Reden sie miteinander …

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Das menschliche Gehirn muss zum Verstehen der Informationen, die es von den Sensoren Auge, Haut, Gehör, Nase bekommt, Verknüpfungen herstellen. Diese werden zu unzähligen kleinen Geschichten, die es sich selbst erzählt. Das Zusammenfügen ist ein hochkomplexer Begriff.

Die Informationen werden bewertet. Manche werden vernachlässigt, andere erfahren eine Gewichtung. Altes, aus der Vergangenheit wird mit ihnen zusammengefügt, in die neuen Geschichten werden alte Bestandteile eingefügt. Obwohl wir alle gemeinsam auf die Geschehnisse um uns herum schauen, kommen wir alle, mindestens in Nuancen zu anderen Ergebnissen. Leider sind sich dessen die wenigsten bewusst und noch weniger sind bestrebt, ihr Handeln, ihre Praxis des Denkens, danach auszurichten.

Schon sehr lange wird geforscht, was da in dieser Blackbox „Gehirn“ vor sich geht. Wir erlernen Sprachen, mit denen wir Denken und Kommunizieren.

Können wir etwas Denken, wofür wir keine Worte oder wenigstens einen körperlichen Ausdruck haben? Kommunizieren auf keinen Fall, aber wie sieht es mit dem Verknüpfungsprozess aus? Wie Stufe ich innerlich Emotionen ab, wenn ich dafür keine Begriffe habe? Wie grenze ich Zuneigung von Liebe ab? Was ist mit Wut oder Hass? Trauer oder Verzweiflung? Womit verknüpfe ich diese Worte in meinem Innern? Eine Lehrerin hat mir von Schülern berichtet, die nur Hass, Krass, Geil, Scheisse, kennen. Wie nehmen die Einstufungen vor?

Manchmal gibt es diese Augenblicke der Erleuchtung, wenn einem etwas erstmalig begegnet. Ah, das ist echter innerlicher Schmerz! So sieht also Müdigkeit aus! Extremsportler treiben dies oftmals auf die Spitze.

Einer sagte mir mal: „Keiner der hier Anwesenden weiss, was echte Müdigkeit ist!“ Er berief sich dabei auf seine Erfahrung aus einem dreifachen Triathlon.

Jede Erfahrung, die sich an einer Grenze des menschlich biologisch Machbaren befindet, wobei es selbstverständlich auch hier individuelle Unterschiede gibt, verschiebt auch die Grenze um das Spektrum der Erfahrungen. Die Evolution hat an dieser Stelle Sicherungen eingebaut. Funktionieren die nicht richtig, kommt es zu Prozessen, die das Leben erschweren. Psychologen und Psychiater zerbrechen sich darüber seit bestehen ihrer Disziplin den Kopf.

Wenn wir z.B. von einer o. einem mit viel Lebenserfahrung sprechen, kann dies bedeuten, dass sie/er eben in jenen Grenzbereichen Erlebnisse vorzuweisen hat. Bedingt wird dies durch das Umfeld, in dem sich ein Mensch bewegt. Manche versuchen bewusst Situationen herbeizuführen, in denen sie an die Ränder ihres Standardlebens gehen (Extremsportler, Abenteurer, Hooligans). Andere werden beruflich dazu gezwungen. Dann gibt es die Menschen, deren alltägliches Leben in einem für Leute aus Wohlstandsgesellschaften extremen Umfeld stattfindet (Krieg, Krisengebiet, pp.)

Worte! Die wenigsten Worte sind eindeutig definiert und vor allem hält sich kaum einer an sie. In der Wissenschaft, vor allem in der Philosophie, wird darum gerungen. Kommt ein bisher nicht dagewesener logischer Schluss auf, werden neue geschaffen. Hinzu kommen die unendlich vielen Assoziationen. Aktuell erleben wir dies in Deutschland im Zusammenhang mit der „Gendergerechten Sprache“. Für die einen geht es genau darum, mit der Verwendung das Denken zu verändern und für andere sind hierbei entstehende Wortschöpfungen eine Tube Bauschaum, die die Ohren verkleistert und ein weiteres Gespräch unmöglich machen. Ich durfte diesen Effekt mal im Rahmen einiger gezielt inszenierter Gespräche beobachten.

In einem Kommunikationsseminar wurde zwei Personen eine Gesprächssituation vorgegeben. Ein Vorgesetzter möchte einem Mitarbeiter (bereits schwierige Formulierungen) vermitteln, dass ein Verhalten im Team negativ angekommen ist. Wie kann dieses Gespräch gestaltet werden, ohne dass der Mitarbeiter in eine abwehrende Verteidigersituation gerät? Wie macht sich der Vorgesetzte nicht zum Angreifer? Was kann er tun, um sich selbst innerlich vom Zustand des höher gestellten Weisungsgebers zu befreien?

Von den Gesprächen wurden Videos aufgenommen. Zur besseren Analyse der Körpersprache schalteten wir den Ton ab. Zeigte sich in der Zeitlupe eine abwehrende Reaktion, untersuchten wir, ob sie an einer körperlichen Reaktion, einem thematischen Zusammenhang oder an einem Wort gekoppelt war. Im Ergebnis stellte sich heraus, dass überraschend minimale Bewegungen ausreichten. Oft war es nur ein einzelnes Wort, welches vom Mitarbeiter aus dem Zusammenhang gefiltert wurde. Die Störung wirkte wie ein Schalter. Einmal umgelegt, hatte der Vorgesetzte keinerlei Chance mehr, das vorgegebene Ziel, eine echte Überzeugung zu erreichen, umzusetzen.

Begegnen sich zwei Menschen, virtuell oder real, kommunizieren sie miteinander. Immer! Das Unterlassen einer Kommunikation ist nicht möglich! Selbst wenn ich mir bei einem Social Media Dienst einfach nur einen Account einrichte, beginne ich mit einer Kommunikation und gebe einer unbekannten Menge Informationen. Seien es nur die Botschaften: Ich habe Zugang zu einem Gerät, mit dem ich dies bewerkstelligen kann. Ich besitze die Fähigkeit dies zu tun o. jemanden zu fragen, der mir hilft. Ich weiss, das es Social Media gibt. Mit der Wahl der Bezeichnung geht es weiter. Ich will meine echte Identität nicht preisgeben, oder ganz im Gegenteil, ich will mit meinem Namen und Gesicht in Erscheinung treten.

Jeder Profiler analysiert solche Sachen. Ich denke, die wenigsten machen sich Gedanken, wie viele Informationen sie einem Analytiker mit banalen Dingen geben. Ihr Bewusstsein hierfür, setzt erst auf einigen Ebenen höher ein. Selbst der Versuch sich zu verstellen und falsche Informationen zu geben, geht daneben.

All das Genannte spielt eine Rolle, wenn wir uns anschicken, über etwas miteinander zu sprechen, diskutieren, debattieren oder einfach Smalltalk betreiben, mit dem wir auch konkrete Ziele verfolgen. Diese Dinge zu berücksichtigen, nenne ich eine aufmerksame und bewusste Kommunikation.

Der berühmte Ausdruck: Schweigen ist Gold!, hat bei mir eine vielschichtige Bedeutung. Wie ausgeführt ist ein echtes Schweigen unmöglich. Mein Körper übernimmt das „Reden“. In den virtuellen Social Media übernimmt dies die Ausgestaltung meines Accounts. Mit dem Ausdruck verbinde ich einen Verzicht. Ich überlasse die Interpretation in voller Gänze einem anderen. Beginne ich zu sprechen o. schreiben, versuche ich ein wenig die Steuerung zu übernehmen. Ein kompliziertes Unterfangen, welches Geschicklichkeit, Wörter, Wissen, erfordert. Je weniger ich davon zur Verfügung habe, um so grösser wird der Bereich der Interpretation. Unter Berücksichtigung, dass dabei ohnehin nur ein minimaler Bereich kontrollierbar ist, entsteht eine Situation, die mich jeden Tag neu beschäftigt. Welches Abbild erzeuge ich gerade? Ist das für mich wichtig oder kann es mir egal sein? Wenn es mir wichtig erscheint, stellt sich die Frage nach dem Grund. Menschen haben das Bedürfnis ihr Umfeld zu gestalten.

Um dies zu tun, muss ich reden!

Im Idealfall mit Berücksichtigung aller Widrigkeiten und Umgehungsmöglichkeiten. Ich muss über mich Auskünfte geben. Auf welcher Gefühlsebene befinde ich mich? Wie stehe ich gerade zum anderen? Welche Fern – u. welche naheliegenden Ziele will ich gemeinsam mit dem anderen erreichen. Ich komme nicht an einer permanenten Eigenbeobachtung vorbei. Welche Gestik hat mich jetzt in diesem Moment verschlossen? Welches Wort? Warum? Und ich muss es mitteilen, wenn ich das Gespräch fortführen will. Will ich es fortsetzen?

Es gehört zu unserem Leben, dass sich Menschen über solche Prozesse Gedanken machen, sie erforschen und sie unterschiedlich, je nach Ziel, anwenden. Man kann mit den Ergebnissen und darauf basierenden Techniken o. Taktiken viel Geld verdienen, Macht begründen, aber auch Gutes tun (je nachdem, was man darunter versteht).

Es gibt Leute, die dafür Geld bekommen, dass sie mit Kampagnen „Wort – Schalter“ in der Gesellschaft installieren. Das Wort wird benutzt, der Schalter wird umgelegt und das gewünschte Programm wird gestartet.

Dies funktioniert in der Werbung genauso wie in der Meinungsbildung. Es kann gesteuert werden, wer mit wem wie spricht und sich gegenseitig zu hört. Niemand muss ein Verschwörungstheoretiker (q.e.d./Wortschalter) sein, um zu verstehen, dass dies bei grösseren Zielgruppen einen erheblichen finanziellen u. logistischen Aufwand erfordert. Ein ehemaliges SPD Mitglied und Mitbegründer einer kleinen Wählerinitiative meinte nach einem Wahlkampf zu mir: „Du kannst Dir die Hacken ablaufen und sie nicken in persönlichen Gesprächen bei Deinen fundierten Argumenten alle ab, am Ende machen sie das Kreuz wo anders, weil ihnen irgendein grosser Sack mit einem Wort das Gehirn gewaschen hat.“

Ausreichende Geldmittel führen dabei nicht zwingend zum Erfolg, aber ohne wird es ungleich schwieriger bis unmöglich. Anders sieht es aus, wenn ein breiter Leidensdruck entsteht. Massenarbeitslosigkeit, Hunger, Existenzverlust (nicht unbedingt die Sorge, sie wird von den „Bezahlten“ benutzt), lässt bezahlte „Meinungsmacher“ ins Rudern kommen und bietet denen mit geringeren Mitteln Optionen. Es kommt zum Kampf um die Manipulationshoheit. Da sind wir in Deutschland noch lange nicht. Das kann eher in Venezuela, afrikanischen Staaten pp. beobachtet werden. Instabilität eines Staats geht immer mit dem Verlust der Manipulationshoheit grösserer etablierter Gruppen und ihrer Anführer einher.

Ich vertrete die Auffassung, dass die bisherigen Meinungsmacher die „zivilisierten industrialisierten Wohlstandsgesellschaften“ ins langfristige Verderben geführt haben.

Sie haben den falschen Leuten Vorschub geleistet, die sich zur sehr auf den Eigennutz, statt auf das notwendige Gemeinwohl konzentrierten. Das Intellektuelle, Innovative, das durchschnittliche Bildungsniveau, wurde zu sehr zu Gunsten von sedierenden Konsum, der trügerische Lebenssicherheiten, käuflichen Ersatz von echter Freiheit, Verwirklichung, Anerkennung, Wertschätzung, anbietet, unterdrückt.

Eine Kommunikation, die hauptsächlich mit den zur Manipulation eingepflegten Wortschaltern betrieben wird, erzeugt keine Gemeinsamkeiten. Sie polarisiert und erzeugt Fronten. Über fixierte Standpunkte kann nur debattiert werden. Wichtig wären gemeinsame Ziele, bei denen über den Weg dahin diskutiert werden kann. Überall sind hierdurch zwischen den Untergruppen der Gesellschaft negative Konfliktverläufe entstanden, bei denen die Kontrahenten notfalls gemeinsam in den Abgrund gehen. Bei solchen Verläufen gibt es Abstufungen. Anfangs ist noch eine Mediation möglich. Da wäre die politische Elite gefragt gewesen. Irgendwann suchen sich die Parteien überall Kombattanten. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns! Ab einer bestimmten Stufe ist nur noch eine Machtintervention möglich. Im kleineren Ausmass bekommt dies bereits die Polizei zu spüren.

Wenn die intellektuelle Elite der Gesellschaft nicht langsam mal wach wird und interveniert, dabei massiv unterstützt wird, nimmt das kein gutes Ende. Problematisch ist dabei, dass diejenigen, welche sich auf den Universitäten befinden, eben genau nicht diese benötigte Elite sind. Sie haben den Kontakt und die Fähigkeit einer Kommunikation mit dem Rest der Gesellschaft verloren.

In den ausgehenden Sechzigern u. in den Siebzigern kam es zu einem ähnlichen Effekt. Teile vermochten es nicht, sich erfolgreich kommunikativ mit dem Rest auseinanderzusetzen. Wer mal versucht hat Texte von Ulrike Meinhof zu lesen, wird das bestätigen. Dabei war vieles durchaus bedenkenswert. Die weitere Geschichte ist bekannt. Spätestens zum Ende der Achtziger hin, wurde die geistige Elite gekauft.

Ein Brite aus Oxford sagte in einer kürzlich gesehenenin Doku über den Niedergang der Zivilisationen: „Wir bilden Geisteswissenschaftler aus, die einen Taschenrechner bedienen können, aber nicht Denken.“

In den Sozialwissenschaften treibt sich eine Unmenge Studenten herum, die zwar miteinander sprechen können, aber ausserhalb entweder unverständliches Zeug reden oder Aussenstehende verprellen. Wobei sich hier teilweise der Kreis schliesst, weil einiges von anderer Seite bewusst negativ belegt wurde. Mir erscheinen teilweise die Gewichtungen etwas merkwürdig.

Bei Twitter mokierte sich eine Politikerin der LINKEN darüber, dass sich bei Tichy’s Einblicke zwei in die Jahre gekommene Herren über ihren Unmut bezüglich der Gendersprache Luft machten. Sie fragte sich, ob die bei den Klimathemen, Not, Elend, Pamdemie, keine anderen Sorgen haben. Festzustellen ist, dass zuvor faktisch andere dies Thema wichtiger nahmen und in Gesellschaft einbrachten. Die Herren haben es nur aufgenommen. Offensichtlich dachte sich die Frau, dass die Gendersprache schlicht von allen kommentarlos als selbstverständlich hinzunehmen ist. Eine völlig falsche Beurteilung der Lage. Zunächst müsste die breite Masse von einer Notwendigkeit und den Vorteilen überzeugt werden, dann kann gemeinsam erörtert werden, wie wir es angehen. Alles andere schafft eine Distanz u. sabotiert das Ziel.

Diejenigen, welchen die Mehrheit der Bevölkerung, die Deutungshoheit, das Installieren der Wortschalter, Gewichtung der Themen, überlassen haben, besitzen kein Interesse an effektiven Klimamaßnahmen, wenn dabei kein Profit herausspringt. Schon gar nicht, wenn dabei ihr gesellschaftliches Strukturprinzip Kapitalismus, Wachstum, Geld, zur Diskussion gestellt wird. Dementsprechend haben sie auch kein Interesse an einer fruchtbaren Kommunikation, die zumindest ein Risiko in sich trägt. Wörter wie linksversifft, Linksfaschismus, linke Meinungsdiktatur, kommen nicht von irgendwo her. Da steckt Kalkül dahinter. Man muss sich nur die Kommentare von CDU/CSU, FDP und AfD Mitgliedern durchlesen bzw. ihre Medienblätter anschauen. Das sie hiermit einen desaströsen Prozess einleiten, ist ihnen scheinbar nicht bewusst.

Wenn in den Gesellschaften nicht wieder das miteinander Sprechen gelernt wird, zu dem auch das Berücksichtigen der benannten Effekte, Voraussetzungen und Erkennen des menschlichen Denkens gehört … sehe ich persönlich dunkle Wolken am Horizont.

(geschrieben in Malaysia nach einer langen Auswertung von Artikeln, privaten und offiziellen Kommentaren in den Social Media)

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2 thoughts on “Reden sie miteinander …”

  1. Sehr gute Analyse. Die Polarisierung wird seit einigen Jahren auf die Spitze getrieben. Alle Seiten befinden sich in einem Stellungskrieg und versuchen, ihre Fronten zu halten. Der Normalbürger hat längst festgestellt, dass er die Demokratie nicht mehr gestalten kann und bestenfalls zum Zulieferer der Gräben taugt. Dieser Prozess wird wieder einmal zu grausigen Resultaten führen. Wiederum global und wiederum unabwendbar.

    1. Zunächst einmal freue ich mir jedes Mal einen Keks, wenn jemand wie Du meine Beiträge liest, sacken lässt u. im Idealfall auch noch zustimmt. Ich geb die Hoffnung nicht auf, dass eine Gruppe an Menschen gibt, die genauso denken und den Kurs korrigieren.

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