Die letzte Nacht von Berlin (West)

Reading Time: 4 minutes

Auf allen möglichen Radiosendern wird gefragt, wo sich die Zuhörer oder Interviewpartner am Tag des Mauerfalls befanden. Einige wache Geister haben längst völlig richtig festgestellt, sie fiel niemals. Das Gebäude «Antifaschistischer Schutzwall» wurde nach und abgebaut. Es war die Nacht der Grenzöffnung. Der Todestag von Berlin (West). Das Ende eines soziologischen Experiments. Eine Nacht, die in einer Katastrophe hätte enden können. Bis hin zur Einleitung der Voraussetzungen eines Dritten Weltkriegs war in diesen Stunden, alles möglich. Heldenhafte Einzelleistungen innerhalb eines Befehlsnotstands, verhinderten dies. Dem Oberstleutnant der Grenztruppe, welcher den Schlagbaum öffnete, gehört meiner Meinung nach das Bundesverdienstkreuz verliehen. Nicht auszudenken, was im Falle eines Schießbefehls passiert wäre.

Letztlich war die Grenzöffnung eine Folge von persönlichen Versagen eines Pressesprechers namens Schabowski und eines damit ausgelösten eigendynamischen Prozesses, dessen Ablauf den Gesetzen des Chaos folgte. Keine Revolution, die aus den vorhergehenden Montagsdemonstrationen hervorging. Davon hätte man sprechen können, wenn die Menschenmasse bei der Demo in Richtung Mauer abgebogen wäre um die Grenztruppen anzugreifen. Noch um 19:00 Uhr peilten die Offiziellen noch überhaupt nichts von den anstehenden Ereignissen. Um 23:00 Uhr waren die U – Bahnhöfe teilweise nicht mehr zu betreten, weil die Menschenmasse alles ausfüllte. Nebenbei leisteten in dieser Nacht, BVG, Feuerwehr, Rotes Kreuz, Polizei, unvorstellbares, als wenn sie immer auf einen derart gigantischen Einsatz gewartet hatten.

Nein, sie fiel nicht um. Das wäre mir in dieser Nacht aufgefallen. Irgendwann war ich in dieser Nacht am Kurfürstendamm. Freude? Ich weiß es nicht mehr. Eher erinnere ich mich an ein latentes Gefühl der Sorge, das alles kippt. Zu viele Menschen auf einem Haufen und ein geprelltes Regime mit seinen frustrierten Sicherheitskräften im Nacken. Die Angst verschwand erst zum Jahreswechsel 1989/90. Ich erinnere mich, dass ich neben einem alten Freund stand und etwas wehmütig das Ende der Achtziger realisierte. Zusammen mit diesem legendären Jahrzehnt endete unsere Jugend im alten West – Berlin. Es hatte seinen Reiz, die anderen Teile der Stadt kennenzulernen. Das wurde schnell langweilig. Ich gebe zu, dass ich 89/90 Friedrichshain, Mitte, Alexander Platz, Prenzlauer Berg, ziemlich öde fand. Beruflich und politisch war die Zeit aufregend. Über Monate hinweg, spielten sich Jagdszenen in Hollywood ab.

Ich glaube die meisten Berliner (West) dachten sich, dass die Ossis dankbar waren, endlich mal die andere Seite zu sehen, ohne gleich erschossen zu werden. Die Tragweite der Ereignisse hatte keiner vor Augen. Man hatte sich mit der Mauer abgefunden. Das die eines Tages mal nicht mehr da sein könne, war im Januar 1989 noch unvorstellbar. Extrem unangenehm empfand ich die ungesunde Nähe zu den Männern der Grenztruppen und Volkspolizei. Normalerweise kam man ihnen nur bei der Ausreise am Kontrollpunkt näher. Unfreundliche, sadistische, arrogante, selbstherrliche Schnösel in hässlichen Uniformen, die mit ihren Makarow Pistolen und Kalaschnikows eine Dauerbedrohung darstellten. Ansonsten standen sie auf der anderen Seite der Mauer und dort in der Regel auf einem Wachturm.
Typen, auf die ich als Berliner Polizist (West) im Zweifel geschossen hätte. In jener Nacht traute Ich diesen Vögeln nicht über den Weg. Und nach allem, was ich später erfuhr, war das Misstrauen durchaus angebracht.
Die Frage nach den Erlebnissen in dieser Nacht ist meiner Auffassung nach deutlich zu eng gefasst. Spannender sind Fragen zur Wendezeit. Was passierte beim Einzelnen in den nachfolgenden Monaten? Ich erinnere mich an den Tag, als die komplette Kriminalpolizei aus der Hans – Beimler – Straße (heute Otto – Braun – Straße), spontan im Dienstgebäude der Direktion 3 ihren Dienst antrat. Da waren die Einsätze in Berlin – Mitte, in denen ich mich in einer Zeitmaschine wähnte. Leerstehende Wohnungen, die von ihren Bewohnern fluchtartig aufgegeben wurden.
Defekte Gasleitungen, die niemanden beunruhigten, weil der Gasgeruch der Normalität entsprach. Bestatter, die in der Invalidenstraße ihre Kundschaft in normalen Garagen aufbewahrten. Wohnungen mit riesigen Löchern im Fußboden, die augenscheinlich niemanden interessierten. Seltsame Büroräume, in denen einst die Gestapo untergebracht war und zu DDR Zeiten u.a. der Staatszirkus seine Büroräume hatte.
Auf jeder Etage befanden sich schwere gepanzerte Wandschränke und denen wurde das gesamte Geld aus einem Blechschrank gestohlen. Überall diese Wachssiegel der Staatssicherheit an Schubladen und Türen. Hunderte Gasmasken für die Betriebskampfgruppen, die gegen die imperialistischen Faschisten, also Leute wie ich, den West – Berliner, kämpfen wollten. Wie bereits beschrieben: Es herrschte über Monate Chaos, welches mühsam mit viel persönlichen Einsatz und Improvisationsvermögen geregelt wurde. In diesen Tagen wurde mir schnell bewusst, dass die DDR so ziemlich alles war, aber kein Sozialismus. Wenn es auch historisch nicht haltbar ist, aber so rein gefühlsmäßig stellte ich mir Amts – und Büroräume im Dritten Reich nicht viel anders vor. All die Abhöranlagen, geheimen Räume, Archive, Observationsposten, schwer gesicherte pompöse Behördenleiterräume u.s.w., wirkten seltsam.

Nein, die Mauer fiel nicht einfach um. Und wenn überhaupt jemand in Sachen Mauer mitreden kann, sind es die Berliner. Es wirkt ein wenig skuril, wenn sich (Wessi) – Politiker/innen, die zu dieser Zeit noch Kinder waren, zum Thema Mauer äußern. Wenn dieses Ereignis auf eine einzige Nacht bezogen wird, können nur Berliner etwas dazu sagen. Der Rest von Deutschland hatte damit wenig zu tun. Eben so, wie die Wessis, das freie Berlin (West) hatte nur zwei Himmelsrichtungen, niemals das Lebensgefühl und Selbstverständnis in dieser Stadt verstanden. Rückblickend empfinde ich die Mauer als eine Garantie der besonderen Freiheit. Bonn war weit weg und in Berlin (West) tickten die Uhren anders. Auch das passierte in dieser Nacht. Die von «Drüben» waren irgendwie anders. Noch heute gilt es bei Berlinern (West) hinter vorgehaltener Hand als Lob, wenn man einem Ossi den Ossi nicht anmerkt. Ich bekam vor Jahren von der GdP einen Cartoon Auftrag. Dabei zeichnete ich u.a. eine Sachbearbeiterin mit einer lila – Haarsträhne. Prompt bekam ich die Rückmeldung, dass sich Frauen aus dem Westen damit nicht identifizieren könnten. Das waren eine Schwestern und Brüder, die da herüber kamen. Wir waren uns fremd und ich glaube, in vielen Bereichen gilt das für meine Generation immer noch.

Share Button

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.