Absturz auf italienisch

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Koh Lipe Strand

Das erste Mal sah ich Andrea in einer Bar auf Koh Lipe. Eine der Inseln, die den Touristen als wenig besucht und ursprünglich verkauft wird. Sie ist beides nicht. Ohne Frage sind die Strände toll. Mit ein wenig Glück findet man sogar einen einsamen Traumstrand. Doch das Portemonnaie sollte gut gefüllt sein.

Beachbar Koh Lipe

Der dürre Italiener mit den langen schwarzen Haaren und Hawaii Hemd stand neben mir am Tresen. Vor uns hatten sich ein paar deutsche junge Kerle an einen der Tische im Sand gesetzt und rauchten einen Joint.
Von links her kommenden entdeckte ich eine vierköpfige Polizeistreife in dunklen Uniformen. Die anderen Deutschen sahen sie ebenfalls kommen und verließen fluchtartig den Tisch. Die vier liefen, ohne die Gäste eines Blickes zu würdigen, an der Bar vorbei. Ihnen folgten zwei mit beigefarbenen Uniformen. Tourismus Polizei!

Gespannt wartete ich darauf, wie sie sich verhalten würden. Sie schauten sich die Gäste an und traten unter das Vordach. Einer bestellte sich ein Bier, setzte sich an den Tresen und begann mit seinem Telefon zu spielen. Sein Kollege ließ sich von Andrea, zu diesem Zeitpunkt kannte ich seinen Namen noch nicht, eine Zigarette geben und zog sich sein Hemd aus. Dann begann er an zu tanzen.
Während sich vor uns entrückt zum Takt der Reggae Musik der Polizist hin und her wiegte, fragte der Italiener: «Woher kommst Du?»
«Deutschland.»
«Ah, und woher genau?»
«Berlin!»
«Da habe ich mal in Friedrichshain gearbeitet.»
«Verstehe! Und jetzt auf Reisen?»
«Nur in dem Dreh hier. Bin schon eine ganze Weile auf der Insel.»
«Wie machst Du das mit dem VISA?», wollte ich von ihm wissen.
«VISA Run über Malaysia. Habe ich schon fünfmal gemacht. Einfach mit der Fähre rüber, eine Übernachtung, fertig.»

Ich hatte andere Geschichten gehört, doch ich schloss nicht aus, dass im hintersten Winkel des Landes die Uhren anders ticken. Dafür sprach der vor mir tanzende Polizist mit freiem Oberkörper. Die Plauderei mit Andrea war etwas schleppend. Er war stoned und schüttete ein paar Drinks oben drauf. Die zahlreichen Narben von alten Ekzemen verrieten den Konsum von XTC oder ähnlichen Zeug. Ihn interessierte, auf welchen Inseln ich schon gewesen sei und wie viele Touristen dort wären.
Ich hingegen war fasziniert von den beiden Polizisten. Die Amulette am Hals wiesen den halb nackten Tänzer als einen Buddhisten aus. Er war nicht sonderlich gut in Form. Schlank und doch etwas schwammig. Sein Kollege, der sich etwas am Tresen etwas abseits hingesetzt hatte, war um die 20 Jahre älter. Hager, kantig und verlebt. Seine Konzentration war vollkommen auf sein Telefon gerichtet. Nach vier oder fünf Liedern zogen sie weiter in die benachbarte Bar.
Ich musste noch ein wenig in ausharren. Die beiden Frauen, mit denen ich mich auf der Insel verabredet hatte, kamen erst am nächsten Tag. Da ich keine Lust gehabt hatte, lange nach einem Hostel zu suchen, nächtigte ich auf einer Art Campingplatz. Die Bezeichnung gibt nicht den Charakter des Orts wieder. Theoretisch konnte man dort ohne Probleme zu bekommen ein Zelt aufschlagen. Praktisch konnte dies niemanden wirklich geraten werden.

Eine leicht verwirrt erscheinende Thailänderin, die ihre besten Zeiten in den Siebzigern hatte, hatte in den Dschungel eine nach allen Seiten offene Bambushütte gestellt. Genau genommen war es nicht einmal ein Hütte, sondern ein Areal, welches nach einem nur ihr bekannten System mit Bambus bebaut war. Neben diesem Konstrukt war der Dschungel ein paar Quadratmeter gerodet. Ohne einen erkennbaren Plan hatte jemand vor Jahrzehnten Betonflächen auf den Boden gegossen. Vielleicht waren es die Fundamente einer aufgegebenen kleinen Ansiedlung. Diese hatte sie mir für unverschämte 10 USD als Stellfläche für ein Zelt angeboten. Zwei verfallene vielleicht 6 qm kleine Hütten standen noch. Die bot sie mir für einen Dollar Aufpreis an.
Eine davon nahm ich. Ich umging damit das Aufstellen meines Zelts. Die Toilette und Dusche, ein Kübel an einem Pfosten und ein Loch im Boden, befanden sich hinter einer mannshohen Betonwand, die die Sicht versperren sollte. Ich beschloss, dass ich mit einigen Drinks im Kopf die Nacht dort überleben würde.
Anfänglich fand ich die Frau nett. Überschwänglich bot sie mir Kaffee und Bier an. Doch dann bemerkte ich den Haken an der Sache. Kaum hatte sie den Kaffee hingestellt, starrte sie mich an. Sie wollte sofort Geld sehen. Beim Ersten glaubte ich noch daran, dass sie misstrauisch war. Deshalb zog ich einen großen Schein hervor, um ihr meine Solvenz zu beweisen. Aber bei zwei Bieren wiederholte sich das. Wie auf den Inseln üblich, hatte sie aus Bambus eine Hütte zusammen gezimmert, zu der ein von außen erreichbarer Tresen gehörte. Ursprünglich wollte ich dort eine Weile bleiben. Dieses ständige unmittelbare Abkassieren nervte mich. So kam es, dass ich in der Beach Bar landete.

Andrea ging irgendwann. Ich rechnete nicht damit, ihn jemals wiederzusehen. Der Barbesitzer, ein Thai, der sich das Aussehen eines Rastafara gab, ließ sich auf ein Gespräch über Reggae Musik ein. Ich kenne nur die alten Songs aus den Achtzigern. Aber genau damit war ich bei ihm richtig. In der Schulzeit hatte ich eine Freundin, die zur Religion der Rastafara konvertieren wollte. Eine kurze und heftige Teenagerliebe. Niemals hatte ich geahnt, dass mir diese Liason einmal in einer thailändischen Bar am Strand weiter helfen würde. Der Mann bot mir tatsächlich an, in der Bar zu schlafen. Hätte ich nicht bereits meinen Rucksack im Dschungel hinter der Hütte versteckt gehabt, wäre ich auf sein Angebot eingegangen. So beließ ich es beim Versprechen, nochmals wieder zu kommen.

Die beiden Frauen, Freundinnen aus Berlin, hatten sich in ein Luxus Resort ein gemietet. Für eine Nacht gönnte ich mir das teure Vergnügen. Nach der harten Nacht im Freien erhoffte ich mir ein weiches Bett und vor allem eine heiße Dusche. Der Bungalow aus Bambus war geräumig. Doch leider hatte sich das Resort einem ökologischen Ansatz verschrieben, in dem heiße Duschen nicht vorgesehen waren. 70 USD für ein weiches Bett. Das hatte etwas Philosophisches an sich.

Mit den beiden zusammen zog ich über die Insel. Abends entdeckten wir in der Walking Street eine Bar, aus der Live Musik schallte. Sie bestand aus einem lang gestreckten schmalen Raum. Der Tresen hatten sie aus alten Surfbrettern gebaut. An ihm saßen zahlreich Backpacker von allen Kontinenten, um gemeinsam den Abend zu verbringen.
Trotz des geringen Platzangebots hatte sich ein Duo aus einer jungen Frau und einem Gitarristen ein wenig Freiraum verschafft und spielten Folk Songs. Zu meiner Überraschung handelte es sich beim Mann, um meine nächtliche Bekanntschaft: Andrea.

Nach seinem Auftritt kam er zu mir an die Bar. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mich wiedererkannte. Schon nach wenigen Sätzen kam er zum Thema. Er wollte mir Weed und Pillen verkaufen. Wenn ich selbst nichts kaufen wolle, könnte ich ihm jederzeit Touristen schicken. Ich lehnte dankend ab. Damit wurde ich für ihn schnell uninteressant. Er kehrte noch ein paar Male zurück und wechselte beim Barmann Geldscheine unterschiedlichster Währungen gegen Baht. Sein Geschäft mit den Drogen schien zu florieren.

Nach einer Woche verließ ich die Insel wieder. Wie beschrieben ist sie nett, aber auch teuer. Nach der Nacht in Luxus fand ich ein Hostel in der Nähe des Strands. Erneut ein anderes Konzept. Wie bei einem Zug, gingen in dem modernen Bungalow von einem langen Flur kleine Räume ab, in die genau ein Kingsize Bett hinein passte. Gesichert waren sie mit einer Holzschiebetür. Nichts für jemanden, der Angst um seine Sachen hat. Ich hatte nicht viel dabei, was sich als lohnende Beute anbot. Die wenigen Wertgegenstände hatte ich immer dabei. Es war ausgesprochen sauber und gepflegt. Und sie begnügten sich mit einer Bezahlung bei der Abreise. Hinter dem Bungalow befand sich eine Fläche, die man Ureinwohnern zugewiesen hatte. Eine Art Slum. Die UNESCO hatte einige Schilder aufgestellt. Auf verwitterten Metallplatten wurde die Geschichte der Leute erzählt.

Schiffe der Inselbewohner

Piratenüberfälle, Vertreibung, Enteignung, die übliche traurige Entwicklung aller indigenen Völker auf diesem Planeten. Immerhin hatten sie einen direkten Zugang zum Strand. Wie zynisch dieser Gedanke war, bemerkte ich bereits am ersten Abend. War die Flut ein wenig höher stand bei denen alles unter Wasser. Ein Trauerspiel, welches mich belastete. Meine Zeit in Thailand war abgelaufen. Ich nahm mir die nächste Fähre und landete auf Langkawi in Malaysia.

Einige Wochen später saß ich dort in einem der typischen Sitzsäcke einer Strandbar. Ich unterhielt mich mit einer Tschechin, deren Figur sich ein Mann ausgedacht haben musste. Allerdings stand ihre Intelligenz in keinerlei Verhältnis zu ihrem Aussehen. Verzweifelt versuchte ich mit Bier, die Diskrepanz auszugleichen. Ich hatte mich mit einigen Sea Gypsis angefreundet. Bleibt man in Asien längere Zeit an einem Ort, ändert sich je nach Sympathie die Anrede. Erst ist man der Freund. Später wird man unter Umständen zum Onkel oder Vater. Onkel ist eine Respekt Bekundung, die die Distanz bewahrt.
Tante und Onkel sind meist erfolgreiche Geschäftsleute oder Gangster, wobei die Unterschiede fließend sind. Mutter und Vater sind ältere Ratgeber.
Während ich dort saß, beobachteten die Sea Gypsis, ein Pendant zum amerikanischen Beachboy, wie sich Vater abmühte, dem unsinnigen Gerede der Tschechin zu folgen. Ein Ritt durch die Astrologie, Hexerei und tief sitzenden Hass auf den Islam. Letzteres forderte den Einheimischen im muslimischen Malaysia einiges an Toleranz ab. Sie ließ es sich nicht nehmen, lautstark allen zu erzählen, was sie von Muslimen hielt. Ich glaube, sie dachte wegen des Alkoholkonsums der Sea Gipsys, seien diese keine. Da irrte sie sich gewaltig. Die Jungs hatten alle lange muslimische Namen. Aber um cool zu wirken, nannten sie sich nur beim Anfangsbuchstaben der Vornamen oder mit speziellen Spitznamen.

Plötzlich stand im Schein der im Sand steckenden Ölfackel ein hagerer Kerl mit langen schwarzen Haare vor mir. Andrea! Er weilte auf Langkawi für eine Nacht. Der VISA Run! Andrea öffnete sich ein wenig und berichtete von seinen Geschäften. Mich wunderte dabei erneut die Toleranz der Polizei. Immerhin ist Thailand nicht gerade für eine progressive Drogenpolitik bekannt. Er erklärte mir, dass auf den Inseln alles anders wäre. Außerdem würde er sich im Wesentlichen auf den Handel mit Weed beschränken, dagegen hätte in gesamt Asien niemand etwas einzuwenden. Ich erfuhr von ihm, dass er bereits seit einem Jahr vom Handel lebte. Mich interessierten seine Motive, so lange nach dieser Art unterwegs zu sein, bekam aber keine befriedigende Antwort. Scheinbar war er im Norden Italiens aufgewachsen und hatte nach einer Arbeitslosigkeit keine Perspektive gesehen. Von der Sorte traf ich in jener Zeit viele. Dreißigjährige Mitteleuropäer ohne Perspektive, die sich für unbestimmte Zeit auf den Weg machten.

Die Sache mit der Tschechin klappte nicht. Allerdings hielt sich mein Engagement in Grenzen. Es stand zu befürchten, sie nicht mehr loszuwerden. Zu ihr gehörte eine desillusionierte dunkelhäutige Londonerin. Die hatte sich mit einem verheirateten Millionär eingelassen. Immer wenn er mit seiner Frau und den Kindern irgendwo hinreiste, suchte sie sich in der Nähe ein Hotel und stand bereit. Sie sah sich nicht als Geliebte, sondern eher wie ein luxuriöses Escort Girl, die ein spezielles Rollenspiel anbot. Dem Millionär war in Thailand der Boden unter den Füßen zu heiß geworden. Deshalb hatte er ihren Vertrag gegen Zahlung eines Schweigegelds aufgelöst. Hinzu kam wohl, dass er ein prominenter englischer Politiker war, der wegen des anstehenden Brexits kein Risiko eingehen wollte. Nicht ganz unerheblich, war dabei vermutlich ihre Hautfarbe und seine Zugehörigkeit zu den Konservativen. Die Tschechin hatte sie unterwegs in einem Bus kennengelernt. Was sie von ihr wollte, erschloss sich mir nicht. Auch sie schien mir von dem Geschwafel einiger Maßen genervt.

«Du siehst nicht aus, wie ein unerfahrener Mann. Wir wissen beide, was sie ist? Oder?», sagte die Londonerin.
«Eine durchgeknallte Tschechin auf der Suche nach einem Mann, der ihr ihre Reise finanziert?»
«Yeap!»
«Und Du?»
«So viel Geld hast Du nicht Kleiner! Verheiratete Millionäre, gibt es wie Bars am Strand!»
«Verstehe.»

Am Ende der Nacht zog die Tschechin mit einem ehemaligen Polizisten aus Marseille weiter. Dem war alles egal und sie erkannte es nicht. Andrea ging direkt vom Strand aus weiter zur nächsten Fähre, die ihn nach Koh Lipe zurück brachte. Ich blieb auf der Insel. Einquartiert hatte ich mich in einem Hostel, in dem sich nachts die Beachboys herumtrieben. Die Jungs lebten in den Tag hinein. Manchmal trieben sie sich ein paar Tage mit einer Backpackerin in der Gegend herum, die sich von ihnen die Zeit vertrieben ließen. Bei den Beachboys konnten sie sich absolut sicher sein, dass der Spaß keine weiteren Folgen hatte.

Nach vier Wochen tauchte Andrea erneut auf. Das er ausgerechnet in meinem Hostel auftauchte, war nicht ungewöhnlich. Es passte zu seiner Lebensart. Weltenbummler, reisende Straßenmusiker, Backpacker und Aussteiger tummelten sich dort jeden Tag. Diesmal war er in Begleitung einer Holländerin in meinem Alter. Man sah ihr die gemischten Gefühle bezüglich ihrer Begleitung an. Einerseits wollte sie nicht einen Europäer in Asien hängen lassen, andererseits waren ihr die Eskapaden deutlich zu viel.

«Du kennst ihn doch besser. Was mache ich nur mit dem? », fragte sie mich, während er auf der Toilette war.
«Kennen? Wow, dass wäre deutlich zu viel behauptet. Er ist ein harmloser Dealer, den ich auf Koh Lipe kennengelernt habe. Nicht mehr oder weniger. Erwachsene Menschen. Mach Dir niemals die Probleme eines anderen Erwachsenen zu Deinen eigenen. Lass Dich von ihm Poppen oder auch nicht, dann ziehst Du weiter.»
Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Offensichtlich lief über die Samariter Nummer hinaus nichts zwischen den beiden.
«Er bezeichnet mich immer als seinen blonden Engel. Er steckt echt in Schwierigkeiten.»
Ich lehnte mich zurück. «Sei mir nicht böse. Aber Du wirkst auf mich nicht wie eine Frau, die auf einen italienischen Loverboy und Dealer hinein fällt. Sieh zu, dass Du Land gewinnst. Bei der Geschichte kannst Du nur verlieren.»

Andrea hatte auf Koh Lipe zwischenzeitlich Ärger mit der Polizei bekommen. Begonnen hatte es mit einem handgreiflichen Streit in seiner Unterkunft. Die Polizisten hatten auf eine passende Gelegenheit gewartet, die er ihnen damit lieferte. Auf der Polizeistation kassierte er eine ordentliche Tracht Prügel. Nach drei Tagen ließen sie ihn ziehen. Doch vorher riefen sie den Boss der Insel an, der mit seinen Leuten vor der Tür auf den Italiener warteten. Von denen bekam er die zweite Abreibung.

Er hatte es versäumt, sein Geschäft anzumelden und vom Gewinn die üblichen Anteile abzugeben. Seiner Meinung nach, war mit der Abreibung alles geregelt. Ein weiterer VISA Run um an Geld zu kommen und alles ginge weiter. Damit hatte er sich gründlich verrechnet. Am Mittag des nächsten Tages stand er wieder vor mir. Die Thailänder hatten ihn zur unerwünschten Person erklärt. Dummerweise hatte er seinen Rucksack und seine Gitarre drüben gelassen. Eine Nacht ließ ihn die Holländerin noch in ihrem Bungalow schlafen. Danach suchte sie das Weite.

Andrea suchte in den wenigen Straßen in der Nähe des Strands nach einer Lösung seines Problems. Ein Schwede verlieh ihm seine kaputte Gitarre und ich vermittelte ihm einen anderen Musiker, der es mit ihm zusammen versuchen wollte. Spielte er nicht mit seinem schnarrenden Instrument, suchte er im Morgengrauen den Strand nach verkäuflichen Hinterlassenschaften ab. Ich habe mich immer gefragt, warum manche Obdachlose unzählige Tüten mit sich herum schleppen. Am Beispiel von Andrea konnte ich alles von Anfang an nachvollziehen. Er hatte den Halt verloren. Alles von ihm Gefundene wurde zu seinem persönlichen Schatz. Mehr war ihm nicht geblieben. Selbst ein achtlos weggeworfener Ölkanister aus Plastik, wurde zum wertvollen persönlichen Besitz. Zum ersten Mal verstand ich, welche Bedeutung ein Obdachloser selbst Müll beimisst. Ob Müll oder nicht, es ist ein Gegenstand und den kann man besitzen. Der Song von Nina Simone «Ain’t Got No, I Got Life» hat seit dem für mich eine vollkommen andere Wertigkeit.

Palmenblattmaske

Ab und zu sprach er offensiv Touristen an. Gegen ein Bier oder ein wenig Essen spielte er exklusiv ein Lied für sie. Doch die meisten hatten dafür keinen Sinn. Jeden Tag wurde er ein wenig wunderlicher. An einem fand er am Strand den Bademantel eines Kindes. Von dem trennte er einige Nähte auf und legte ihn als eine Art Stola um. Manche seiner Ideen waren gar nicht einmal schlecht. Zum Beispiel bastelte er mit einfachen Mitteln aus den getrockneten Ansätzen von Bananenblättern Masken. Zu Hause hätte es in einer Galerie dafür sicherlich einen Käufer gegeben. Alles eine Frage der Bezeichnung. «Travelling Street Art of Asia» oder etwas in dieser Richtung. Aber in Malaysia, fand er dafür nicht einmal einen, der ihm dafür ein Bier spendierte. Immer wenn ich ihn irgendwo sitzen sah, kaufte ich ihm etwas zu Essen. Meistens spielte er auf der Hauptstraße oder am Strand. Leute zu finden, die die Musik zu schätzen wissen oder wenigstens etwas spenden sind schwer zu finden. Hinzu kommt der Konkurrenzdruck. Viele sind unterwegs und denken, schon irgendwie überleben zu können. Manche versuchen, Armbänder zu verkaufen, andere lernen Feuertänze oder spielen wie Andrea auf der Gitarre.

Eine Holländerin erzählte mir am Strand, dass sie es mit den Bars versuchen würde. Nach zwei Tagen musste sie feststellen, dass sich die in Aussicht gestellten 5 EUR auf einen 10 Stunden Tag bezogen, und nicht auf einen Stundenlohn. Danach wollte sie es als Yoga Lehrerin versuchen. Damit war sie dann die zwanzigste Frau, von der ich diesen Plan hörte. Kurz vor meiner Abreise sah ich Andrea mit zwei Polen und einem Spanier vor einem Tax – Free Shop sitzen. Angeblich hatte er seine Mutter angerufen, die ihm das Geld für seine Rückreise nach Italien schicken würde. Ich weiß nicht, ob er dies tatsächlich tat. Mir kam es vor, als wenn er seine vorläufige Endstation erreicht hatte. Ich kaufte der Gruppe ein paar Bier. Mehr konnte ich nicht für sie tun.

Der Abstieg vom Dealer zum Strandgut auf einer Insel in Malaysia dauerte drei Monate. John, ein französischer Strassenmusiker, der ebenfalls jahrelang auf der Straße lebte, sagte mir dazu: «Er wird ein paar Jahre brauchen. Es ist die härteste Art sich und die eigenen Fehler kennenzulernen. Mach Dir keinen Kopf. Wir gehen alle nach unserer eigenen Art auf die Suche. Das ist der Mensch.» Eine bemerkenswerte, wenn auch knallharte Sicht, auf die Angelegenheit.

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