Burnout Teil III

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Bevor Sie den letzten Teil der drei BURNOUT Beiträge lesen, habe ich einige Fragen. Kennen Sie Bob Ross? Haben Sie bereits mehr als drei nächtlich ausgestrahlte Folgen Medical Detektivs gesehen? Sind Sie schon einmal bei einer Folge einer Serie im Sessel eingeschlafen und an der passenden Stelle der Wiederholung wach geworden? Liegt die letzte Leerung ihres Briefkastens mindestens drei Tag zurück? Haben Sie in den letzten Tagen, vor einer neuen Bierbestellung ausgerechnet, wie viele Stunden bis zum nächsten Dienstantritt sind? Liegen in der Wohnung mehr als drei ungeöffnete Briefe herum? Sind sie krank geschrieben?

Sollten Sie mit diesen Fragen etwas anfangen können, würde ich mich darüber freuen wenn Sie weiterlesen. Machen wir uns nichts vor: Die Zeit dazu haben Sie. Allen anderen wird der Beitrag vermutlich zu lang werden bzw. das Interesse fehlen.

Einer der miesesten Dinge bei einem BURNOUT ist der Begriff selbst und wie bereits in den anderen Teilen erläutert, die damit einhergehende Bezeichnung Krankheit. Wer sich in dieser Lebenslage befindet, kennt Krankheiten in Form von grippalen Infekten, Verletzungen, Zahnschmerzen pp.. Die anderen Sachen sind falscher Lebenswandel, Unvermögen, Urlaubsreife, kurzfristige Stressbelastungen, mangelnde Selbstkontrolle usw. Deshalb nannte ich es in TEIL I – II gesundes NOTLAUFPROGRAMM zum Schutz vor schlimmeren Folgen. BURNOUT ist eine lächerliche Bezeichnung, die von modernen Weicheiern erfunden wurde. Frei nach dem Motto: Irgendetwas muss ja auf dem Zettel stehen. So jedenfalls der allgemeine Tenor in Arbeitsbereichen, in denen es genau dazu kommt. Tatsächlich wird jeder im Berufsleben Stehende beim Lesen der Ankreuzteste einige Treffer haben.
Einige ziehen sich auch gern darauf zurück, dass es das früher schließlich auch nicht gegeben habe. Die Generationen davor haben einfach gearbeitet.

Ist das so? Ich sehe dies ein wenig anders. Die Durchhalteparolen der sogenannten Nachkriegsgenerationen sprechen dagegen. Durchhalten ist nicht zwingend Leben. Bereits der Römer Seneca kritisierte vor 2000 Jahren, dass die Mitbürger ihr Leben auf eine Zeit nach dem Arbeitsleben verschieben würden, ohne zu wissen, ob sie dieses Alter überhaupt erreichen würden. Wir leben schon seit geraumer Zeit in einem Umfeld, in dem eine andere Sicht auf das Leben für einige Wirtschaftsbereiche erhebliche finanzielle Verluste einbringen würde. Zu weit in die Vergangenheit zu schauen bringt glaube ich wenig. Ich beschränke mich auf das 1965 erschienene Lied: Mother Little Helper der Rolling Stones. Zumindest damals scheint schon einiges aus dem Ruder gelaufen zu sein.

Man kann sich trefflich streiten, wie ein erfülltes, gesundes, selbst bestimmtes Leben aussieht. Wer mit den eingehenden Fragen etwas anfangen kann, wird mir zustimmen, dass es so jedenfalls nicht aussieht. Ich selbst habe mir eine morbide klingende Regel zu eigen gemacht. Ich frage mich, ob das was ich gerade tue auch seine Berechtigung hätte, wenn ich wüsste, dass ich in den nächsten zwei Tagen sterbe. Anders: Ich habe den Tod zu meinem besten Ratgeber gemacht.

Vor einem Jahr habe ich  mir ein Experiment vorgestellt. Drei Probanden wird die Aufgabe gegeben, mittels eines durch Muskelkraft angetriebenen Generators eine lebenserhaltene Maschine mit Strom zu versorgen. Von der Maschine ist ein Patient abhängig. Im Wechsel von drei Schichten treten die Probanden in die Pedale und produzieren Strom. Jeweils nach einer Woche wird einer abgezogen, so dass nach zwei Wochen nur noch einer 24 Stunden lang treten muss, um den Patienten am Leben zu erhalten.

Dem letzten Probanden wird nach einiger Zeit bewusst, in welchen Dilemma er sich befindet. Hört er auf zu treten, stirbt der Patient. Letztlich ist aber auch klar, dass er die Nummer nicht auf ewig durchhält. Egal, wie es läuft, am Ende fühlt er sich schuldig. Er sitzt in der Falle. Entweder er steigt ab, weil er sein eigenes Leben voran stellt oder seine Kräfte versagen. 

Ich versuchte mit diesem fiktiven Experiment für mich selbst zu ergründen, wieso man nicht einfach geht und den ganzen Kram anderen überlässt. Warum überträgt der letzte Proband nicht die Verantwortung auf den Konstrukteur, der wissen müsste, dass der Patient nach Abzug der beiden anderen irgendwann sterben wird? Schließlich könnte er jederzeit mit der Begründung absteigen, dass das weitere Geschehen nicht in seiner Verantwortung liegt, sondern sich die Konstrukteure etwas einfallen lassen müssen.
Das alltägliche Geschehen um mich herum sieht für mich nicht viel anders aus. Da gibt es eine Gemeinschaft von Bürgern die verschiedenen Berufsgruppen sagt, dass von ihnen der Fortbestand der Gesellschaft abhängig ist. Krankenpflegern, Sozialarbeiter, Feuerwehrleute, Assistenz – Ärzten werden auf den Generator gesetzt, und jeden Tag machen wegen Sparmaßnahmen weniger den Job. Das eingesparte Geld versickert durch merkwürdige Lecks, wie zum Beispiel dem BER. Dieses sich gut oder schlecht fühlen kommt nicht von irgendwo her. Es gibt Gründe für die negative Bewertung des Absteigens. Komischerweise stellt man sich nicht die Frage, warum man nicht das eigene Leben höher bewertet, als das der anderen.

Auf der Suche nach den Gründen, musste ich an das den meisten bekannte Milgram Experiment denken. Ich finde, am nachdrücklichsten wurde es im Film I – wie Ikarus dargestellt. Ein Sonderermittler geht den wahren Hintergründen eines Attentats auf die Spur. Bei den Ermittlungen landet er auch in einem Institut, in dem psychologische Experimente durchgeführt werden. Er wird Zeuge eines dieser Experimente. Probanden, die zum Lehrer ernannt werden, sollen Schülern Verbindungen zwischen Bildern und Begriffen beibringen. Gibt der Schüler eine falsche Antwort, wird der Lehrer aufgefordert einen Stromschlag zu geben. Ohne seine Kenntnis, handelt es sich bei den Schülern um Schauspieler, die die Schmerzen simulieren. Die Stromschläge sind gestaffelt bis zur letalen Dosis. Soweit ist es sicherlich fast allen bekannt.

Im Film (Experiment bei 1:32) interveniert der Sonderermittler kurz vor der letalen Dosis, woraufhin er in den Versuchsaufbau eingewiesen wird. In einem folgenden Gespräch bringt er seine Fassungslosigkeit zum Ausdruck, dass die Lehrer bis zur letalen Dosis gehen wollten. Der Leiter des Instituts fragt ihn hingegen, warum der Ermittler erst zu einem derart späten Stadium eingriff. 
Das Experiment aus dem Jahr 1961 wurde mehrfach ausgewertet. Gängig ist die Interpretation, dass die Lehrer sich den anwesenden Versuchsleitern gegenüber verpflichtet fühlten, die als „Götter in weißen Kitteln“ , eine übergeordnete Autorität einnahmen.

Später wurde das Experiment nochmals ein wenig abweichend interpretiert. Die Versuchsleiter repräsentierten ein höheres Gut: die Wissenschaft. Damit hätten die Lehrer weniger wegen der Autorität gehandelt, sondern sahen sich etwas Übergeordneten verpflichtet. Frei nach der Feststellung von Aristoteles: Das Ganze (im vorliegenden Fall das Höhere) ist mehr als die Summe seiner Teile.

Meiner Kenntnis nach, wurde der Begriff Burnout von Ärzten geprägt, die bei Patienten aus sozialen Berufen ähnliche Symptome beobachteten. Ich mache mir meinen eigenen Reim darauf. Eine Freundin von mir, hat es meiner Auffassung nach auf den Punkt gebracht:

„Menschen in gesellschaftlichen Berufen haben einen Knopf für ein empathisches Programm. Jeden Tag wird der auf ein Neues gedrückt, bis er defekt ist.“

E., Sozialpädagogin

Zur Empathie kommen noch die „Strokes“ (Streicheleinheiten) hinzu, die man sich in diesen Berufen holen kann. Ich persönlich halte Altruismus für eine Lüge. Menschen handeln immer mit einem Motiv, und wenn sie sich nur durch die gegebene Hilfe besser fühlen wollen. In meinem Beispiel befindet sich der Proband anfangs in der Situation etwas Gutes zu tun, welches ihm ein positives Gefühl gibt. Nicht mehr aufhören zu können und aus seiner Perspektive für den Tod eines Menschen verantwortlich zu sein, macht ihn fertig.
Er wird bis zum bitteren Ende alles geben. Immerhin kann er dann noch behaupten, alles einem Menschen Mögliche getan zu haben. Leider ist er objektiv betrachtet ebenfalls zum Patienten geworden, der nichts vernünftiges mehr auf die Reihe bekommt. Die Lebenserfahrung sagt uns, dass der Patient nicht sterben wird, weil die Erfinder des Systems an der nächsten Ecke einen anderen Dummen finden.

Aus einer mittlerweile größeren Zahl von Gesprächen heraus habe ich entnommen, dass nahezu jeder, der in der Falle landete, über begünstigende Verhaltensmuster verfügte.

Alle hatten etwas mit Anerkennung, ursprünglichen Glauben an Idealen und Überzeugung vom Ganzen zu tun.
Mich selbst habe ich mehrfach gefragt, warum ich mich nicht an Henry Miller orientierte. Der betrachtete ein glückliches Ego als infizierend für andere. Er leitete daraus ab, dass alle erst einmal für sich selbst sorgen sollten, dann wäre die Folgewirkung auf alle betrachtet wirksamer, als wenn man ständig versuchen würde, anderen zu helfen. Entscheidend ist auf jeden Fall ein Überdenken der eigenen Verhaltensmuster. Denn immerhin haben sie sich schädigend ausgewirkt.

Wer aus einem BURNOUT eine Chance machen will, muss UMDENKEN, NACHDENKEN und nochmals ÜBERDENKEN. Von Kindheit an, werden uns Programme implementiert. Geboren werden wir mit dem riesigen Potenzial eines Menschen. Erziehung, Sozialisierung, berufliche Prägung, führen zur Eingrenzung. Jegliche vermeintlich eigene Erkenntnis und Maxime muss auf den Prüfstein gelegt werden. Was ist wirklich meins und was ist das Ergebnis von Manipulationen?

Wie äußert sich ein Burnout?

Soviel ich weiß, gibt es wie immer keine Standards. Für mich ist das Schreiben darüber eine sehr prekäre Angelegenheit, der ich mich aber stelle. Dafür habe ich individuelle Gründe. Mein Weg der letzten drei Jahre brachte mich mit Menschen zusammen, die an der gleichen Station strandeten.

Ich stellte bei mir selbst und bei den anderen ein auffälliges Desinteresse am Leben von Mitmenschen fest. Wer sein eigenes Leben kaum noch geregelt bekommt, entwickelt logischerweise ein Desinteresse. Beruflich fällt dieses weniger auf, im Privatleben ist das eher kontraproduktiv.

Es kommt ständig zu Fehlern, die oftmals etwas mit Gedächtnisleistungen zu tun haben. Zum Beispiel ist ein Polizist ohne ein halbwegs funktionierendes Kurzzeitgedächtnis ziemlich aufgeschmissen. Das kann soweit gehen, dass nach wenigen Schritten nicht mehr erinnerlich ist, warum man eigentlich losgelaufen ist. Physiologisch ist es noch da, nur wird es nicht benutzt, da der gegenwärtige Augenblick quasi nicht mehr existiert.

Entweder drehen sich die Gedanken um die Vergangenheit oder man denkt bereits an die nächsten Aufgaben. Am ehesten lässt sich das mit einer schnellen Autobahnfahrt vergleichen. Alles was auf gleicher Höhe passiert ist uninteressant. 50 Meter voraus ist wichtig und eventuell bestehen noch Erinnerungen an das Geschehen bei der Abfahrt. Im Umfeld führt dies zur berechtigten Kritik.  Die Leute um einen herum interpretieren das als Schusseligkeit oder „Verpeilt“ sein.

Nach dem Dienst ist nur noch die Zeit vor dem Dienst. In der Zwischenzeit passiert nicht sonderlich viel Erwähnenswertes. Die Betroffenen stürzen sich lieber noch mehr in die Arbeit, anstatt sich dem meist bereits desolaten Privatleben zu widmen, welches von Konfrontationen an allen Fronten geprägt ist. Was will man dort, wenn es ohnehin nur Stress gibt?

In den vergangenen drei Jahren habe ich von zwei aus Afghanistan zurückkehrenden Soldaten (einer mit Gefechtserfahrung) und zwei ehemaligen Kollegen erfahren , dass sie einen Moment erlebten, in dem sich alles zuspitzte. Wer sein gesamtes Leben auf den Beruf ausgerichtet hat und sich komplett dem Direktiv des Arbeitslebens unterworfen hat, besitzt keine Kapazitäten für sein restliches Leben.
Polizisten und Soldaten wähnen sich in diesem Augenblick in der Rolle des von der Gesellschaft Ausgebeuteten, der ein Anrecht auf eine Gegenleistung für die erbrachten Opfer hat.
Nun, unser System funktioniert ein wenig anders. Jeder von uns ist eingebunden, und man kann sich dem nicht einfach entziehen. Finanzämter, Gebühreneinzugszentralen, Versicherungen, Ärzte, Dienstleister, Personalstellen, öffentliche Einrichtungen kennen wenig Erbarmen mit Menschen, die abtauchen und nicht mehr die Kraft aufbringen, lästige und bisweilen vollkommen unsinnige Nachfragen zu beantworten.
Jeder kann sich in einer solchen Lage glücklich schätzen, wenn er einen Lebenspartner hat, der das abfängt. Bei den genannten Fällen, war der längst weg. Kommt dann noch ein minimales Ereignis hinzu, wird es zum  berühmten Tropfen auf das volle Fass.
Der Betroffene fällt in eine tiefe schwarze Leere.

Alter, ich kam zurück von der Mission und da war nichts mehr. Selbst die Kohle war schnell weg. Ich stand auf dieser Scheiß Brücke. Wär kein Berufsverkehr gewesen, wäre ich gesprungen.

Olaf, Bundeswehrsoldat, 29 Jahre

Hinzu kommt bei vielen eine latente Scham, nichts mehr leisten zu können. Was man aus diesen Tag macht, ist der alles entscheidende Faktor für das Leben danach – und es kann im Anschluss ein deutlich Schöneres geben.

Ich schreibe hier über Leute, die sich ehemals in der Bezeichnung Leistungsträger sonnten. Die meisten Polizisten, die ich kenne, leben in der Illusion, ein anständiges Leben unter Beachtung der gesellschaftlichen Regeln zu führen. (Bei Lehrern ist das ähnlich. Die einen sollen Regeln durchsetzen und Verstöße ahnden, die anderen vermitteln sie und versuchen ein Verständnis dafür zu erzeugen.)

Wenn die bei der Scheidung alles der Alten zu schreiben und es so sein soll, dass ein Hauptkommissar kein Geld mehr hat … Bitte, dann werden wir mal sehen, ob sich als Gut erweist. Wenn ich in einer 200 EUR Buchte in Neukölln wohne, brauche ich kein Schloss mehr einbauen. Dann brauchen die Penner wenigstens nicht die Tür eintreten.

Karsten, PHK, 53 Jahre

Trölle, die haben uns verarscht. Es war alles nur eine riesige Verarsche. Was ich Ihnen aber richtig übel nehme, ist die Sauferei, die sie mir beigebracht haben.

Martin, PHM, ehemaliger Schießtrainer, 53 Jahre

Die strikte Regelkonformität, die unter Umständen Teil des problematischen Verhaltensmusters war, funktioniert aber nicht mehr. Regeln sind bei einem Polizisten ein völlig anderes Thema, wie bei anderen Berufsgruppen. Für fast alles gibt es eine Geschäftsanweisung. Eine der ersten Dinge, die ein Berufsanfänger lernt, ist das „Arsch an die Wand schreiben“, weil der normale Mensch diese nicht alle befolgen kann.

Burnout ist nicht ein Symptom, sondern ein Syndrom. Kraftlosigkeit, Stimmungsschwankungen, Aggressionen, Frustrationen, Depressionen, Traumatisierungen, psychosomatische Reaktionen, Schlafstörungen, durch Schichtdienst zerstörter Bio – Rhythmus, Anpassungsstörungen, Panikattacken, Veränderungen in den Gehirnstrukturen, erworbene bedingte Konditionierungen, die unkontrolliertes Verhalten auslösen, ergänzen sich zu einem ganzen Paket. Von den meisten Veränderungen merkt der Betroffene als Letzter etwas.
Gut wäre es, wenn Vorgesetzte dies bemerken. Ohne Groll möchte ich hier anmerken, dass da einiges in die falsche Richtung geht. Wie lange wurde im Führungswesen gebraucht, bis man feststellte, dass oftmals die dauerhafte Anwesenheit eines Mitarbeiters ein Warnsignal darstellt, während die Abwesenheit durchaus der Hinweis auf ein intaktes Sozialleben sein kann? Unpünktliches Erscheinen zum Dienst, wird eher abgemahnt, denn als Signal erkannt.
Noch heute werden verschuldete Beamte mit einer finanziellen Disziplinarstrafe oben drauf bekommt, statt dass ihm Hilfsangebote unterbreitet werden.

Ich glaube ohnehin daran, dass die Grundeinstellung ein nicht unwesentlicher Punkt beim Thema BURNOUT ist. Kulturell bedingt, wird in Deutschland dem Beschäftigten erst einmal Faulheit, Unwilligkeit und Böswilligkeit unterstellt, der es entgegenzutreten gilt. Es gibt tatsächlich Länder, in denen erst einmal das Gegenteil davon unterstellt wird und beim Auftreten dieser Verhaltensweisen, eine Spurensuche bei den Führungskräften beginnt. Davon sind wir bei uns weit entfernt, zumindest im leicht archaisch veranlagten Öffentlichen Dienst. Die Verwendung von Anglizismen aus der Betriebswirtschaftslehre macht eben noch keine moderne Führungskraft aus.

In nicht wenigen Arbeitsbereichen kann es nur eine vernünftige eigenverantwortliche Reaktion geben: „Sachen packen und verschwinden.“ Denn diese Bereiche sind „Allesbrenner„. Sollen sich die Gestalter dieser Arbeitsbereiche doch einen anderen Idioten suchen. Auch hierzu möchte ich ein Beispiel anführen.

In meinem ehemaligen Dienstbereich gibt es ein Dienstzeitenmodell, welches keins im eigentlichen Sinne ist. Es nennt sich „Bedarfsorientierter Dienst“. Der Ursprungsgedanke war gut und richtig. Die Beamten versehen ihren Dienst bei besonderen Einsatzlagen ohne Berücksichtigung normaler Stunden- und Pausenregeln. Gleichzeitig sind sie hoch flexibel Einsatzbereit und reagieren innerhalb weniger Stunden auf veränderte Lagesituationen. Wenn danach besondere Ruhephasen zwischen den Einsatzlagen folgen, kann das funktionieren. In einer Zeit, die von Misstrauen und Effizienz – Denken bestimmt ist, kommt es zur Ausnutzung des Beamten. Die Folgen sind verheerend. Früher konnte man jedes Teammitglied unangekündigt mitten in der Nacht anrufen und alle kamen eine Stunde später zur Dienststelle gerast. Die Reihen sind in den vergangenen Jahren verständlicherweise lichter geworden.

Die Ruhephasen werden im Denken der planenden höheren Etagen zu ineffizienten Leerzeiten, die es zu füllen gilt. Durch die Unterlassung einen Schichtdienst einzurichten, werden für den Haushalt ein paar EURO eingespart. Einer seltsamen Logik folgend, betrachten die Entscheidungsgremien diesen Dienst weniger belastend, als den Schichtdienst.
Der Beamte zahlt den Preis, in dem er oder sie vollkommen die Kontrolle über das Leben außerhalb des Dienstes verliert. Wie will man unter diesen Bedingungen in einem Verein mitarbeiten, sich für die Kinder in der Schule engagieren oder einfach mal einen  Tanzkurs mit dem Lebenspartner belegen.

Für meinen Teil habe ich zwanzig Jahre lang in einer Situation gearbeitet, in der ich lediglich 8 Stunden im voraus wusste, wann ich am nächsten Tag, inklusive der Wochenenden und Feiertage, arbeiten werde. 
Die europäischen Arbeitszeitregelungen werden dabei auch nicht eingehalten, da sie jede Menge Ausnahmen kennen. Amüsant war das bei einem psychologisch betreuten Bewerbungsverfahren. Ich musste einen Psychotest absolvieren, in dem ich nach meiner Lebensplanung gefragt wurde. Ich antwortete: Es gibt keine. Das zog einige Fragen nach sich. Ich beschrieb daraufhin meinen Alltag.
„Ich gehe nach 8 Stunden in die Dusche. Unter der Dusche erzählt mir ein Kollege, dass ich am nächsten Tag um 07:30 Uhr da sein soll. Auf dem Weg von der Dusche zum Spint hat sich alles wieder geändert. Nun heißt es 15:00 Uhr. Auf dem Weg nach Hause bekomme ich einen Anruf. Jetzt ist von 22:00 Uhr die Rede. Der nächste Tag ist ein Sonntag. Ich brauche Sonntags eine halbe Stunde von zu Hause zur Dienststelle. Kurz vor dem Eintreffen bekomme ich einen Anruf, dass sich alles erledigt hat und ich wieder beidrehen kann.“ Bitte, wie soll man ein solches Leben planen?

Ich betone: Ich hätte jederzeit gehen können. Da ist der Part der Eigenverantwortlichkeit für sich selbst. Aber ich bin nicht ohne Grund auf das Beispiel mit dem Generator gekommen. Außerdem macht es irgendwann keinen Sinn mehr zu gehen. Nach einigen Jahren hat man sich an dieses Leben gewöhnt und kann gar kein anderes mehr führen.

Mein langes Verharren führte dazu, dass ich einen Überblick bezüglich der Entwicklung bekam. Ich möchte an dieser Stelle einen jungen ausgeschiedenen Kollegen zitieren:

„Trölle, sie bedienen sich an uns, wie an einer Chipstüte. Wie ein Chips sollen wir nicht denken oder gar reden. Wir sind operative Beamte, aus ihrer Sicht sind wir das Letzte.“

F, 30 Jahre, POM a.D.

In einem zurückliegenden Beitrag über Konflikte in der Berliner Polizei erwähnte ich, dass es bei der Kriminalpolizei niemals um eine echte Bekämpfung, sondern um eine Verwaltung der Kriminalität geht. Es geht gar nicht anders.
Straftaten sind wie Unkraut. Sie werden den Garten niemals mit normalen Mitteln frei bekommen. Wenn Sie das schaffen wollen, brauchen sie Agent Orange oder Roundup. Leider vernichten sie damit alles und stehen am Ende vor einer Steppe. Wer das nicht frühzeitig akzeptiert, legt sich selbst einen gepflasterten Weg zum persönlichen Endpunkt. 

Die wenigsten in der Öffentlichkeit auftretenden „Debattierer“ haben eine Vorstellung von Berufskriminellen oder wollen sie öffentlich kundtun. Wie heißt es so schön: Details würden die Öffentlichkeit beunruhigen. Fakt ist, abgehangene Persönlichkeiten aus Ländern, in denen Überleben ein echter Kampf ist, treffen auf eine Gesellschaft, deren Themen Sexismus, Rassismus, Gender – Ausgleich, die sexuellen Eskapaden von temporären Promis, sexuelle Belästigungen pp. sind. Die Lachen sich halb schlapp und ziehen ihr Ding durch. Beispielsweise plant ein russisches Bandenmitglied einen fünfjährigen Gefängnisaufenthalt in einem der reicheren europäischen Länder fest in seine Biografie ein. Das ist eben so. Wir kommen nicht daran vorbei es hinzunehmen. Wir können schlecht Gefängnisse wie ein Zoo gestalten, in dem jeder Gefangene eine Zelle bekommt, wie er es in seinem Heimatland zu erwarten hätte. Wie immer bringt Reichtum auch seine Problematiken mit sich. Der Hartz IV Empfänger in Marzahn muss sich vor diesen Tätern nicht fürchten. Zu ihnen wird er nicht kommen. Dann hätte er auch zu Hause bleiben können. Das ist das Problem der reichen deutschen Gesellschaft. Die Mitglieder wollen protzen, aber nicht den Preis dafür bezahlen. Mein Mitleid hält sich mittlerweile in Grenzen. Ich bedauere nur, dass ich knappe 30 Jahre brauchte, um das zu erkennen.

Jedem der diesen BLOG hier liest und sich in einer ähnlichen Situation befindet, wie ich es hier geschildert habe, möchte ich etwas mit auf den Weg geben. Niemand, der über Jahre hinweg Vollgas gegeben hat, ist davor gefeit in eine Lage zu geraten in der die Post nicht mehr geöffnet wird, die Beihilfe und die Arztrechnungen über den Kopf wachsen, der Lebenspartner das Weite gesucht hat und vieles mehr schief gegangen ist, wo man früher im intakten Zustand, mit den Finger drauf zeigte.

Die Psyche ist keine Maschine, sondern ein filigranes System.

Wenn man die Gelegenheit bekommt mit Kollegen wirklich offen zu sprechen, ist man erschrocken, wie viele in der Leere hängen und auf den beschriebenen Tag mit immer höherer Geschwindigkeit zu streben. 

Schon der alte Säufer und Autor Charles Bukowski stellte fest, dass es Tage gibt, an denen man denkt: Es geht nicht weiter. Dann lacht man darüber, weil einem einfällt, wie oft man das schon in der Vergangenheit dachte.

Geht es um die Polizei ist das Geschrei in der Öffentlichkeit oft groß. Ich denke, dass ist eine Art Tradition in Deutschland. Beim Fußvolk habe ich in 30 Jahren wenige wirklich faule Beamte kennengelernt. Es gibt sie, dass will ich nicht Abrede stellen. Ich erinnere mich an einen Kerl, der quasi sein Wohnzimmer samt seines Fernsehers nachts ins Büro geschleppt hatte und sich jeden Tag dort einschloss, bis der Kommissariatsleiter die Tür eintrat. Aber diese Ausnahmen landen meistens nicht in der Presse. Die dort landen, sind diejenigen, welche weit über alle Grenzen hinaus gegangen sind.

Immer wenn ich etwas über vermeintliche Manipulationen, Mauscheleien, verschwundene Aktenvermerke oder Ähnliches lese, ergreift mich Traurigkeit, weil ich weiß, dass es wieder einen der Engagierten erwischt hat.


Immer mal wieder gibt es echte „Seitenwechsler“. OK! Das gehört zum Geschäft. Es werden immer Leute versuchen, einfacher ans Geld zu kommen. Intern ist der Druck wegen der desolaten Stellenlage extrem hoch. Bis zur Besoldungsgruppe A12 hängt sich kaum einer in die Seile, und meistens wollen die auch noch was werden. Ich denke immer: „Ihr werdet alt, aber nicht mehr …“, doch das ist deren Problem.“
Ich gebe zu, dass ich beispielsweise meinen Hauptkommissar noch recht einfach bekam. Heute müssen Leute bereits für A10 ein Assessment – Center durchlaufen.

Ich kann dem außenstehenden Leser nur raten: Glauben Sie nicht alles, was in den ersten Tagen über einen vermeintlichen Skandal in der Presse steht. 99,9 % aller Verschwörungstheorien sind vollkommener Blödsinn, weil sich niemand vorstellen kann, wie einfach manche Geschichten sein können. Die einfache Geschichte verkauft sich nur schlechter. Die Zeiten eines investigativen Journalismus in den gängigen Publikationen sind vorbei.

Vor ca. 20 Jahren befand ich mal in einer Situation, die aktuellen „Skandalen“ ähnelt. Zwei Aussagen haben mich durch die Zeit gebracht. „Hast Du Dir als Polizist etwas vorzuwerfen?“ und „In zehn Jahren interessiert das keine Sau mehr!“

So bitter, wie es klingt: Jeder innerhalb einer Besoldungsgruppe bekommt am Anfang des Monats den identischen Betrag auf das Konto überwiesen.

Um die Weihnachtszeit herum rief mich ein ehemaliges Teammitglied an, der zwischenzeitlich auf einer Stabsdienststelle „arbeitete“. Er wusste, dass ich mich ganz gut mit Textverarbeitungen auskenne. „Sag mal, wie bekomme ich in ein Dokument eine Bitmap oder wie das heißt eingefügt? Und gibt es da auch Weihnachtsmänner?“
„Du musst über Einfügen gehen. Ja, es gibt Weihnachtsmänner. Aber warum willst Du das wissen?“
„Der Direktionsleiter will es ein wenig nett machen und ich soll mit dem Beamer einen Weihnachtsmann an die Wand werfen.“
„Äh? Wie lange brütest Du bereits über diese Aufgabe?“
„Seit gestern Nachmittag!“

So geht‘ s auch. Und der Kollege steht nicht in der Zeitung. Seine Wohnung wird nicht durchsucht. Ihm werden nicht die privaten Mobiltelefone abgenommen. Der bekommt keine Scheidungspapiere zugestellt … im Gegenteil, er wird sogar schneller befördert. Denkt mal drüber nach.

Das war der letzte Teil zum Thema BURNOUT. In nächster Zeit werde ich mich ein wenig mehr den Vorbereitungen meines Asientrips widmen. Hierzu werde ich natürlich berichten. Knappe 10.000 km mit dem Zug, da wird es auch die eine oder andere Gelegenheit zum Schreiben geben. Wer zum Thema noch Fragen an mich hat, kann sich bei mir gern persönlich melden.

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