Wer mit Ü50 kein Pragmatiker ist …

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„Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ Winston Churchill

Falschzitat

Das oben stehende Zitat wird seitens Konservativer seit langer Zeit zur Rechtfertigung ihrer Positionen ins Spiel gebracht. Und wie so häufig, ist es falsch (ausführlich hier nachlesbar). Auf der verlinkten Seite wird zu Recht auf die entgegengesetzte Biografie Churchills hingewiesen.

Vermutlich war es der französische Politiker Clemenceau, dem nachgesagt wird, dass er auf dem Hinweis, sein Sohn wäre ein Kommunist antwortete:

„Monsieur, mein Sohn ist 22 Jahre alt. Wäre er mit 22 kein Kommunist geworden, hätte ich ihn verstoßen. Falls er mit 30 immer noch Kommunist ist, werde ich es tun.“

Anekdote über George Clemenceau, u.a. Französischer Kriegsminister I. WK u. radikaler Sozialist.

Sollte die Anekdote korrekt sein, zeigt sie bei der zynischen Interpretation der Konservativen ein Denken auf, welches sich bei ihnen immer wieder auf ein Neues zeigt. Clemenceau war als radikaler Sozialist um die Zeit des I. WK Gegner der Kommunisten, deshalb aber längst kein Konservativer. Dies bestätigt mir immer wieder das Unvermögen moderner Konservativer, sich differenziert mit Denkmodellen jenseits ihrer eingefahrenen Vorstellungen auseinanderzusetzen.

Sozialisten sind keine Kommunisten und Anarchisten favorisieren nicht das Chaos, dies wäre eine Anomie, sondern stehen für eine soziale Ordnung, eben ohne feste Hierarchien. Außerdem ist Kapitalismuskritik nicht die Forderung ein System zu errichten, welches den Kapitalismus, im Sinne einer Geldwirtschaft und dem Vorhandensein von Märkten, ablehnt, sondern es geht um die Gestaltung und Einflussnahme. Will man dann mit aller Macht alles zusammenfassen, ist alles jenseits der bockig auf der Stelle tretenden Konservativen und Neoliberalen, oder den in die Vergangenheit stürmenden Rechten, links.

Der Zustand der Welt zeigt in aller Deutlichkeit, dass Neoliberalismus, Kapitalismus in Interpretation der Konservativen und der Kommunismus versagt haben. Alle Modelle waren ein Versuch wert, aber es hat nicht funktioniert. Für einige wenige haben sich die Modelle als vorteilhaft erwiesen, die breite Masse der Weltbevölkerung steuert immer mehr auf einen Abgrund zu. Es sind Aufgabenstellungen entstanden, die einen globalen Charakter haben und deshalb nicht national gelöst werden können. Weiterhin hat es sich als schwerer Fehler erwiesen, auf die menschliche Verantwortung zu verzichten und das Geschehen abstrakten unkontrollierbaren Prozessen zu überlassen. Konzerne agieren im Gegensatz zu einem Unternehmen nicht mit Augenmerk auf den Menschen, sondern dienen ausschließlich der eiskalten Gewinnmaximierung von Aktionären, Investoren, die teilweise nicht einmal wissen, wo sie ihr Geld angelegt haben.

Multinationale Konzerne berauben ganze Gesellschaften ihrer politischen Souveränität. Statt Regierungen, entscheiden Aufsichtsräte und Manager über die Geschicke der Menschen. Im günstigsten Fall kommen ihnen bei Sauereien Außerparlamentarische Kräfte auf die Schliche, woraufhin sie sich mit Getöse zurückziehen und dies in etwas scheinbar Positives umwandeln, dabei wäre der korrekte Weg das Unterlassen gewesen, statt sich erst nach dem Erwischen mit einem „Man kann es ja mal versuchen, Sorry!“ aus der Affäre zu ziehen. Greenwashing ist weltweit an der Tagesordnung.

Basierend auf dem Falsch – Zitat komme ich zu einem völlig anderen Ergebnis. Wer heute mit 50 Lebensjahren noch an den alten Denkmustern fest hält, ist entweder ein egoistischer Gewinner der bestehenden Verhältnisse oder schlicht von sehr einfachen Gemüt. Wer in die Welt hinaus geht, die täglichen Nachrichten verfolgt, muss zwingend feststellen: So kann es nicht weiter gehen, es muss ein Plan B her.

Und dieses Nachdenken über einen Plan B ist ebenfalls eine Forderung an die, welche in alten Mustern jenseits der Konservativen festhängen. Erst gestern las ich einen Artikel, in dem der Autor die Situation der Flüchtlinge mit der Universalkeule Rassismus bearbeitete. Er beschrieb die Diskrepanz, dass die westliche industrialisierte Welt bei einer einzigen über Bord eines Luxus Liners gegangenen Frau, mit fiebert, während eine Frau aus einem afrikanischen Land namenlos und ohne Hilfe elend ertrinkt. Für mich haben Mittelmeer, Moria, das Elend in Italien usw. nichts mit Rassismus zu tun. Es ist das Ergebnis einer widerlichen Egozentrik und geifernden Festhalten am heimischen Übermaß. Hautfarben, Herkunft, sind hierbei zweitrangig. Den Leuten wurde verklickert, dass sie weniger auf dem Brot haben, wenn sie den Flüchtlingen helfen. Ausgegangen ist es von denen, die deutlich mehr Geld, welches tatsächlich fehlt, um die Ecke gebracht haben oder im fragwürdigen Sinne investierten.

Ein anderer führte heute auf Twitter aus, dass die Verweigerung die „Gender – Sprache“ anzunehmen, im direkten Zusammenhang mit konservativen Mustern und einer gefühlten Bedrohung der „hetero-männlichen Hegemonie“ steht. Pure Phrasendrescherei aus der Ecke eines in Autismus versinkenden links-intellektuellen Milieus. Was ist das Ziel? Eine Gesellschaft, in der Menschen eines jeden Geschlechts und jeder Herkunft nach tatsächlicher Persönlichkeit, Lebensleistung und Möglichkeiten beurteilt werden. Hierzu muss ich mit den Leuten aus allen Schichten sprechen und Überzeugung herstellen. Jeder, der sich mal ein wenig mit Kommunikation beschäftigt hat, kennt die Blockade, welche von einem falschen Wort ausgelöst werden kann. Gleichsam ist Kommunikation nicht ausschließlich von Bedeutungen und sich aus dem Kontext ergebenden Sinn abhängig. Bei den meisten kommen ohnehin nur um die 20 % des Gesagten an. Da kommt vieles zusammen. Intention, Appelle, Befriedigung, Gefühlslage usw.. Wer sich dafür näher interessiert, kann hierzu beim Godfather des „Miteinander reden“ Schulz von Thun, nachlesen.

Solange sich Theoretiker in den Schutzräumen der soziologischen Institute gegenseitig die offenen Türen einrennen, ist das „Gendern“ unschädlich. Pragmatiker, die einen echten Anspruch haben und sich den gesellschaftlichen Verhältnissen stellen, um etwas im Sinne des genannten Ziels zu erreichen, kommen damit nicht weiter. Und wenn sich öffentlich – rechtliche Medien, Verwaltungen und Politiker auf den Zug setzen, wird es richtig übel. Der Graben zwischen ihnen und dem sog. Otto Normalverbraucher ist ohnehin schon breit und tief. Hierdurch wird er noch tiefer. Mal ganz davon abgesehen, dass Behördenformulare ohnehin eine Wissenschaft für sich alleine sind. Ziehe ich die Initiative der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) für eine leichte/einfache Sprache hinzu, die Menschen mit Lese – u. Kommunikationsschwierigkeiten integrieren soll hinzu, wird es absurd.

Links, Mitte, Rechts? An alledem festzuhalten, ist schlicht Dummheit. Jedenfalls ab einem gewissen Lebensalter. In jungen Jahren mag es zur besseren Navigation noch angebracht sein. Im Angesicht des heutigen Status Quo der Gesellschaften, kann nur noch der Pragmatismus und die Auseinandersetzung mit dem sich real zeigenden Schlamassel, den uns die Ideologien der zurückliegenden Jahrhunderte hinterlassen haben, die Antwort sein. Dies sollten gerade diejenigen erkennen, welche sich auf der linken Seite sehen. Umgangssprachlich formuliert heißt die Devise: Wie bekommen wir die Kühe vom Eis und um welche kümmern wir uns zu erst? Die Konservativen und Gewinner des Systems werden dabei nicht hilfreich sein. Wie heißt es so schön? Wer am Ruder sitzt, wird es nicht herumreißen.

„Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ – ist eine Kampagnenphrase. So wie den Anarchisten aus der gleichen Richtung der Wunsch nach Chaos angedichtet oder den Sozialisten und ihren Vordenkern ein Streben nach Gleichmacherei untergejubelt wurde. Hinter diesen Kampagnen befindet sich ein auf eine überschaubare Zahl von Nutznießern verteiltes Vermögen. Früher gab es noch ein realistisch und pragmatisch denkendes Gegengewicht, welches von großen Teilen der Sozialdemokraten und Idealisten im kommunistischen Lager gestellt wurde. Mit dem Halten an der knappen Kante zwischen Wohlstand und Absturz werden die unteren Teile der Gesellschaft narkotisiert. Während die SPD auf kleiner kommunaler Ebene noch die gute alte Tante geblieben ist, ist sie auf der Bundesebene längst Teil der Bundesrepublikanischen Einheitspartei, gebildet aus CDU/CSU, SPD, FDP geworden, die sich im Schwitzkasten der Arbeitgeberverbände, Konzerne und Vermögensinhaber befindet. Und die außerparlamentarischen Gegenkräfte zerfasern sich in Rassismus -, Gender – und Richtungsdebatten.

Weltweit gesehen, passiert anderes. In vielen Staaten rumort es und die da an den Start gehen, haben handfeste Vorstellungen. Corona ist kurzfristig eine Bremse und wird sich meiner Meinung nach zum Katalysator wandeln. Diverse Staaten haben ihre Gelder für künftige soziale Auffangmaßnahmen ausgegeben und in manch einem südostasiatischen Staat, zeigte sich urplötzlich, dass sich längst andere an den Kassen bedient hatten. Die Welt ist im Umbruch. Sich in diesen Zeiten ängstlich bei den Konservativen zu verstecken ist menschlich nachvollziehbar, doch in Anbetracht der Tatsache, dass die uns zu großen Teilen dort hinein manövriert haben, nicht lösungsorientiert und mit dem Hirn gedacht.

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