Dezember 23 2020

Die seltsame Art Freundschaften zu schließen …

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Ich glaube, es war an einem Sommertag. Mit einer eigens gekauften Sporttasche stand ich irgendwo in Bayern vor einem langgestreckten Gebäude. Vor mir eine automatische Schiebetür, hinter der irgendetwas lag, was ich nicht einschätzen konnte. Ich stellte die Tasche neben mich und zündete mir eine Zigarette an. Es stand zu befürchten, dass ich da hinter dieser Tür nicht mehr rauchen dürfte. Es sollte sein, es musste sein – ich kam nicht daran vorbei. Das waren die Spielregeln. An eine Hilfe glaubte ich nicht. Alles würde sich irgendwie alleine regeln. Manches kommt von alleine und geht auch wieder von alleine. Ja, ich hustete. Ja, ich hustete und übergab mich dabei. Egal, wo ich gerade war. Entscheidend war, dass mir etwas nicht in den Kram passte. Im Berliner Volksmund sagt man dazu: Mich kotzte alles an. Der jahrelang herunter geschluckte Dreck musste irgendwie heraus. Soweit ich mich erinnern kann, war es warm. Wie lange ich dort vor dieser Tür stand, weiß ich nicht mehr.

Irgendwann ging ich durch die Tür und landete in einer psychosomatischen Klinik. Die Höchststrafe am Ende einer Geschichte, die eines Tages anfing und hier in dieser Klinik weiter ging. Ein Ende fand? Nein, dazu kam es nicht. Davon wusste ich an diesem Sommertag aber nichts. Hinter dieser Schiebetür fanden viele Dinge statt, zu denen es noch einiges zu schreiben gilt. Innerlich merke ich, dass langsam der Zeitpunkt kommt, darüber schreiben zu können. Vielleicht ist dies hier ein Anfang. Doch darum soll es nicht gehen. In der Klinik gab es eine Regel. Neue wurden von jemanden eingeführt, der schon etwas länger da war. Bei mir war es eine wirklich nette Lehrerin, die mir einen Benachrichtigunsgzettel an der Tür hinterließ. „Melde Dich nach dem Essen!“ Andere Geschichte! Eines Tages gab es auch für mich einen Neuen. Ich halte nicht viel von dem Begriff Schicksal, aber vielleicht sollte ich mich bei ihm mit einer Ausnahme anfreunden. Chris! Deutsch – Amerikaner, Lehrer, Musiker, interessante Familiengeschichte. Eigentlich ein Typ Mann, mit dem ich schwer umgehen kann. Eine Spur zu empfindsam, zu verständnisvoll, zu selbstkritisch, zu weich und schlicht zu nett. Ich kann nette Menschen nicht ausstehen. Sie bringen mein Weltbild durcheinander. Diese Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Uneigennützig, begeisterungsfähig, hinterfragend, selbstkritisch und auch auch noch talentiert – kurz um, alles was mir Angst macht, in einer Person. Als er nicht mehr der Neue war, bekam ich noch einen weiteren zugeteilt. Der bekam eine ganz andere Einweisung. Chris und ich waren auf die Idee gekommen, „Einer flog über’s Kuckucksnest“ eine neue Version zu geben. Wir brachten Schilder an. „Bitte, nicht stören! Lobotomie“ oder „Schreie ignorieren, Elektrotherapie“. Die erste Führung endete dann in dem kleinem zur Klinik gehörenden Schwimmbad. Chris sprang nur mit einem Handtuch bekleidet hervor und schmetterte das „Phantom in der Oper“. Ich gebe zu, dass ich nichts von seiner Textsicherheit und von seinem Musical – Talent wusste. Jedenfalls war Herbert, der Neue, unser Opfer, späterer Begleiter, schwer beeindruckt.

Meine Tage in der Klinik hatten eines Tages ein Ende. Trotz aller Geschichten, die ich dort erleben durfte, kann ich sie therapeutisch nicht empfehlen, insofern bleibe ich auch den Namen schuldig. Mit Kandidaten wie meiner Wenigkeit, und anderen, denen sie Hilfe in Aussicht stellen, sind sie schlicht überfordert. Sie werben mit Hilfestellungen für Soldaten und Polizisten aus allen Bereichen … na ja … Stabs – Beamte mag funktionieren, alles andere sollten sie überdenken. Der einzige, dem ich mich wirklich verbunden fühlte, war ein ehemaliger Verdeckter Ermittler, vor dessen Augen sich ein Kollege in den Kopf schoss. Dieses Ereignis stellte eine Verbindung zwischen uns her. Chris fragte mich damals unter etwas speziellen Umständen, welcher Song mich ein Leben lang begleitet hätte. Ich nannte ihm den „Piano Man“ von Billy Joel. Dieses Lied ist einfach mein Leben, seit ich halbwegs auf eigenen Beinen stehe. Frauen und Männer in einer Bar, die ihr Leben immer einen Tick unterhalb des Sprungs zur Normalität des Bürgertums geführt haben. Gin Tonic, Cuba Libre, Jägermeister, eine Schultheiß – Bombe und manchmal einen Vodtka – polnisch oder russisch? Ich, der immer einen frei hatte, weil ich alle inklusive des Chefs kannte. Der Typ, welcher immer dabei ist, aber komischerweise doch anders und der Beobachter des Geschehens ist. Eine Eigenschaft, die mir später bei sehr speziellen Aufgaben zuträglich war.

Genau diesen Song spielte dieser … jeder kann sich einen Kraftausdruck selbst ausdenken … als ich ging auf dem Piano und schmetterte ihn ziemlich textsicher, nachdem mich ein ehemaliger Offizier der Carabiniere und Mafia – Jäger an meine emotionalen Grenzen gebracht hatte. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Typ mit sang. Nebenschauplatz: Ich habe danach den Song nochmals in einer Bar in Bangkok mit einem Thailänder gesungen, der großer Fan von Deep Purple ist, aber in seiner Bar kaum noch Alkohol bekommt, weil er dann immer schlechte Gitarrensolo spielt und seine Zahnprothese verliert. Aber auch darum soll es nicht in diesem Beitrag gehen. Dieser Chris, ist etwas Besonderes. Ich habe redlich versucht mich ihm gegenüber zu benehmen, wie eine tiefgefrorene Rinderhälfte in einer Lagerhalle am West – Hafen. Aber das Problem mit solchen Typen ist, dass man sie nicht los wird. Sie können Dinge, die ich nicht kann. Empathie und so etwas wie eine Freundschaft zu lassen. Ich kann das nicht leiden. Jemanden wie mich ruft man an, wenn man in Schwierigkeiten steckt. Ich kannte mal einen, dessen Freundin sagte: „Mit dem triffst Du Dich nicht mehr, danach bist Du immer so rebellisch!“ Das ist vorbei. Ein anderer mochte mich nicht mehr, weil sein Sohn feststellte, dass er noch eine Schwester hat und unterstellte mir, dass ich ihn verriet. Was nicht der Fall war. Sein Sohn heulte sich bei mir aus, weil sein Vater noch übler und härter war, als ich. Alles Geschichte! Ich habe nicht um Erlaubnis gefragt, aber Chris, dieses kreative Genie hat ein Hörspiel aufgenommen, zu dem ich ihn inspiriert habe. Und das ist so gut, dass ich es niemanden, der diesen BLOG liest vorenthalten möchte. Viel Spaß damit:

Trollis Weihnachtsgeschenk … Copyright by Chris

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Veröffentlicht23. Dezember 2020 von Troelle in Kategorie "Politik

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