Krieg zwischen Arm und Reich oder doch nicht?

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The Rojos on one side of town, the Baxters on the other, and me right in the middle.

The man with no name, A Fistful of Dollars

Warren Buffet sprach in einem Interview von Ben Stein der New York Times von einem Krieg zwischen Arm und Reich. Ein Krieg, den seine Klasse angezettelt hat und gedenkt zu gewinnen. Später fügte er hinzu, dass er dies nicht richtig findet, was aber an der grundsätzlichen Aussage nichts ändere.

“There’s class warfare, all right,” Mr. Buffett said, “but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.”

NYT, 26.11.2006 – In Class Warfare, Guess Which Class Is Winning

In Deutschland wurde dieses Zitat durch den Kabarettisten Georg Schramm bekannt, der es unter anderen mehrfach in der Sendung „Die Anstalt“ unter brachte.

Das Grundübel ist nach Warren Buffett (amerikanischer Multimilliardär, Red.) der Krieg Reich gegen Arm. Und das wird nicht miterwähnt, nicht nur von der AfD nicht. Die suchen nur einen Sündenbock – und das sind eben die Flüchtlinge. Reich und Arm sind ja keine Kategorien mehr, die man auf Länder anwenden könnte. Die wirklich Reichen haben sich ja längst von den Staaten gelöst. Es ist doch eine Posse, dass Apple 13 Milliarden Euro Steuern an Irland zahlen soll, die Iren das Geld aber gar nicht haben wollen. Das zeigt doch, wo die Macht tatsächlich sitzt. Darüber wird aber nicht geredet, ebenso wenig über die wahren Gründe der weltweiten Flüchtlingsströme. Das gehört aber zwingend dazu./…

Quelle: https://www.merkur.de/kultur/georg-schramm-merkur-interview-grunduebel-krieg-reich-gegen-arm-6738295.html

Bei Recherchen zu diesem berühmten Zitat, stolperte ich über den Eifelphilosophen. Hinter diesem Synonym verbirgt sich der examinierte Philosoph Reiner Damman. Er widerspricht dem nicht im eigentlichen Sinne, sondern ersieht einen anderen Konflikt. Über viele Stationen leitet er in einem Beitrag unter der Überschrift – Die Lüge vom Krieg Reich gegen Arm – und der wirkliche Weltkrieg – ab, dass es unter Umständen um etwas anderes geht.

Wir leben aktuell in hochbrisanten Zeiten, wo zwei große Ideen um die Vorherrschaft in der politischen Welt ringen (ach: wie gerne würde ich solch einen Satz mal in der Tagesschau hören), wir haben wirklich einen Kampf der Kulturen – doch er ist anders als der, den man uns einreden will, um uns gegeneinander aufzuhetzen. Es ist der Kampf des urmenschlichen Mitleids – gegen den antimenschlichen Sadismus.
Die gute Nachricht: wir werden ihn auf jeden Fall gewinnen – weil sich antimenschliche Gedanken nicht ewig im System Mensch festsetzen können, sie werden als lebensfeindliche Fremdkörper irgendwann automatisch herausgeworfen.
Die schlechte Nachricht: es kann dauern – und je länger wir zögern, eine gemeinsame Front gegen die sadistische Internationale aufzubauen, umso mehr Opfer wird es geben.

Rainer Damman, Eifelphilosoph

Mit dem menschlich und unmenschlich habe ich persönlich meine Probleme. Wenn ein Mensch handelt, muss es per logischer Ableitung menschlich sein. Nur weil uns Eigenarten unserer Spezies nicht gefallen, können wir sie nicht einfach abspalten. Sie gehören schlicht zum Verhaltensspektrum dazu. Nichtsdestotrotz fand ich die Ableitungen in einem Punkt interessant. Reichtum entsteht nicht mal eben im Vorbeigehen. Zum einem muss er irgendwo her kommen und zum anderen bedarf es des Willens, ihn zu behalten und eventuell zu mehren.

Dem französischen Schriftsteller Honoré de Balzac wird das Zitat: „Hinter jedem großen Vermögen, steht ein Verbrechen!“, zugeschrieben. Wie so häufig bei Zitaten ist das nicht ganz richtig. Tatsächlich schreibt er in seinem Zyklus „Die menschliche Komödie“ im Roman „Vater Goriot“:

Le secret des grandes fortunes sans cause apparente est un crime oublié, parce qu’il a été proprement fait.

Übersetzt:

Das Geheimnis großer Vermögen ohne ersichtlichen Grund ist ein vergessenes Verbrechen, weil es richtig gemacht wurde.

Das trifft mit Sicherheit auf viele Vermögen zu. Ein deutsches Paradebeispiel ist der Familienclan Quandt, welcher u.a. Günther Quandt und seinen Aktivitäten im Dritten Reich eine Menge zu verdanken hat. Gerade bei Industrieerben, liegt viel Staub auf der Basis des Geldes. Aber nicht jedes Handeln, welches ein „Geschmäckle“ hat, ist auch ein Verbrechen.
Fraglich ist auch, ob ich einen individuellen oder einen kollektiven Reichtum betrachte. Zwar sagt Schramm, dass sich die wirklich Reichen längst von den Nationen gelöst haben, dennoch haben wir objektiv betrachtet industrielle Wohlstandgesellschaften und ärmere Nationen. Historisch betrachtet, basiert der Reichtum der sogenannten westlichen Welt auf Ereignissen, die wir heute eher als ethisch verwerflich anersehen. Sei es der Sklavenhandel, der Kolonialismus, die damit verbundenen künstlich gezogenen Grenzen, Aufzwingen eines Wirtschaftssystems, Landenteignungen, Einsetzen von Lakaien in den Regierungen, Ausbeutung der Bodenschätze, Aufzwingen von Handelsverträgen – die Liste ist lang. Vieles passiert heute noch. Der neue Kolonialismus trägt die Bezeichung „geopolitische Sicherheitsinteressen“.

Im Übermaß zu leben ist meiner Auffassung nach eine Frage der inneren Haltung. Erst recht, wenn es anderen mies geht. Es muss manchmal gar nicht das Übermaß sein. Es geht oftmlas im Kleinen los. Hierzu zwei Beispiele. Ich habe mal eine Übung erlebt, in der Verhandler der Polizei die Bewältigung einer Geiselnahme probten. Hierzu wurden die Verhandler unter Stress gesetzt. Getränke wurden vorenthalten, es gab stundenlang nichts zu essen, der Kaffee wurde kalt serviert, ein Rauchverbot verhängt, eben die üblichen Spielchen. In dieser Situation griff eine Verhandlerin in ihre Tasche und holte einen Schokoladenriegel hervor und aß ihn auf. Die Übung musste hieraufhin abgebrochen werden.

Beim zweiten Beispiel geht es um einen Versuch (ultimative Verhandlung), aus Spieletheorie. In ihm werden einem von zwei Probanden 100 Dollar übergeben. Jener sollte den Betrag unter beiden nach seinen eigenen Vorstellungen aufteilen. Stimmte der andere der Verteilung zu, können sie das Geld behalten. Im Falle der Ablehnung, muss das Geld zurückgegeben werden. Im Ergebnis zeigte sich vordergründig eine Art „Gerechtigkeitssinn“, der stärker war, wie der Wunsch mit mehr Geld aus dem Versuch herauszugehen, denn vorher in der Tasche war. Wich der Betrag im hohen Maß vom Ideal 50 : 50 ab, kam es vermehrt zu Ablehnungen. Der Versuch wurde in westlichen Industrieländern, mit kleinen ethnischen Gruppen und Kindern unterschiedlicher Altersstufen durchgeführt. Die Ergebnisse fand ich ziemlich spannend.

Besonders faszinierten mich die Versuche mit den Kindern. Erst teilte man die Kinder in zwei Gruppen und gab einer etwas, was sie dann mit der zweiten Gruppe teilen sollten. Nun sie teilten, aber wirklich gerecht ging es dabei nicht zu. Dann wurde die Erweiterung „Ultimatum“ eingeführt. Jüngere Kinder begriffen, dass es schlecht für sie ausgehen würde und am Ende niemand etwas bekäme, veränderten aber ihr Zuteilungsverhalten nicht. Ältere änderten ihr Verhalten. Hirnforscher gingen der Sache auf den Grund. Sie fanden heraus, dass das Fairnessverhalten mit der Entwicklung des präfrontalen Kortex in Verbindung steht. Empathie wird vom Menschen erlernt und genau dafür werden die Entwicklungen der Gehirnareale benötigt.

… „Die Studie demonstriert, wie sich Fairness entwickelt. Und sie stellt eine Verbindung zwischen dem Verhalten und der Entwicklung von Hirnstruktur und -funktion her – das macht sie einzigartig.“ …

Berna Güroğlu, Entwicklungspsychologin an der Universität Leiden



Die neue Erkenntnis zeigt, dass allein moralische Appelle des Erziehers nicht weiterhelfen. „Man muss die Situationen identifizieren, in denen trotz besseren Wissens egoistisches Verhalten auftritt“, sagt Steinbeis. Den Kleinen müsse in der konkreten Situation gezeigt werden, wie man sich korrekt verhalte. Zu wissen, was richtig ist, und das Richtige zu tun sind eben zwei grundlegend verschiedene Dinge – an denen selbst Erwachsene immer wieder scheitern.

15. März 2012 DIE ZEIT Nr. 12/2012, Die Kunst des Teilens, Alina Schadwinkel

Was mache ich daraus? Ich selbst war noch niemals reich und meine empathischen Fähigkeiten genügen nicht, um mich in einen reichen Mann hineinzuversetzen. Es gibt unter den Superreichen eine erkleckliche Zahl von Großspendern, die jährlich oder bisweilen Milliarden spenden. Was ich bei einigen nicht verstehe, ist der Umstand, dass sie zuvor augenscheinlich nicht interessierte, wie das gespendete Geld generiert wurde. Auf jeden Fall versuchen sie nachträglich ethisch zu handeln.

Der Eifelphilosoph sieht ein sadistisches Verhalten. So weit würde ich nicht gehen. Fakt ist, dass ich Leute erlebt habe, die aus einem reichen Land kommend, die Armut in anderen Ländern sahen und ein schweres Trauma davon trugen. Vielleicht versuchen sich die hartnäckigen Leugner einer Ursächlichkeit der westeuropäischen Staaten bei dieser Misere, einen Schutz aufzubauen.

… Schutz? Zynismus?

Letztlich habe ich mir, mit meiner inneren Haltung, dass ich mich ausschließlich für meine eigene Saat und der daraus entstehenden Ernte verantwortlich sehe, ebenfalls einen Schutzmantel angezogen.

Aber ich stimme zu, dass es letztlich nicht um Reich und Arm geht, sondern eine Stufe davor zu betrachten ist. Reichtum, also ein erhebliches mehr, denn man zum Leben braucht, ist immer ein Ergebnis der Gier. Dabei nehme ich mich selbst nicht aus. Auch ich habe deutlich mehr, denn ich zum Leben brauche. Jedenfalls, wenn ich mir Leute zum Vergleich nehme, die sich bewusst gegen alles Unnötige entscheiden haben.

Die Welt sähe schöner und in vielen Gebieten weniger schrecklich aus, wenn wir Teilen, Verteilen und Gönnen würden. Es ist nicht so, dass wir es nicht besser wissen . Selbst in relativ trivialen Serien, wie Star Trek, Raumschiff Enterprise oder Deep Space Nine wird das Thema immer mal wieder aufgegriffen, wenn feindlich gesinnten Lebensformen erläutert wird, dass die Menschheit das 21. Jahrhundert und seinen Unsinn irgendwann im 24. Jahrhundert überwandt.

Vielleicht geht es wirklich nicht um Arm oder Reich, sondern darum, welche der beiden menschlichen Seiten die Oberhand gewinnt. Die erkennende, welche sich bewusst ist, dass die Kooperation und Kommunikation, einer der entscheidenden evolutionären Faktoren war und ist, oder die andere, welche immer auf der Suche nach neuen zu befriedigenden Bedürfnissen ist.

Ich begann diesen Beitrag mit einem Zitat aus einem alten Western mit Clint Eastwood. Er blickt auf zwei Rivalen, die sich beide der Gier verschrieben haben. Frei nach dem Motto, wenn sich zwei sich streiten, freut es den Dritten. Die Gier kann am Ende nicht gewinnen, weil sich die Gierigen langfristig gegenseitig vernichten werden. Da hat der Eifelphilosoph vollkommen recht. Es dauert halt, aber es wird passieren. Der Kapitalismus ist zum Scheitern verurteilt und wird sich auf lange Sicht, nicht durchsetzen. Und die Opfer sehe ich auch.

Es gilt das „Gute“ zu suchen und zu unterstützen. Wobei für mich alles Gut ist, was dazu geeignet ist, das Leid zu überwinden. Das „Negative“, also alles was das Leid steigert, bekommt viel zu viel Aufmerksamkeit. Ich glaube, am besten ist man damit beraten, es wie der namenlose Reiter auf dem Balkon zu halten und sich die gegenseitige Zerstörung anzusehen. Wenn da nicht die vielen unschuldigen Opfer wären. Manchmal überkommt mich die Lust, den ein oder anderen Krakeeler im Internet oder über den Segen der kapitalistischen Markwirtschaft referierenden Politiker ein Jahr lang nach Somalia verschleppen zu lassen.

Spaß bereiten mir persönlich auch die Menschen, die dann auf den bösen Kommunismus verweisen.

q.e.d.

Als ob wir in den letzten hundert Jahren irgendwo ein System erlebt hätten, in dem es unter dem Strich nicht doch wieder um die Gier einzelner ging. Unter Umständen sollte man über neue Bezeichnungen nachdenken. Mir wäre ein gerechtes Verteilungssystem genehm, welches sich weniger auf die Unterschiedlichkeiten der Menschen konzentriert – Konservative -, denn auf die gemeinsamen Verhaltensstrukturen und Bedürfnisse.

Irgendetwas mit kleineren Einheiten, in denen das Individuum mehr zur Geltung kommt und die Folgen des eigenen Handelns sehen kann, flexiblen situativen Hierachien, die sich nach Bedarf bilden und wieder lösen und vor allem eine gerechtere globale Verteilung. Und der Mensch sollte mal beginnen darüber nachzudenken, ob er wirklich alles erforschen und möglich machen soll. Bisher haben wir uns mit allem Fortschritt mehr Probleme erschaffen, denn echte Vorteile.

Meines Erachtens haben uns bisher nur die Menschen weiter gebracht, die sich über das „Menschliche“ und alles damit in Verbindung stehende Gedanken machten. Diejenigen, welche das gesamte Spektrum akzeptierten, und nach Lösungen für das Überwinden der zerstörerischen Faktoren nachdachten, statt Systeme zu generieren, die ausgerechnet jene forcieren. Das haben auch die Versuche gezeigt. Wenn die Probanden erkannten, dass sie vom kooperativen, fairen und gerechten Verhalten mehr zu erwarten haben, denn von der Ungerechtigkeit, begannen sie vernünftig zu entscheiden.

Nur, wie setzt man das um? „Zu wissen, was richtig ist, und das Richtige zu tun sind eben zwei grundlegend verschiedene Dinge – an denen selbst Erwachsene immer wieder scheitern.

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