Dezember 26 2020

Die Sache mit den Social Media

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Wer Vergleiche zwischen Vergangenen und Heute anstellt, befindet sich schnell in der Falle: „Früher war alles besser!“. Ich denke, am ehesten entgeht man ihr mit der Feststellung: „Es war anders!“ Ich weiß nicht, wie und von wem mir eines Tages aufgedrückt wurde, dass ich mich entwickeln müsse und dem Neuen gegenüber aufgeschlossen sein soll. Das war schon immer eine dieser Forderungen, die mit einer absoluten Selbstverständlichkeit da waren. Wer sich nicht mehr mit dem Neuen anfreundet ist alt. Wobei dieses „alt“ quasi wie ein Schimpfwort ausgesprochen wird. Stehen geblieben, den Absprung verpasst, nicht mit der Zeit gegangen, all das hat für mich einen negativen Beigeschmack. „Es war anders!“, bedeutet für mich, dass ich eine Entscheidung treffen kann. Das Neue muss nicht besser sein, das Alte nicht schlechter und anders herum. Es kommt darauf an, was mir persönlich gefällt.

Zum Beispiel habe ich dreißig Jahre ein Leben „on the road“ geführt. In der ersten Zeit hatte dies den Nachteil, dass ich nicht für die Familie erreichbar war. Ich war halt nicht der Typ, den man in seinem Büro erreichen oder mittels Lautsprecher in der Firma ausrufen lassen konnte. Und das meistens 15 Stunden des Tages. Wenn ich jemanden anrufen wollte, musste ich aus dem Auto steigen und eine Telefonzelle benutzen. Viel anders war das vor meinem Berufsleben auch nicht. In der Jugend fuhr ich Radrennen und trainierte stundenlang alleine auf meinem Fahrrad. Kilometer für Kilometer, Stunde für Stunde, allein mit mir und meinen Gedanken. Negativ? Wäre es mit einem Smartphone eine bessere Zeit gewesen? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall würde es ein Verkäufer heute als eine Steigerung meiner Lebensqualität verkaufen, wenn ich während des Trainings über ein Headset mit allen um mich herum „connected“ bin. Dabei kann die Einsamkeit auf einem Fahrrad etwas durchaus sehr Schönes sein. Es begann mit einem Pager, dann folgte das erste Funktelefon und viel später ein Smartphone. Ich erinnere mich noch an einen Einsatz, in dem erstmals eins zum Einsatz kam, weil ein Erpresser dies forderte. Keiner kannte sich damit aus und der Geldüberbringer bekam eine Schnelleinweisung. Ausschließlich uns, einer Spezialdienststelle, konnte so etwas zugemutet werden. Das Klingt, als wenn es vor zwei Jahrhunderten statt gefunden hätte, dabei war es zum Beginn der Neunziger. Jedes Mal, wenn ich über das Internet, eMails oder gar Social Media nachdenke, muss ich mir bewusst die Kürze der Zeit und die Schnelligkeit der Entwicklung ins Gedächtnis zurückrufen. Von uns wurde jede Innovation begrüßt. Alles war toll, faszinierend und erleichterte das Leben. Plötzlich bekam man im Einsatz Bilder von den Zielpersonen übersandt. Man musste nicht mehr mit antiquierten umgewandelten Peilanlagen, die ursprünglich mal für die Seefahrt entwickelt wurden, verloren gegangene Fahrzeuge suchen. Ein Peilsender lieferte auf den Meter genau den Standort. Im Einsatz mussten nicht mehr einsame Entscheidungen getroffen werden. Die Erkenntnisse wurden mit dem Sachbearbeiter, dem Stab, dem obersten Einsatzführer abgeglichen. Doch gerade an diesem Punkt, zeigte sich der erste Haken. Zuvor herrschte eine gewisse Hierarchie. Was es zu sagen gab, wurde am Anfang des Tages gesagt und der Oberste musste formulieren, was er will. Wie sein Wille umgesetzt wird, musste er vertrauensvoll seinen nachgeordneten Führungskräften auf der Straße überlassen. Heute sind sie nur noch Schachfiguren, die mittels sogenannter Führungs – und Einsatzmittel hin und her geschoben werden. Manch einer interpretiert dies als etwas Positives. Warum soll einer mit geringerer Gehaltsklasse Entscheidungen treffen und die Verantwortung übernehmen? Es ist doch gut, wenn das mit moderner Technik an den Stellen landet, wo es hingehört. Mir gab es ein Selbstwertgefühl. Aber das ist eine Einstellungsfrage. Damals gab es auch dieses Lebensgefühl, eben nicht ständig zur Verfügung zu stehen, quasi en passant. Wenn, dann war das ein aktiver Akt. Man entschied sich zu Hause zu bleiben und über den Festnetzanschluss erreichbar zu sein oder eben seinen Aufenthaltsort mitzuteilen. Heute ist eine der ersten Fragen am Telefon: Wo bist Du? Freiheit ist oftmals nicht, dass man etwas darf, sondern etwas nicht tun muss. Die Lebensart hat sich verändert und ich finde es ist an der Zeit, mich nicht mehr passiv vom Strom der Entwicklung mitreißen zu lassen, sondern genau hinzuschauen, was ich davon noch will und was eher nicht mein Way of Life ist. Man muss mit der Zeit gehen!“, hat irgendwann mal eine oder einer formuliert. Ich kenne diesen Menschen nicht. Ich bin auch nicht bereit, diese Forderung als ein Gesetz zu akzeptieren. Diesen Schwachsinn habe ich lange genug getan. Wenn ich zurück schaue, habe ich selten bis gar nicht festgestellt: Nette Erfindung, aber ich werde sie nicht nutzen, weil sie nicht zu mir passt. Was auf den Markt kam, habe ich genutzt. Wenn ich anfangs skeptisch war, hat der soziale Druck dafür gesorgt. Ich erinnere mich an einen Kollegen, der wirklich lange Mobile Telefone ablehnte. Erst als der Chef mit der Entfernung aus dem Team drohte, lenkte er ein. Seltsamerweise wird bei technischen Innovationen niemals eine Analyse vorgeschaltet, in der eine Abwägung zwischen Vor – und Nachteilen statt findet. Wie wird diese Erfindung das Leben der Menschen verändern? Welche Auswirkungen hat sie für das gesamte Leben auf dem Planeten Erde? Wollen wir das? Die Menschheit hat dies nunmehr mit dem Beginn des Atomzeitalters und der Industrialisierung erlebt. Es wurde etwas erfunden, unkontrolliert in die Welt gesetzt und die Menschen folgten sklavisch den Folgen. Kaum einer getraute sich zu sagen: „Stopp! Lasst uns mal kurz nachdenken – wohin bringt uns das?“ Die wenigen welche es taten, wurden berühmt und aus dem Stand zu verwirrten Feinden des Fortschritts erklärt. Bei der atomaren Entwicklung und der Industrialisierung mag das noch durchgehen – die Menschen wussten es einfach nicht besser – bei der Digitalisierung gilt das nicht mehr. Es gab jetzt zwei böse aus dem Ruder gelaufene Testphasen, eine Dritte ist albern. Dieses Mal müssen wir, wenn wir das Großhirn nicht zur evolutionären Lachnummer machen wollen, nachdenken. Wer oder was ist der Mensch? Was steuert uns? Wie sind wir unterwegs? Was in uns bedient diese Digitale Revolution und wenn wir die Erfahrungen aus den anderen Epochen heranziehen: Was ist zu erwarten? Passiert das? Meiner Auffassung nach: Nein! Und ich bin ein ganz kleines Licht in diesem Spiel, eins was völlig zu vernachlässigen ist. Maximal könnte ich später als Zeitzeuge herhalten. Ein interessanter Begriff. Wenn man sich auf den Seiten des Deutschen Museums ein wenig umschaut, stößt man auf Zeitzeugen Berichte. Menschen, die davon berichten, wie sie die Zeit damals wahrgenommen haben. Zu einem Zeugen gehört auch immer die Charakterisierung, wer da berichtet. In meinem Fall, ein ehemals junger Mann, der vom Staat Bundes Republik Deutschland als Ermittler bei Straftaten beschäftigt wurde und in diesem Zusammenhang auf die Freiheitlich Demokratische Grundordnung eingeschworen wurde. Schwur! Allein dieses Wort muss man einem heute jungen Menschen näher erläutern. Ernsthaft? Du hast beschlossen Dein Leben für eine Idee von Frauen und Männern, die längst das zeitliche gesegnet haben, her zu geben? Bist Du völlig bescheuert? So gesehen, ist es bescheuert! Ich sah mir damals die Grundidee an. Gerechtigkeit, Würde, Freiheit, Religion überwunden, Mitspracherecht – damit konnte ich mich anfreunden. Ich war 21 Jahre, idealistisch, wollte auf eigenen Beinen stehen und dachte die Weisheit mit den Löffeln gefressen zu haben. Danach wurde es, ich sage mal realistisch und kompliziert, am Ende so kompliziert, dass ich damit nicht mehr klar kam. Heute, 2020, sehe ich vieles anders, als in meinem vom ersten Gehalt erworbenen Anzug von einem Herrenausstatter, feierlich den Schwur aussprechend. Die Würde des Menschen ist unantastbar! Macht Euch nicht lächerlich, selbstverständlich tastet ihr, die Gemeinschaft, der Staat, sie an. Alle Menschen sind gleich! Es sei denn sie haben Geld oder sie können Fußball spielen. Religionen spielen in Deutschland keine Rolle! Stimmt für Christen und Juden, die neuen Brunnenvergifter sind die Muslime. Rassismus? Arme Irre! Rassismus war in Europa fast nie eine Frage der Hautfarbe, sondern von anderen Mentalitäten, Auftreten, Lebenshaltung und Zusammenleben. Zuerst stand im Raum: die führen ein anderes Leben? Warum? Und weil man sich hätte eingestehen müssen, dass dieses andere Leben halt anders, aber durchaus akzeptabel ist, fand man einen Ausweg: Muss mit der Rasse zusammenhängen. Alles andere würde bedeuten, dass es parallel zu unseren Antworten auch andere richtige gibt. Wenn ich aktuell die Beiträge zu Rassismus lese, muss ich stets grimmig grinsen. Da habe ich im Abschiebegewahrsam ganz andere Sachen kennengelernt. Weiße kennen kein Rassismus. Was für ein Blödsinn. Jedes Gespräch mit einem Vietnamesen, Japaner, ehemaligen US Kriegsgefangenen, belehren einen eines Besseren. Es geht immer um die Lebensart und die Konstellation. Aber ich möchte mich in diesem Beitrag auf etwas anderes konzentrieren.

Anfangs waren das Internet und die Social Media Plattformen etwas Gutes. Menschen die sich lange nicht gesehen hatten, fand wieder zueinander. Über alle Grenzen hinaus entstand so etwas wie ein Austausch. Das Internet, in seinen Anfangszeiten, war eine neue virtuelle Welt. Das Herumtreiben auf den damals noch informativen Seiten, hatte etwas vollkommen Neues an sich. Wissenschaftler, Ärzte, Studierende, Tüftler, Programmierer, Erfinder konnten sich weltweit Erkenntnisse, Ergebnisse ihrer Forschungen teilen. Selbst konnte man sich beim Basteln von Web – Pages ausbreiten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich auf meiner Seite alles mögliche zusammen spann. Offline zeichnete ich Bilder, mit den ich Online Illusionen erzeugen wollte. Mal war das Trollhaus ein Notizbuch, voll mit Zeichnungen, ein paar Wochen später bastelte ich eine total irre Welt mit wirren Theorien über Trolle zusammen. Ich ersann eine Verschwörungstheorie, in der es Trolle tatsächlich gibt. Wesen aus einer anderen Zeit, die sich an unsere Gesellschaft mehr oder weniger angepasst haben, sie jedoch bei genaueren Hinsehen jederzeit erkennbar wären. Wie anders sollte man sich fettleibige riechende Männer in Unterhemden und Jogging – Hosen in der Schlange vor der Kasse des Supermarktes erklären? Es gab auch diese Zeit in den Newsgroups, in denen sich manche sinnvoll über Themen aller Art austauschten und andere für alle erdenklichen Subkulturen Gruppen eröffneten. Anonym, unbekannt, befreit von den Hemmungen der realen Existenz.

Doch schleichend änderte sich alles. In modernen Gesellschaften will immer eine Untergruppe die Kontrolle haben. Sie können schlicht nicht damit leben, dass andere unkontrolliert und frei agieren. Dies war in der Geschichte noch nie anders. Erst war es eine Priesterschaft, Militärs, Cäsaren, Könige, Kaiser und über zwei Jahrtausende die christliche Kirche. Ich habe den Gedanken mal durchgespielt. Was wäre passiert, wenn in einer Zeit, die durch den Glauben an einen christlichen Gott und Diktatur des Klerus geprägt war, die heutigen digitalen Möglichkeiten existiert hätten? Erst dachte ich: Was für ein Horrorszenario! Dann bemerkte ich, dass die Unterschiede zu heute gar nicht so groß sind, wie man meinen mag. Der Klerus, die Wächter der Moral, Richter über Gut und Böse, falsch und richtig, wurde ausgetauscht. Man muss nur den Begriff Religion ein wenig auseinander nehmen. Da gibt es einen Glauben. Eine übergeordnete höhere Instanz hat in irgendeiner Form die Finger im Spiel. Wie genau und in welchem Umfang bedarf der Interpretation. Ein von einem Naturwissenschaftler in die Enge gedrängter gläubiger Christ kann sich immer noch darauf zurückziehen, dass es etwas vor dem Urknall gegeben haben muss. Für andere ist diese Macht nicht nur für den Urknall verantwortlich, sondern hat sich mehrfach gezeigt und ausschließlich dem Menschen mitgeteilt, wie sie sich zu benehmen haben. Dabei geht es dann nicht mehr um den Glauben an sich. Vielmehr wird formuliert, wie man dieser Gottheit gefällt, sie ehrt und sein Leben passend gestaltet. Eine Tradition, die nur in den Abrahamitische Religionen statt findet, in denen Gott die Rolle einer Vater – Figur einnimmt. Daraus resultierte eine tief verwurzelte Hierarchie, mit Machtpositionen, Machtmitteln, Regeln, Mächtigen und Untertanen. Anders betrachtet: Ein Modell für den Aufbau einer Gesellschaft. Im Umkehrschluss kann ein Gläubiger durchaus der Idee der Abrahamitischen Religionen anhängen, muss aber noch lange nicht mit dem Aufbau der sich darunter vereinigenden Gesellschaft (Gemeinde) einverstanden erklären. Manipulationen, Fake News, Mythen, die Masse bewegende Geschichten, die Kontrolle über die Sprache, der Einsatz von Psychologie, das Studieren des menschlichen Verhaltens mit dem Ziel der Kontrolle, sind uralt. Die Geschichte ist voll davon. Ob es nun die Juden waren, welche während der großen Pest – Epidemien die Brunnenvergiftung, Tempelrittern Ketzerei unterstellt oder fremden Völkern das Menschliche abgesprochen wurde, ist egal. Geändert haben sich lediglich die Mittel. Allerdings in einem bisher niemals dagewesenen Ausmaß. Und wenn schon die aus heutiger Sicht primitiven Mittel die bekannten furchtbaren Folgen hatten, kann sich jeder alleine ausmalen, wo die Reise hingeht. In einer Anhörung vor dem US – Senat wurde ein hochrangiges ehemaliges Mitglied der oberen Etagen bei Google von einem Senator gefragt: „Ich finde dies alles im großen Maß beängstigend und bin dankbar, dass ich schon über Sechzig bin. Liegt das daran, dass ich es nicht verstehe oder ist meine Angst berechtigt?“ Der ehemalige Beschäftigte von Google antwortete: „Sie sollten Angst haben!“

Als ich vor einigen Jahren den ersten Kontakt mit asiatischen Lehren bekam, faszinierte mich ein wesentlicher Punkt: Die Ausrichtung auf Weisheit und den Stellenwert, die sie dort einnimmt. Auch wenn in Asien Hierarchien bestehen, Diktatoren ihr Unwesen treiben, brutale Autokratien bestehen, stehen sie immer im krassen Gegensatz zu dem, was die alten Lehren und die weisen Verkünder den Menschen zu sagen hatten oder immer noch tun. Seit ich Konfuzius, Lao Tze, sowie die überlieferten Reden des Buddha gelesen habe, hat sich die Art meines Denkens grundlegend verändert. Ein Prozess, der sich meiner Auffassung nach, beim Lesen der Texte nicht verhindern lässt. Es ist, als wenn man zwei Betriebssysteme wie Linux und Windows miteinander vergleicht. Es gibt viele Gemeinsamkeiten, die Aufgabenstellung ist identisch, aber der Ansatz ist dennoch unterschiedlich. Allein der Umstand, dass sich an Linux weltweit Programmierer beteiligen und es allen Menschen auf der Erde zur Verfügung stellen, ist signifikant und hat für mich selbst heute noch etwas anarchistisches oder wenigstens etwas von Ketzerei gegen das bestehende System.

Es gibt diese bekannte Frage, welche Fähigkeiten man gern hätte. Ich bewundere gute analoge Musiker und Programmierer, die verstehen, was sie tun. Wenn Musiker, egal welcher Herkunft oder Sprache aufeinander treffen, können sie nach kürzester Zeit gemeinsam ein Lied spielen. Mit Programmierern ist es ähnlich. Sie haben eine gemeinsame Sprache und wenn sie an einem Strang ziehen, können sie die tollsten Dinge erreichen. Zeichner, Maler, Bildhauer, verfügen über Möglichkeiten, Gedanken und ihr Inneres der Welt zu zeigen, ohne Worte, etwas auszudrücken. Autoren und Schriftsteller bedienen sich ein wenig an diesen Möglichkeiten, in dem sie mit Worten die Bilder erzeugen, werden aber durch die Sprache beschränkt. Zeichnen, Malen, Skulpturen, Texte schreiben ist in der Regel etwas Individuelles, was nicht im Einklang mit anderen entsteht. Die digitalen Möglichkeiten hätten dies durchbrechen können. Konjunktiv! Es passiert selten. Ich denke da zum Beispiel an Romane, die online gemeinsam entstehen.

Die Dagobert Ducks und Klaas Clever dieser Welt bekamen beim Beobachten der Entwicklungen des Internets und der Social Media Dollar – Zeichen in die Augen und das Desaster nahm seinen eigentlich vorhersehbaren Verlauf. Wie bei der industriellen wurde bei der digitalen Revolution versäumt, ein Auge auf die Geschäftemacher zu haben. Und wie es bei der angestaubten Interpretation des Kapitalismus nicht anders zu erwarten war, nahm eine Entwicklung Fahrt auf, die niemand mehr steuern kann. Motor gestartet, Lenkrad und Gaspedal fixiert, mal schauen was passiert. Sie haben das Internet und die Plattformen von etwas was die Menschen vereint, zu etwas gemacht, was sie trennt und gegeneinander aufhetzt. Sie können nicht anders. Auch hier ist die Kunst, die Musik, das bildnerische Gestalten, ein richtungweisendes Beispiel. Alles wird banaler und vor allem egoistischer, am Profit orientiert. Wie abartig ist es, wenn Konzerne Talentwettbewerbe veranstalten, den Gewinnern Verträge geben, in denen sie gegen Geld darauf verzichten in den nächsten Jahren irgendwo einen Publikationsvertrag zu unterzeichnen, damit der Konzern seine bereits finanzierten „flachen“ aber populären Musiker schützt? Profit, Kommerz, Geld, Gier, zerstört zuverlässig alles. Kunst, die nicht der Dekoration dient, sondern den Betrachter, Zuhörer, Leser, herausfordert, hat es unter diesen Bedingungen schwer. Das alles wäre nicht möglich, wenn die sich die Gesellschaften dagegen stellen würden. Hier schließt sich der Kreis. Mit den Möglichkeiten, die durch das Internet, die Plattformen und den darin enthaltenen Manipulationswerkzeugen, wurde alles auf Dekoration ausgerichtet. Es gibt in der modernen Kunst diesen unterschätzten, oftmals von Spott begleiteten, stillen Dialog zwischen Betrachter und Künstler. „Was will der Künstler oder die Künstlerin mitteilen?“ Die Antwort kann sehr unterschiedlich ausfallen. Zum Beispiel, dass sich jemand mit etwas auseinandergesetzt hat, mit dem sich normalerweise keiner bewusst beschäftigt. Mir fällt dazu spontan ein vermeintlich simples blaues Bild im Großformat ein. Blau! Wie wirkt diese Farbe? In welchen Zustand wird der Betrachter versetzt? Wird ein Anstoß versetzt, den er in diesem Moment nicht einmal bemerkt? Ist das Bild wirklich nur diese eine Farbe? Welches Blau sehe ich, und welches sieht die Frau zwei Meter weiter? Wie kommt jemand auf die Idee mittels eines Bildes in einer Galerie dies alles erreichen zu wollen? Allein mit der Existenz dieses Bildes passiert jede Menge. „Das kann ich auch! Demnächst hänge ich einfach ein blaues Bild in eine Galerie!“, knurren manche. Ja, aber dann ist es nur noch eine Kopie und Du hattest die Idee nicht selbst! Was mir daran wichtig ist, ist die Tiefe. Eine Tiefe, die in Deutschland spätestens seit Beginn der Industrialisierung stets bekämpft wurde. Was nicht vordergründig der Industrie, der profitablen Innovation, der Perfektionierung von Waffensystemen, dem wirtschaftlichen Aufstieg und im Konkurrenzkampf mit anderen Nationen einen Vorteil verschaffte, stand zu jeder Zeit auf der schwarzen Liste. Die Nationalsozialisten trieben es in Deutschland nachhaltig auf die Spitze und ich behaupte, dass die Nachwirkungen heute noch zu beobachten sind. Wenn ausgerechnet Anhänger von Parteien wie der CDU/CSU, FDP oder der AfD deutsche Intellektuelle mittels Zitieren missbrauchen, geht es für mich regelmäßig ins Bizarre. Für die einen ist das Besinnen auf das Menschliche Ketzerei gegen den Glauben an Wachstum, die Verleugnung eines ihrer Meinung nach existierenden Sozial Darwinismus, Gefahr für die Nation und für die anderen ein Hindernis zur Bildung eines schlagkräftigen geeinten Volks, welches es zu überwinden gilt. Weisheit, Menschlichkeit sind Antagonisten zu Hierarchie und Ausgestaltungen des Kapitalismus beispielsweise in Form des Neoliberalismus. Das Internet und die Digitalisierung hätten ein Segen sein können. Linux! Ohne Hintergedanken an Profit etwas der Gesamtheit zur Verfügung stellen, damit Menschen aus anderen Disziplinen etwas Gutes damit machen können.

Wir müssen keine Prognosen mehr erstellen was mit dem von mir beschriebenen Fahrzeug passieren wird. Wir können sehen, gegen welche Bäume die Karre fahren wird bzw. schon gefahren ist. Technik und Maschinen verändern sich, der Mensch bleibt bei den Prinzipien, die die Entwicklung zu dem was er ist, möglich machten und die physiologischen Voraussetzungen haben sich in mehreren 100.000 Jahren unmerklich geändert. In der Theorie ist jeder dazu in der Lage mittels Großhirn Vernunft und Verstand walten zu lassen. Praktisch wird alles dran gesetzt, dass dies nicht passiert. Neben den gezielten Maßnahmen zur Umgehung, kommen noch die Eigenarten des Prozesses hinzu. Welch katastrophale Folgen die haben können hat 1974 ziemlich nachdrücklich Regisseur John Carpenter im Film „Dark Star“ im Enddialog mit #Bombe20 dargestellt.

Für die Jüngeren in Kurzfassung: Drei Raumfahrer irren im Weltraum herum und zerstören potenzielle Bedrohungen für die Erde. Hierfür haben sie intelligente Bomben dabei. Besagte Bombe20 kann nach Erhalt des Befehls zur Detonation nicht ausgeklinkt werden. Um die anstehende Katastrophe abzuwehren verwickelt Captain Doolitle, Kommandeur nach dem Tod des eigentlichen Kapitäns, die Bombe in ein philosophisches Gespräch über Phänomenologie. Was anfangs funktioniert und dann am Ende doch schief geht – die Bombe explodiert.

Ein neueres Beispiel für das, was um uns herum geschieht sind die Geschehnisse, welche unter dem Namen „Pizza Gate“ bekannt wurden. Ausgehend von 4chan und Reddit, verselbstständigte sich eine vollkommen irre Geschichte, der nach Menschenhändler bei Bestellungen Codewörter benutzen würden, die normalerweise bei Pizza Bestellungen eine Rolle spielen. 2016 hatte sich die Nummer über mehrere Millionen Menschen ausgeweitet und wurde dabei immer abstruser. Unter anderen wurde behauptet, dass Lady Gaga, Obama und Hillary Clinton am Menschenhandel beteiligt wären. Die völlige Eskalation ergab sich dann mit einem Typen, der bewaffnet aus dem Keller einer Pizzeria entführte Kinder befreien wollte. Fun Fakt: Der Laden hatte nicht einmal einen Keller. Im Prinzip ist die Pizza Gate Geschichte die Basis für den QAnon – Schwachsinn, dem der Koch Attila Hildmann und der Sänger Xavier Naidoo anhängen.

Früher nannten sich solche Geschichten „urban legends“ oder Urbane Legenden. Rolf Brednich fasste 2007 einiger dieser Geschichten im Buch „Die Spinne aus der Yukka Palme“ zusammen. Es ist nicht auszuschließen, dass heutzutage tatsächlich eine tropische Spinne aus einer Obstkiste krabbelt. Doch den kursierenden Geschichten nach, erleben wir seit 2000 eine wahre Invasion. Zu Pizza Gate passend wurde damals verbreitet, dass Kinder aus dem IKEA „Bälleparadies“ von Menschenhändlern entführt wurden, die dann aber im letzten Moment noch von aufmerksamen Passanten befreit werden konnten. Seltsamerweise war es immer Bestandteil der Geschichte, dass den Kindern die Augenbrauen abrasiert wurden. Manche der Geschichten kursierten schon in den 90gern. Einige hatte ich damals auf meiner Internetseite gesammelt. Das Schema ist immer identisch. Eine angeblich zuverlässige Quelle, die einem sehr guten Bekannten zugänglich ist, berichtete von dem ungeheuerlichen Sachverhalt. Einmal wurde ich allerdings überrascht. Es ging um die bereits seit Jahren kursierende unappetitliche Story, in der Pizzabäcker auf Pizzen onanieren. Je nach Erzähler wurde das Motiv ausgetauscht. Ich war dann einigermaßen perplex, als mir ein Kollege voller Überzeugung sagte, dass die Vorschicht eine Pizzalieferung im Labor untersuchen ließ und sich Sperma darauf befunden habe. Dies zu einer Zeit, in der man bei der Polizei locker zwei Wochen auf ein Laborergebnis warten musste!

Aber Pizza Gate war Kinderkram gegen die Vorgänge in Myanmar. Die Radikalen, bemerkenswerterweise sich selbst als Buddhisten sehenden Kräfte, nutzten Facebook zur Verbreitung ihrer Hass – Tiraden gegen die Rohingya, während Facebook die Organisationen der Rohingya blockte. Eine Welle der Gewalt ging durch das Land. Wenn auf diese Art und Weise ein buddhistisches Land in Gewalt versinkt, was muss ich mir langfristig für andere Staaten ausmalen? In Deutschland haben sich mittlerweile nahe alle politischen Parteien inklusive der das Internet nutzenden Medien am Prozess der Demontage des menschlichen Status der Frauen, Männer, Kinder, welche in Lagern ausharren, beteiligt. Zuerst wird ein Begriff gefunden, der die Individualität raubt und den Menschen zu einem Verwaltungsbegriff werden lässt. Flüchtling! Der gibt nicht einmal mehr Auskunft über die Herkunft. Im zweiten Schritt wird der Begriff mit etwas Bedrohlichen kombiniert. Flut, Katastrophe, Kontrollverlust.

Letztens las ich einen Beitrag, in dem sogar der Dalai Lama bemüht wird. Er wurde von der BBC im Juni von Rajini Vaidyanathan interviewt und u.a. zum genannten Thema befragt.

Der Dalai Lama sagt daraufhin zur Reporterin: „Die europäischen Länder sollten diese Flüchtlinge aufnehmen, ihnen Bildung und Training vermitteln. Das Ziel sollte sein, dass sie in ihr eigenes Land zurückkehren.“ 

Die Reporterin fragt, was denn sei, wenn diese Flüchtlinge in Europa bleiben wollen würden, ob sie das nicht dürfen sollten? 

Der Dalai Lama sagte: „Eine begrenzte Anzahl ist in Ordnung. Aber dass ganz letztendlich Europa ein muslimisches Land wird? Unmöglich. Oder ein afrikanisches Land? Auch unmöglich.“ Die Reporterin sagt, was daran falsch sei, der Dalai Lama sei doch selbst ein Flüchtling. Der antwortet darauf: „Sie [die Geflüchteten] sollten besser in ihrem Land sein. Das ist besser. Lasst Europa den Europäern.“ 

https://correctiv.org/faktencheck/migration/2019/07/05/was-der-dalai-lama-ueber-migration-und-zuwanderung-in-europa-sagt/

Für Europäer ist der Dalai Lama die Analogie zum Papst. Die Friedfertigkeit in Person, von den Chinesen vollkommen missverstanden und bei einigen Esoterikern, so etwas wie dieser Welt vollkommen Entrücktes. Nein! All das ist er nicht. Er ist das Oberhaupt einer konkreten buddhistischen Schule aus Tibet. Ein Mensch, der in einer Interpretation des Buddhismus unterrichtet wurde, aber sich zeitlebens gegenüber westlichen Politikern, Wissenschaftlern, aufgeschlossen zeigte. Doch er ist auch Vorstand einer buddhistischen Sekte, die den Buddhismus für die Errichtung eines hierarchischen Systems, in dem Mönche an der Spitze stehen, nutzte. Begonnen hat das alles mal mit einem mongolischen Kahn, der seine Macht in Tibet ausbauen wollte. Und immer mal wieder bewegt sich der Dalai Lama auf ziemlich dünnen Eis. Zum Beispiel, wenn er offensichtlich nicht begreift, wer ihn teilweise einlädt und für welch seltsame esoterische Bewegungen er missbraucht wird. Doch all das ist nicht von Interesse, wenn ich ihn für meine Zwecke benutzen will. Die Botschaft ist simpel: Dieser friedliche spirituelle Mann hat gesagt, dass die beizeiten alle wieder dahin zurück müssen, wo sie geboren wurden. So what? OK! Die Aussage gilt selbstverständlich nicht für Leistungsträger, die unsere Nation nach vorn bringen. Auch da hilft die Geschichte. – Es ist nicht schlimm, dass sie die Nazis unterstützt haben. Sie können Raketen und Atombomben bauen. Wie wir das verkaufen, ist nicht ihr Problem. – Das Interview mit dem Dalai Lama hat sich längst verselbstständigt und wird ohne die hier genannten Hintergründe manipulativ verbreitet.

Was einst alles mal mehr oder weniger harmlos begann, ist zu einem beängstigenden Problem geworden. Durch die Entwicklung der Social Media und des Internets hat sich nicht nur alles ausgebreitet, es wird auch gezielt eingesetzt. Aktuell erleben wir ausgerechnet in einer Pandemie, wohin das führt. Zu den Plattformen kommen noch die Messenger Dienste hinzu. Aus Interesse habe ich bei Telegram zwei Tage lang sporadisch mitgelesen. Es ist unfassbar und kaum erträglich. Doch hierdurch ein wenig aufmerksamer geworden, habe ich einen Versuch unternommen. Ich gab bei Google, Metager und DuckDuckGo unter Verwendung von TOR Suchanfragen zu den Themen Klima, Künstliche Intelligenz und Corona ein, wobei ich viele Male neue Identitäten verwendete. Für diejenigen, welche sich damit nicht auskennen. Bei TOR hat keiner die Chance zu erkennen, wer da gerade und wo jemand im Internet unterwegs ist. Bei jeder Identität landet man weltweit woanders. Die Suchmaschine hält einen mal für einen Türken und beim nächsten Mal für einen Inder. Auf die Anfrage hin „Clima Change is …“ kamen in der Vervollständigung jedes Mal andere Vorschläge. Von „Toll, dann erfriert keiner mehr, also hält es sich die Waage mit den Hitzetoten“ bis zu „Katastrophe“ war alles dabei. Genauso verhielt es sich bei den anderen Themen. Entweder Corona hatte es niemals gegeben oder die Pandemie war längst erledigt. Passend hierzu bekam ich die irren Statements von Donald Trump angeboten.
Selbstkritisch musste ich mich an der Stelle fragen, ob ich wirklich so gut bin, dass ich mich bei normalen Suchanfragen über meinen Standardbrowser selbst unter Kontrolle habe.

Ich denke, die Beschränkung auf zu mir gar nicht passende, vor allem unvermittelt auftretende tendenziöse Nachrichten, würde ich bemerken. Aber was ist mit einem schleichenden langsamen Prozess? Tag für Tag eine Nuance. Recht zuverlässig merke ich, wie der mich begleitende Algorithmus meinen Musikgeschmack genauer analysiert und versucht, mich zart in Richtungen zu schieben. Mein großes Glück dabei ist, dass ich mal mit einem Tonmeister befreundet war, der mir viel über die Funktionsweisen von Musik, Aufbau und Wirkung erzählt hat. Seither weiß ich, das Schlagerkomponisten die Tonfolgen von Kinderliedern verwenden. Ich war auch davon beeindruckt, wie mit Techno – Rhythmen bewusst die Frequenzen von Körpergewebe und Flüssigkeiten angesteuert werden. Hilfreich fand ich letztens auch die Ausführungen von Chily Gonzales über Geschmack und Korrumpierung. Geschmack ist auch ein Zusammenspiel von Haltung und Entscheidung, welcher sich mit zunehmenden Alter festigt. Sich jederzeit der Jugend, neuen Trends anzupassen, alles mitzumachen, bedeutet sich nicht dem zu stellen, was man ist.

Eine Weile lang machte ich mir den Spaß, im Internet abstruse Sachen anzuklicken, bei merkwürdigen Bildern länger zu verharren oder völlig bizarre Produkte zu suchen. Aber dabei ist mir etwas aufgefallen. Was ich da tat, war aktiver Aufwand gegen etwas. Dies erfordert Kraft, Konzentration und Analytik. Ich wehre mich gegen einen Angreifer und dies 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche. Beruflich habe ich gelernt, dass das nicht funktioniert. Selbst der intelligenteste und gerissenste Ganove ist eines Tages überfordert. Dann hat er der Observation nichts mehr entgegen zuhalten und macht Fehler. Immerhin ist der hoch motiviert und plant etwas Verbotenes. Ich hingegen, will einfach nur mein Leben führen, ohne zum Gegenstand, zum Produkt, zur Sache, zu werden.

Gestartet bin ich mal anders. Anfangs sah ich Vorteile. Warum sollte ich mir nicht zu meinem Geschmack passende Musik vorschlagen lassen? Oder was ist gegen Empfehlungen im Dschungel der Produktvielfalt einzuwenden? Wenn ich zu einem guten Herrenausstatter gehe, lasse ich mich auch beraten. Früher, als ich noch Haare hatte, hatte ich nichts gegen einen Tipp für meine Frisur einzuwenden. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Ich konnte mich sogar mit dem Spruch „Wer nichts zu verbergen hat, muss die Überwachung nicht fürchten!“, anfreunden. Bis ich eines Tages begriff, dass da mit zweierlei Maß gemessen wird. Es gibt Leute, Gruppen, Vereinigungen, denen darf man auf die Finger sehen und dann gibt es die, welche sich dem entziehen dürfen. Warum? Dann wurde mir bewusst, dass es einfach nicht möglich ist, sich jederzeit konform zu benehmen und ich dieses seltsame Gefühl im Nacken spüre. Aber am schlimmsten war eine ganz andere Überlegung. Wenn ich mich nicht rechtzeitig dagegen wehre und der Fall der Fälle eintritt, nämlich eine Truppe die Kontrolle übernimmt, mit der ich nicht konform laufe, habe ich verloren. Ich gab freiwillig alles an Optionen der Gegenwehr aus den Händen. Und beim Friseur, Schuhverkäufer, Herrenausstatter, steht mir jemand aus Fleisch und Blut gegenüber, den ich einschätzen kann. Vielleicht mag ich sie oder ihn nicht. Mir passt einfach nicht die Ausstrahlung. Egal! Ich habe eine Wahl und eine Chance. Bei dem anderen Kram nicht.

Nein, wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht mehr die Kontrolle. Ich verhalte mich, wie es andere, die ich nicht kenne, wollen. Ich generiere für sie Geld, welches sie sich in die Tasche stopfen. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand mit ehrlicher Arbeit sein Geld verdient. Da gehen bereits die Ersten auf die Barrikaden. Was ist denn eine ehrliche Arbeit? Schau Dir Dein Umfeld an, schau in den Spiegel und frage Dich, welchen Beitrag Du mit Deiner Arbeit zum allgemeinen Leben beigetragen hast. Die Produktion warmer Luft mittels Körpertemperatur und das produzieren von Geld aus Geld, ist für mich keine ehrliche Arbeit. Ehrlich kommt in diesem Falle nicht vom Gegenteil illegal, sondern aus der Geschichte der Gesellschaften und leitet sich von: „Es verschafft einem eine Ehre!“, ab. Und ich sehe keinerlei Veranlassung mittelbar Leuten ein Auskommen zu verschaffen, deren Lebensart ich im realen Leben niemals unterstützen würde.

Am 24.12. verspürte ich die Auswirkungen unmittelbar. Ich wartete auf ein für mich wichtiges Paket. Es kam gerade mal noch rechtzeitig an. Trotzdem war ich etwas ungehalten, weil der Anbieter – DHL – nicht eingehalten hat, was bezahlt wurde. Mit dieser Laune traf ich im Laufe des Tages auf einen realen Menschen. Einem, der ebenso wie ich, nichts dafür konnte. Über in der Zahl nicht einzuschätzende Stationen hinweg sind wir beide Opfer. Viel weiter oben, haben Leute, deren Namen sie oder er nicht kennt, an einem Ort, den wir beide noch nie sahen, Entscheidungen über Direktiven getroffen, mit denen wir beide nun leben müssen. Im Internet ist das noch extremer. Wenn ich vor 30 Jahren mit einem Service nicht einverstanden war, gab es eine Telefonnummer. Mit ein wenig Verhandlungsgeschick landete man bei einem Verantwortlichen, bei dem man seinen Unmut loswerden konnte. Vorbei! Wenn man nicht gerade den Server der Firma hackt oder sich per Diebstahl das interne Organigramm besorgt, landet man in einem Online FAQ Bereich oder auf einem Kontaktformular. Für die gut, für einen selbst schlecht. Warum ist das so? Weil man maximal so lange Kunde ist, bis die Überweisung wirksam ist. Altmodische Dinge wie Kundenbindung oder gar Zufriedenheit, werden anders kompensiert.

Das Prinzip lautet User und Dealer! Anfixen, auf Sucht bringen, ab – und zu mal einen freien Schuss verschenken, unwesentlich für ein paar Tage den Preis senken, um ihn dann weit oberhalb des Ursprungs anzusetzen. Jeder der Online geht, ist ein User. Eine Ansammlung von Daten. Die Generation, welche Mitte der 90ger geboren wurde, ist die letzte, von der nicht alles, jeder Lebensabschnitt, jedes unbedacht gepostete Bild, jeder Kommentar zu einem Lebensereignis, für immer im Datennetz gespeichert ist. Wo geboren, welche Kinderkrankheiten, Berufe der Eltern, Schulabschluss, Lebenspartner, Freunde und Bekannte, Vorlieben, Haustiere, Führerschein, Persönlichkeitsentwicklung, Liebesprobleme, exaltiert, introvertiert, depressiv, einfach alles. Die erste Generation, welche es gewohnt ist, dass zu jeder Zeit und auf alles, irgendwo da draußen einer oder eine reagiert und mit einem „Like“ reagiert, ist mittlerweile voll berufstätig. Dopamin Junkies! Das ist gruselig. Wie soll jemand noch für sich selbst feststellen, dass es sich um einen echten persönlichen Erfolg handelt? Oder nehmen wir gestern. 24.12., Weihnachten. Eine Rundmail folgt der anderen. Woher weiß man noch, wer wirklich an einen gedacht hat? Heute einen Tag später, verweigere ich mich immer noch. Ich habe auf gerade mal drei Nachrichten reagiert. Nicht aus Desinteresse! Es war einfach der Beschluss, nicht mitzumachen. Aber ich werde in den nächsten Tage ein paar Leuten schreiben, für die ich mir dann richtig Zeit nehme. Der neue Trend unter den Älteren ist ohnehin das kostengünstige Telefonieren. Auf die Art erfuhr ich davon, dass in Sachen Impfung die Inder den Deutschen vermutlich deutlich voraus sein werden, weil sie mit den Engländern zusammen arbeiten und in der Nähe von Mumbai die weltweit größten Produktionsstätten für Impfstoffe haben. Ein Umstand, der mir bisher nicht eingeblendet wurde.

Bei Google, Facebook, Twitter, verdienen Leute ihr Geld damit, in dem sie genau solche Dinge, wie Umfragen, Like – Button, Emojis, das Reagieren mit bewegten Gif’s, passenden Bildern, Videos zu Feiertagen, zur Suchtsteigerung und damit zu längerer Online – Zeit, die wiederum Profit bei Werbekunden erzeugt, entwickeln. Für die ist jeder User nicht mehr oder weniger, denn eine namenlose Laborratte. Will ich das? Für meinen Teil: ein klares Nein! Ein völliger Ausstieg ist nicht machbar. Aber ich kann versuchen, das Internet und die Möglichkeiten, welche sich hierdurch bieten, wieder zu einem Werkzeug werden zu lassen, welches ich kontrolliere und nicht es mich. Mit sofortiger Wirkung habe ich alle Social Media Apps von meinem Smartphone verbannt. Recherchen finden nur noch über TOR statt. Youtube wird von mir so weit es geht gemieden und wenn, dann sehe ich mir nur gezielt Beiträge an, die ich in Media Theken nicht finde. Ernsthaft? Youtube ist bedingt durch die Anzahl der Werbeeinblendungen nicht mehr zu ertragen. Aber hier gilt die Aussage: „Wenn Du für etwas nicht zahlst, bist nicht Du der Kunde, sondern Du bist das Produkt.“

Was bleiben wird, ist die Nutzung von Twitter zur Verbreitung von BLOG Beiträgen. Warum sich dieser Möglichkeit berauben? Früher musste ein Zeichner oder freier Autor durch die Kneipen ziehen, wenn er seine Werke unter die Leute bringen wollte. Sich außerhalb des bestehenden Systems zu stellen, funktioniert nicht von heute auf morgen und eine vollständige Deinstallation ist nach 20 Jahren exzessiver Nutzung nicht möglich. Gerade in den letzten fünf Jahren habe ich ordentlich Gas gegeben. Selbstkritisch gesehen, für meinen Geschmack viel zu viel. Allein schon die Wirkung auf mein Verhalten in den vergangenen zwei Tagen, also nach Deinstallation der App’s und Schließung meines Facebook Accounts, zeigt mir, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Es gibt keinen Grund mehr, ständig auf das Display zu schauen. Dies macht den Weg für eine ganze Kette von anderen Verhaltensmustern frei, die ich seit Ende der Achtziger gar nicht mehr hatte. Na mal sehen, wo diese Reise hingeht.

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Veröffentlicht26. Dezember 2020 von Troelle in Kategorie "Politik

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