2 für 200 – Berufsethos

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«Zwei oder Zweihundert?» Diese Frage stand letztens bei einem Umtrunk mit einem ehemaligen Kollegen im Raum. Gemeint ist damit, der Berufsethos den wir einst gemeinsam hatten. Im Falle eines Anschlags oder einer ähnlichen Straftat, das eigene Leben herzugeben um den Täter von weiteren Handlungen abzuhalten. Oder, wie am 9/11 in den USA, möglichst viele Leben durch das eigene zu retten. Der Klassiker für alle Sicherheitskräfte und Soldaten, der sie von anderen Menschen unterscheidet. Ein wesentlicher Punkt! Die Mehrheit verfolgt eine andere Strategie. Anders: Wer sich diesem Ethos zuwendet, rettet Menschen, die damit selbst nichts am Hut haben. Zweihundert? Die Zahl erscheint willkürlich. Bei zwanzig würde es ebenfalls funktionieren. Das lässt sich bis auf den Faktor 1 : 1 reduzieren. Eigenes Leben zur Rettung eines fremden Lebens einsetzen, welches wiederum von einem fremden Menschen bedroht wird.
Die Überlegungen zeigen mir erneut, wie oft bei den Berufen Feuerwehr, Soldat und Polizei, tief greifende philosophische Themen berührt werden, die kaum eine Betrachtung finden. Warum sollte sich einer dazu berufen fühlen und ein anderer nicht? Mit welcher Berechtigung kann ein anderer, der selbst nicht bereit ist dies zu tun, es einem anderen abfordern? Kann und darf derjenige, welcher dazu bereit ist, hierfür eine Wertschätzung verlangen oder muss es vielmehr als eine individuelle Bereitschaft ersehen werden, die dessen eigner Pinselung des Egos dient? Teile der Gesellschaft, sehen dies so.
Ich selbst bin zur Auffassung gekommen, dass es tatsächlich eine sehr eigene Geschichte ist. De facto kann ich nicht wissen, welche Folgen sich aus dem Handeln ergeben. Das könnte nur ein Mensch aus der Zukunft. Vielleicht wären die Menschen der Zukunft dankbar, wenn der eine oder andere gestorben wäre. Ob sich ein Überleben positiv erwiesen hätte, kann gar keiner beurteilen. Ich weiß dies nicht einmal bezogen auf das eigene Leben. Dabei kommt die alte Frage auf, ob Leben gegeneinander aufgerechnet werden kann. Im Utilitarismus, ist das Hergeben des eigenen Lebens für das Wohl der Gemeinschaft gewünscht. Das regelt aber nicht mein Problem mit der Umwelt. Schaue ich mich um, sehe ich wenige Menschen, die sich dem Gemeinwohl unterordnen oder gar bereit wären, ihr Leben zu opfern.
Oftmals kommt das Buddelkasten Argument aus den Kindertagen: «Wenn sich alle so verhalten würden, bekämen wir ein Problem.» Damals, wie heute, dringt es nicht wirklich zu mir vor. Warum soll ich auf die Dissozialen Rücksicht nehmen, vielleicht ihnen noch helfen, oder im schlimmsten Fall dabei drauf gehen? Würde ich in einer Gesellschaft leben, die mehrheitlich, bis auf wenige Ausnahmen, den sozialen Weg favorisieren, sähe die anders aus. Das ist aber nicht der Fall. Ich lebe nun einmal in einer kapitalistischen Ellenbogengesellschaft, u. treffen meine Befürchtungen ein, wird es nicht besser werden.

Es besteht zumindest eine realistische Chance, dass sich Leute wie Friedrich Merz, Roland Koch, Dobrindt, Söder u.ä. politisch nach vorn setzen. Dann ist es endgültig Essig mit der Solidarität innerhalb der Gesellschaft und Skrupellosigkeit, Machtgier, Mammon übernehmen und die endgültige Abkopplung einer Clique wird vollzogen. Das wird sich mannigfaltig auswirken.

Es scheint mir dann doch eine sehr individuelle Angelegenheit zu sein. Mit der Bejahung des Ethos, verschaffe ich mir selbst ein gutes Gefühl. Ich wähne mich auf der Seite der Guten. OK, warum nicht? Wer es braucht, soll es machen. Aber es kann keine Verpflichtung dafür geben und auch keinen Anspruch, dass dieses Verhalten der richtige Weg ist. Die benannte politische Ausrichtung steht dem komplementär gegenüber. Kein in der Gesellschaft erfolgreicher Liberaler oder Neoliberaler käme jemals auf die Idee, sich innerhalb eines sozial relevanten Beruf zu engagieren. Bei Ihnen besteht die geistige Haltung: Bin ich erfolgreich, partizipieren die anderen ebenfalls. Ergo, hat meine Leistung eine besondere Wertschätzung – monetär – verdient. Geld ist bei ihnen der einzig mögliche Ausdruck eines Werts. In sozial relevanten Berufen funktioniert das Leben ein wenig anders. Sozial bedeutet u.a. die Akzeptanz, dass sich Erfolg durchaus jenseits von monetären Werten ausdrücken kann und ein Mensch aufgrund seiner Natur immer nur mit anderen zusammen erfolgreich sein kann.

Es ist mir als Mensch nicht gegeben, meine Lebensrolle und die eines anderen, für das Gesamtgeschehen zu sehen. Ich weiß nur, dass kein Leben folgenlos verläuft. Es ist mehr als vermessen, wenn sich ein Politiker positioniert und von Leistungsträgern der Gesellschaft spricht, die eine besondere Unterstützung benötigen. Vielleicht sind es am Ende genau diejenigen, welche alle ins Verderben stürzen. Die Atombombe wurde auch von wissenschaftlichen Leistungsträgen erdacht und entwickelt. Zyklon B wurde nicht von einem faulen Schulabbrecher auf der Couch zusammen gemixt. Das kann man alles niemals so genau vorher wissen.
Eins steht für mich fest. Große Teile der Bevölkerung verlassen sich genüsslich auf ihre so genannten Sicherheitskräfte. Im Gegenzuge sind sie aber nicht bereit, entsprechendes Verhalten ihnen gegenüber aufzubringen. Letztlich ist das Phänomen nicht neu. Bei jeder Berufsarmee ist dies der Fall. Besonders extrem ist es bei der französischen Fremdenlegion. Die sollen die Kartoffeln aus dem Feuer holen und wenn sie drauf gehen, ist es nicht so schlimm, weil es keine Franzosen sind.
Nach unserem Umtrunk, beobachtete ich die Leute auf den Straßen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln und las die Kommentare in den sozialen Medien. Im Ernst? Für diese Ansammlung den Kopf hinhalten? Nö … wie schreibt sich eigentlich Misanthrop? Wobei das zu weit geht. Es gäbe durchaus einige, die ich mag. Aber in der Regel können die sehr gut auf sich alleine aufpassen.

Meinem Gefühl nach, ist die menschliche Solidarität innerhalb der westlichen Industriestaaten stark am Sinken. Unten werden die Menschen gegeneinander aufgehetzt und oben erfreuen sie sich am Ergebnis eines jahrzehntelangen rücksichtslosen Egotrips. Amerikanische Soziologen beobachten bereits längere Zeit ein stetig anwachsenden prozentualen Anteil von Psychopathen in den Führungspositionen. Ein hausgemachtes gesellschaftliches Problem. In einer Demokratie könnte man sich theoretisch dagegen wehren. Doch die Wahlergebnisse zeige, dass die Mehrheit diese Entwicklung positiv sieht. Warum auch immer. Aber so ist nun einmal Demokratie. Die Aussage einer Mehrheit, muss noch lange nicht richtig sein. Man hat sich lediglich darauf verständigt, sich ihr zu beugen. Zwischen Beugen und Unterstützen liegen Welten. Die Mehrheit stützt und wählt eine Politik, die „2 für 200“ oder wegen meiner „2 für 10“ immer häufiger werden lässt. Herrsche und Teile lautet das Motto der gegenwärtigen Politik. Dieses Teilen erzeugt Spannungen und die entladen sich. Auch dies ist ein Credo der Liberalen und Neoliberalen. Die Spannungen sind ihrer Meinung nach der Motor für den Wachstum. Recht simpel formuliert: Einer in der Gosse wird ihrer Meinung nach, einen höheren Antrieb haben, sich in das Wirtschaftssystem zu stürzen, als einer, dem es auch so halbwegs gut geht. Dummerweise neigt ein nicht zu vernachlässigender Teil der Menschen in einem derartigen System dazu, sich die Statussymbole anders zu besorgen, als mit mühseliger Arbeit. Zumal ihnen seitens im Rampenlicht stehender Persönlichkeiten vorgemacht wird, dass man auch ohne einen Beitrag für die Gesellschaft, ordentlich Geld verdienen kann. Ich betone es immer wieder: Ein erfolgreicher Großdealer und ein Investmentbanker, Aufsichtsratsvorsitzender oder Manager liegen charakterlich nah bei einander. Nein, ich halte nichts mehr von diesem Ethos. Ich streiche mal vollkommen das Zahlenverhältnis heraus. Darf ich das eigene Leben für mich selbst wichtiger erachten, als das eines anderen Menschen? Durchaus! Dies nennt sich dann Freiheit und Existentialismus… aber das ist einen anderen BLOG Eintrag wert.

Gewidmet B. – einem der Guten!

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