Italo Hippie …

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Ich traf Pietro (Name geändert, wie es immer so nett heißt) erstmalig Anfang Dezember auf der thailändischen Insel Ko Lipe. An meinem ersten Tag wusste ich nicht genau, wohin ich gehen sollte. Ich hatte etwas von einem Camping – Platz in der Nähe des Strands gelesen. Nach dem Anlanden der Fähre lief ich dort hin und fragte nach einem Platz, wo ich mein Zelt aufstellen kann. Die Frau, der der «Platz» gehörte, führte mich zu einem Trümmer – Gelände hinter einer wild zusammengeschraubten Holz – Bambus – Bude. Drei Hütten in einem desolaten Zustand, eine bucklige Wiese in der Größe von 10 qm und drei löcherige Betonflächen – das war der Camping Platz.

Die Dusche befand sich hinter einer frei stehenden Wand und die Toilette bestand aus einem Klosettbecken ohne Wasseranschluss. Für eine Nacht fügte ich mich in mein Schicksal. Wei mein Moskito – Spray alle war, machte ich mich nochmals auf den Weg. Am Strand entdeckte ich nicht nur einen kleinen Laden, sondern auch diverse Bars. Aus einer schallte mir ansprechende Reggae Musik entgegen.

Ich wollte so wenig Zeit wie möglich im Zelt verbringen. Deshalb bestellte ich mir am Tresen einen Cuba Libre. Die Bar bestand, wie dort auf den Inseln üblich, aus einem Tresen, wenigen Stühlen und diversen kleinen Tischen mit Sitzkissen, von denen aus man durch die offene Seite auf den Strand und das Meer schauen konnte. Rechts von mir stand ein tief gebräunter hagerer Kerl mit schlecht ausgeführten Tätowierungen und langen schwarzen Haaren. Linksseitig stand ein etwas kräftigerer nordisch anmutender Typ. Wie sich später herausstellte ein Schwede. Pietro wartete nicht lange und sprach mich an. Die üblichen Fragen. Wo kommst Du her? Wie lange bist Du schon hier? Was machst Du hier?

Während ich antwortete, kreiste bei Truppe junger Deutscher ein Joint. Plötzlich entdeckte ich fünf Uniformierte, die den Strand entlang liefen. Polizei! Die Deutschen suchten schnell das Weite. Die beiden Kerle kümmerten sich nicht um die Streife. Diesen Uniformierten folgten zwei, die Abzeichen trugen, die sie als Tourist – Polizei auswiesen. Der Langhaarige, welcher sich als Pietro aus Italien vorgestellt hatte, war gerade ebenfalls dabei einen Joint zu rauchen. Zu meiner Überraschung scherte er sich um die anrückende Polizei überhaupt nicht. Ebenso wenig der Schwede, der den hingereichten Joint im Blickfeld der Polizisten übernahm.

Die Musik schien den Polizisten zu gefallen. Einer setzte sich an den Tresen, bestellte ein Bier und begann mit seinem Smart – Phone zu spielen. Sein Kollege zog sich sein Oberhemd aus und begann zu tanzen. Augenscheinlich tickten die Uhren auf der Insel ein wenig anders. Nach zwei weiteren Cuba verzog ich mich.

Drei Tage später, ich war zwischenzeitlich in ein Hostel gezogen, lockte mich in der Walking – Street der Klang von Live – Musik in eine Bar. Zu meiner Überraschung spielte dort Pietro Lieder von Bob Dylan und Janice Joplin. Er spielte nicht schlecht und seine Stimme war auch ansprechend. Als er fertig war, wechselten wir ein paar Worte. Er schien nervös zu sein. Alles deutete darauf hin, dass er Speed eingeworfen hatte. Schon wenige Minuten später verließ er das Lokal. Doch nach 15 Minuten tauchte er wieder auf und tauschte am Tresen drei unterschiedliche Währungen ein. Damit war der Fall für mich klar. Er dealte mit den Touristen irgendwelche Drogen.

An den folgenden Tagen, sah ich ihn überall auf der Insel herum laufen. Doch ich kümmerte mich nicht weiter um ihn. Die Begebenheit mit der Polizei hatte ich für mein Buch notiert.

Wochen später saß ich am Cenang Beach der Insel Langkawi, die zu Malaysia gehört. Plötzlich stand Pietro vor mir. Er erzählte mir, dass er nur einen Tag für einen VISA – Run auf Langkawi wäre. Ich schlug ihm vor zu meinem Hostel zu gehen, da ich wusste, dass sich dort einige Musiker für eine Jam – Session verabredet hatten. Der Abend entwickelte sich. Ein Malaie mit Gitarre, ein Saxofon spielender junger Kerl aus Uruguay, ein älterer Franzose mit einer kleinen Gitarre, ein Algerier dem ab -und zu die Gitarre gegeben wurde und Pietro. Sie spielten, bis sich ein Amerikaner über die Musik beschwerte. Pietro nahm am nächsten Tag die Fähre und glaubte ihn letztmalig gesehen zu haben.

Anfang Februar tauchte er wieder im Hostel auf. Diesmal in Begleitung einer fünfzigjährigen Holländerin. Pietro sah im Gesicht etwas ramponiert aus. Er hatte Ärger in seinem Hostel auf Ko Lipe gehabt. Der Streit eskalierte und die Polizei wurde gerufen. Die wussten genau, wen sie da vor sich hatten und sperrten ihn zwei Tage lang ein. Nachdem er eine ortsübliche Abreibung kassiert hatte, ließen sie ihn wieder frei. Wiesen ihn aber darauf hin, dass er sich keine weiteren Fehler erlauben dürfe. Außerdem gaben sie den ortsansässigen Bossen Bescheid, die ihm ihrerseits auch ihren Standpunkt erklärten. Pietro meinte aber, dass nun alles geregelt wäre. Frohen Mutes machte er sich auf den Weg zur Fähre.

«You aren’t welcome!», lautete die für ihn überraschende Auskunft. Meine Verwunderung hielt sich in Grenzen. Keine erneute Einreise nach Thailand. Dummerweise hatte er seinen Weg ohne seinen Rucksack angetreten. Umgerechnet fünf EURO in der Tasche, nur die Klamotten am Körper, sein Pass, ein Telefon, ein MP3 – Player, ein paar billige Kopfhörer und ein Mini – Rucksack, waren plötzlich sein gesamter Besitz. Einigermaßen verzweifelt zog er ziellos durch die Straßen. Die erste Nacht ließ ihn die Holländerin bei sich schlafen, dann ergriff sie die Flucht.

Italia Beach Art vor Willi

Am nächsten Tag traf er einen Australier und einen Einheimischen, die eine alte mit Klebeband zusammengeflickte Gitarre neben sich zu stehen hatten. Er versuchte, sie den beiden abzuhandeln. Als sie sich weigerten, erzählte er ihnen seine Geschichte. Der Einheimische lieh ihm daraufhin gegen eine Gebühr von einem EURO die Gitarre, und der Australier gab ihm Geld für zwei weitere Übernachtungen. Seit dem wandert Pietro mit seiner geflickten Gitarre von einem Platz zum anderen und bietet den Leuten mit mäßigen Erfolg für einen EURO (5 Ringit Landeswährung) an, ein Lied für sie zu spielen. Tagsüber läuft er am Strand entlang und sammelt vergessene Sachen und Strandgut ein, aus dem er Schmuck bastelt. Manchmal arrangiert er auch nur lustige Zusammenstellungen und bietet diese mit einem Lachen für umgerechnete 20 Cent an.

Heute fand er am Strand einen großen angespülten Tintenfisch, den ihm ein Koch umsonst zubereitete. Stolz tauchte er mit diesem bei mir im Hostel auf. Er weiß, dass er bei mir im Buch auftauchen wird. Ich ließ es mir nicht nehmen, ihn für einen gut gespielten Blues ein Bier zu kaufen. An meinem Tisch saß mal wieder «Willi», von dem ich gestern berichtete. Größer konnte der Kontrast nicht sein. Als Pietro seine Habseligkeiten ausbreitete, begann «Willi» debil zu lachen. Der wiederum schätzte ihn genau richtig ein. «Willi» ging kurz zur Toilette. Auf Englisch fragte mich Pietro, ob er richtig läge, wenn er «Willi» für einen dieser Typen in den Thai – Bars halten würde, der auf junge Prostituierte aus ist.

Während ich mich weiter mit Pietro unterhielt und mit voller Absicht «Willi» die kalte Schulter zeigte, holte der sein Telefon raus und ließ ungefragt seinen Lieblingssong von Bob Marley «No woman, no cry!», ertönen. Dabei hob und senkte er rhythmisch seine dürren Arme mit geballten Fäusten. Noch während des skurrilen Tanzes des alten Mannes, stellte Pietro mit Schrecken fest, dass die Reste der Tintenfisch Soße sich in seinen Rucksack ergossen hatten. Dies hatte wiederum zur Folge, dass sein Pass penetrant nach Fisch riecht. Der arme Kerl versuchte mit einem am Strand gefunden Kinderpyjama Oberteil, welches er aktuell als Jacke trägt, Schadensbegrenzung zu betreiben. Mitleidig schenkte ich ihm ein Tank – Top, welches ich mir billig in Thailand gekauft hatte.

«Willi» reist morgen endgültig ab. Welche Pläne Pietro verfolgt, weiß ich nicht. Ich vermute, irgendwann wird er in der italienischen Botschaft in Kuala Lumpur aufschlagen. Vier Tage habe ich noch, das weitere Geschehen zu beobachten.

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