Der verschwindende Unterschied zwischen Kaulquappen und Mensch

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Weil der Mensch nicht fliegen kann, ist er auf Boden angewiesen. Er benötigt zum Leben Wasser, Nahrung, Luft und ein bis zwei Lebensbedingungen, wie zum Beispiel einen Temperaturbereich, innerhalb dessen Leben möglich ist. Ich halte dies für eine banale Feststellung. Gleichermaßen sieht es mit dem Umstand aus, dass das Leben überhaupt existiert und wir uns es nicht ausgesucht haben zu leben oder gar etwas dazu beigetragen haben. Niemand hat uns das Recht gegeben, die Landmasse des Planeten Erde in Besitz zu nehmen. Manche behaupten, dass dies irgendwelche geistigen Konstruktionen mit der Bezeichnung „Götter“ (jedenfalls in unserer Sprache) taten. Dies halte ich persönlich für den Versuch einer Legitimation von etwas, was nicht zu legitimieren ist. Wie auch immer ich es drehe, die einzige Berechtigung auf diesem Planeten zu weilen, ist die Tatsache der Geburt.

Tatsächlich hat die Spezies Mensch aus einem im Großhirn entstandenen Impuls heraus Begriffe wie Besitz, Eigentum, Länder, Nationen, pp. erschaffen. Im rein natürlichen Grundprinzip des Planeten kommt das alles nicht vor. Es läuft darauf hinaus, dass es sich für jedes Lebewesen auf die Grundaussage: „Ich wurde geboren, ich will leben!“,reduziert. Nun stellt sich mir folgende Frage. Woher kann jemand ableiten, dass sie oder er das Recht hat, den Aufenthaltsort eines Lebewesen zu bestimmen? De facto ist dies nicht möglich. Es geht um etwas anderes. Was ist machbar? Menschen machen exakt das, wozu sie fähig sind und was ihnen ermöglicht bzw. zugelassen wird. Haben wir die Gelegenheit über etwas zu bestimmen oder zu handeln tun wir dies in der Regel auch. Selbst ein Unterlassen beruht auf der Tatsache, dass wir erst einmal die Prämisse einer Möglichkeit etwas zu tun, inne haben müssen.

Weder haben wir das Recht, in die Natur einzugreifen, anderen Lebewesen Vorschriften zu machen, noch Land in Besitz zu nehmen. Wir tun es, weil wir es können. Ich denke, in dieser Logik ist bisher kein Fehler. Theoretisch kann ich abhängig von meinen Fähigkeiten überall hingehen und mich niederlassen. Die Grenzen werden mir von anderen gesetzt – schlicht weil sie es aus irgendwelchen Gründen können. Sie sind besser bewaffnet, können mehr Leute aufbringen, mich verprügeln. Aber eine Berechtigung haben sie dafür nicht. Und so, wie sie einfach nach ihren Möglichkeiten handeln, kann ich das auch tun. Hieraus entsteht eine Wechselwirkung, die von Menschen bereits vor einigen tausend Jahren erkannt wurde.

Den Umgang mit den Konsequenzen dieser logischen Wechselwirkung musste die Menschheit seit ihrem Bestehen erlernen. Über ich Gewalt gegen andere aus, werden die dies bei passender Gelegenheit und einer halbwegs vorhandenen Chance einer Überlegenheit auch tun. Ergreift jemand die Macht über andere, werden andere versuchen, sie ihm wieder abzunehmen. Wieder rein theoretisch festgestellt, könnte man versuchen, nach und nach die zurückliegenden 4000 Jahre überlieferte Menschheitsgeschichte auszuwerten und sich an den Dingen zu orientieren, die funktioniert haben.

Theorie und Praxis standen in diesen 4000 Jahren immer in einem Spannungsfeld zueinander. Praktisch neigen Menschen dazu, teilweise aus den absurdesten Überlegungen heraus, eine Rechtsstellung abzuleiten. Mal halten sie sich für das Mitglied einer höher gestellten Rasse, dann pochen sie auf die Zufälligkeit der Geokoordinaten ihrer Geburt, oder auf den Glauben an den einzig richtigen Gott. All diese Ableitungen haben eine simple Gemeinsamkeit: sie sind blanker Unsinn. Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit ist eine Aneinanderreihung von Zufälligkeiten.

Als Denis Papin mit Dampfzylindern herum experimentierte und damit den Grundstein für die Industrialisierung legte, hatte er keine göttliche Eingebung, sondern griff auf Wissen aus der Antike zurück. Welcher Zufall in dieser Zeit passierte, der einem aufmerksamen unbekannten Beobachter zur Erkenntnis verhalf, wissen wir nicht. Jedenfalls könnte ich ohne seine Beobachtung nicht diesen Laptop benutzen. Ich habe keinen blassen Schimmer davon, was da unter der Tastatur passiert, geschweige denn, wie so ein Ding hergestellt wird. Gleichfalls sieht es mit Feuerwaffen aus. Ich kann sie benutzen, aber ich habe keine Ahnung davon, wie ich eine moderne automatische Pistole bauen sollte. Bei mir liefe es auf Molotow Cocktails, Pfeil und Bogen, Messer und Knüppel hinaus.

Doch all diese Zufälle und sich daraus ergebenden Erfindungen haben der Menschheit nicht nur Segen gebracht. Im Gegenteil, es hat uns an den Rand einer planetaren ökolologischen Katastrophe versetzt. Das Problem ist dabei nicht die mögliche Vernichtung des Menschen, sondern das Mitreißen aller anderen Spezies. So oder so, wir tragen die Verantwortung für uns selbst und alle anderen Lebewesen, da unser Handeln aus dem Geschehen nicht heraus zu nehmen ist.

Die als westliche Zivilisationen bezeichneten Regionen haben mit der Industrialisierung ein zweites Mal die Büchse der Pandorra geöffnet. Nichts ist danach, wie es vorher war. Es eröffneten sich nahezu unbegrenzte Möglichkeiten der Machbarkeit. Andere Bevölkerungen konnten hemmungslos unterworfen und ausgebeutet werden. Selbst innerhalb der eigenen Welt wurde nicht halt gemacht. Millionen Menschen verloren die Möglichkeit ohne Bezahlung einen Fuß auf den Boden zu setzen. Mit dem industriellen Kapitalismus wurde alles zu veräußerlichen und käuflichen Gütern. In den Zwanzigern Jahren des letzten Jahrhunderts wurde alles nochmals auf die Spitze getrieben. Um noch mehr zu verdienen und ausufernden Wachstum zu ermöglichen, wurde die Verbindung zum Nutzen einer Sache endgültig gekappt. Alles nur irgend wie erdenkliche wurde zum Gut. Gefühle, Emotionen, Status, Anerkennung, Fortpflanzung, Glück, Abgrenzung, Identität, einfach alles wird vom Konsum bestimmt. Wer sich dem entzieht wird als Aussteiger bezeichnet. Ein Beweis, dass es ein System gibt, welches derart gestaltet ist, wie könnte man sonst aussteigen?

Nunmehr 2020, sehen sich die innerhalb des Systems lebenden Menschen bedroht. Andere Menschen machen sich aus unterschiedlichen Gründen auf den Weg und suchen einen anderen Platz. Wie ausgeführt ist das vollkommen in Ordnung. Die Grenzen ihrer Bewegungsfreiheit bestimmen sich aus dem heraus, was ihnen entgegengesetzt wird. Deutlich ist auch, dass sich jeder, der ihnen das verwehrt, mit den Konsequenzen leben muss. Durch das Verwehren der Bewegungsfreiheit, wird ein Recht generiert. Jeder andere darf dies auch. Doch es passiert noch mehr. Den Menschen, welche sich auf den Weg gemacht haben, wird Gewalt angetan. Ihnen wird Nahrung, Wasser, Schutz, Grund und Boden, vorenthalten. Versuchen sie dagegen anzugehen, wird dem Einhalt geboten. Damit wird eine Welt erschaffen, in der diese Verhaltensweisen existent und zulässig sind. Ich darf mich nicht wundern, wenn mir solche Dinge ebenfalls passieren.

Der Mensch hat die Fähigkeit erworben, sein Umfeld, die darin bestehenden Regeln des miteinander selbst zu erzeugen. Der weltweite Umgang mit Mitgliedern der eigenen Spezies, die ihren Geburtsort verlassen, erzeugt Regeln. Machen wir uns nichts vor. Das Ganze ist an Geld gebunden. Eine Regel besagt, dass Bewegungsfreiheit käuflich ist und wie dieses Geld in den Besitz kommt, ist sehr unterschiedlich. Wir gehen noch einen Schritt weiter. Nicht wenige stellen sich auf den Standpunkt, dass wir nur Leute in der Bewegung hindern, die für uns nicht nützlich sind. Jede Frau und jeder Mann, mit Arbeitsfähigkeit und den Willen dazu, bekommt eine Chance zu überleben.

„Nicht der Glaube macht selig, nicht der Glaube an egoistische Pfaffen- und Adelzwecke, sondern die Arbeit macht selig, denn die Arbeit macht frei. Das ist nicht protestantisch oder katholisch, oder deutsch- oder christkatholisch, nicht liberal oder servil, das ist das allgemein menschliche Gesetz und die Grundbedingung alles Lebens und Strebens, alles Glückes und aller Seligkeit.“

Heinrich Beta, Deutscher Nationalökonom

Bekanntlich setzten die Nationalsozialisten diesen Spruch über Konzentrationslager. Angeblich soll der Lagerkommandant Höß von Auschwitz dies als eine Art erzieherische Botschaft tatsächlich ernst gemeint haben. Lebenswertes Leben selektiert von nicht lebenswerten, wobei sich der Wert nach der Arbeitsfähigkeit und Nutzen bestimmt. Diese Überlegung stellen gleichermaßen die an, welche darüber entscheiden, wer sich bewegen darf und wer nicht. Diese Ableitung mag einigen nicht behagen, doch sie ist schlüssig. Nach welchen Kriterien, gestehen die in Wohlstand Lebenden ihren ebenfalls zur Spezies gehörenden Mitmenschen einen Ortswechsel und Hilfestellung zu? Herr Seehofer nannte die Aufnahme einiger hundert Kinder einen Akt der christlichen Nächstenliebe. Ist das so? Ist das Unterlassen von Gewalt, denn nur damit kann die Bewegung gestoppt werden, ein Akt der Nächstenliebe? Im Christentum teilte der heilig gesprochene St. Martin seinen Mantel mit einem Armen. In der Geschichte ist nicht davon die Rede, dass er ihn vorher irgendetwas verwehrt hatte. Anders wäre es, wenn er ihm zum Beispiel den Weg zu einem Brunnen frei gegeben hätte, obwohl er ihn hätte genauso gut Niederstrecken können. Außerdem ist das Kalkül recht durchsichtig. Kinder kann ich in das System eingliedern und nützlich werden lassen.

Irgendwo her leiten einige Deutsche Politiker ein Recht auf das Verwehren der Bewegung ab. Man könnte es aus der staatlichen Souveränität ableiten. Ein Recht, welches mit der Entstehung der Nationalstaaten daher kam. Es ist der Status Quo, aber wird sich dieser bei den sich abzeichnenden weltweiten Veränderungen aufrecht erhalten lassen? Als er entstand, sah die Welt gänzlich anders aus. Alles basierte damals auf der Annahme von unendlich vorhandenen Ressourcen. Diese Annahme ist widerlegt. Wir müssen nicht nur die Endlichkeit zur Kenntnis nehmen, sondern vielmehr einen steigenden regionalen Mangel an allem, da wir die Reproduktionsrate des Planeten überreizt haben. Gemäß einer Studie werden bei steigender Tendenz bis 2050 ca. 30 Staaten für eine Vielzahl ihrer Einwohner unbewohnbar sein. Den Zeitpunkt für eine Lösung an Ort und Stelle hat die Weltgemeinschaft verstreichen lassen. Im Ergebnis sind die Grundpfeiler der bisherigen Aufteilung des Planeten in Staatsgebiete nach und nach hinfällig. Eine, die im Übrigen wirtschaftlich nicht mehr existent ist. Wir gestehen multinationalen Konzernen abhängig vom Vorkommen eine alle Grenzen überschreitende Ausbeutung der Ressourcen zu, versagen es aber den Menschen zum daraus entstandenen Gewinn hinzugehen. Das ist in etwa, wie in der Niederlausitz eine Mondlandschaft zu erschaffen und nach erfolgten Braunkohleabbau, die ehemaligen Bewohner in die Baugrube einzusperren.

Nein, es gibt keine Rechtfertigung, nur die aus der stärkeren Position herrührende Machbarkeit, welche wiederum auf zuvor erfolgter mindestens 200 Jahre andauernder Ausbeutung heraus entstanden ist. Bereits damals übersahen die Verantwortlichen das Gesetz der Wechselwirkung. Sie ignorierten, dass aus Krieg, Ausbeutung, Destabilisierung anderer Gesellschaften etwas folgen wird. Nämlich die Folgen, mit denen wir uns heute auseinandersetzen müssen. Wir übersehen dies gern und versuchen Vergangenes als etwas in sich geschlossenes zu sehen. Das funktioniert nicht und heute schon gar nicht.

Ich kann verstehen, wenn der heute zwanzigjährige Spross einer alt eingesessenen Mafia Familie in seiner Firma sitzt und mit den Schultern zuckt, weil im Lauf der Jahre aus dem kriminellen Vermögen ein legales moduliert wurde. Dies macht er mit der gleichen Haltung, wie deutsche Adelsgeschlechter (z.B. Guttenberg), die ihre Basis im Raubrittertun haben. Aber wir verschaffen damit einem Prinzip Vorschub: Asoziales Verhalten und Verbrechen zahlen sich aus, wenn es geschickt angestellt wird. Die Geschichte Europas ist spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch eine Geschichte von Sklaverei, Verbrechen, Ausbeutung, Kriegsverbrechen und im Zweifel ein Verstoß gegen das, was sich angeblich christliche Kultur schimpft.

Wir haben das Geld gut angelegt und besitzen jetzt die Macht, die den Folgen ausweichenden Leuten die nackte Faust vor das Gesicht zu halten. Auch das wird Konsequenzen haben. Ich glaube, dass wir auf einen Schnellkochtopf starren. Ab und zu macht einer ein Ventil auf … aber niemand nimmt den Topf vom Herd. Erdogan gießt nach Belieben neues Wasser nach. Die anderen Diktatoren machen ihre Deals mit den gierigen Großmächten. Wehe allen, wenn sich die Massen formieren und andere Führer finden. Abwendbar wäre dies mit wahrlich umwälzenden Veränderungen im Denken, bei den Prinzipien und der Haltung zum Leben.

Was sich um Moria rund herum zeigt, lässt nicht darauf schließen, dass sich etwas ändert. Im Grunde genommen, ist es ein Rückfall ins Mittelalter. Wer sich beim Anblick von Menschen, die sich mit dem Trinken von Abwassern, Essen von Resten und Gräsern am Leben halten, ein Auswahlrecht herleitet, haben die Idee des Menschen verwirkt und landen im animalischen. Gleiches gilt für Menschen, die ihre Macht ausleben und davon sprechen, dass vor einer Klärung der Brandursache niemanden geholfen werden kann.

Im Buddhismus ist davon die Rede, dass man sein Leben nicht nur durch seinen eigentliches Handeln gestaltet, sondern auch durch die Auswahl der Menschen, denen man sich anschließt. Oder wie ich es immer formuliere: Wer in eine Güllegrube springt, darf sich nicht beschweren in Exkrementen zu schwimmen und selbst noch nach dem Herausklettern, nach diesen zu riechen.

Egal, wer auch immer und warum Teile des Lagers anzündete, es wurde ein noch weiter sichtbares Zeichen gesetzt, welches in die abgestumpften Wohnzimmer der westlichen Welt transportiert wurde. Bei uns waren weder die SPD, die CDU/CSU oder die SPD zum Handeln bereit. Lediglich die GRÜNEN und die LINKEN unternahmen einen Vorstoß. Wenn die Bundes SPD nun beim Anblick des Fanals einlenkt, hat das einen bösen Beigeschmack. Menschlichkeit verliert ihre Bedeutung, wenn sie an Macht und Wählerstimmen gebunden ist.

Menschen, die in ihrer privaten heilen Welt sitzen und mit dem Finger zeigen, auf die deutsche Wirtschaft verweisen, Bestrafungen fordern, die mich an die Bestrafungen im Partisanenkrieg erinnern, auf mittelalterliche Abschreckung setzen, haben im buddhistischen Sinne mein Bedauern. Einerseits bin ich ihnen dankbar, dass sie mir zeigen, welchen Weg ich garantiert nicht einschlagen werde, anders herum haben sie aber auch für sich alles verwirkt. Allein schon die Haltung einzunehmen, als Mensch über Wert oder Unwert eines anderen Menschen entscheiden zu können, ist ein Ungeist, der mir zeigt, dass das der Nationalsozialismus nicht besiegt ist. Letztens habe ich mir ein Interview mit dem ehem. Reichsjugendführer Artur Axmann angesehen. Die körperlich tüchtige wertvolle Jugend, die der Nation zur Verfügung steht, war sein Idealbild.

Welche Bedeutung ein Leben für alles hatte, ist für uns unübersehbar. Eine der Fähigkeiten, die wir nicht besitzen. Und nur weil jemand von sich behauptet, dass sein Weg der richtige ist, heißt es noch lange nicht, dass er wirklich richtig ist. Aber eins weiß ich mit Sicherheit, keine Demut vor dem Wunder Leben zu haben und die Grundprinzipien zu ignorieren, kann nicht richtig sein. Im Herren der Ringe spricht der weise Zauberer Gandalf von einer Dunkelheit, die sich wieder ausbreitet und an die Grenzen des Auenlandes heran reicht. Ist der Mensch wirklich unbelehrbar? Die Trennlinie zwischen einem primitiven Organismus und dem Menschen ist sehr filigran. Vom Genom her unterscheiden wir uns kaum von einer Kaulquappe. Da ist es bemerkenswert, wie bereitwillig wir die wenigen Unterschiede aufgeben.

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