Die Insel

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Monkey Island

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Wir saßen auf der Holzplattform des traditionell konstruierten Hauses. Unten eine Holzterrasse mit einer kleinen Küche und darüber auf Pfählen der geschlossene Teil, in dem sich eine kleine Radiostation befand. Wir aßen gemeinsam von dem Reis mit Fisch, in dem sich jeder mit den bloßen Händen vom Teller bediente. Dazu gab es aus einer Karaffe kalten Tee mit kleinen Geleestücken. 

„Andreas, kommst Du Morgen mit zur Insel?“, fragte Big Roy. Wie die anderen Einheimischen um mich herum, hatte er sich diesen Namen als Ersatz für seinen islamischen Namen zugelegt. Fat Roy, Indian Roy, Little Roy, aber auch „I“, „AI“, „G“, alles Beachboys, trugen offiziell eine elend lange Aneinanderreihung von Namen des Vaters, des Vaters vom Vater und einem religiösen Symbolnamen. Ziemlich uncool, wenn man das Leben eines Rebellen führen will. Es war die Zeit der Corona Pandemie und der hierauf hin erlassenen „Mobil Control Order“. Gemäß dieser durften ausschließlich absolut notwendige Sachen erledigt werden. Der Strand war gesperrt und jegliche Aktivität dort, war seitens der Behörden untersagt worden. Auf Langkawi, einer Insel in der Straße von Malaka, eine ziemlich überzogene Maßnahme. Wir saßen im April zusammen und die letzten zwei Corona Fälle lagen drei Monate in der Vergangenheit. Seit dem war niemand mehr auf die Insel gekommen. Die anwesenden Einheimischen und die paar Backpacker hockten schon über drei Monate zusammen. Wenn einer von uns Corona gehabt hätte, wäre das längst herausgekommen.

Aber in einer Amtsstube hatte einer für das ganze Land eine Regel aufgestellt. Das Schwimmen in einem Hotelpool zu untersagen ist nachvollziehbar. Aber ein Besuch  eines kilometerlangen leeren Strandes und schwimmen in einem Ozean? Dort ist jederzeit genug Platz um Abstand zu halten. Da ist die Bockigkeit vorprogrammiert. Überhaupt hatte Corona seltsame Dinge zur Folge. In den kleinen Märkten wurde bei den Kunden mit einem Lasergerät die Körpertemperatur gemessen. Die Geräte waren eher nette Gadgets, denn man sie für voll nehmen konnte. Die gemessenen Werte wurden in Listen eingetragen. Demnach was da stand, mussten sich um mich herum eine Menge Zombies mit einer Körpertemperatur von 32 Grad herum treiben. In anderen Läden wurden durch die Bank 42 Grad gemessen. Der Irrsinn machte sich breit. Ein Inselbesuch verstieß nicht gegen die Vernunft, aber gegen Regeln. Ein Verstoß der eine Inhaftierung oder wenigstens eine Geldbuße in Höhe von umgerechnet 200 EUR nach sich ziehen konnte. Jedenfalls galt dies zu dieser Zeit. Mittlerweile hat sich die Lage deutlich verschärft. Kürzlich veranstaltete die Polizei einige Razzien. Jeder der noch nach Mitternacht und vor allem ohne Maske angetroffen wurde eingesammelt und ins „Lock – Up“ verfrachtet. Das entspricht von der Idee her dem deutschen Polizeigewahrsam. In der Ausgestaltung sieht alles ein wenig anders aus. Die kleinen Beton Zellen sind meistens mit 10 Insassen überfüllt. Es können immer nur drei oder vier auf dem nackten Boden schlafen, der Rest muss Stehen oder Hocken. Im hinteren Teil befindet sich eine Rinne für die Notdurft, der Wasserhahn ist mit Vorsatz niedrig installiert. Zu Essen gibt es halbgaren Fisch, der zuverlässig Durchfallerkrankungen verursacht. Kurz um: Da will man nicht landen! Frauen trifft es besonders hart. Sanitäre Mittel sind nicht vorgesehen und bei 10 Frauen ist mindestens eine ihre Periode. Die Behörden hatten sich das Spiel mit den Touristen eine Weile angesehen. Bei der letzten Razzia muss ihnen der Geduldsfaden gerissen sein. Diesmal traf es nicht nur die Locals, sondern auch die anwesenden Touristen. Besser noch, die Locals wurden nach 48 Stunden entlassen, während die Touristen erst zwei Tage später vor Gericht gestellt wurden. Die dortigen Gepflogenheiten dürften den einen oder anderen überrascht haben. Die Polizei trägt standardmäßig einen Widerstand ein. Wenn man diesen bei Gericht einräumt, gibt es einen kleinen Zusatz. Widerspricht man der Aussage der Polizei, gibt es einen ordentlichen Strafzuschlag. Die Polizei ist ohne Wenn und Aber der verlängerte Arm der Regierung. Zweifel an deren Handlungen sind unzulässig. Aber sie müssen auch damit rechnen, im Falle eines Ermittlungsverfahrens, meistens aus Konkurrenzdenken entstanden, böse bestraft zu werden. Im Lock Up gibt es gegen Bezahlung alles. Medikamente, halbwegs verträgliches Essen, Drogen … Außenstehende müssen halt die Wärter bestechen und den zehnfachen Preis zahlen. Blöd, wenn man als Tourist niemanden hat.

Aber wie erwähnt, war es zum Zeitpunkt der Frage an mich noch nicht soweit vorangeschritten. „Wer wird noch dabei sein?“, fragte ich nach. Big Roy zuckte mit den Schultern. „Ich denke die üblichen Leute, vielleicht noch ein paar Backpacker.“ Dabei nickte er in die Richtung einer Gruppe, die sich an einen kleinen zum Grundstück gehörenden See gesetzt hatte. Eine Schwedin, zwei Norwegerinnen, ein Pärchen aus Belgien, zwei Deutsche und eine Österreicherin, alle bereits seit drei Monaten im Lockdown. Ich kannte sie mittlerweile ganz gut. Der Belgier war nicht gerade der Hellste. Seine Freundin hatte er unterwegs kennengelernt. Im Gegensatz zu ihm hatte sie eine ganze Menge im Kopf. Ihr Problem bestand in ihrer Experimentierfreudigkeit mit Magic Mashrooms. Die Norwegerinnen waren keine echten Backpackerinnen. Mit Unterbrechungen waren sie bereits fünf Jahre auf der Insel. Die Schwedin hatte irgendein Problem am laufen. Ich wusste nichts genaues, aber Big Roy hatte erwähnt, dass sie etwas von Trauma erzählt hatte und deshalb ständig Gras rauchte.Weil eine der Deutschen überall herum erzählt hatte, dass sie in Vietnam Englisch unterrichtet hatte, gaben ihr die Einheimischen den Spitznamen „Teacher“. Von der anderen wusste ich nichts. Die Österreicherin war wohl Hals über Kopf von zu Hause weg. Einen echten Plan hatte sie nicht. Sie redete ohne Unterbrechung und vor allem unangenehm laut. Weil ihr das Geld aus ging, hatte sie sich einen der Beachboys geschnappt. Der arme Kerl dachte einen guten Fang gemacht zu haben. Dabei hatte sie den Spieß längst umgedreht.

Eine der beiden Deutschen hatte sich den Spitznamen „Teacher“ eingehandelt, weil sie überall herum erzählte, dass sie in Vietnam Englisch unterrichtet hatte. Sie selbst besaß ein beeindruckendes Selbstbewusstsein. Dem Eigenbild nach war sie mit ihren knappen 24 Jahren eine erfahrene Frau, die das Talent besaß, jeden erfolgreich zu machen. Aus diesem Grunde hatte sie sich in den Kopf gesetzt Lebensberaterin zu werden. Die Beachboys waren ihr suspekt. Sie verstand nicht deren konsequente Abwehrhaltung gegen Karriere, Erfolg und Konsum. Deren Leben hatte tatsächlich einige Tücken. Oberflächlich wirkten sie wie Typen, die ein freies selbstbestimmtes Leben führten.Entweder sie verbrachten den Hauptteil des Tages dösend in einem der Guesthäuser oder sie hatten einen Job am Strand. Dort warteten sie auf Touristen, denen sie einen Jet Ski vermieteten. Manche heizten selbst mit den Dingern auf dem Wasser herum oder verdingten sich als Tourguide. Das Geld reichte für Reis mit Hähnchen. Für Abwechslung sorgten die jungen Backpackerinnen, die ihrem Charme erlagen. Mit denen machten sie Ausflüge auf ihren Scootern. Die Mädels zahlten im Gegenzuge das Essen. Schaute man etwas genauer hin, kamen oft tragische Geschichten zum Vorschein. Die meisten gehörten zu kinderreichen Familien. In Malaysia funktioniert die soziale Absicherung oft noch über die Kinder. Mindestens zwei sind auserkoren, sie im Alter zu versorgen. Damit dies, trotz möglicher Ausfälle funktioniert, haben die meisten Familien um die fünf Kinder. Prügel und drakonische Erziehungsmaßnahmen, die man als solche gar nicht bezeichnen will, sind nicht ungewöhnlich. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Junge Leute aus den westlichen Industriestaaten, die über das Unverständnis der Eltern klagen und dieses als ausreichenden Grund für ihre Verhaltensstörungen ersehen, treffen auf junge Männer, deren Kindheit einen deutlich anderen Verlauf nahm. Auf den Inseln versucht man der Polizei und den Behörden so weit es geht, aus dem Weg zu gehen. Was alleine geregelt werden kann, wird jenseits der „Offiziellen“ verhandelt. Thailänder und Malaien streiten sich darüber, wer mehr Korruption zu bieten hat. Meiner Beobachtung nach, nimmt sich das nicht viel. Die örtliche Polizei beteiligt sich fleißig am Drogenhandel, in dem sie ihre eigenen Dealer unterhalten, die an sie Geld abzuführen haben. Alles was sie an Verfolgung unternehmen, dient dem Ausschalten der Konkurrenz. Hinzu kommt, dass sie selbst alles einwerfen, was sie bekommen. Zweimal im Jahr ist Jagdsaison. Ein Offizier erklärte mir, dass sie dann ihre Quoten erfüllen, die sie an die Hauptstelle in Kuala Lumpur weiter melden. In dieser Zeit wird alles mit langen Haaren und Dreadlocks festgesetzt. Die mit einer positiven Urinprobe gehen für einen Monat in eine Umerziehungsanstalt. Wer Drogen dabei hat, bekommt erst eine Geldstrafe, im Wiederholungsfall landen sie im Arrest. Da in der Regel nur auf THC getestet wird, weichen in dieser Zeit die Beachboys auf andere Drogen aus. Eine Taktik, die die zu erwartenden Folgen hat. Spätestens mit Anfang Zwanzig sind die meisten von Meth, Heroin und Schmerztablettencocktails abhängig. Trotz allem gibt es unter den Beachboys wenig Beschaffungskriminalität. Ganz bleibt sie nicht aus. Ich hörte von diversen gescheiterten Überfällen. Einmal kam einer auf die glorreiche Idee ausgerechnet die Hütte einer am Strand lebenden Rohingya Familie zu überfallen. Ich denke, es war eine Verwechslung. Jedenfalls wurde er erst vom Vater entwaffnet, dann von der Mutter verprügelt. Wie mir einen Tag aufgeregt der jüngste Sohn erzählte, ein Knirps von 9 Jahren, fielen danach die Kinder über ihn her. Bereits nach meinem ersten Besuch der Insel wunderte mich nicht der Soundtrack, der ihnen Halt gab. Reggae! Keiner von Ihnen hat sich jemals mit der Geschichte des Reggae beschäftigt. Ihnen geht es um die Idee, die in den Slums von Kingston Town entstand. Bob Marley, und vor allem „One Love „, ist überall zu jeder Zeit gegenwärtig. Tatsächlich gibt es auch eine Hard Rock, Trash Metal und Jazz Szene. Doch der Reggae setzt sich immer wieder durch. Praktischerweise zieht die Musik die Touristen in die Strandbars. Wenn man schon nicht das Original auf der anderen Seite der Welt haben kann, dann doch wenigstens ein Cover. Auch hier entsteht ein spannender Kontrast. Die Beachboys, welche die Roots des Reggae leben und die jungen Touristen, die sich den Reggae als Fashion Bewegung einkaufen. Es ist für einen Beobachter befremdlich, wenn sich ein Kanadier mit Dreadlocks von einem Beachboy eine Shisha servieren lässt. Am Ende kauft der Kapitalismus alles ein. Manch einer bekam eines Tages die Kurve. Häufig wandten sie sich dann intensiver der Religion zu. So etwas wie eine Entzugseinrichtung nach europäischen Vorstellungen gibt es nicht. Die vorhandenen Einrichtungen haben die gleiche Wirkung, wie Synanon in Berlin. Mittels Gehirnwäsche wird eine Sucht gegen die andere ausgetauscht. Aber immerhin verlängert sie das Leben.

Unter Travellern gibt es ein Motto. Why not? Wer einen festen Plan hat oder Risiken scheut, braucht gar nicht erst auf Tour zu gehen. Pläne sind für Touristen, die sich bei einem Agenten vierzehn Tage Lebenszeit gestalten lassen. Vielleicht ist Tour unpassend. Die meisten fragen untereinander wie lange sie unterwegs sind. Unterwegs trifft es besser. Verbrachte Zeit jenseits des Orts, an dem man gestartet ist. Dieses „Why Not “ ist eine Art Kompass, wie ihn Jack Sparrow benutzt. Er führt einen an Orte, die man niemals auf dem Zettel hatte. Nun, wie beschrieben gab es einige Gründe. Es war etwas vermessen, ausgerechnet während der Pandemie auf einer Insel mit zwei Jahreszeiten zu sitzen und sich nach etwas Neuen zu sehnen. Immerhin saßen weltweit Menschen in ihren Wohnungen fest. Mir ging es weniger um die Insel, als Zeit mit den Einheimischen in einer besonderen Umgebung zu verbringen.

„OK! Ich bin dabei!“, antwortete ich. Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg zum Strand. Vorher kaufte ich noch Zigaretten, sechs Dosen Bier und drei Portionen Reis mit Hähnchen. Roy hatte Mittag gesagt und dabei grinsend hinzugefügt: „Aber Langkawi Style!“ Das bedeutete mindestens eine Stunde Platz. Es wurden zwei Stunden. Selbst die Backpacker kamen anderthalb Stunden später. Ich setzte mich in den Schatten eines wegen Corona brach liegenden Jetski Verleih. Nach und nach sammelten sich alle, als wenn es keine Mobil Control Order geben würde. Roy verfügte über ein kleines Boot, welches er aus dem Rumpf eines Jetskis gebaut hatte. Da passten gerade fünf Leute hinein. Die Jungs hatten noch ein weiteres Boot, welches normalerweise für Tourismus Touren in die Mangroven genutzt wurde, organisiert. Nach zwanzig Minuten erreichten wir das andere Ufer. Mir bereitete ein wenig Sorge, dass der Strand zwar für das bloße Auge schwer sichtbar war, aber mit einem einfachen Fernglas locker beobachtet werden konnte. Die Beachboys hatten sich auf der Insel im Laufe der Jahre einen Abenteuerspielplatz für Erwachsene eingerichtet. Mit allem was gerade da war, errichteten sie kleine Hütte. Um sie herum befanden sich einige improvisierte Sitzgelegenheiten, zwei Feuerstellen und ein langer aus einer alten Bohle gezimmerter Tisch. Ich griff mir eine Machete und begann von alten gestrandeten Bäumen Feuerholz abzuschlagen. Dabei spürte ich im Nacken die skeptischen Blicke der Einheimischen. Ein Westerner mit einer Machete. Mit einem falschen Hieb konnte man sich schnell einen Finger abtrennen. Ich konnte die Sorge nachvollziehen. Die Leute von der Insel bekommen selten einen Westerner zu sehen, der mit seinen Händen umgehen kann. Deutsche Touristen haben bei mir unzählige Male Fremdschämen ausgelöst.

Seit den Vorfällen in den USA wird über Rassismus in Deutschland diskutiert. Die Meute der selbsternannten Linksintellektuellen zieht sich an Kleinigkeiten hoch. Worte, miese Sprüche oder schlechte Witze, werden als Signale für Rassismus ausgemacht. Dabei sind die meisten, welche sie sich vornehmen, einfach harmlose Hilflose, die überfordert sind. Touristen, die in eine Bar gehen und sich zum Bezahlen konsequent an die weiße Anreisserin wenden, leben im Rassismus. Oder im Guesthouse den einheimischen Besitzer ignorieren, weil sie den weißen Volontär für eben jenen halten. Dann sind da die Deutschen, die mit jeder Geste eine herrische Haltung zeigen. „Ich bezahle hier Geld, also haben alle zu springen.“ Einmal liefen ein paar Deutsche auf der Straße vor mir. Es war selbst für Inselverhältnisse spät. Die Gruppe wollte zu einer thailändischen Fußpflege. Ein Frau unter ihnen fragte sich, ob der Laden noch offen hätte. Ihr Begleiter antwortete: „Wir sind Deutsche und die wollen unser Geld haben, da kann man erwarten, dass sie wieder aufmachen.“ Jenseits dieser Aspekte ist die grenzenlose Naivität der jungen Frauen aus Europa bemerkenswert. Die lassen sich von den Kerlen aus Ländern mit härterer Gangart nahezu alles erzählen. Die Brüder verkaufen sich als nahezu alles. Mitglieder der nigerianischen Banden mutieren zur an der Regierung gescheiterten Geschäftsleuten, Rechtsanwälten oder ehemals erfolgreichen Beratern. Locals verkaufen sich als Architekten mit Eheproblemen oder sind mindestens an einem Startup beteiligt, welches eben noch in der Start Phase ist, wie der Name ja andeutet. Europäische Glücksritter erzählen die haarsträubendsten Geschichten, bei denen ich mir nicht sicher war, ob sie nicht teilweise selbst an sie glaubten. Es gibt ja diesen Effekt, dass Lügner irgendwann ihre eigenen Fiktionen glauben. Das Ergebnis eine Meute Lügner, die sich als Opfer darstellen und eine Menge naiver junger Frauen, die ihnen die Storys abkaufen und sich in der Rolle der Retterin sonnen. Bis ihnen eine Story richtig schadet und sie zur frustrierten erwachsenen Frau heranwachsen. Irgendwie eine ziemlich vertrackte Nummer.

Als es ans Essen ging, trennte sich erstmals Spreu von Weizen. Die Österreicherin forderte lautstark Hähnchen und ein Bier ein. Gezahlt hatte sie nichts. Womit sich die Frage stellte, wovon sie einen Anspruch ableitete. Ein wenig später verstand ich es. Ich sprach mit ihr über mögliche Kontrollen. „Dann mach ich auf kleines Mädchen und schöne Augen. Und ich spreche schlechtes Englisch. Machen doch die Ausländer bei uns auch.“ Ich ließ sie in ihrem Glauben. Sie würde allein lernen, dass vornehmlich männliche malaiische Polizisten ein etwas anderes Frauenbild haben, als ihre europäischen Kollegen. „Teacher“ hielt mir einen soziologischen Vortrag und wie sehr sie versucht hatte den armen Beachboys unter die Arme zu greifen. Dabei redete sie sich um Kopf und Kragen. Sie wähnte sich als Abkömmling einer auf einem höheren Niveau rangierenden organisierten Gesellschaft. Eine, in der auf Umwelt geachtet, der Müll getrennt und die Tiere geliebt werden. Mit Sicherheit entspricht dies dem Lebensgefühl vieler Deutscher. Über das Gesicht von Roy, der ein ziemlich gutes Deutsch spricht, flog ein Ausdruck, der auf mich wie eine Mischung von Verachtung, Ablehnung und Zorn wirkte. Doch es war minimaler Anflug. Er hatte jahrelang trainiert, vor Deutschen seine Sprachkenntnisse zu verbergen. Reist man durch Südostasien, kann der Müll und der unbedachte Umgang mit ihm nicht übersehen werden. Überall sind Haufen mit Unrat und ein Heer riesiger Ratten zieht durch die Städte. Die Folgen einer mangelnden Abfallwirtschaft und die Auswirkungen einer sich global ausbreitenden Wegwerfkultur sind jederzeit präsent. Aber ganz so einfach ist es meiner Meinung nach nicht. Ich habe darüber auf einer thailändischen Insel nachgedacht. Dort ging ich jeden Tag auf der Rückseite einer halb ins Meer gebauten Pfahlbausiedlung der idigenen Moken vorbei. Im Auslaufbereich der Flut sammelte sich jede Menge Müll. Plastikverpackungen, allerlei Wohlstandsmüll aus Kunststoff, alte Nylonnetze, nahezu alles war synthetisch. Demnach Müll aus einer Welt, mit der die Moken nur am Rande etwas zu tun hatten. Eher eine, die sie innerhalb der vergangenen vierzig Jahre aus ihrer eigenen vertrieben hat. Alles anfallende musste mit Booten von der Insel abtransportiert werden. Eine Luxushotel Kette behalf sich mit einer Art Müllverbrennungsanlage. Bedienstete sammelten jeden Tag den Müll am Strand ein und abends wurde er durch einen hohen Schornstein gejagt. Selbstverständlich ohne eine Filteranlage. Bis in die Siebziger lebten die Moken das Leben eines Seenomadenvolks. Dann befiel die Inseln eine tödliche Krankheit. Der Massentourismus entdeckte das Gebiet. Damit änderte sich alles. Das Warenangebot in den Läden stellte sich auf die Touristen ein. Die Moken verloren das Recht, sich nach Belieben überall aufhalten zu dürfen. Fischerei, Arbeitsverhältnisse, Business, nichts blieb bestehen. Die sind schlicht mit dem Geschehen überfordert. Das Meer spült an, ihre Traditionen wurden vom Konsum zerstört und hinter dem Haus stapelt sich alles.

In Deutschland wird der täglich entstehende Müllberg straff organisiert aus dem Sinn geschafft. Irgendwo hin, wo sich der Normalbürger nicht mehr daran stört. Der säuberlich, zur Beruhigung des Gewissens in die richtige Tonne entsorgte, Plastikbecher verschwindet, zumindest aus dem Blick. Also er geht mit einem Containerschiff auf eine lange Reise. Dorthin, wo auch all die von deutschen Kuttern gefangenen Krabben landen. Asien! Dort wird er granuliert und aufbereitet, um dann wieder zusammen mit den Krabben, die jetzt frisch gepult sind, in die Heimat zurückzukehren. Wenn Deutsche etwas gut können, dann ist es alles schön zu machen. Chemikalien verschwinden im Meer, in den Flüssen oder werden in Wüstensand versickert. Wird das Abholzen von Wäldern verboten, beauftragt man halt in fernen Ländern über drei bis vier Mittelsmänner eine Söldnertruppe, die ein indigenes Völkchen vom Umzug überzeugen und schiebt es einem rechtspopulistischen Präsidenten in die Tasche, der ist mit einem Lächeln und einer vollen Brieftasche weg steckt. Einerseits demonstrieren wütende junge Demonstranten gegen innerdeutsche Umweltsünden, andererseits posten sie die Gegenwehr des Systems mit Smartphones, deren Bestandteile aus den jeden Tag ein wenig mehr zerklüfteten Steppe der Mongolei stammen. ur Wahrheit gehört auch, dass ihren Altersgenossen, die ihre schicken Klamotten genäht haben, ein wenig die Zeit zum Nachdenken fehlt. Deutsche Häuser haben nicht ohne Grund deutlich mehr Gardinen, Rollos, blickdichte Zäune, Räume, die Gäste niemals zu sehen bekommen. Muss ja nicht jeder alles sehen! Die Moken sind da anders. Ihre Häuser sind in fast alle Richtungen offen, Zäune existieren nicht, jeder sieht alles. Aber ist einer, der etwas Sehen könnte, aber um sich besser zu fühlen, nichts sehen will, ein besserer Mensch?

In die Zeit fiel auch ein Flüchtlingsboot, welches auf der Hauptinsel landete. Um die 150 sunnitische Rohingya hatten es mit ihrem alten Kutter bis nach Langkawi geschafft. Weitere 150 waren auf der drei Monate langen Fahrt gestorben. Die Flüchtenden orientieren sich auf dem letzten Teil der Flucht an der Beleuchtung für den Flughafen auf Langkawi, die ihnen den Weg weist. Obwohl Malaysia ein muslimisches Land ist, haben die Flüchtlinge keine Solidarität zu erwarten. So weit geht der Glauben dann doch nicht. Eine abstruse Nummer. Sie werden von Buddhisten in die Flucht getrieben und von muslimischen Glaubensgenossen abgewiesen, wie es Christen mit den Afrikanern handhaben. Immerhin hat Malaysia wenig mit den Fluchtursachen zu tun und zur Rettung der Buddhisten gibt es einen schwachen Lichtblick. Alle großen Richtungen haben sich zusammengetan und die Vorgänge in Myanmar scharf kritisiert. Nein, das ist kein Lichtblick. Für mich ist es die Endstation einer Hoffnung. Buddha soll gesagt haben: Wer die Lehre kennt und ihr zuwider lebt, ist ein Hirte, der die Herde eines Nachbarn hütet und seine eigene Herde aufgibt. Das unvorstellbare Grauen, was sich dort abspielt ist für kein menschliches Wesen nachvollziehbar.
Wer von uns will sich anmaßen im Angesicht all dieses Elends von Myanmar, Zentralafrika bis Syrien von gerechtfertigten Ängsten der Deutschen vor unkontrollierten Fluchtbewegungen zu sprechen? Es ist auch die Geschichte von Bangladesch. Das größte Flüchtlingslager der Welt. Fast 1 Million Menschen flüchteten dort hin. Wie fast immer ist es auch ein Überbleibsel des Kolonialismus. Die Engländer benutzten die Rohingya zur Bekämpfung der restlichen Bevölkerung. Den daraus resultierenden Hass teilen sie mit den Hmong in Laos, welche von den Amerikanern im Vietnamkrieg eingespannt wurden. Zu guter Letzt kommt noch der gute alte Kapitalismus um die Ecke gebogen. Im Gebiet der Rohingya befinden sich unter der Oberfläche Uran, Nickel und seltene Erden, die sich die Militärs unter den Nagel reißen wollen.
Eine besonders schillernde Figur ist ein Mönch mit dem Namen Ashin Wirathu, den man nicht als Buddhisten bezeichnen kann. Der Mann ist Rassist, Hetzer, Hassprediger, der am Straßenrand ein orangefarbenes Tuch gefunden hat. Immerhin besteht mittlerweile gegen ihn ein Haftbefehl und Thailand, ein zentraler Punkt im Theravada Buddhismus, verwehrt ihm die Einreise.

Mir fallen bei solchen Sachen immer wieder die Worte eines Vietnam Veteranen ein, die ich schon mal niederschrieb. „Der Vietnamkrieg hat nicht gezeigt, wozu der Mensch fähig ist. Der Krieg hat gezeigt, was der Mensch ist. Ein bösartiges, brutales, intelligentes Raubtier, welches mit diesen Eigenschaften die dominante Spezies des Planeten wurde.“ Aber Raubtiere töten nicht sinnlos. Sie folgen dem Instinkt des Überlebens. Mir unterlief beim Besuch der Killing Fields in Kambodscha, dem Vietnam Museum in Saigon/Ho Chi Minh Stadt oder dem Hilfscenter für Amputierte in Vientiane/Laos ein gedanklicher Fehler. Für einen ganz kurzen Moment fragte ich mich, warum ausgerechnet asiatische Gesellschaften diese Brutalität zeigten. Merkwürdig, wie einem in solchen Augenblicken die eigene Geschichte entgleitet. Gegen die Deutschen im Nationalsozialismus sehen die Roten Khmer und die Junta in Myanmar blass aus. Nicht, dass diese Gräuel irgendwie ein Ranking verdienen. Aber es zeigt, dass dieses Raubtier in uns allen steckt. Einzig eins bändigt es: die Fähigkeit einen Willen zu entwickeln, der es bändigt. Wird dieser Wille, wie auch immer entfernt oder gar nicht erst ausgebildet, sind die Folgen bestialisch.

Mit diesen Gedanken war ich meilenweit vom Teacher entfernt. Ich fragte mich beim Anblick der unbekümmert wirkenden Backpacker, warum ich mir all diese Dinge angetan hatte. Niemand hatte mich gezwungen diese Orte aufzusuchen. Gibt es für einen Privilegierten die Pflicht des Hinsehens? Diese Frage stellt sich mir schon lange. Niemand kann die Zeit zurückdrehen. Es gibt keine Wiedergutmachung. Ich wollte verstehen, was die Täter sahen. Wie kann man, selbst wenn man verblendet oder voller Hass ist, diese Bilder, das Geschrei, den Geruch, die Verzweiflung ertragen? Wie geht das? Ich lebe nicht und lebte niemals gewaltfrei. Körperlicher Kampf, Faustschläge, Schmerz, Verletzungen sind mir nicht fremd. Doch ich kenne meine Grenzen. Eine Freundin sagte mal, dass ich doch den Leuten gönnen soll, dass sie einige Bilder nicht im Kopf haben. Kann das richtig sein? Weg schauen? Weiter machen? Schweigen? Anders herum, kann man etwas ändern? Wenigstens kann man lernen! Ändern? Daran glaube ich nicht. In allen Systemen, die ich in den letzten Jahren ein wenig kennenlernte, hat sich ein ähnlicher Typ Mensch in Hierarchien nach oben bugsiert. Vielleicht ist das genau der Punkt. Man benötigt besondere Eigenarten, um lange in einem Team oder innerhalb einer kleinen Anarchie arbeiten und leben zu können, genau so wie man dafür geeignet sein muss, sich in einer festen Hierarchie nach oben zu boxen. Letztere Eigenarten besitze ich nicht, also werde ich auch nichts verändern. Irgendwie ist das eine Sackgasse. Die Hierarchie Freaks werden nichts verändern, schon gar nicht die Hierarchie selbst.

Ein Typ wie ich, kommt an einem solchen Ort nicht am Nachdenken vorbei. Ich kenne einige Leute, die dieses Problem gleichfalls haben und derartige Plätze vermeiden. Der Wunsch nach der einfachen Insel ist schnell ausgesprochen. Doch wer schützt einen davor, dass man sich mit sich selbst auseinandersetzen muss? Die vielen Bilder, Geschichten, Entscheidungen, die einen plötzlich einholen. Die Anwesenheit von jungen Frauen und Typen unter Dreißig macht es für einen Mann in den Fünfzigern nicht einfacher. Der Vergleich zwischen deren Leben und dem eigenen, springt einem quasi mit dem nackten Hintern ins Gesicht. Eine bessere Trainingseinheit für das Abgewöhnen der bereits in der Kindheit entstandenen Sucht nach Bewertung kann man sich kaum ausdenken. Anders heißt nicht falsch und schon gar nicht schlechter. Um uns herum passiert ein Prozess, bei dem nicht genau gesagt werden kann, wann er gestartet wurde. Keiner kann genau sagen, wann die Europäer begannen, verheerend ins globale System einzugreifen. Spätestens mit der Industrialisierung waren die Weichen gestellt. Bei Prozessen kann man unter Umständen voraussagen, wie das Ergebnis bei ungehinderten Ablauf aussehen wird. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass der Prozess nicht eines Tages eine vehemente Unterbrechung erfährt? Schlaue Philosophen konnten unter dem Joch von Kirche und Monarchie eine gewisse Prognose treffen. Mit der Ablösung des zentralistischen Weltbilds und der Aufklärung konnten sie nicht rechnen. Jeder mit ein wenig Verstand kann sehen, dass sich der Neoliberalismus und ähnliche kapitalistische Gesellschaftsmodelle vor sich dahin siechen. Die Frage ist nur noch: Wann tritt der Tod ein und wer tritt das Erbe an? Von den ehemaligen dominierenden westlichen Zivilisationen kommt nichts mehr Bedeutendes. Die von der Insel werden mit dem Geschehen wenig zu tun haben. 

Der Tag verstrich nach und nach. Plötzlich tauchte ein Boot der Küstenwache auf. Zum Verstecken war es zu spät. Doch sie zeigten an uns kein erkennbares Interesse. Trotzdem machte sich unter den Vernünftigen eine sorgenvolle Stimmung breit. Die konnten jederzeit per Funk ein Polizeiboot alarmieren. Zusammen mit Roy beobachtete ich wachsam das Wasser. Nach einiger Zeit kehrte das Boot zurück. Ich verdünnisierte mich in Richtung Dschungel. Aber sie hielten wieder nicht an. Als ich zum Strand zurück kehrte, musste ich feststellen, dass sich Roy einer kleinen Gruppe angeschlossen hatte, die mit einem vorbei gekommenen Fischerboot zum Strand übersetzte. Für mich bedeutete dies über Stunden mit dem verbliebenen erlebnisorientierten Rest auf der Insel fest zu sitzen. Die Jungs hatten sich schon einige Bongs genehmigt. Entspannt lagerten sie am Feuer. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich in das Schicksal zu fügen. Mit einem letzten Aufbäumen bat ich einen in der Nacht zum gegenüberliegenden Strand zu fahren. Das Gespräch mit einer Palme hätte mehr Erfolg versprochen. Volle sieben Stunden saß ich am Strand und schaute wütend auf das schwarze Meer. Genau genommen saßen da zwei. Ich und mein Inneres im Zwiegespräch. Ich dachte an Deutschland und mein Leben dort nach. Fragte mich, ob ich die Polizei jemals los werden würde. Kaum sinnierte ich hierüber, fragte ich mich, warum ich dieses unbedingt erreichen wollte. Ja, es waren wilde Zeiten gewesen. Vieles davon, kann sich ein junger Kriminalbeamter von heute nicht mehr vorstellen. Eine andere Polizei in einer anderen Gesellschaft mit anderen Ansprüchen, Vorstellungen, informellen Regeln. Da war dieser Tag, an dem wir im Team merkten, dass jede Truppe ihre Zeit hat. Irgendwann kommt man an Kreuzungen an. Dort muss eine Entscheidung getroffen werden, wie es weiter gehen soll. Der alten Richtung folgen, oder wahlweise nach links oder rechts abbiegen? Ich wollte weiter gehen. Aber die Vorgaben lauteten anders. In diesem Fall steht einem frei, die Truppe zu verlassen. Viel zu lange folgte ich auf einem Weg, der nichts mit mir zu tun hatte. Dieses Gefühl von der Insel nicht wegzukommen, den Hintern nicht nach den eigenen Vorstellungen in Sicherheit bringen zu können, kam mir plötzlich unangenehm bekannt vor.

Als wir bei Flut die Boote klar machten, stand die Sonne bereits weit oben. Ungeschützt setzten wir über. Bis auf die Russin, welche begeistert sich selbst und die Fahrt filmte, hatten alle ein flaues Gefühl. Aber wir hatten Glück. Die Polizeistreifen hingen noch in den Unterkünften. Hurtig suchten wir nach der Landung das Weite. Für mich war klar, dass ich auf weitere Abenteuer dieser Art verzichten würde. Wenige Tage später wurden die meisten der beteiligten Locals anlässlich eines kleinen Umtrunks bei Big Roy verhaftet. Drei Monate Lock Up und Verlust der Dreadlocks, waren eine harte, und ich finde unverhältnismäßige, Strafe. Die Russin wurde dabei auch einkassiert, aber damals konnte sie sich noch frei kaufen. Teacher hat in Deutschland eine Lehrstelle bekommen und die Österreicherin ist wieder zu Hause. Big Roy war kurz in Deutschland um seinen Sohn zu sehen. Ich werde auf jeden Fall nach Langkawi zurück kehren. Warum? Das ist eine andere Geschichte und ein anderer Beitrag.

Bis dahin …

 

Musik: Job2do bei Wikipedia

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