Afd = Bürgerlich? Ja!

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Ein Aufschrei geht durch die Republik. Die AfD ist keine bürgerliche Partei! Nein? Woraus ergibt sich denn das Attribut «bürgerlich»? Aus dem gesellschaftlichen Status der Mitglieder? Der Wählerschaft? Oder aus den Forderungen? Nahezu alle Abgeordneten der AfD sind Akademiker, kommen aus der Wirtschaft, sind Handwerksmeister oder wurden im öffentlichen Dienst ausgebildet. Das ist das Bürgertum! Wer das übersieht, begeht einen schweren Fehler. Die sich dort auf den oberen Listenplätzen tummeln ist nicht das Prekariat und auch nicht der kleine auf der Straße seinen Dienst versehende Polizist. Die Soldaten stammen vornehmlich aus der Etappe und den Stäben.

Der Andersdenkende in Deutschland sollte langsam mal zur Kenntnis nehmen, dass sich das deutsche Bürgertum immer weiter nach rechts bewegt. Nur weil Redner eine andere Rhetorik verwenden, unterscheiden sich noch lange nicht die Inhalte. Die Verpackung ändert nichts an der Explosivität einer Paketbombe. Die Werteunion der CDU lässt es sich nicht nehmen ab dem 6. Absatz ihres Manifestes auf die «unkontrollierte Einreise von Ausländern» und die von ihnen befürchteten Folgen, sowie Gegenmaßnahmen einzugehen. Ein Manifest kann man so oder so gestalten. In den Absätzen darüber ergehen sich die Verfasser in leeren Phrasen, während sie weiter unten konkret werden, aber die Konsequenzen verschweigen. Die machen nichts anderes, wie die AfD. Der Ausländer, vornehmlich Menschen, die sich auf der Flucht befinden, wird zum Buhmann und Ablenkungsmanöver instrumentalisiert. Das dieser Eindruck beim Leser des Manifestes entsteht, ist ihnen bewusst. Sonst würden sie nicht in den ersten Absätzen betonen, dass sie Patrioten ohne Nationalismus sind. Konkret wird der Begriff «weltoffener Patriotismus» verwendet. Was auch immer das sein mag. Wären die ersten Absätze nicht, könnte man meinen das Programm der AfD zu lesen. Die nackte Angst springt einem entgegen. Polizei, Bundeswehr, die innere und äußerliche Verteidigung muss mobilisiert werden.

Dobrindt forderte die «konservative Revolution». Eigentlich ein Unding, weil dieses Schlagwort mit dem Schulterschluss des konservativen Bürgertums mit den Nationalsozialisten verbunden ist. Meinte man anfangs noch, es wäre ein Fauxpas , wird man langsam eines Besseren überzeugt. Sie wollen es nochmals versuchen. Frei nach dem Motto, alles nach 1933, ohne Weltkrieg, ohne Holocaust und Führer, statt dessen eine bürgerliche Elite mit ähnlicher Ausrichtung, könnte klappen. Wir stehen an einem Scheidepunkt.
Deutschland überwand in kleinen Schritten den Muff und Status Quo des auf ein homogenes Volk ausgerichteten Bürgertums. Es entstand eine komplexe Gesellschaft, die aufgrund ihrer Diversität innere Konflikte auszutragen hat. Das will gelernt sein und funktioniert nicht über Nacht. Auf Deutsch gesagt: Dem Bürgertum geht der Arsch auf Grundeis! Konfliktbewältigung, Kompromisse, Positionsaufgabe und Neues entstehen lassen, ist nicht deren Welt. Exakt diese Dinge sind aber bei den am Horizont aufziehenden Aufgabenstellungen notwendig. Teile der Spezies Mensch haben der gesamten Menschheit Aufgaben beschert, die gemeinsame Lösungen und Zusammenarbeit über alle Grenzen hinaus, geistige, religiöse, kulturelle, politische und geografische, erfordern.
Selbst ein gelebtes Christentum und nicht das scheinheilige, wäre nicht die Antwort auf alle Fragen. Nietzsche stellte richtig fest: Es gab nur einen Christen und der wurde gekreuzigt. Allein die Erwähnung einer Buchreligion im Manifest, begründet eine Abtrennung, statt einer Verbindung. Wir, die tollen modernen Christen auf der einen Seite und die bösen rückständigen Muslime auf der gegenüberliegenden Seite. Mit Verlaub meine Damen und Herren, die Bundesrepublik Deutschland ist kein Gottesstaat und ich werde mich dem christlichen Schuldkult nicht anschließen. Aber, das muss man der Werteunion lassen, sie fordern diese Haltung ausschließlich für die CDU.

Wie auch immer, alles jenseits dieses konservativen Bürgertums muss den Beweis antreten, sich einerseits in Deutschland dagegen zu emanzipieren und zusammen mit den progressiven Kräften in den anderen westlichen industrialisierten Staaten Lösungen zu finden. Gelingt das nicht, stürzen die uns im zweiten Anlauf endgültig ins Verderben. Nein, es geht nicht ausschließlich um das deutsche Bürgertum. Vor 70 Jahren war das auch nicht der Fall. Zu der Suppe gab es mehrere Köche. Angefangen beim Großkapital, bis zu den europäischen Nationalisten, der von Marx getauften Bourgeoisie, faschistischen Vordenkern, völkischen Bewegungen und der alle einenden Arroganz, etwas Besseres zu sein, als die anderen humanoiden Bewohner des Planeten.

In spätestens 50 Jahren werden die heute Lebenden danach beurteilt, wie sie sich mit den anstehenden Problemen des Klimawandels und mit den Flüchtlingsbewegungen auseinandersetzten. Man wird über den Spätkapitalismus und die Irrtümer sprechen. Kaum einer wird in den Genuss kommen, als einzelner Kritiker beachtet zu werden. Vielleicht wird dies Personen wie einer Kapitänin Rackete oder einer Greta Thunberg widerfahren. Wahrscheinlich wird es sogar eine Angela Merkel schaffen, der man eine humane Entscheidung im Jahr 2015 zugestehen wird. Keiner kennt auf anderen Kontinenten einen Söder, Seehofer oder Dobrindt. Die Kanzlerin musste sich entscheiden, ob sie 2015 als bedeutende Persönlichkeit der Geschichte Menschenleben rettet oder als hartherziges Flintenweib dasteht, die ein Symbol für unsere Epoche darstellt. Ich würde sagen,auf lange Zeit gesehen, hat sie alles richtig gemacht.

Die AfD ist eine Erscheinungsform des Bürgertums. Die Ziele sind kaum zu unterscheiden, lediglich die Methodik ist eine andere. Brachialer, vordergründiger, primitiver, intensiver die niederen Instinkte ansprechend. Der konservative Teil der CDU/CSU, die assoziierten Burschenschaften, die Thinktanks, das Kapital, geht den leisen unauffälligen perfiden Weg. So, dass man es fast nicht bemerkt. Die strammen Kameraden in den schlagenden Vereinigungen, die vielen kleinen feinen Zirkel, die Ultras auf dem Land in den alten Bundesländern, müssten eigentlich der AfD jeden Tag für das Ablenkungsmanöver Spenden zukommen lassen. In den Achtzigern trauten wir dem konservativen Flügel der CDU aus guten Gründen nicht über den Weg. Die Rechten hatten damals kaum Optionen irgendwo unterzukommen. Mit einer NPD/DVU Mitgliedschaft bekam man nirgendwo einen brauchbaren Arbeitsplatz. Da blieb nur das Verstecken in der CDU/CSU.

Einige von denen sahen nun eine Option in der AfD. Für mich sind es die Wagemutigen der Rechten. Sie glauben, dass die Zeit reif ist, während die anderen noch Zögern und in der Deckung bleiben. Deshalb sind sie nicht weniger rechts. Dem Kapital ist die AfD als wilder Haufen noch ein wenig suspekt, obwohl sie in ihrem Programm alles zur Stärkung der Wohlhabenden unternehmen. Doch es geht weniger um das Programm, denn das Renommee. Da ist man derzeit mit der schöneren Verpackung Erzkonservative in der CDU besser beraten. Das kann sich schnell ändern.

Was sich da zusammenbraut, aber noch nicht als Einheit erkennbar ist, erregt bei mir persönlich Besorgnis. Identitäre, Burschenschaften, Erzkonservative der CDU/CSU, AfD, rechts ausgerichtetes Kapital, stille Sympathisanten und neuerdings auch Medien, formieren sich. Der ehemalige Präsident des deutschen Verfassungsschutzes Maaßen maßt sich an (der musste sein! ;-)), die Neue Züricher Zeitung als West – Fernsehen zu bezeichnen. Mal zur Erinnerung, der neue Besitzer Blocher war in den Achtzigern Unterstützer des Apartheidregimes in Südafrika und die alten Redakteure der NZZ waren nicht wirklich glücklich über den Rechtsruck der Zeitung.
Die AfD ist sehr wohl das Bürgertum. Alle, die sich von den Positionen der Konservativen in der CDU/CSU entfernen, dürfen sich bald getrost als Ausgestoßene betrachten. Mit dem Rückzug von Angela Merkel wird eine andere Richtung eingeleitet werden. Das wird, ich schreib es mal nett, eine spannende Entwicklung werden. Für meinen Teil habe ich Ahnung, wo es endet. Und ich weiß jetzt schon, dass ich da nicht mitmachen werde.

Das wird mir nicht viele Freunde einbringen. Zumindest in meinem alten beruflichen Umfeld stehen die auf die CDU wie eine Eins. Die Bewahrer der bürgerlichen Ordnung. Ich bin nun einmal der festen Überzeugung, dass neue Zeiten anbrechen. Klimawandel und geopolitische Kriege ändern alles. Mit dem alten Scheiss, der uns in die Bredouille gebracht hat, brauchen wir nicht weiterzumachen.

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