Drei Musiker

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I look at you all see the love there that’s sleeping
While my guitar gently weeps
Look at you all
Still my guitar gently weeps.

Beatles

Die Menschen ziehen mit versteinerten Gesichtern vorbei. Manche schauen sich ein wenig um. Sie blicken in die Auslagen der Geschäfte. Männer vergewissern sich, dass ihre Frauen noch in der Nähe sind. Viele sind auf der Suche nach einem guten Restaurant für das Abendessen. Die Frauen halten bei einigen Ständen und schauen sich die billigen Armbänder an den Strassenständen an. In einem Mini – Markt herrscht reges Treiben. Backpacker, Touristen, Einheimische, die Bier, Wasser und Zigaretten kaufen, gehen ein und aus. Viele schauen kurz noch einmal ins Portemonnaie. Reicht das Kleingeld noch für zwei kalte Bier?

Gegenüber des Minimarktes sitzen drei Männer. Einer kommt aus Malaysia, der andere aus Frankreich und der dritte aus Italien. Ihre Lebensgeschichten sind sehr unterschiedlich. Der Malaie kommt aus der Region und ihm gehört der kleine Schmucktisch, der am Markt steht. Sein Sohn bewacht die ausgelegten Armbänder. Der Franzose ist ein weit gereister Mann, der schon in über hundert Ländern war.

Der Italiener ist aus Fernweh heraus in die Welt gezogen und schlägt sich irgendwie durch. Verbunden sind sie durch die Gitarren in ihren Händen und die Musik. Alle drei wissen, dass sie kein Geld mit der Musik verdienen werden. Am Abend springt vielleicht für jeden ein Bier heraus. Sie haben ein Geschenk mitgebracht: Ihre Musik! Ihrer Überzeugung nach, ändert Musik alles. Über alle Sprachbarrieren hinweg, können sie über die Musik kommunizieren.

Worte enden bisweilen. Vielleicht weiß man nicht die passenden Vokabeln für das, was man sagen will. Mark Knopfler sagte mal: «Wenn Deine Worte in einem Lied enden, u. Du nichts mehr zu sagen hast, beginnt die Gitarre zu sprechen.» Geschenke muss man nicht annehmen. Doch hinter jeder Verpackung könnte eine große Überraschung und eine Bereicherung stecken. Warum nicht ein Geschenk annehmen, wenn damit keine Verpflichtung verbunden ist? Weil wir das vielleicht gar nicht mehr kennen? Wenn ich das Geschenk annehme, will der andere bestimmt etwas von mir. Dann bin ich verpflichtet. Menschen die uns einfach etwas geben, sind uns suspekt.

Überall wird von Respekt gesprochen. Meiner Meinung nach, wird Respekt häufig mit Rücksicht verwechselt. Ich mache da einen Unterschied. Respekt bedeutet für mich, dass ich die Existenz eines anderen Menschen oder weiter gefasst Lebewesen, wahrnehme. Wenn ich auf der Straße jemanden umrenne, ist genau das Gegenteil passiert. Es hat mich nicht interessiert, dass ich nicht alleine auf der Straße laufe. Die Existenz der anderen Menschen ist mir schlicht egal. Dies nenne ich respektlos.

Wenn ich mich nicht um die Befindlichkeiten eines anderen, wie auch immer die begründet sind, schere, ist das für mich Rücksichtslosigkeit. In meiner Logik kann demnach ein Mensch einen respektvollen Umgang mit seiner Umwelt führen und gleichzeitig rücksichtslos sein. In Asien ist das Teil der Kultur. Ein Lächeln bedeutet: Ich habe Dich gesehen! Nicht mehr und auch nicht weniger. Über Zuneigung, Ablehnung, Fairness, Rücksicht, ist damit nichts ausgesagt.

Die drei Männer werden von vielen gar nicht wahrgenommen. Und wenn, werden sie keines Blickes gewürdigt. Dabei wäre dies das Einzige, was diese Männer wollen. Ein Lächeln! Eine Sekunde im Augenblick leben. «Ich habe Dich gesehen! Ich bin mir Deiner bewusst.» Aus der Sekunde könnte, muss aber nicht, mehr werden. Einen kleinen Augenblick lang mit Fremden über die Musik verbunden sein – Why not?

Ich weiß viel über die drei Männer. Nicht alles, aber das Notwendige für ein grundsätzliches Verständnis. Ich weiß von allen, dass sie sehr sensibel sind. Ich habe eine Vorstellung davon, warum sie sich auf den Weg machten. Wie bei jedem ist ihre Lebensgeschichte einer Aneinanderreihung von guten und schlechten Entscheidungen. Sie alle hatten ihre Höhen und Tiefen. Der Italiener ist noch jung und alles kann sich ändern. Der Franzose hat vermutlich nicht mehr lange und der Malaie wird demnächst Entscheidungen treffen müssen. Und zu allem gibt es Lieder und unterschiedliche Arten sie zu spielen. Malaien neigen dazu in den Gesang Schmerz zu legen, Italiener gehen die Sache eher verspielt an und Franzosen drücken die Bedeutung in die Saiten. So bleiben „Father and Son“, „Let it be“, „Redemption Song“ niemals ein Lied, sondern werden zu einem Bild des Interpreten – eines einzelnen Menschen.

Mir haben sie ein Geschenk gemacht. Nicht nur durch ihre Musik. Beim Beobachten der unachtsam vorbei ziehenden Menschen habe ich eine Lektion erhalten. Und auch die wenigen, welche sich zu mir setzten, um den drei Gitarristen zuzuhören, hatten mir etwas zu sagen. Wie oft bin ich an Menschen einfach vorüber gegangen ohne ihnen wenigstens die Botschaft zu geben: «Ich habe Dich gesehen! Du warst für ganz kleinen Augenblick ein Individuum für mich.»?

Das verpflichtet mich zu nichts. Einer der drei nannte mich respektlos, weil ich nicht auf seine persönlichen Belange und Biografie Rücksicht nahm. Dabei konnte er nur mit mir sprechen, weil ich Lebenszeit investierte, um ihn zuzuhören. Er weiß nichts von diesen Zeilen und wird sie auch nicht lesen, weil ich zwar seine Sprache spreche, er aber nicht meine. Insofern würde ich mal sagen, dass wir uns diesbezüglich auf Augenhöhe begegnen.

Wie beschrieben, reden viele Menschen von Respekt. Es würde reichen, wenn wir 2019 ein wenig aufmerksamer wären und den Einzelnen sehen. Was wir dann daraus machen, ist eine andere Geschichte. Aber ich glaube, ein Tick mehr Aufmerksamkeit, erzeugt Überlegungen und die finden sich auch irgendwann im Handeln wieder.


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