalb, weil wir für diese Handlungen oder die Umwelt einfach ungeeignet sind. Dinge, die uns das gelangweilte Gehirn beschert hat. Ausgelegt sind wir für das Leben in Horden/Verbänden, die eine flexible Gruppenunterteilung und Hierarchien haben. Verhaltensforscher haben das bei uns nah verwandten Primaten beobachtet und Abiturienten, die in den Achtzigern Bio – Leistungskurs hatten, wurden damit belästigt. Ein Leben in einer Massengesellschaft, die Industrialisierung und die damit einhergehenden enthumanisierten Arbeitsprozesse künstliche starre Hierarchien und ähnliche Phänomene waren in der Evolution niemals vorgesehen.
Die daraus resultierenden Folgen beschäftigen Psychologen und Psychiater, die versuchen zu retten, was zu retten ist. Meiner ganz persönlichen Meinung nach, kann sich ein im eigentlichen Sinne psychisch gesunder Mensch in der überwiegenden Zahl moderner Berufe und Gesellschaftsstrukturen nicht eingliedern.

Das Idealbild ist abhängig von der Kultur. Jede Gesellschaft benötigt Regeln des Zusammenlebens. Das ist bei den anderen Primaten nicht anders. Hierzu gehören sehr praktische, deren Zweck klar erkennbar ist und ritualisierte Handlungen, bei denen der Ursprung bisweilen schwer ermittelbar ist. Eine Regel soll ein soziales Gefüge ermöglichen und Konflikte verhindern, bzw. im Falle eines Entstehen Schlimmeres verhindern (z.B. Demutsgeste). Damit haben gut überlegte Regeln für alle einen Vorteil. Sind sie einseitig und begünstigen lediglich einen Teil, wird es kompliziert. Damit diese Regeln eingehalten werden, bedarf es eines Sanktionssystems. Ich denke, die meisten werden mir bis hier zustimmen.

Da wir aber in einem System leben, welches ein Ergebnis der nicht ausgelasteten Gehirnregionen ist, welches in großen Teilen nicht den natürlichen Bedürfnissen des nackten Affen entspricht, wird es in vielen Bereichen kompliziert.

Dem künstlich erzeugten Idealbild auch nur ansatzweise zu entsprechen wird immer schwieriger, womit es auch immer wahrscheinlicher wird, mit der Definition Schuld belegt zu werden. Die Beurteilung, ob eine Diskrepanz zwischen Idealbild und festgestellten Handeln besteht, nennen wir Richten. Und wer richtet, ist ein Richter. Jedes Mal, wenn wir um Entschuldigung bitten, ernennen wir einen anderen zu unserem Richter. Am Ende leben wir in einer Welt, die sich aus Richtern und Schuldigen zusammensetzt.
Die andere Formel lautet: «Ich entschuldige mich!» Anders: «Ich verhalte mich nicht den Regeln des Ideals entsprechend, aber ich habe gute Gründe dafür oder ich bin Opfer meiner menschlichen Unzulänglichkeiten geworden.»

Ich mag es nicht, wenn mich jemand um Entschuldigung bittet oder sich selbst entschuldigt. Ich mag nicht zum Richter gemacht werden, eine Rolle, die ich nicht einnehmen kann. Da ich dem gleichen Problem unterliege, kann ich schlecht etwas dazu sagen.
Im anderen Fall handelt er oder nicht! Bin ich dadurch benachteiligt, war er sich aus seiner Perspektive selbst oder etwas anderes offensichtlich wichtiger, denn meine Belange. Vielleicht war er auch nur Opfer seiner Fehlbarkeiten. Dafür kann ich ein Verständnis entwickeln oder es lassen.


In unserer Gesellschaft sieht das alles ein wenig anders aus. Eine große Anzahl ernennt sich selbst zum Richter über andere, in dem sie eine Schuldzuweisung betreiben. Ist einem anderen Menschen seine Abweichung vom Idealbild, welches ohnehin niemand in Gänze erfüllt, vorzuwerfen? Hätte er bei reiflicher Überlegung und Abwägung aller ihm zugänglichen Informationen – die erwähnten unzulänglichen – das Abweichen verhindern können? Auch die eigenen Informationen über das Handeln des anderen sind unzulänglich und mit jede Menge Fehlerquellen versehen. In der Regel sehe ich nur das Endergebnis einer langen Geschichte. Wie soll ich da als Mensch richten?

Irgendjemand muss diesen Menschen suggeriert haben, dass sie die Befähigung dazu haben. Sie überheben sich über die Fehlbarkeit, das wird Überheblichkeit genannt. Die meisten davon leben in einem Umfeld, welches dazu geeignet ist, bei einem unauffälligen Verhalten, geringe Abweichungen vom deutschen Idealbild zu ermöglichen. Sie entschuldigen sich dafür, dass sie fünf Minuten zu spät zur Arbeit kommen. Vielleicht haben sie vergessen, dem Vorgesetzten die Tür aufzuhalten, oder den Hochzeitstag vergessen. Das dichte deutsche Regelwerk ermöglicht ein scheinbares Einhalten eines künstlichen Idealbildes, welches nicht zwingend mit einem ethischen Idealbild im Einklang stehen muss. Jenseits dessen, gibt es in der Deutschen Gesellschaft diverse sogenannte Subkulturen mit eigenen Idealbildern. Zum Beispiel lädt ein Rocker aus einer 1 % – Gang Schuld auf sich, wenn er mit der Polizei kooperiert und wird deshalb ins «Bad Standing» gestellt. Dies ist nur ein Beispiel von vielen.

Ein Teil der Gesellschaft, die gesetzestreuen Bürger, die sich im Allgemeinen mittels ausreichender Machtmittel zur dominanten Gruppe gemacht haben, hat sich der Gerichtsbarkeit und damit eines benannten Richters unterworfen. Er richtet im Abgleich mit dem von dieser Gruppe akzeptierten Idealbild. Zugestanden wird, dass es Umstände geben kann, die es auch einem gesetzestreuen Bürger nicht möglich machen, dem Bild zu entsprechen. Dies sind die sogenannten Schuldausschliessungsgründe. Eventuell war das Abweichen auch gerechtfertigt. Töten gehört normalerweise nicht zum gesetzlichen Idealbild, kann aber gerechtfertigt werden, dann passt es wieder. Für das Vaterland im Krieg zu töten, wird von den Gesetzestreuen zum Beispiel akzeptiert, während es von religiösen Idealbildern abweicht. Doch diese Beurteilung der Diskrepanz, steht alleinig dem dazu berufenen Richter zu, hierauf hat sich die dominierende Untergruppe der Gesellschaft geeinigt.

Wenn auch in unserem System nicht vorgesehen, könnten sich die selbst ernannten Richter, die zugleich die passenden Sanktionen zu ihren Urteilen fordern «Kopf ab, Schwanz ab, Einsperren bis er verfault u.s.w.» auf ein religiöses Idealbild berufen. Dominierend ist hierzulande das Christentum. Die höchste Gerichtsbarkeit ist Gott. In der Bibel wurde hierzu ausgeführt: «Wer da frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein!» Wer also nicht dem göttlichen Idealbild entspricht, darf auch nicht richten. Ergo … Fehlanzeige.

In der Ethik und Philosophie ist richten immer schwer, eher nahezu ausgeschlossen. Kant versuchte es mit einem Idealbild des Menschen, bekam es aber von diversen ebenso nicht zu verachtenden Zeitgenossen um die Ohren gehauen. Fazit, es ist nicht vorgesehen, dass sich ein Mensch über einen anderen zum Richter erhebt, außer im Konstrukt einer Gerichtsbarkeit auf der Basis von Gesetzen, und innerhalb dessen obliegt es nur dem dazu berufenen Richter.
Nochmal: Das variiert mit der bestehenden Kultur. Deutlich wird das am Beispiel eines südamerikanischen Kopfjägers. Das Köpfen von Menschen ist bei uns aus der Mode gekommen. Wir betrachten dies als barbarischen Mord. Dort ist es Teil der tief verwurzelten Kultur. Es entspricht nicht meinem persönlichen Geschmack, der ist aber im Sinne einer Verurteilung irrelevant. Der würde erst relevant werden, wenn unter meinen Füssen Blumen wachsen und mich ein seltsamer Schein umgibt. Der Fairnesshalber müssten sie allerdings akzeptieren, dass ich sie im Gegenzuge auch töte.


Mir bleibt nur übrig: Ich hätte anders gehandelt oder ich füge mich der Gerichtsbarkeit der dominierenden Gesellschaftsgruppe. Und weil die am längeren Hebel sitzen, muss ich auf die Fairness des berufenen Richters hoffen. Ob ich mich selbst schuldig fühle, hängt von meinem eigenen Idealbild und Selbstverständnis ab.
Für meinen Teil kann ich sagen, dass ich diesbezüglich einiges abgekratzt habe. Ich versuche immer mehr, in mir den Menschen zu akzeptieren. Der Vorteil daran ist, dass ich dies auch jedem anderen zugestehen kann. Das schont die eigenen Ressourcen. Andere zu verurteilen, sich selbst zu bezichtigen, ständig einem Ideal hinterherzurennen kostet Kraft und ist recht unsinnig. Ich muss mich auch für nichts entschuldigen oder Dinge in der Vergangenheit innerlich anprangern. Eigentlich muss ich mich nur im gerade jetzt stattfindenden Augenblick fragen, ob ich gerade meine Lebenszeit nach meinen Vorstellungen nutze.

Ja! Während des Schreibens sind mir einige Sachen noch deutlicher geworden, ich lasse andere daran teilhaben … Why not!

« … Wohlan, überschlage dein Leben und gib Rechenschaft davon. Berechne, wie viel dir davon der Gläubiger, wie viel die Geliebte, wie viel der Angeklagte, wie viel der Klient entzogen hat, wie viel der eheliche Hader, wie viel die Sklavenzucht, wie viel das dienstbeflissene Umherrennen in den Straßen der Stadt; nimm dazu die selbstverschuldeten Krankheiten und was unbenutzt liegen blieb, so wirst du sehen: die Zahl deiner Jahre ist geringer, als du annimmst.»

Senecea, Das Leben ist kurz

Atti gewidmet, dem der Text glaube ich ganz gut gefallen könnte

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