Mitschwimmen …

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Letztens traf ich auf Michael. Getroffen ist nicht ganz richtig. Zuvor bin ich wochenlang an ihm vorbei gelaufen. Er sitzt jeden Abend vor seinem Guesthouse und hört die Stones. Meist die ganz alten Sachen. Er ist schnell beschrieben. Willie Nelson auf Langkawi! Texaner, 79 Jahre alt und er sieht exakt aus wie Nelson. Ich glaub nicht, dass das Absicht ist, er ist einfach so.

Michael wurde in Norwegen geboren. Aber seine Eltern zogen mit ihm früh in die USA. 25 Jahre war er bei der US Army. Die Army brachte ihn um die Welt. Er hat mir die Länder aufgezählt, ich glaube es waren insgesamt alle Kontinente, alle Staaten in Südamerika und sonst überall einzelne Staaten. In Vietnam war er nicht dabei. Zu dieser Zeit war er in Südamerika und freundete sich mit den ersten Computern an. Am Rande erwähnte er, dass er seither viele Kumpels bei den Special Forces hat.

Wie beschrieben, grüsste ich ihn immer und zog weiter. Doch gestern blieb ich stehen. „Keine Stones heute?“ „Batterie ist alle!“. Ich blieb für ein paar Bier.

Michael lebt von seiner Pension der Army und einer Rente aus Norwegen. „Verrückt! Die Army zahlt weniger, als das Land, wo ich nur geboren wurde. Immerhin hab ich für die USA gekämpft.“ 25 Jahre, da fehlen bei einem 79 jährigen einige. Mit 51 ging er in Pension. Zeitweilig versuchte er sich als Zimmermann in Alaska. Doch dann hatte er die Nase voll und suchte nach einem ruhigen Platz. Den fand er auf einer kleinen Insel in Thailand.

Lachend erzählte er mir, wie die Kinder verschreckt vor ihm weg rannten, weil sie noch nie einen Weissen gesehen hatten. Auch die Hunde machten erstmal Jagd auf ihn. Heute sind die Kinder erwachsen und seine Freunde.

Michael hat zwei Töchter und zwei Söhne. Mit den Müttern klappte es nie richtig. Eines Tages sprach ihn ein pensionierter Soldat aus Schottland an. Der hatte entdeckt, dass eine junge Frau aus New York mit Michaels Personalien auf der Internetseite MyHeritage.com ihren biologischen Vater suchte. Gesehen haben sie sich nicht. Aber wenigstens ein- bis zweimal telefoniert. Die Mutter hatte sich damals mit einem anderen eingelassen. Die langen Abwesenheitszeiten waren zu viel für sie. „I closed the door, and never come back!“ Die anderen Geschichten liefen nicht viel anders ab. Auf jeden Fall ist er zweifacher Urgrossvater.

Wenn er mal Langeweile hat, reist er ein paar Tage herum und verlängert sein VISA. Notwendig ist das nicht. Typisch Thailand! Ein paar „Bucks“ in die richtige Hand und alles ist geregelt.

Dann kam Corona. „Ich hab mir gedacht, es ist gut, wenn ich mir schnell einen sicheren Platz suche und einfach abwarte.

„Gibt es in Deutschland viele Fälle?“ „Ein paar Tausend, aber auf das gesamte Land gesehen, beunruhigt mich das nicht. Am 1.7. geht es zurück. Hoffe ich …!“

„Bleib hier. Was willst Du in Europa? Geld, Stress, Verrückte und im Winter ist es kalt.“

„Sagt einer der in Alaska gearbeitet hat. Und Verrückte gibt es hier auch.“

„Eben, deshalb! Und den Verrückten kannst Du hier besser aus dem Weg gehen. Auf den Inseln sind die Leute normal.“

Michael hat seinen Platz im Leben gefunden. Vielleicht ist es eher korrekt, wenn ich von seinem Sitzplatz spreche, denn mehr als das Guesthouse und die Fähre hat er in drei Monaten von Langkawi nicht gesehen. Ole, ein Däne, Mitte 60 kann das bestätigen. Die beiden kennen sich aus Thailand. Der Däne, arbeitete trotz seiner guten Rente in einer Bar. Prompt erwischten ihn die Thailänder und nun darf er 5 Jahre lang nicht das Land betreten. Nach 15 Jahren eine bittere Erfahrung.

Immer wieder auf ein Neues frag ich mich, was genau diese Frauen und Männer aus Europa vertrieben hat. Für sie, die sich mehr oder weniger aus allem heraus halten, sind Malaysia und Thailand gemütliche Länder. Das Leben kostet etwa ein Fünftel von den Lebenserhaltungskosten in Deutschland. Vieles ist bei durchgehender Tropenwärme einfacher. Wenig Kleidung, immer ausserhalb des Hauses unterwegs und recht freundliche ruhige Menschen um einen herum. Fragt man sie, kommt nicht viel. Meist nur ein Abwinken: Die haben alle einen Knall und die Kontrolle verloren. OK, wenigstens dies kann ich voll bestätigen. Auch mir geht es so, dass ich dies um so länger ich dieses Mal weg war, bestätigen kann. Also aus meiner Sicht heraus. Auf Langkawi ist alles ein wenig pragmatischer. Die meisten Regeln ergeben sich aus dem Zusammenleben.

Doch wer sich die Mühe macht, sieht auch hier Abgründe und die sind nicht weniger arg, als in Europa. Doch das ist nichts für Michael oder Ole. Die haben mit jeder Form des sozialen Engagement abgeschlossen. Sie sind geduldete Fremdkörper in einer Gesellschaft und schwimmen unauffällig mit. Am Ende geht es ihnen, glaube ich, um persönliche Zufriedenheit u. ein gutes Leben mit begrenzten finanziellen Mitteln.

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