Links .. Rechts .. 1,2,3

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Die Toten kommen angerannt und
halten quer zur Laufrichtung
Reklameschilder für Zahnpasta hoch
die Toten sind besoffen
in der Silvesternacht
zufrieden an Weihnachten
dankbar am Erntedankfest
gelangweilt am 4. Juli
untätig am Tag der Arbeit
ratlos an Ostern
albern im Krankenhaus
nervös bei jeder Geburt;
die Toten kaufen sich Socken und Unterhosen
und Gürtel und Teppiche und Vasen
und Couchtische
die Toten tanzen mit Toten
die Toten schlafen mit Toten
die Toten tafeln mit Toten.
Die Toten kriegen Hunger
sobald sie einen Schweinskopf sehen.
Die Toten werden reich
die Toten werden toter.
Diese öden Scheißer.
Dieser Friedhof
über der Erde.
Ein Grabstein für den
ganzen Schlamassel, und darauf
gehört die Inschrift:
Menschheit, du hattest
von Anfang an nicht
das Zeug dazu.

Diese öden Scheißer, Charles „Buk“ Bukowsky

Im letzten Beitrag setzte ich mich mit den mutmaßlichen rechten Netzwerken bei der Polizei auseinander. Dabei stellte ich fest, wie schwer es ist, dieses „Rechts“ einzugrenzen. Auf der linken Seite sieht es nicht anders aus. Darüber habe ich nochmals nachgedacht. Genau genommen, geht mir diese Einteilung furchtbar auf die Nerven. Kommunismus, Faschismus, Sozialismus, Kapitalismus, Rassismus, alles geht dabei wild durcheinander. Für mich geht es in erster Linie um Lebenseinstellungen, das Bild vom Menschen und seinen Eigenarten, wie man damit umgeht, die Selbstreflexion, wie man sich das Zusammenleben von Menschen vorstellt u.s.w..

Meiner Auffassung nach ist es wichtig sich den Menschen als Individuum und als Mitglied in einer Massengesellschaft anzuschauen. Der Mensch in der Masse entwickelt sehr spezielle Verhaltensweisen. Evolutionär ist das Leben in der Masse nicht vorgesehen. Strukturiert ist unser tiefsitzendes Verhalten für das Leben in Horden, die sich situativ in Verbände zusammenschließen. Verhaltensforscher können das gut an Beobachtungen von anderen Primaten ableiten. Größere Affenverbände können ein großes Gebiet erschließen, in dem sich die Horden verteilen, aber in Kommunikation zueinander bleiben, um sich dann in kurzer Zeit wieder zu einem geschlossenen Verband zusammenzufinden. Die Hierarchien innerhalb der Horde und im Verband sind der jeweiligen Lage angepaßt. Abzugrenzen ist das vom Paarungsverhalten, da gelten andere Regeln.

In militärischen Bereichen, wird auf diese Voraussetzungen eingegangen. Zum Beispiel wurde die britische SAS mit ihren autarken Kleingruppen, die über Tage hinweg alleine agieren und auf Signal zusammen geführt werden, berühmt berüchtigt. Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass ab fünf Gruppenmitgliedern unerwünschte Effekte auftauchen. Ab dieser Zahl beginnen sich die Mitglieder auf die Leistung des anderen zu verlassen und reduzieren ihr eigenes Engagement. Dies wurde in vielen Experimenten nachgewiesen.

Diese Erkenntnisse führten wiederum zur Frage, wie geht man am Besten mit einer Gruppe um? Führung oder die totale Freiheit? Autoritär oder Antiautoritär? Vorausgesetzt die Gruppe soll gemeinschaftlich etwas erreichen, gestalten oder produzieren. In Experimenten dazu stellte sich heraus:


– autoritär geführte Gruppen produzieren schnell, aber ohne Kreativität und die Qualität ist schlecht.

– sich selbst überlassene Gruppen erleben innere Spannungen, produzieren wenig u. die Qualität ist schlecht

– kooperativ geführte Gruppen produzieren weniger wie autoritär angeführte, aber die Kreativität und Qualität ist deutlich höher.


Mir sagt das: Führung ja, aber kooperativ u. koordinierend, aber an der Sache und nicht an individueller Macht orientiert. Ist das links? Vernünftig? Abwegig?

In einem westlichen Industriestaat bekommen wir es mit anderen Situationen zu tun. Tausende kleine Gruppen finden sich zu einem Staat zusammen. Mir kommt dies immer vor, wie die physikalische Betrachtung des Lichts. Teilchen oder Welle?


Die Massengesellschaften können nicht nach den Kriterien betrachtet werden, die für den Einzelnen oder Gruppen gelten. Auf das große Geschehen verliert das Individuum den Überblick. Es kann nicht mehr erkennen, in wie weit sein Handeln eine Auswirkung auf das Ganze hat. Hier setzen die großen Gesellschaftsideen an. Einige sehen die Lösung darin, dass die Masse ausschließlich von einer autoritär agierenden Elite geführt werden kann. Andere fordern die Unterteilung in kleinere Gruppen, die im Bedarfsfall miteinander koordiniert werden. Und eine Frage steht immer zusätzlich im Raum: Was soll denn das Produkt oder Ergebnis sein, welches am Ende herauskommt?

Soll lediglich ausreichend zur Befriedigung der Grundbedürfnisse erwirtschaftet werden? Wohlstand im Sinne von: gemäß einer vernünftigen Betrachtung haben alle genug. Muss ein Überschuss erzeugt werden? Reichtum? Besteht eine Konkurrenz und Wettbewerb zu anderen Massengesellschaften? Lege ich die Priorität auf eine Betrachtung des Planeten Erde oder beschränkt man das Denken auf den jeweiligen Staat?

Nach den Antworten richtet sich alles weitere Handeln.

Persönlich lehne ich ein stetiges Wachstum ab und leite davon Gefahren für den gesamten Planeten ab. Gleichfalls lehne ich jeden Tag ein wenig mehr, Reichtum, übermäßigen Konsum und eine maßlose Überbefriedigung der Bedürfnisse ab. Hierin sehe ich die Grundübel in der Entwicklung der vergangenen 200 Jahre. Darin implementiert ist für mich eins der größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte: Der Kolonialismus. Mit der Erfindung der Dampfmaschine wurde ein kultureller Schalter umgelegt, der alles veränderte. In gnadenloser Arroganz expandierten die Mitteleuropäer in die Welt und zerstörten 3/4 des Planeten. Alles was sie antrafen ordneten sie ihrem Nutzen unter. Bis heute hat sich die Welt davon nicht erholt. Nahezu jeder Krisenherd läßt sich bei einer tieferen Analyse darauf zurück führen. Sei es nur der Umstand, dass Regierungsformen und Strukturen erschaffen wurden, die keinerlei historische Basis in den Ländern hatten. Wäre diese Welt eine gerechte, müssten die Mitteleuropäer die nächsten 500 Jahre Unsummen „Wiedergutmachung“ zahlen und leisten. Der Euphemismus „Entwicklungshilfe“ sollte mit Strafe belegt werden. Gut, das ist eine meiner persönlichen Antworten. Ist das ein „linkes“ Denken oder ein Ergebnis einer ethisch philosophischen Überlegung?

Seit es den modernen Menschen gibt, durchläuft er eine Persönlichkeitsentwicklung. Er hat gelernt, wie grausam er sein kann. Menschen können Lust und Freude daran finden andere Leiden zu sehen. Er ist gierig und lässt er seinen Trieben freien Lauf, wird er zum Monster. Seit mehreren tausend Jahren denkt er darüber nach, wie er diesen Verhaltensmustern entkommen kann. Im Prinzip sitzt er nach diversen Morden und Totschlag in einer Zelle und sinniert zusammen mit einem Therapeuten darüber, was da in ihm ist, dass er immer wieder tötet. Im Grunde weiß er die Antwort. Die Therapeuten sind die Philosophen, die dem Täter Mensch immer wieder in unterschiedlicher Form sagten, warum er sich wie eine Bestie verhält.

Macht über andere zu haben, stets neue Bedürfnisse über die grundlegenden hinaus zu entwickeln, Besitzanspruch, Schwächen mit materiellen Blendwerk übertünchen, die Sucht nach Anerkennung, sind ein Teil des schädlichen Verhaltensspektrum. Die Namen jener, die das erkannten, sind über tausende Jahre hinweg niemals vergessen worden. Wer wird sich in dreitausend Jahren an einen deutschen Bundeskanzler, einen Parteivorsitzenden oder an den Namen eines Konzernmanagers erinnern? Niemand! Sich gegen diese schädlichen Anteile des menschlichen Verhaltens zu wenden ist links? Sie zu favorisieren ist rechts?

Es ist gar nicht lange her, da saß ich eine Woche lang ohne Strom in einer Bambushütte. Mein Besitz begrenzte sich auf das Zeug in meinem Rucksack. Hätte sich die Möglichkeit ergeben, wäre ich bereit gewesen, gegen Wasser, ein paar Bier und etwas Nahrung einem Fischer zur Hand zu gehen. Ich muss sagen, mir fehlte nichts. Der Mensch kann auch ohne den ganzen „Schnick – Schnack“ leben. Vielleicht sollte man noch Lebensenergie in eine vernünftige medizinische Versorgung investieren … aber dann kommt eine Weile gar nichts. Ist das links? Sind die, welche ich einige Minuten Fußmarsch entfernt erblickte, rechts, weil sie sich von armselig verdienenden Menschen das Bettlaken glätten lassen? Ausbeuter? Anhänger eines schädlichen Systems, welches uns nach und nach die Lebensgrundlagen für unsere Spezies entzieht? Oder sind sie nur Mitläufer in einer Massengesellschaft?

Ist ein Mensch, in dessen Persönlichkeit das Verdrängen einer eigenen Verantwortung zu Gunsten der Übertragung auf einen anderen manifestiert ist, ein Linker? Einer, der die Macht über Millionen benötigt, um seinen Narzißmus zu befriedigen? So wird Joseph Stalin von seinen Zeitgenossen beschrieben. Kann ein System, regiert von solch einem Typen, als links bezeichnet werden oder ist es rechts?

Sind Leute, die starre Hierarchien ablehnen, weil sie unsinnig sind und dies beispielsweise bei militärischen Spezialeinheiten aufbrechen, Anarchisten und links? Oder ist ein Anarchist ein rational denkender und agierender Mensch, der gegen die Unvernunft antritt? Ist die Entwicklung eines Genpools gefährdet, wenn die Auswahl der Paarungspartner auf der Deckungssumme einer Kreditkarte basiert?

Die Leute machen es sich zu einfach. Für mich persönlich gehen Kapitalismus, Liberalismus und das allgemein als rechts titulierte Gedankengut händchenhaltend durch die letzten beiden Jahrhunderte. Die Liberalen deshalb, weil sie darauf setzen, dass die Gier ein Regulativ ist, welches der Bestie Einhalt gebietet. Sie betrachten den Menschen wie ein ausgehungertes Wolfsrudel, dem man Fleischbrocken zuwirft, damit sie nach dem Fressen gesättigt auf der Wiese herumliegen. Das funktioniert so lange, wie ich Fleisch vorrätig habe. Bei steigender Ressourcenknappheit und Unsummen von Geld, welches keinerlei gegenständlichen Wert hat, ist das eine gewagte Strategie.

Tja … links … rechts … ich kann damit nichts anfangen. Bei Twitter habe ich als obersten Tweet angeheftet: Es geht nicht um links o. rechts, sondern um aufgeschlossen oder engstirnig. Ich weiß immer nicht, was ich mit Kommentatoren oder Bekannten anstellen soll, die stets in der gleichen Endlosschleife hängen. Wer die Linken wählt, hat die Mauertoten vergessen! Wer Marx befürwortet, ist für eine Neuauflage der DDR. Was der Sozialismus anrichtet, sieht man ja in Venezuela. Die Linken unterstützen die Gewalttäter … was für ein langweiliges Gewäsch. Ist es denn so schwer den Kopf mal aus der Schublade herauszustrecken und sich den Raum anzuschauen, in dem der Schrank herum steht? Es geht um Menschen, menschliches Verhalten, Muster und Logik, nicht um Ideologien.

Wahrscheinlich hat Charles Bukowski abschließend alles gesagt. Wir müssen uns nur noch über die Form des Grabsteins einigen.

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