Dezember 23 2020

Eine alte Geschichte erinnert …

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„Können sie noch einen Auftrag übernehmen?, schnarrte es metallisch aus dem Lautsprecher im Fahrzeug. Es war irgendwann in den 90gern. Ich glaube mir ging durch den Kopf: „Wenn ich jetzt Nein sage? Was passiert dann?“ Nein, es waren nicht die 90ger. Die Mauer stand noch. Ich war noch grün hinter den Ohren. Erinnerungen kommen zurück. Direktion 3! Da wo das Leben tobt. Moabit, Charlottenburg, der Kurfürsten Damm, Stuttgarter Platz, Rot Licht Milieu, das volle Programm. Meine Güte, war ich damals motiviert. „Sag mal hast Du im Hintergrund auch gehört, was ich gehört habe?“ frage ich meinen Teampartner. Mindestens genauso naiv wie ich. „Machen die immer in der Weihnachtsspätschicht!“, antwortete ich. Der abgebrühte Hund in seiner zweiten Weihnachtsschicht. „Was?“, fragte mein Partner „Na, sich einen Porno reinziehen!“ Kann man mal machen, dachte ich mir, verkniff mir aber jeden Kommentar. Ein Jahr! Nicht mehr als ein Jahr. Aber es war ein Jahr mit Leichen, Mord, Totschlag, Vergewaltigungen, Blut, Gestank, Schicksalen, gewesen. Später nannte ich dieses Jahr „Grundtraumatisierung“. Die benötigst Du als junger Großstadtpolizist. Danach wird es leichter. Eine ist aus dem Fenster gesprungen. Der nächste hat sich mit dem Küchenmesser alles was ihm an seinem Körper nicht gefiel abgeschnitten. Thats the real Life! Willkommen bei der Kripo Berlin. 86? 87? Ich hab es vergessen. Irgendwann nach dem Praktikum. Nach der Urkunde? Wahrscheinlich!

„Hast Du die Adresse?“ „Ja, ist nicht weit von hier.“ Ich denke, es war ein Altbau, sehr gepflegt, eine von den besseren Adressen in der Gegend. Wahrscheinlich kann ich mich deshalb erinnern. Ein Blick auf das Klingeltableau, der Name wie immer ganz oben rechts. Schutzmannsparterre! Wie üblich, also Treppen steigen. Oben an der Tür empfing uns ein älterer Herr. Komisch, dass weiß ich noch ganz genau. Irgendwie hatte er etwas von meinem damals noch lebenden Großvater. Er war blass und sein Gesicht zeigte Züge von äußerster Beherrschung. Wir sollten herein kommen, seine Tochter würde in der Küche warten. Eine schöne Wohnung, aufgeräumt, teurer Teppich, klar und sauber strukturiert. Am Ende des Flures ein Wohnzimmer in dem ein geschmückter großer Weihnachtsbaum stand.

Am Küchentisch saß eine Frau. Vielleicht so etwas um die vierzig Jahre alt. Blick starr vor sich hin. Was auch immer gerade in ihrem Kopf vor ging, ich will mich nicht damit beschäftigen. Neutralität, Professionalität, keinerlei Emotionen zeigen ist in solchen Lebenslagen angesagt. Der Vater erklärte, wer wir sind und holte sich von seiner Tochter das Einverständnis alles Weitere zu übernehmen. Er ging mit uns in den Flur und zeigte auf eine Tür. Wir gingen hinein. Ich machte erst das Licht an, als die Tür wieder verschlossen war. Ein Arbeitsraum, vor dem Fenster ein Schreibtisch. Dahinter ein Fenster. Dort hing er. Er hatte sich mit seiner Krawatte an den Fenstergriff gehangen, eigentlich ein Klassiker. Ich glaube, das Ding war rot und hatte irgendein weißes Muster. Ich betrachtete den Erhängten näher.„Ich halte und Du schneidest ihn ab!“ Dann machte ich eine Pause und setzte hinterher: „Denk dran, nicht vorne stehen!“ Es gab keine Anzeichen, dass jemand nachgeholfen hatte. Ein ganz normales Familien – Drama zu Weihnachten. Zu viele Schulden, kein Geld für Geschenke, entfremdete Kinder aus der ersten Ehe, falsche Worte? Wer weiß schon, was in einem Selbstmörder am Ende vor geht. Gibt es ein Warum? Keine Ahnung? Wollte ich es wissen? Nein, ich wollte das nicht wissen. Depressionen? Schulden? Er wird seine Gründe gehabt haben. Ich wollte aus solchen Nummern immer nur heraus. Ich stellte die üblichen Fragen. Hatte er Depressionen? Nahm er Medikamente? Hat er noch etwas gesagt? Dann passierte etwas, was sich einbrannte. Eins dieser Bilder, die immer wieder kommen, wenn man mal auf einer Parkbank sitzt und zur Ruhe kommt. In der Tür steht plötzlich ein kleines Mädchen. Höchststrafe! Wir schauen alle hilflos. Der Vater der Witwe reagiert und nimmt die Enkelin auf den Arm und geht mit ihr zu den Geschenken am Baum. Ein schöner Baum! Groß, weiß, mit vielen Lichtern. Die Mutter des Kindes fragte mich, was Sie denn jetzt machen muss. Ich sagte ihr, dass sie ein Bestattungsinstitut anrufen muss. Welches sie denn anrufen soll, ob ich Erfahrungen hätte. Ich durfte ihr keines nennen. Es war sinnlos ihr in diesem Moment etwas über Bestechlichkeit zu erzählen, deshalb fragte ich nach einem Telefonbuch und schlug die passenden Seiten auf. Ich wollte dort weg. Noch ein paar Worte, leise gesprochen und raus. Damals bekam man noch ein Disziplinarverfahren, weil man von einem Bestatter einen Kugelschreiber bekam. Na ja, der Preis der Bestechlichkeit ändert sich mit dem Dienstgrad. Jahre später sagte ein Kriminaloberrat zu mir, dass sich Bestechlichkeit mit der Gehaltsklasse verrechnet. Kaum einer könnte ihm unterstellen, dass er mit einer kostenlosen Nummer im Bordell zu bestechen wäre, weil er die locker alleine bezahlen könnte. Die Logik hat etwas.

Wieder auf der Treppe. Endlich wieder tief durchatmend unterbrach mein Teampartner die Stille „Auch eine Form Weihnachten abzuhängen, oder?“ Ich musste dann doch grinsen. Die Anspannung löset sich ein wenig. „Fahren wir noch was Essen?“ Ich stimmte zu, das würde die Gedanken vertreiben. Ich starrtte aus dem Seitenfenster. Am Bahnhof – Zoo sah ich einen Obdachlosen unter der Brücke an der Hardenbergstrasse. „Halt mal an!“ forderte ich meinen Partner auf. Ich ging zu dem Mann und legte behutsam einen großen Schein vor ihn hin. „Was hast‘ n gemacht.?“ , fragte mich mein Partner. „Nichts! Ich finde wenigstens einer sollte heute Nacht Weihnachten haben!“

Man mag es glauben oder nicht. Immer wenn ich zur Weihnachtszeit am Rathaus Spandau von den Arkaden zur Bushaltestelle laufe, denke ich an diese alte Geschichte. Es ist verdammt lange her. Aber es gibt diese Geschichten, die sich einem einprägen. Warum auch immer dies so ist.

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Veröffentlicht23. Dezember 2020 von Troelle in Kategorie "Politik

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