Juni 16 2019

Krieg zwischen Arm und Reich oder doch nicht?

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The Rojos on one side of town, the Baxters on the other, and me right in the middle.

The man with no name, A Fistful of Dollars

Warren Buffet sprach in einem Interview von Ben Stein der New York Times von einem Krieg zwischen Arm und Reich. Ein Krieg, den seine Klasse angezettelt hat und gedenkt zu gewinnen. Später fügte er hinzu, dass er dies nicht richtig findet, was aber an der grundsätzlichen Aussage nichts ändere.

“There’s class warfare, all right,” Mr. Buffett said, “but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.”

NYT, 26.11.2006 – In Class Warfare, Guess Which Class Is Winning

In Deutschland wurde dieses Zitat durch den Kabarettisten Georg Schramm bekannt, der es unter anderen mehrfach in der Sendung „Die Anstalt“ unter brachte.

Das Grundübel ist nach Warren Buffett (amerikanischer Multimilliardär, Red.) der Krieg Reich gegen Arm. Und das wird nicht miterwähnt, nicht nur von der AfD nicht. Die suchen nur einen Sündenbock – und das sind eben die Flüchtlinge. Reich und Arm sind ja keine Kategorien mehr, die man auf Länder anwenden könnte. Die wirklich Reichen haben sich ja längst von den Staaten gelöst. Es ist doch eine Posse, dass Apple 13 Milliarden Euro Steuern an Irland zahlen soll, die Iren das Geld aber gar nicht haben wollen. Das zeigt doch, wo die Macht tatsächlich sitzt. Darüber wird aber nicht geredet, ebenso wenig über die wahren Gründe der weltweiten Flüchtlingsströme. Das gehört aber zwingend dazu./…

Quelle: https://www.merkur.de/kultur/georg-schramm-merkur-interview-grunduebel-krieg-reich-gegen-arm-6738295.html

Bei Recherchen zu diesem berühmten Zitat, stolperte ich über den Eifelphilosophen. Hinter diesem Synonym verbirgt sich der examinierte Philosoph Reiner Damman. Er widerspricht dem nicht im eigentlichen Sinne, sondern ersieht einen anderen Konflikt. Über viele Stationen leitet er in einem Beitrag unter der Überschrift – Die Lüge vom Krieg Reich gegen Arm – und der wirkliche Weltkrieg – ab, dass es unter Umständen um etwas anderes geht.

Wir leben aktuell in hochbrisanten Zeiten, wo zwei große Ideen um die Vorherrschaft in der politischen Welt ringen (ach: wie gerne würde ich solch einen Satz mal in der Tagesschau hören), wir haben wirklich einen Kampf der Kulturen – doch er ist anders als der, den man uns einreden will, um uns gegeneinander aufzuhetzen. Es ist der Kampf des urmenschlichen Mitleids – gegen den antimenschlichen Sadismus.
Die gute Nachricht: wir werden ihn auf jeden Fall gewinnen – weil sich antimenschliche Gedanken nicht ewig im System Mensch festsetzen können, sie werden als lebensfeindliche Fremdkörper irgendwann automatisch herausgeworfen.
Die schlechte Nachricht: es kann dauern – und je länger wir zögern, eine gemeinsame Front gegen die sadistische Internationale aufzubauen, umso mehr Opfer wird es geben.

Rainer Damman, Eifelphilosoph

Mit dem menschlich und unmenschlich habe ich persönlich meine Probleme. Wenn ein Mensch handelt, muss es per logischer Ableitung menschlich sein. Nur weil uns Eigenarten unserer Spezies nicht gefallen, können wir sie nicht einfach abspalten. Sie gehören schlicht zum Verhaltensspektrum dazu. Nichtsdestotrotz fand ich die Ableitungen in einem Punkt interessant. Reichtum entsteht nicht mal eben im Vorbeigehen. Zum einem muss er irgendwo her kommen und zum anderen bedarf es des Willens, ihn zu behalten und eventuell zu mehren.

Dem französischen Schriftsteller Honoré de Balzac wird das Zitat: „Hinter jedem großen Vermögen, steht ein Verbrechen!“, zugeschrieben. Wie so häufig bei Zitaten ist das nicht ganz richtig. Tatsächlich schreibt er in seinem Zyklus „Die menschliche Komödie“ im Roman „Vater Goriot“:

Le secret des grandes fortunes sans cause apparente est un crime oublié, parce qu’il a été proprement fait.

Übersetzt:

Das Geheimnis großer Vermögen ohne ersichtlichen Grund ist ein vergessenes Verbrechen, weil es richtig gemacht wurde.

Das trifft mit Sicherheit auf viele Vermögen zu. Ein deutsches Paradebeispiel ist der Familienclan Quandt, welcher u.a. Günther Quandt und seinen Aktivitäten im Dritten Reich eine Menge zu verdanken hat. Gerade bei Industrieerben, liegt viel Staub auf der Basis des Geldes. Aber nicht jedes Handeln, welches ein „Geschmäckle“ hat, ist auch ein Verbrechen.
Fraglich ist auch, ob ich einen individuellen oder einen kollektiven Reichtum betrachte. Zwar sagt Schramm, dass sich die wirklich Reichen längst von den Nationen gelöst haben, dennoch haben wir objektiv betrachtet industrielle Wohlstandgesellschaften und ärmere Nationen. Historisch betrachtet, basiert der Reichtum der sogenannten westlichen Welt auf Ereignissen, die wir heute eher als ethisch verwerflich anersehen. Sei es der Sklavenhandel, der Kolonialismus, die damit verbundenen künstlich gezogenen Grenzen, Aufzwingen eines Wirtschaftssystems, Landenteignungen, Einsetzen von Lakaien in den Regierungen, Ausbeutung der Bodenschätze, Aufzwingen von Handelsverträgen – die Liste ist lang. Vieles passiert heute noch. Der neue Kolonialismus trägt die Bezeichung „geopolitische Sicherheitsinteressen“.

Im Übermaß zu leben ist meiner Auffassung nach eine Frage der inneren Haltung. Erst recht, wenn es anderen mies geht. Es muss manchmal gar nicht das Übermaß sein. Es geht oftmlas im Kleinen los. Hierzu zwei Beispiele. Ich habe mal eine Übung erlebt, in der Verhandler der Polizei die Bewältigung einer Geiselnahme probten. Hierzu wurden die Verhandler unter Stress gesetzt. Getränke wurden vorenthalten, es gab stundenlang nichts zu essen, der Kaffee wurde kalt serviert, ein Rauchverbot verhängt, eben die üblichen Spielchen. In dieser Situation griff eine Verhandlerin in ihre Tasche und holte einen Schokoladenriegel hervor und aß ihn auf. Die Übung musste hieraufhin abgebrochen werden.

Beim zweiten Beispiel geht es um einen Versuch (ultimative Verhandlung), aus Spieletheorie. In ihm werden einem von zwei Probanden 100 Dollar übergeben. Jener sollte den Betrag unter beiden nach seinen eigenen Vorstellungen aufteilen. Stimmte der andere der Verteilung zu, können sie das Geld behalten. Im Falle der Ablehnung, muss das Geld zurückgegeben werden. Im Ergebnis zeigte sich vordergründig eine Art „Gerechtigkeitssinn“, der stärker war, wie der Wunsch mit mehr Geld aus dem Versuch herauszugehen, denn vorher in der Tasche war. Wich der Betrag im hohen Maß vom Ideal 50 : 50 ab, kam es vermehrt zu Ablehnungen. Der Versuch wurde in westlichen Industrieländern, mit kleinen ethnischen Gruppen und Kindern unterschiedlicher Altersstufen durchgeführt. Die Ergebnisse fand ich ziemlich spannend.

Besonders faszinierten mich die Versuche mit den Kindern. Erst teilte man die Kinder in zwei Gruppen und gab einer etwas, was sie dann mit der zweiten Gruppe teilen sollten. Nun sie teilten, aber wirklich gerecht ging es dabei nicht zu. Dann wurde die Erweiterung „Ultimatum“ eingeführt. Jüngere Kinder begriffen, dass es schlecht für sie ausgehen würde und am Ende niemand etwas bekäme, veränderten aber ihr Zuteilungsverhalten nicht. Ältere änderten ihr Verhalten. Hirnforscher gingen der Sache auf den Grund. Sie fanden heraus, dass das Fairnessverhalten mit der Entwicklung des präfrontalen Kortex in Verbindung steht. Empathie wird vom Menschen erlernt und genau dafür werden die Entwicklungen der Gehirnareale benötigt.

… „Die Studie demonstriert, wie sich Fairness entwickelt. Und sie stellt eine Verbindung zwischen dem Verhalten und der Entwicklung von Hirnstruktur und -funktion her – das macht sie einzigartig.“ …

Berna Güroğlu, Entwicklungspsychologin an der Universität Leiden



Die neue Erkenntnis zeigt, dass allein moralische Appelle des Erziehers nicht weiterhelfen. „Man muss die Situationen identifizieren, in denen trotz besseren Wissens egoistisches Verhalten auftritt“, sagt Steinbeis. Den Kleinen müsse in der konkreten Situation gezeigt werden, wie man sich korrekt verhalte. Zu wissen, was richtig ist, und das Richtige zu tun sind eben zwei grundlegend verschiedene Dinge – an denen selbst Erwachsene immer wieder scheitern.

15. März 2012 DIE ZEIT Nr. 12/2012, Die Kunst des Teilens, Alina Schadwinkel

Was mache ich daraus? Ich selbst war noch niemals reich und meine empathischen Fähigkeiten genügen nicht, um mich in einen reichen Mann hineinzuversetzen. Es gibt unter den Superreichen eine erkleckliche Zahl von Großspendern, die jährlich oder bisweilen Milliarden spenden. Was ich bei einigen nicht verstehe, ist der Umstand, dass sie zuvor augenscheinlich nicht interessierte, wie das gespendete Geld generiert wurde. Auf jeden Fall versuchen sie nachträglich ethisch zu handeln.

Der Eifelphilosoph sieht ein sadistisches Verhalten. So weit würde ich nicht gehen. Fakt ist, dass ich Leute erlebt habe, die aus einem reichen Land kommend, die Armut in anderen Ländern sahen und ein schweres Trauma davon trugen. Vielleicht versuchen sich die hartnäckigen Leugner einer Ursächlichkeit der westeuropäischen Staaten bei dieser Misere, einen Schutz aufzubauen.

https://twitter.com/Super_Rezepte/status/1139056395825946624
… Schutz? Zynismus?

Letztlich habe ich mir, mit meiner inneren Haltung, dass ich mich ausschließlich für meine eigene Saat und der daraus entstehenden Ernte verantwortlich sehe, ebenfalls einen Schutzmantel angezogen.

Aber ich stimme zu, dass es letztlich nicht um Reich und Arm geht, sondern eine Stufe davor zu betrachten ist. Reichtum, also ein erhebliches mehr, denn man zum Leben braucht, ist immer ein Ergebnis der Gier. Dabei nehme ich mich selbst nicht aus. Auch ich habe deutlich mehr, denn ich zum Leben brauche. Jedenfalls, wenn ich mir Leute zum Vergleich nehme, die sich bewusst gegen alles Unnötige entscheiden haben.

Die Welt sähe schöner und in vielen Gebieten weniger schrecklich aus, wenn wir Teilen, Verteilen und Gönnen würden. Es ist nicht so, dass wir es nicht besser wissen . Selbst in relativ trivialen Serien, wie Star Trek, Raumschiff Enterprise oder Deep Space Nine wird das Thema immer mal wieder aufgegriffen, wenn feindlich gesinnten Lebensformen erläutert wird, dass die Menschheit das 21. Jahrhundert und seinen Unsinn irgendwann im 24. Jahrhundert überwandt.

Vielleicht geht es wirklich nicht um Arm oder Reich, sondern darum, welche der beiden menschlichen Seiten die Oberhand gewinnt. Die erkennende, welche sich bewusst ist, dass die Kooperation und Kommunikation, einer der entscheidenden evolutionären Faktoren war und ist, oder die andere, welche immer auf der Suche nach neuen zu befriedigenden Bedürfnissen ist.

Ich begann diesen Beitrag mit einem Zitat aus einem alten Western mit Clint Eastwood. Er blickt auf zwei Rivalen, die sich beide der Gier verschrieben haben. Frei nach dem Motto, wenn sich zwei sich streiten, freut es den Dritten. Die Gier kann am Ende nicht gewinnen, weil sich die Gierigen langfristig gegenseitig vernichten werden. Da hat der Eifelphilosoph vollkommen recht. Es dauert halt, aber es wird passieren. Der Kapitalismus ist zum Scheitern verurteilt und wird sich auf lange Sicht, nicht durchsetzen. Und die Opfer sehe ich auch.

Es gilt das „Gute“ zu suchen und zu unterstützen. Wobei für mich alles Gut ist, was dazu geeignet ist, das Leid zu überwinden. Das „Negative“, also alles was das Leid steigert, bekommt viel zu viel Aufmerksamkeit. Ich glaube, am besten ist man damit beraten, es wie der namenlose Reiter auf dem Balkon zu halten und sich die gegenseitige Zerstörung anzusehen. Wenn da nicht die vielen unschuldigen Opfer wären. Manchmal überkommt mich die Lust, den ein oder anderen Krakeeler im Internet oder über den Segen der kapitalistischen Markwirtschaft referierenden Politiker ein Jahr lang nach Somalia verschleppen zu lassen.

Spaß bereiten mir persönlich auch die Menschen, die dann auf den bösen Kommunismus verweisen.

q.e.d.

Als ob wir in den letzten hundert Jahren irgendwo ein System erlebt hätten, in dem es unter dem Strich nicht doch wieder um die Gier einzelner ging. Unter Umständen sollte man über neue Bezeichnungen nachdenken. Mir wäre ein gerechtes Verteilungssystem genehm, welches sich weniger auf die Unterschiedlichkeiten der Menschen konzentriert – Konservative -, denn auf die gemeinsamen Verhaltensstrukturen und Bedürfnisse.

Irgendetwas mit kleineren Einheiten, in denen das Individuum mehr zur Geltung kommt und die Folgen des eigenen Handelns sehen kann, flexiblen situativen Hierachien, die sich nach Bedarf bilden und wieder lösen und vor allem eine gerechtere globale Verteilung. Und der Mensch sollte mal beginnen darüber nachzudenken, ob er wirklich alles erforschen und möglich machen soll. Bisher haben wir uns mit allem Fortschritt mehr Probleme erschaffen, denn echte Vorteile.

Meines Erachtens haben uns bisher nur die Menschen weiter gebracht, die sich über das „Menschliche“ und alles damit in Verbindung stehende Gedanken machten. Diejenigen, welche das gesamte Spektrum akzeptierten, und nach Lösungen für das Überwinden der zerstörerischen Faktoren nachdachten, statt Systeme zu generieren, die ausgerechnet jene forcieren. Das haben auch die Versuche gezeigt. Wenn die Probanden erkannten, dass sie vom kooperativen, fairen und gerechten Verhalten mehr zu erwarten haben, denn von der Ungerechtigkeit, begannen sie vernünftig zu entscheiden.

Nur, wie setzt man das um? „Zu wissen, was richtig ist, und das Richtige zu tun sind eben zwei grundlegend verschiedene Dinge – an denen selbst Erwachsene immer wieder scheitern.

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März 16 2019

Lasst es nur einen Anfang sein … Friday for Future

Reading Time: 10 minutesafdscreenkufferscreen

Die beiden Tweets sind lediglich Beispiele für Reaktionen des Establishments auf die Bewegung, die seitens Greta Thunberg initialisiert wurde, sie als Einzelperson aber längst, wie jede Bewegung überholt hat. Mittlerweile haben sich ihr auch Eltern und Wissenschaftler angeschlossen.

Mal abgesehen davon, dass der Tweet des AfD – Vertreters vollkommen irre ist, zeigt er dennoch eine gewisse Tendenz auf. Nebenbei hat der Attentäter Donald Trump als Vorbild und Wegbereiter seines Gedankenguts benannt. Dem Herrn von der CDU ist nicht abzusprechen, dass er sich zwar in der CDU befindet, aber durch aus mit solchen Worten bei der AfD mit offenen Armen empfangen werden würde. Mir fallen auch ein paar geschichtliche Ereignisse ein, wo die Demonstranten, später Revolutionäre nicht einmal zur Schule gehen durften. Französische Revolution, Deutsche Revolution, Russische Revolution … und es dürfte eine spannende Diskussion sein, was denn eigentlich das „Richtige“ ist.

I can see you in the morning when you go to school
Don’t forget your books, you know you’ve got to learn the golden rule
Teacher tells you stop your play and get on with your work
And be like Johnnie too-good, don’t you know he never shirks
He’s coming along

Supertramp – School

We don’t need no education
We dont need no thought control
No dark sarcasm in the classroom
Teachers leave them kids alone
Hey! Teachers! Leave them kids alone!
All in all it’s just another brick in the wall.
All in all you’re just another brick in the wall.

We don’t need no education
We dont need no thought control
No dark sarcasm in the classroom
Teachers leave them kids alone
Hey! Teachers! Leave them kids alone!
All in all it’s just another brick in the wall.
All in all you’re just another brick in the wall.

Pink Floyd – The Wall

Ich würde die Diskussion damit beginnen. Aber Herr Kuffer ist 6 Jahre jünger als ich (ursprünglich ging ich hier davon aus, dass er älter wäre, aber ich habe es nochmals nachgelesen) , vielleicht ist er mit anderen Vorbildern und Gedankenanregungen aufgewachsen. Vielleicht liegt es aber auch an mangelnden Sprachkenntnissen.

Was passiert eigentlich? Da ich selbst kein Naturwissenschaftler bin, muss ich mich auf die Aussagen der Wissenschaftler verlassen. Ich sehe dabei auch keinerlei Probleme. Wenn gleich weltweit tausende, in unterschiedlichen politischen Systemen agierende und forschende Wissenschaftler, zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen, ist salopp gesagt «die Kacke am Dampfen!»

Über Fakten zu diskutieren ist ziemlich sinnlos, Zeitverschwendung und im Übrigen auch vollkommen irrational. Damit ist schon mal jeder Leugner aus dem Lösungsprozess heraus. Was soll die Weltgemeinschaft mit politischen Führern, die nicht einmal derart elementare Dinge intellektuell verarbeiten können. Aber es stellt sich die Frage, wie unser System funktioniert, dass solch einfach strukturierte Menschen in diese Position kommen konnten. Irgendetwas muss falsch sein.

Ein System, in dem die Ignoranz, Narzissmus, diverse Persönlichkeitsstörungen und schlicht nicht dem Durchschnitt entsprechende Intelligenz die politische Elite stellt, muss etwas schief gegangen sein. Auch das ist ein Fakt.

Das Gute an unserer medialen Gesellschaft ist der Umstand, dass sich Menschen mit diesen Störungen gern dort präsentieren und ihr Lebensweg über Jahrzehnte hinweg nachzuvollziehen ist. So hat uns zum Beispiel Christian Lindner viele schöne Zeitdokumente über seinen Werdegang geliefert, die durchaus beispielhaft für diverse Karrieren sind. Schon als Schüler war sein Verhalten auffällig. Mit Anzug und Krawatte saß er seinen Unterricht ab, erkannte schnell, wie man sich innerhalb des Systems Geld verschafft, ohne durch produktive Arbeit bzw. intellektuelle Beteiligung am gesellschaftlichen Geschehen ausgebremst zu werden. Dabei vermarktete er sich bereits zu Abiturzeiten geschickt und vor allem angepasst medial.

Lindner ist quasi eine Gebrauchsanleitung für jeden Abiturienten, wie man im bestehenden System nach oben in die Machtregion gelangt. Eine Professionalität kann ihm in diesem Zusammenhang nicht abgesprochen werden. Mit einem Anspruch einer in Anbetracht der Klimaänderung notwendigen Neuorganisation des globalen und nationalen gesellschaftlichen Denkens hat das nichts zu tun.

Ich habe u.a. die unter dem Durchschnitt liegende Intelligenz, etwas provokativ, angeführt. Ein schwieriges und sehr weites Thema. Die Kriterien für den IQ stehen schon seit Jahrzehnten in der Kritik. Viele Wissenschaftler sagen mittlerweile: Der IQ – Test gibt darüber Auskunft, wie gut jemand einen IQ – Test bewältigen kann – mehr nicht.» Bei der Auswertung der tabellarischen Werte an amerikanischen Universitäten wurde festgestellt, dass die mit den hohen Werten oftmals tatsächlich in der Forschung landeten, während die mit den geringeren ihre Vorgesetzten wurden. Eben eine andere Form der Intelligenz. Sie erkennen die Spielregeln und entwickeln Fähigkeiten im hierarchisch geprägten System, nach oben zu kommen.

Wenn dies beinhalten würde, dass beide Hand in Hand arbeiten würden, ergo die Führungskräfte die Erkenntnisse der Forschenden zum Wohle der Menschheit koordinieren würden, wäre unsere Welt eine andere. Wir wissen aber, dass es nicht an dem ist.

Das angelegte Kriterium lautet: Wie kann das wissenschaftliche Ergebnis für eine Kapitalerzeugung oder militärisch benutzt werden? Ergebnisse, die genau dem entgegen sprechen, sind von vornherein ungewollt, werden angezweifelt und müssen irgendwie vom Tisch.

Kapitalismusfreunde behaupten stets, dass die Finanzierung der Forschung nur über den Kapitalismus funktioniert. Das stimmt bedingt und bezieht sich nur auf die Forschung, die eben jenem Kapitalismus förderlich ist. Geisteswissenschaften, wie zum Beispiel die Philosophie verkommen zur Krawattennadel. Wie das Bild eines hoch gehandelten Künstlers wird die Philosophie als Statussymbol in den Tresor gelegt oder hängt hinter dem Manager eines Konzerns an der Wand. Saul D. Alinsky spricht von «Have» und «Have – Not». Trotz der Tatsache, dass die erste Gruppe in der Minderheit ist, ist sie dominant und verfügt über alle notwendigen Machtmittel, ihren Status zu behalten.

Betrachte ich diese Einteilung global, befinden sich die westlichen Industriestaaten klar in der Gruppe «Have» und der Rest der Welt in der «Have – Not» Position. Und es gibt noch die geringe Zahl, bei denen sich das Kapital fokussiert und ein unterdrückendes Machtschwergewicht jenseits aller Vorstellungen von Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung besteht. Niemand auf der «Have» – Seite, weder die «Echten», noch ihre domestizierten Haustiere, die brav am Tisch warten, dass ihnen etwas vom Braten zugeworfen wird, haben ein Interesse am Wandel bzw. der unausweichlich einzuleitenden Neuorganisation des Systems, wenn eine gemeinsame Reaktion auf die sich ergebenden resultierenden Probleme des bereits eingetretenen Klimawandels, ernsthaft angestrebt wird. Sie sind die Einzigen, die von der Theorie profitieren, dass ein gedeckter Tisch der Reichen durch Investitionen den Armen nutzt. Abschließend!

Es gilt eher der in der Psychologie meiner Auffassung viel zu wenig beachtete Dunning – Kruger Effekt:

„Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. […] Die Fähigkeiten, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, [sind] genau jene Fähigkeiten, die man braucht, um eine Lösung als richtig zu erkennen.“

Das Kalkül der «Have» ist eigentlich recht einfach. Harald Lesch hat dieses hervorragend skizziert. Es wird in einigen Teilen dieser Welt möglich sein, mit ausgeklügelten Technologien die eintretenden lebensfeindlichen Umstände zu kompensieren. Zum Beispiel wenn die Menschen in diesen Gebieten hoch technisierte künstliche Bio – Reservate einrichten.

Meiner Auffassung nach, findet die Vorbereitung bereits statt. Die Forderungen nach Abgrenzung zu den Entwicklungsländern durch den Bau einer «Festung Europa» ist nichts anderes. Denn selbstverständlich werden Menschen aus lebensfeindlich gewordenen Gebieten versuchen sich zu retten. Um dieses zu verhindern, werden Grenzen mit Robotern, Drohnen und Hightech Alarmsystemen eingerichtet werden, die analog zum Drohnenkrieg aus der sicheren Entfernung betreut und gesichert werden können. Bereits heute ist ein Punkt erreicht, an dem die Entwicklungsländer den technischen Vorsprung nie wieder einholen werden. Dafür reicht die Zeit auch nicht mehr aus.

Ich befürchte, das ist die von Herrn Lindner angesprochene professionelle, nahezu desillusionierte militärische Sicht. Die Schüler und die Wissenschaftler sind davon weit entfernt.

Ihre Botschaft: Das ist falsch, inhuman, widerspricht der Vernunft und verachtet das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb einer Spezies.

Damit kann man einem Liberalen, Neoliberalen, Konservativen und Anhänger des Kapitalismus aber nicht kommen. Vernunft ist bei ihm durch den Glauben an das Kapital und die Gier ersetzt. Erst Recht darf man keine spirituellen Überlegungen erwarten.

Die AfD, die Konservativen CDU/CSU, die FDP und große Teile der SPD sind meiner Meinung gar nicht weit auseinander. Prinzipiell sind die von der AfD die Ehrlichen innerhalb des Clubs. Selbstredend kann auf Dauer eine bei unverändert ablaufenden Prozessen notwendige Grenze nur militärisch und mit Tötung von Menschen gesichert werden. Gauland irrt allerdings, wenn er von Bildern spricht, die die Bevölkerung aushalten muss. Sie wird diese Bilder gar nicht zu sehen bekommen. Eine ausreichend große Verbotszone und passende PR Strategien werden dies zu verhindern wissen. Bereits heute passieren weltweit Dinge, die geschickt manipuliert werden. Ich erinnere nur an den als quasi Video – Spiel inszenierten Golf – Krieg.

Auch die Bildung von Sammellagern außerhalb des Lebensraums der «Have», in denen die anbrandenden Menschenmassen aus den anderen Gebieten dahin vegetieren, nehmen alle genannten Parteien billigend, genauso wie die bereits bestehenden Massengräber in der Libyschen und Marokkanischen Wüste, hin. Das System, welches u.a. dafür sorgt, dass reihenweise Staaten destabilisiert wurden, Despoten die sich zu alimentierten Hunden der «Have» haben machen lassen einsetzte, das seinen Technologievorsprung mittels Rohstoffraub, Versklavung, Stellvertreterkriege sichert, wird von allen forciert und bejaht. Da nehmen sie sich alle nichts, die Geschicklichkeit beim Verkauf der Botschaft ist nur anders.

Zum Thema vorgelagerte Flüchtlingslager werden immer die altbackenen Nationalsozialisten herangezogen. Warum so kompliziert? Die geförderte Forschung an Biowaffen und Virologie macht es doch längst möglich unauffällige Lösungen zu finden. Ich bin davon überzeugt, dass der Tag kommen wird, an dem in diesen Bereichen diese Mittel zum Einsatz kommen. Öfen und Gaskammern sind alte Technologien, da hat man heute andere Sachen. Zynismus? Nein! Der Mensch ist so und nicht anders. Wäre er anders, würden diese Forschungen gar nicht erst finanziert werden.

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Spezialfall. Meiner Kenntnis nach, sind wir der einzige Staat, der mal aufbrachte: Von deutschen Boden aus, darf nie wieder ein Krieg ausgehen. Ein frommer Wunsch! Wir sind mitten drin. Wenn die deutschen Waffenschmieden unter Beteiligung des BND, ergo mit Billigung der Repräsentanten der deutschen Bevölkerung, in instabile Gebiete liefern, ist das eine Beteiligung an Kriegen zum Zweck der Sicherung des eigenen Status. Eigentlich ist es eine einfache Rechnung. Wie viele Waffen wurden in Deutschland produziert, welche Menge wurde davon an unkritische NATO Partner veräußert und was genau passierte mit dem Rest?

Wie viele chemische Substanzen wurden produziert, in welchen legalen Bereichen landeten wie viel, und wo ist der Rest gelandet? Irgendwann wurde schleichend der «Kalte Krieg» für beendet erklärt. Bitte? Wir sind mitten drin und dummerweise sind die beteiligten Parteien gefährlicher den je aufgestellt.

Ja, all das sieht ein 16 jähriger Schüler nicht. Da stimme ich Herrn Lindner vollkommen zu. Die stehen da auf der Straße und sagen: «Ist uns alles scheißegal, es muss eine Lösung geben, wir sind zu jung, macht was!»

Das Problem dabei ist, dass sie fordern, ein sehr wehrhaftes ausgeklügeltes System mit dem Namen Kapitalismus zu überwinden, in dem sie aufgrund des Alters zwar leben, aber nicht handlungsberechtigt sind. Schlimmer noch, sie sind bereits vollkommen inhaliert worden. Sie konsumieren bereits, sie sind längst registrierte Verwaltungseinheiten, werden auf funktionieren vorbereitet, selbst ihr Protest ist bereits zum Produkt geworden, an dem Geld verdient wird. Die Social Media verdienen, die Verlage verdienen, die Populisten verdienen, die privaten Fernsehsender verdienen … das ist nun einmal so im Kapitalismus und wurde von Karl Marx schon vor langer Zeit trefflich analysiert. Dies soll aber kein Hinderungsgrund für den Protest sein.

Die Stärke besteht nicht in dem, was man wirklich an Mitteln hat oder welche realen Möglichkeiten des Handelns existieren, sondern in dem, was der Gegner an Potenzial annimmt. Die Bewegung hat nur eine Chance. Ihr muss die Radikalität abgekauft werden.

Wenn zwei in einem Fahrzeug aufeinander zu rasen und ermitteln wollen, wer der Hasenfuß ist und ausweicht, gibt es ein probates Mittel zu gewinnen. Den Lenker aus dem Fenster halten. Schau mal … selbst wenn ich im letzten Augenblick ausweichen wollte, ich kann gar nicht! Wenn der andere überleben will, bleibt ihm nichts anderes übrig. (Spieletheorie Chicken Run – Game).

Freitags den Unterricht auf die Straße zu verlagern, ist ein netter Anfang. Wird aber sofort konterkariert mit: Die machen das nur, weil sie «schwänzen» wollen.

Die erste Auskunft, die darin steckt, ist: «Als ich zur Schule ging und mich auf ein angepasstes systemgerechtes Leben vorbereitete, hatte ich öfter keinen Bock, und machte blau. Protest war eher nicht mein Ding, weil für meine Karriere hinderlich.» Das sind auch Menschen, die die Anwesenheit in der Schule mit Lernen verwechseln. Ein systemimmanentes Denken. Anwesenheit bedeutet konformes, also ein gutes Verhalten. Die Zweite ist das Denken: Das sind Kinder/Jugendliche, die sind noch unmündig, weil sie noch nicht vom System vollständig im Sinne einer Anpassung geformt wurden. Eine radikale Ablehnung des Systems aus den vorstehenden Gründen kommt ihn nicht den Sinn. Das bedeutet: Die da so reden sind vollständig systemergebende Fürsprecher, welches einer Veränderung bedarf. Sie sind weder zu verändern, noch zu beeinflussen oder überzeugbar. Mit Ihnen sind Gespräche vollkommen überflüssig.

Es bleibt nur die Mobilisierung aller gesellschaftlichen Kräfte, die mit dem System unzufrieden sind und die Notwendigkeit einer Neuorganisation erkennen. Was ethisch u. moralisch zulässig ist und die damit i.V. stehenden Regeln werden immer von der gesellschaftlichen Gruppe bestimmt, die sich im Besitz der Machtmittel befindet. Deshalb ist es durchaus zulässig und vertretbar, wenn die jugendlichen Demonstranten überschaubares Regelwerk missachten. Schulbehörden die mit Geldbußen reagieren, kann man mit öffentlich wirksamer unterlassener Zahlung begegnen. Die Publicity würde ich mir nicht entgehen lassen. 

Die Gegner haben sich zu erkennen gegeben. Dazu gehören die großen Mediengruppen, angeführt vom SPRINGER Verlag (das war zu erwarten), Bertelsmann (auch zu erwarten), die Liberalen, die CDU/CSU, sämtliche im Hintergrund agierende beauftragten PR Strategen, und nachvollziehbar die Konzerne.

Etwas durchsichtig fand ich letztens den rührseligen Brief eines Investmentbankers, der unglücklicherweise von den Betreuern des Thunberg Accounts «geliked» wurde, der selbstverständlich im zweiten Teil seines Briefs auf die Notwendigkeit des Kapitalismus zur Lösung des Klimawandelproblems verwies. Aber immerhin wurde eine neue Strategie gezeigt.

Reumütigkeit antäuschen und das alte ursächliche «Have» – System als Lösung anbieten. Mich wundert dabei, dass die Liberalen da nicht aufgesprungen sind. Merkel war mal wieder schlau und hat es bereits getan.

Die Freitagsdemonstrationen dürfen nur ein Anfang bleiben. Dem Establishment muss mit radikalen Techniken das Potenzial der Bewegung in Aussicht gestellt werden. Das wird schwer. Den Schülern muss zur Seite gestanden werden. Wenn zum Beispiel Oberschlaue die rhetorische Keule herausholen und darauf verweisen, dass die Schüler ebenfalls konsumieren und Müll produzieren, muss sofort die volle Breitseite von etablierten «Willigen» kommen. Erstens haben wir «Älteren» dies zu verantworten, denn wir haben ihnen dieses System vor die Nase gesetzt, zweitens gibt es bekanntermaßen kein Recht im Unrecht. Wenn die Müll hinterlassen, hast Du Vogel noch lange nicht das Recht ungehindert weiter zu machen und drittens bedarf es immer einen Anfang und sei Dir sicher mein Freund, dies ist erst der Anfang. Du schaust nämlich ziemlich doof aus der Wäsche, wenn die den Konsum verweigern.

Notwendig wäre, das alle realistischen Radikalen, sich des positiv belegten Status der Schüler, anschließen, ihre unsinnigen ins Leere gelaufenen rhetorischen Grabenkämpfe aufgeben und einen realen am Menschen orientierten Dialog zu den noch untätigen, aber unzufriedenen Bürgern suchen. Dann ergäbe sich eine echte Chance. Ob sich das umsetzen lässt, wird die Zukunft zeigen.

Ideologisch bereits kaputte Typen, deren Vokabular und Rhetorik nur aus Gender, metoo, Rassismus, politischer Korrektheit, Feminismus pp. besteht, können getrost zu Hause bleiben. Sie sind Teil des Systems, ohne es zu wissen, in dem sie als Funktionäre agieren. Sie liefern nur die passenden Vorlagen für die PR Strategen, damit die mit dem Aufzeigen des Unsinns dieser vollkommen abgehoben argumentierenden selbsternannten Rettern der Moral – also das was die andere Seite auch macht, nur anders, das Bürgertum mobilisieren können.

Ich weiß jetzt schon, was ich nächsten Freitag mache …

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Februar 20 2019

Die Pflicht füreinander da zu sein …

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Bevor ich auf die Ursachen eines Verhalten, welches als Corps – Geist, bezeichnet wird, eingehe, möchte ich aus meiner Perspektive ein paar Sachen zum Thema Pflichten loswerden:

Seit ich darauf achte, fällt mir in Unterhaltungen ein stets wiederkehrendes Denkmuster auf. Meine Gesprächspartner gehen davon aus, dass ich etwas tun müsste, und meistens nicht deshalb, weil sie das so festgelegt haben, sondern weil man es tut. Die gute alte rhetorische Antwort: «Wer ist man? Und ich muss gar nichts, außer meine Notdurft verrichten.», betrachte ich als durchgehend bekannt.

Aber keiner hält sich daran. Offensichtlich werde ich ungefragt in ein komplexes Pflichtsystem eingebunden. Nach deren Auffassung gehört es zum Beispiel zu meinen Pflichten auf meine Gesundheit zu achten, Drogen zu meiden, nicht übermäßig Alkohol zu mir zu nehmen, auf andere einzugehen, mir einen Lebenspartner zu suchen, Freundschaften zu pflegen. Ich soll alles dafür tun, dass ich lange lebe, und darf diesem Leben nicht ungefragt ein Ende setzen. Mir wird gesagt, dass ich Ordnung zu halten habe und meinem Leben eine Struktur geben muss. Kaum begann ich mit dem Schreiben, hieß es, ich dürfte nicht belehren, ich müsste offen bleiben und den Menschen Gedankenanregungen geben. Diese Auflistung ist nicht abschließend. Beim längeren Nachdenken würden mir vermutlich noch einige mehr einfallen.

Die Sache mit der Pflichterfüllung, kenne noch von wo ganz anders her. Aus diesem Grund bin ich da ausgesprochen sensibel.

OK! Was hat es mit diesen Pflichten auf sich?

Pflichten können freiwillig übernommen werden, sie können aus moralischen oder ethischen Gründen erwachsen oder per Gesetz bestimmt werden. Ich habe mal bei WIKIPEDIA nachgelesen. Dort steht zum Thema Pflichten, die sich aus ethischer Sicht ergeben:

«Die philosophische Lehre von den Pflichten heißt Deontologie (von altgriechisch το δέον ‚das Erforderliche, die Pflicht‘ und λόγος ‚Lehre‘, also ,Pflichtenlehre‘), ein Begriff, der um 1930 durch den britischen Philosophen C. D. Broad näher definiert und der teleologischen Ethik gegenübergestellt wurde. Das Grundprinzip der Deontologie ist die Berufung auf die Motivation für eine Handlung. Es folgt die Prüfung, ob Motivation und Handlung mit einem Wertmaßstab, den jeder vernünftige Mensch einsehen kann, vereinbar sind oder nicht. Das Begründungsverfahren lässt nur die Attribute „gut“ oder „schlecht“ zu.»


Seite „Pflicht“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Januar 2019, 03:04 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Pflicht&oldid=184830043 (Abgerufen: 20. Februar 2019, 02:57 UTC)

Oha! Dachte ich beim Lesen spontan. Ich habe noch nie in meinem Leben einen durchgehend vernünftigen Menschen kennengelernt. Und was soll dieser Wertmaßstab sein?

Aber meine Gedanken schweiften noch weiter ab. Ich habe im Leben verschiedene Werte in unterschiedlichen Gruppen kennengelernt. Es stimmt, dass daraus Pflichten hervorgingen. Dazu gehörte zum Beispiel die absolute Offenheit und Ehrlichkeit innerhalb eines Einsatzteams. Gleichermaßen geziemte es sich nicht, dass Teammitglieder gegenseitig verpfeifen, und schon gar nicht nach «oben» gehen, bevor sie nicht untereinander gesprochen haben. Andere Pflichten ergaben sich aus der Notwendigkeit, mit Fehlern umzugehen. Sie kommen bei jedem vor. Wichtig ist, sie einzugestehen, damit er nicht wiederholt werden muss und Fehlerquellen künftig wenigstens minimiert werden können. Das kann nur funktionieren, wenn einem Menschen die Option gegeben wird, aus der Situation wieder heraus zu kommen.

Zeitweilig arbeitete ich einem Bereich, in dem es die Regel gab: Fehler passieren, sie kosten Dich eine Runde für alle und nachdem Du bezahlt hast, darf darüber nicht mehr gesprochen werden. Wenn einer bei einem Fehler übelste Repressalien, Verlust der Arbeit, oder die Vernichtung seines Ansehens zu befürchten hat, wird er nicht auf die Idee kommen, den Fehler einzugestehen.

Es bedarf also einer Fehlerkultur, die die Unvernunft und die Fehlbarkeit des Menschen berücksichtigt, die daraus resultierenden Fehler als menschlich erachtet, und damit ein Eingeständnis ermöglicht. Jeder, der in diesem Team arbeitet, muss sich zwingend dieser Kultur gegenüber verpflichtet sehen, sonst funktioniert sie nicht.

Zum Thema gehört auch Kritik an einem Verhalten. Zum Beispiel setzen sich Mitglieder eines Teams zusammen und bewerten rückblickend ihre Arbeit. Ist ein gewünschtes angestrebtes Ziel nicht erreicht worden, muss herausgefunden werden, wie es dazu kam. Meistens wurde eine Entscheidung getroffen, die sich im nach hinein, als ineffektiv oder nicht zielführend erwies. In der Regel wird dies kurz unter Fehler einsortiert.

Wird offen darüber gesprochen, kann ermittelt werden, ob der Entscheidungsprozess optimiert werden kann oder Maßnahmen notwendig sind. Dabei gilt die Grundregel: Eine Entscheidung muss immer nach dem Wissensstand vor und nicht danach bewertet werden.

Bei diesen Gesprächen muss darauf geachtet werden, dass die Kritik positiv und nicht mit ausgestreckten Zeigefinger geübt wird.

«Ich fand gut, wie sehr Du Dich engagiert hast. Hast Du einen Vorschlag, wie wir ein wenig den Druck herausnehmen können, damit Du nicht mehr in der Not bist, überschnell handeln zu müssen?»

So arbeiten Profis, die sich an Zielen orientieren. Sie wissen auch, dass Vergangenes unabänderlich ist und nur noch für eine Auswertung taugt.

Um all dies leisten zu können, muss untereinander Vertrauen bestehen. Jedes einzelne Teammitglied muss sich darauf verlassen können, dass gemeinsam akzeptierte Ziele existieren, jeder an einer Umsetzung interessiert ist und sich im Rahmen seiner Möglichkeit dafür einsetzt bzw. bereit ist, dafür Leistungen zu erbringen.
Bei Teams, die sich in Bereichen bewegen, in denen die Teammitglieder bei ihren Aufgaben in Lebensgefahr geraten können, besteht ein besonderes Vertrauensbedürfnis. Im Idealfall weiß ich bei meinen Teampartnern von ihrem privaten Gemütszustand, ihren Problemen, ihren Bedürfnissen, Krankheiten u.s.w. Arbeitnehmern aus anderen Arbeitsbereichen erscheint dies oftmals befremdlich, da ihnen dies zu weit in das Privatleben hineinreicht. Aus diesem Vertrauen bildet sich etwas, was allgemein Kameradschaft genannt wird.

Innerhalb dieser werden auch die zum Teil traumatischen Erlebnisse miteinander verarbeitet. Mal besser, mal schlechter. Jedes Team entwickelt dabei interne Strategien.

In seinen Grundanlagen hat der Mensch ein internes uraltes Gefahrenprogramm. Erkennt er eine Lebensgefahr, rennt er entweder weg oder versteckt sich vor dem Angreifer. Eine weitere Option ist das sich Totstellen. Fällt der Angreifer nicht darauf rein und der Atem des angreifenden Raubtieres ist riechbar, geht er entweder zum Angriff über oder sucht nach Fluchtoptionen.

Keine dieser Verhaltensweisen ist bei Soldaten, Feuerwehrleuten oder Polizisten wünschenswert. Von ihnen wird die genau entgegengesetzte Verhaltensweise erwartet. Das verändert die Persönlichkeit nachhaltig.

Kommt es dann noch zu einer realen unmittelbaren Lebensgefährdung für sich selbst oder einen anderen, wird es besonders arg. Hinzu kommen Situationen, in denen diesen Berufsgruppen über Jahrzehnte die Endlichkeit des Menschen, nämlich von einer Sekunde zur nächsten an einem unerwarteten Zeitpunkt und Ort, vor Augen geführt wird.

Folgen, sind eine von der gesellschaftlichen Norm abweichende Lebensweise, die Versetzung innerer Grenzverläufe, eine erhöhte Risikobereitschaft und Stresserkrankungen mit Grenzverläufen ist die Beurteilung von belastenden Situationen gemeint. Was für einen mit solchen Situationen nicht konfrontierten Menschen bereits als eine emotional belastende Situation eingestuft wird, erfährt bei diesen Berufsgruppen eine vollkommen andere Bewertung. Es muss sehr viel passieren, bis die sagen: «Stopp, das ist zuviel!» Parallel werden Ereignisse mittels Sprache, Banalisierung, Verniedlichung, Sarkasmus heruntergestuft.
«Schweine erkennen sich am Gang.» Einsatzbeamte, Soldaten und Feuerwehrleute erkennen sich schnell am Habitus und finden zusammen. Auch das entspricht dem menschlichen Verhalten. Gegenüber Menschen, die mit alledem nichts anfangen können, eher befremdet reagieren, wird ein gegenseitiger Schutz aufgebaut.

Im zurückliegenden Fall des Unfallfahrers Peter G. wurde sein Dank an die Solidarität kritisiert. Ich fragte mich, wie unmenschlich die Zeiten geworden sind. Niemand hat sich in die Lage versetzt. Du sitzt zu Hause und bist am Tod eines Menschen beteiligt gewesen. Allein … verdammt alleine. Und dann meldet sich vielleicht einer bei Dir: „Alter mach keinen Quatsch! Wir stehen zu Dir. Keiner von uns weiß, dass ihm das nicht auch passieren könnte!“ Aber warum sollte jemand darüber nachdenken? Er ist ja nur ein abgefuckter Cop. Das dieses Denken verbreitet ist, weiß jeder in diesem Job. Auch dafür ist das Auffangnetz da.

Niemand hat Dir jemals beigebracht, wie Du damit umgehen sollst. Also gehst Du erstmal den Weg nach vorn. Über dreißig Jahre lang hast Du den Kopf hingehalten und eine Millisekunde mit furchtbaren Folgen macht alles kaputt. Es muss einen Sinn gehabt haben – aber wen außerhalb des Teams interessiert das schon?

Leute, die in ihrem Leben immer alles auf die sichere Karte gesetzt haben, mit Sicherheit nicht. Die haben maximal Dünnpfiff, weil Wähler abhanden kommen könnten.

Nicht zwingend traumatisch, aber ein auf die Persönlichkeit einwirkender Faktor ist der tägliche Umgang mit Menschen in besonderen Lebenslagen.

Mensch trifft auf Mensch. Kriminalbeamte und Schutzpolizisten erleben für den Unbedarften unglaubliche und schwer vorstellbare Verhaltensweisen.

Sei es, dass Eingesperrte durchdrehen und mit Fäkalien um sich werfen, Straftäter sich mit dem Vortäuschen eines epileptischen Anfalls einer Festnahme entziehen wollen, sich an die Geschlechtsteile fassen und plötzlich die Hand ins Gesicht eines Beamten halten, mittels Schreien und Selbstverletzung eine Misshandlung vortäuschen, widerlichste Straftaten ausgehend von einem anderen behaupten, um sich zu rächen, sich selbst anzünden, Rasierklingen verschlucken, mit Drogen gefüllte Kondome im Körper transportieren, Glasscherben und Cuttermesser Klingen in die Haare einflechten, oder aufgrund einer eigenen vorhergehenden Traumatisierung dissoziieren. Das ist nur kleine Auswahl an Erlebnissen aus meiner eigenen Biografie.

Ich kann verstehen, dass der gängig sozialisierte Mensch bei den Bildern, die heutzutage mit Smartphones aufgenommen werden, zu anderen Ergebnissen kommt, als tatsächlich stattgefunden haben. Doch vieles ist nicht so, wie es scheint und überrascht einen.

Zum Beispiel würde ich auch gern jeder Frau die Schilderung einer Vergewaltigung abnehmen, jede angezeigte Kindesmisshandlung durch einen Vater mit Emotionen begleiten, doch das ist mir nicht mehr möglich. Gleichfalls habe ich gelernt, das Video – Ausschnitte, die die Vorgeschichte nicht zeigen, im höchsten Maße manipulativ sind und zu diesem Zwecke gern eingesetzt werden. Glauben sie mir, man macht sich mit dieser skeptischen Haltung keine Freunde. Menschen wollen nämlich das glauben und sehen, was in ihre Vorstellungswelt passt, da sind Zweifler lästige Zeitgenossen. Sich nicht halbwegs auf das «Normale» verlassen zu können erzeugt zusätzlichen Stress.

Die Schilderungen zu glauben, ist ebenfalls eine sinnvolle Eigenschaft unseres Gehirns. Menschen sind im sozialen Gefüge auf ein gewisses Maß an Vertrauen angewiesen. Es bedarf einiger Arbeit an sich selbst, wenn dieses Vertrauen nicht mehr da ist.

Stress ist ein im Verhalten des Menschen, evolutionärer Zustand, der ursprünglich für Gefahrensituationen entwickelt wurde.

Die kürzeste Formel lautet: Stress macht doof! Das Großhirn verabschiedet sich und das «Zentrale Nervensystem» übernimmt zusammen mit dem Reptiliengehirn (Amygdala) die Kontrolle. Da hilft das beste Training nicht. Die Handlungsabläufe werden so schnell, dass das Großhirn nicht mehr zum Zuge kommt. Das Ergebnis sind Handlungen, die sich keiner erklären kann. Um so geringer die Pausen zwischen den stresserzeugenden Ereignissen sind, desto eingeschränkter wird das Denkvermögen des Betroffenen – die Wahrscheinlichkeit von Fehlleistungen steigt an.

Angehörige dieser Berufsgruppen wissen dies alles und gestehen sich gegenseitig in einem von ihnen selbst zu vertretenden Maße fehlerhafte Reaktionen zu. Ihnen ist bewusst, dass dies alles Teil des Berufs ist. Wer sich dem Beruf und seiner Bedeutung verpflichtet fühlt, muss diese Dinge zwingend in Kauf nehmen.

In unserer Gesellschaft haben wir keine Fehlerkultur, an die sich alle Mitglieder halten. Die Menschlichkeit wird negiert. Fehler, die zur Schädigung oder Tod eines Menschen führen, dürfen dem allgemeinen Tenor nach nicht passieren. Da ist es nicht verwunderlich, dass wenige sich in der Lage fühlen, Fehler einzuräumen. Gerade in den letzten Tagen haben wir dies in Berlin wieder erlebt. Auch eine Realität, die hingenommen werden muss. Verwunderlich ist es aber auch nicht, dass Menschen in diesem Beruf versuchen, sich vor dieser Ignoranz zu schützen.

Oftmals muss es nicht einmal ein gravierender Schaden an der Unversehrtheit sein, es reicht ein fehlerhaftes Verhalten in der Biografie und die öffentliche Ächtung erfolgt lebenslang. Aber gut, auch dies hat menschliche Züge. In Kenntnis dessen, haben sich die Religionen die Option einer Vergebung durch einen Gott ausgedacht. Wenn schon der doofe Mensch nicht dazu in der Lage ist, gibt es wenigstens posthum eine Vergebung. Manch einen beruhigt das.

Der Pöbel denkt nicht, vergibt und verzeiht nicht.

Oftmals muss es nicht einmal ein gravierender Schaden an der Unversehrtheit sein, es reicht ein fehlerhaftes Verhalten in der Biografie und die öffentliche Ächtung erfolgt lebenslang. Aber gut, auch dies hat menschliche Züge. In Kenntnis dessen, haben sich die Religionen die Option einer Vergebung durch einen Gott ausgedacht. Wenn schon der doofe Mensch nicht dazu in der Lage ist, gibt es wenigstens posthum eine Vergebung. Manch einen beruhigt das. Der Pöbel denkt nicht, vergibt und verzeiht nicht.

Das Abarbeiten an einer Institution, die in die Rechte der Menschen eingreift, was grundsätzlich niemand mag, ist ein Phänomen in einer Massengesellschaft und erfüllt eine Funktion. Die Polizei soll ein Idealbild erfüllen. Pflichterfüllung, Gesetzestreue, Professionalität, Charakterstärke, Verfassungstreue heißen die geforderten Eigenschaften. Denn so sieht der Deutsche Staat und Teile der Bevölkerung sich selbst gern. Man fühlt sich gleich besser, wenn die diesem Idealbild, welches man selbst meistens nicht einmal ansatzweise erfüllt, dem ebenfalls nicht gerecht werden. Andere Bevölkerungsgruppen finden diese Forderungen eher ablehnungswürdig und haben jeden Tag einen Kragen, weil das von ihnen staatlicherseits gefordert wird. Wie gut, wenn die Vertreter des Staats selbst beweisen, dass das nicht funktioniert. Dann sollen die gefälligst auch richtig auf den Sack bekommen.


Mit ihrem Handlungsauftrag gerät die Polizei quasi täglich zwischen die Fronten. Ist es verwunderlich, wenn sich ihre Mitglieder einkapseln und sich gegenseitig bei stehen, selbst wenn das auch mal schwierig werden kann. Ich weiß aus Gesprächen mit älteren gereiften Mitgliedern der autonomen Szene, dass die durchaus ein Verständnis für die Lebenssituation und Reaktionen der einzelnen Polizisten haben, denn gegen den Einzelnen geht es nicht. Es geht um das, was er symbolisiert und da kann auf den Einzelnen taktisch gesehen keine Rücksicht genommen werden. Beim seelisch verkrüppelten Bürger, der Opfer der gesellschaftlichen Fehlentwicklungen geworden ist, sieht es ein wenig anders aus. Über menschliches Verhalten denkt der nicht mehr nach. Der denkt ausschließlich innerhalb der Kategorien, die ihm in den Kopf gesetzt wurden.

Nahezu alle Artikel, die ich in den letzten Tagen zu polizeilichen Themen gelesen habe, bestanden aus Stereotypen, oberflächlicher Betrachtung, Bedienen der niederen Instinkte der Leserschaft, links, rechts und bürgerlich. Tendenziell erfolgt keine Analyse nach alter Art: These, Antithese, Synthese. Einerseits finde ich es richtig staatliches Handeln kritisch zu beäugen, andererseits erwarte ich eine Aufbereitung und Ausleuchtung aller Ecken.
Jeder der sich zum Thema äußerte, fand sich manipulativ passend zum bedienenden Leserkreis verkürzt wieder.

Sogar aus den eigenen Reihen der Polizei bzw. Innensenat erfolgt eine simple Bedienung der zukünftigen Wähler. Zum Beispiel wäre im Fall des derzeit in der Öffentlichkeit stehenden Peter G. eine Erwähnung seiner menschlich fürchterlichen Situation einer Fürsorgepflicht seitens des Dienstherren hilfreich gewesen. Auch die Wortwahl, die man von Leuten in dieser Position erwarten könnte, empfand ich persönlich seltsam. Natürlich kann man mit juristisch belegten Begriffen arbeiten. Doch niemand muss es tun.

Er hätte alternativ auch sagen können:

«Uns wurden Informationen übergeben, die derzeit geprüft werden. Ob sich daraus notwendig eine neue Betrachtung des Sachverhalts ergibt, wird eine eingehende Untersuchung ergeben. Bis wir näheres wissen, insbesondere bezüglich der Qualität der Informationen, gilt für uns die jedem in unserem Staat zustehende Unschuldsvermutung, der wir uns besonders aus unserer Fürsorgepflicht heraus, verpflichtet fühlen.»

Wer von «Corpsgeist» bei der Polizei spricht und diesen annimmt, kann sich im Falle eines echten Interesses nicht auf beschimpfen beschränken, sondern muss auch auf Spurensuche gehen und nach Faktoren für dieses vollkommen normale menschliche Verhalten suchen. Dann kann ein Verständnis entstehen und ein Gegenwirken versucht werden. Bisher war alles verstärkend.

Polizeipräsidenten/innen, Innensenatoren/innen kommen und gehen.
Die Polizisten/innen bleiben und machen sich ihren eigenen Reim darauf. Bereits bei AMRI kam mir die Idee einen Catering Service für Untersuchungsausschüsse aufzumachen, weil die stark in Mode kommen. Faszinierend, dass die Experten – ist das eigentlich ein geschützter Begriff – mehr Ahnung haben, als die versierten Ermittler bei der Polizei.Aber allgemein wird der Polizei diesbezüglich misstraut. Ich kenne einige Bürger, die trauen der Politik auch nicht über den Weg. Warum hat noch niemand in Erwägung gezogenen, einen Bürger – Ausschuss zu bilden, der die Arbeit des Untersuchungsausschusses untersucht? Ich meine das nicht einmal polemisch. Könnte interessant werden, wenn alle größeren OK – Verfahren demnächst von Untersuchungsausschüssen begleitet werden.


Jeder, der die Seite der Polizei beleuchtet, wird neuerdings sofort mit dem Vorwurf belegt, reflexartig die Polizei zu verteidigen bzw. ihr – wie es der 1. Vorsitzende der GRÜNEN Oliver von Dobrolowski formuliert – Unfehlbarkeit unterstellt. Gerade davon bin ich sehr weit entfernt. Selbstverständlich passieren Fehlleistungen. Diese sind abzugrenzen von klaren kriminellen Handlungen, deren Vorhandensein ebenfalls nicht bestreitbar sind. Je nach Schwere, kommt es hier sogar zu internen zusätzlichen Sanktionen.

Ich verwende mich gegen kollektive Beschuldigungen, Vorverurteilungen, gesellschaftliche Entmenschlichung ganzer Gruppen, egal aus wem sie sich zusammensetzen, den Verkauf der menschlichen Würde für Auflagenzahlen und die sich ausbreitende Abkehr vom Individuum und seiner Eigenschaft ein Mensch zu sein. Das passiert mit ausländischen Straftätern, völlig unbescholtenen Menschen, Polizisten und Politikern.

Ich lasse auch nicht die Opfer außer acht. Ohne eigenes Zutun wird mancher Opfer von Prozessen, die er selbst nicht zu verantworten hat. Doch ich weise darauf hin, dass das jederzeit auf uns alle zutrifft. Wir wollen es nur nicht wahr haben.

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Februar 18 2019

Brief eines Linksversifften …

Reading Time: 7 minutes

«Denn das ist Konservatismus: Das Nachdenken über die Erfahrung und die theoretische Ausformulierung des Empfindens, Macht zu haben, sie bedroht zu sehen und zu versuchen, sie zurückzugewinnen.»


Aus einem Essay des amerikanischen Politikwissenschaftlers Corey Robin Quelle: Spiegel, 14.1.2018

Sehr geehrte Damen und Herren von der konservativen Fraktion in Deutschland,

ich hoffe zunächst einmal, die richtige Anrede gewählt zu haben. Bewusst habe ich auf «Hallo», «Hi» oder Ähnliches verzichtet, damit sie sich nicht sofort brüskiert fühlen. Wahrscheinlich haben sie sich entweder in einer Partei, wie der CDU/CSU, der AfD oder vielleicht in der FDP organisiert, einige von Ihnen sind eventuell Mitglied in einer Burschenschaft. Manche mögen auch nur ein Kreuz an passender Stelle auf dem Wahlzettel hinterlassen.

Ich wende mich an Sie, weil ich vieles nicht verstehe, logisch nicht nachvollziehen kann oder schlicht zu simpel in meinem Denken bin. Sie fragen sich zu Recht, wer ich bin. Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht genau. Ich besitze die deutsche Staatsbürgerschaft, war verheiratet, habe einen Eid auf das Grundgesetz abgelegt, bin Vater von zwei Töchtern, war 33 Jahre im Staatsdienst und habe eine ganze Menge Steuern in meinem Leben bezahlt. Ich habe in den Achtzigern ein Abitur absolviert, studiert und einen akademischen Titel.

Die Geschichte meiner Familie ist meiner Meinung nach typisch deutsch. Meine Vorfahren kamen einst aus Osteuropa und landeten irgendwann in Berlin. Teile meiner Verwandtschaft, waren in der KPD, im engeren Umfeld betrachtete sich meine Familie immer sozialistisch. Durch meine Heirat erweiterte ich das Spektrum ein wenig. Da gab es dann auch ehemalige Mitglieder vom Bund Deutscher Mädel, Absolventen der Elite – Schule NaPoLa und diverse Konservative. Ich gebe zu, dass ich darüber nicht sonderlich glücklich war.

Mir wurde vermittelt, dass die alten Kommunisten in den Zwanziger Jahren im Wesentlichen gegen die nicht zu bestreitende Ausbeutung der Arbeiter waren und sich auch nicht in einer auf Krieg ausgerichteten Industrie verheizen lassen wollten. Im Gegensatz dazu fand das profitierende konservative Bürgertum, dies trotz eines christlichen Anspruchs vollkommen in Ordnung.

Ihre Vordenker konstruierten irgendwann einmal den sogenannten völkischen Anspruch. Entgegen dem uns bekannten Geschichtsverlauf wurde aus vielen unterschiedlichen Stämmen und zig Einwanderern aus allen Teil Mitteleuropas ein Deutsches Volk. Dem «Deutschen» wurden Wunschvorstellungen zugeordnet. Aus dem Menschen, der in einer Region lebt, wurde per Definition der «Deutsche».
Plötzlich sollten alle Menschen dieser Region einem künstlich gebildeten Ideal entsprechen. Das erscheint mir unlogisch und ziemlich willkürlich.

Anhänger ihrer Position berufen sich auf aus herausragende Leistungen dieses konstruierten «Deutschen». Wenn ich mir so die Menschheitsgeschichte ansehe, fällt mir zu herausragend die Bändigung des Feuers, die Erfindung des Rades, die Einführung von Zahlen, die griechischen Philosophen, das römische Staatssystem, die französische Revolution, die Entdeckung der Elektrizität und die Erfindung der Dampfmaschine ein.
Ich lasse mich gern von Ihnen korrigieren, aber nichts von alledem geht ursächlich auf einen «Deutschen» zurück. Woraus leiten Sie ihre Aussage ab? In diesem Zusammenhang verweisen sie auch gern auf die deutschen Denker. OK, in erster Linie ist ein Denker ein intelligenter Mensch. Unsere Wissenschaftler haben zuverlässig nachgewiesen, dass das wenig mit der Herkunft zu tun hat. Wenn überhaupt, dann etwas mit dem System und den Möglichkeiten, die einem Menschen geboten werden. Wie erklären Sie sich, dass nahezu alle dieser benannten großen «Denker» den Konservativen enttäuscht den Rücken zu wandten und sich schon zur Kaiser – Zeit in andere Regionen absetzten?
Später wurde es nicht besser. Mehrheitlich lehnten diese Denker Ihre Vorstellungen ab. Ich erinnere sie an Nietzsche, der sich in jungen Jahren enttäuscht von Wagner abwandte. Erst seine ungeliebte Schwester verfasste dann ein eigenes Pamphlet, welches sie Ihnen zu Liebe verfasste.
Konkret könnte ich anführen, dass nach Preußen entweder die Intelligenz abgebaut wurde. Hauptsächlich konzentrierten Sie sich auf die Wissenschaften, welche industriell ausgenutzt werden konnten. Geisteswissenschaften waren zu allen Zeiten verpönt, da sie im Wettstreit mit anderen Ländern nicht erkennbar benutzbar waren. Ist das Ihre Vorstellung von Intelligenz? Alles muss kommerziell in einem Wettstreit einen Sinn ergeben?

Was genau haben Sie eigentlich gegen Individuen und individuelles Verhalten? Bereitet Ihnen die Unkontrollierbarkeit Sorge? Ist es das? Wie weit reicht Ihr Sicherheitsbedürfnis? Diese entflohenen Denker sprachen viel darüber, dass mit der Geburt das Risiko zu sterben um 100 % steigt. Das Leben birgt Risiken, und mit aller Mühe werden Sie das nicht ändern. Wenn Sie sich nicht selbst einsperren wollen, kommen sie daran nicht vorbei. Und immer wenn Sie etwas gebannt haben, werden sie eine neue Bedrohung entdecken.

Sehen Sie das anders? Haben Sie in Erwägung gezogen, dass das auch sehr individuell sein kann? Neige ich dazu, ängstlich zu sein, kann ich auch eine Menge für die Absicherung alleine machen bzw. Orte meiden.

Was gefällt Ihnen nicht daran, einfach nur ein Mensch zu sein? Warum benötigen Sie eine Überhebung in dem Sie sich das deutsche Idealbild erschaffen. Es ist doch grundsätzlich angenehm, der den Planeten dominierenden Spezies anzugehören. Können Sie mir die Gründe für das Bedürfnis nach einem fixierten vorhandenen Unter – Ober – Hierarchiesystem erläutern? Oder ist das bei Ihnen einfach so? Der Instinkt kann es eigentlich nicht sein. Primaten organisieren sich an einer der Situation angepassten Struktur. Sie bilden Verbände, die sich in Gruppen situativ unterteilen und unbeständige Hierarchien aufbauen.

Worin besteht die Problematik im Umgang mit Frauen? Welche Probleme haben ihre weiblichen Vertreter? Wenn sie geschlechtsbezogenes Unterwerfungs – oder Dominanzverhalten bevorzugen, steht es Ihnen doch frei sich der BDSM Szene anzuschließen. Aber das müssen doch nicht gleich alle mitmachen.

Ich meine, wenn Eure Dorothee Bär auf «Submissive» steht, kann Sie das doch machen. Genug passende Burschen werden sich beim RCDS finden. Oder wenn Markus Söder mehr den «Dom» spielen will, kann auch niemand etwas dagegen haben. Aber bitte alles privat und nicht andere dazu verpflichten.

Was ich auch nicht verstehe, ist Ihre Sprache. Ich habe Sie zeitlebens als die «Schwarzen» oder die Konservativen bezeichnet. Warum sind Sie so unfreundlich mich als linksversifft zu titulieren? Ja nun, sie legen vermutlich beim Sexualakt ein Handtuch auf die Couch. Ich bin hingegen ein wenig unordentlich. Aber deshalb gleich versifft benutzen?

Ich kann doch nichts dafür, dass Sie, wie bei Jan Fleischauer zu sehen und zu hören, ein Problem mit dem Ablösungsprozess von den Eltern haben. Irgendwie haben wir das doch alle, aber man muss deshalb nicht gleich als trotziger Junge stellvertretend alle «Links» vermuteten Personen beschimpfen. Ich weiß auch nicht so recht, warum sie immer von der Generation der 68er sprechen. Wenn, dann müsste man von einer Bewegung und ihrer Anhänger sprechen. Es müsste doch in ihrem Sinne gewesen sein, dass die damals gegen übriggebliebenen Fragmente vom Nationalsozialismus rebellierten.

Der ist teilweise mit Ihrer Tradition verbunden, kann Ihnen aber nicht allen zum Vorwurf gemacht werden. Oder fanden Sie das unangebracht? Und was ich so gehört habe, war der Sex in den 50ern nicht der tollste, spätestens an der Stelle sollte man den 68ern Dankbarkeit zollen. Die Musik war auch nicht schlecht. Was ich vom «Rechtsrock» nicht gerade behaupten kann. Der ist ziemlich anstrengend. Speed – Metal gespielt und gesungen von zugedröhnten tibetanischen Yak. Volksmusik können Sie gern weiter hören. Ich weise Sie nur darauf hin, dass Kinderlieder und Volkslieder musikalisch nah beieinander liegen und Sie sie deshalb mögen.

Was finden Sie an Militär so geil? Die Kameradschaft? Es gibt von hart bis soft alle möglichen Sportvereine. Gehen sie doch da hin. Geht es Ihnen wirklich um die Vaterlandsliebe? Wissen Sie, ich bin als gelernter West – Berliner Veralberungen gewöhnt. Mir wurden als ziviler Polizist, lauter Sachen beigebracht damit ich zusammen mit einer hand voll alliierter Soldaten die Russen stoppe.Militärischer Schwachsinn. Die wären um dieses geringe Ärgernis einfach herum gelaufen. Mit Deutschland sieht es nicht anders aus. Vor dem Rhein ist heutzutage im Falle einer konventionellen Kriegsführung kein Frontverlauf zu erwarten.
Finden Sie schießen und schweres Gerät fahren toll? Machen Sie doch einen Baggerschein oder melden Sie sich im Schützenverein an. Mögen Sie Männern zuschauen, die aufeinander losgehen. Kaufen Sie sich eine Karte für eine MMA Veranstaltung oder ein Rugby – Spiel. Das lässt sich doch auch ohne Kriegsspiele regeln. Die Sache mit den großen Waffenarsenalen und Armeen geht doch immer irgendwann schief. Wissen Sie, ich habe viel Zeit mit solchen Leuten verbracht. Ich kann Imponiergehabe, Identitätsfindung und den ganzen Kram nachvollziehen, aber irgendwann ist doch jeder aus dem Alter heraus, oder? Oder?

Ein Letztes, was ich nicht verstehe, ist die Tatsache, dass sie an diesem Kapitalismus so vehement festhalten. Wie angesprochen wurde ich im alten West – Berlin groß. Da war es normal, dass ich mich in der Schule mit der Sowjetunion, dem Ost – Block und der DDR beschäftigte. Von Kommunismus war bei uns selten die Rede. Meistens wurde vom Stalinismus, dem sogenannten real existierenden Sozialismus, dem Maoismus und den Trotzkisten gesprochen. Kommunismus wurde uns unter philosophischer Betrachtung näher gebracht. Das ist nebenbei die Frankfurter Schule. Karl Marx als Philosophen zu sehen, der sich noch zu Lebzeiten fragte, was eigentlich ein Marxist sein soll. Ihre Vertreter sprechen gern vom Liberalismus bzw. dem Neoliberalismus. Die Worte suggerieren Freiheit. Hauptsächlich läuft es auf eine Freiheit für die hinaus, die etwas haben. Die anderen schauen in die leere Röhre. Die Wirtschaft, einer abstrakten Definition, setzen Sie mit einem lebenden Organismus gleich. Gut, warum nicht? Die Idee und Herangehensweise klingt ja erstmal interessant. Gier reguliert sich gegenseitig und organisiert sich. Aber zwei wesentliche Dinge wurden damals, wie wir heute wissen, übersehen. Erstens der Mensch und zweitens ein eintretender Mangel an Ressourcen. Immer wenn ein Mangel herrscht, kommt es zu einem Verteilungsproblem. Genau das haben wir. Sie bieten als Lösung an: Mit ein paar anderen zusammen klauben wir alles auf, was wir finden können und verwenden wir für uns. Meinen Sie, die anderen lassen sich das auf Dauer gefallen?

Innerhalb von Deutschland gehen Sie davon aus, wenn ich einzelnen genug Überfluss gebe, fließt auch ausreichend Rest für die Armen heraus. Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Irgendwie hat das bei den Päpsten und im Absolutismus auch nicht funktioniert. Die benannten Stalinisten, Trotzkisten, DDR Sozialisten, Maoisten, sind auch daran gescheitert, dass sich immer ein Trottel über die anderen erheben will, also am Menschen. Da wäre es doch mal an der Zeit über alle geschaffenen Grenzen hinweg darüber zu sprechen. Also über Veränderungen und nicht wie man das System verzweifelt aufrecht erhalten kann.

Sie stehen nicht auf Geisteswissenschaftler und innovative Künstler. Alles was abweicht, ist Ihnen suspekt. Das kann ich aus Ihrer Perspektive ein wenig verstehen, aber was haben sie gegen Naturwissenschaftler? Wissen Sie, die haben eine bestimmte Art zu denken.

Ob das, was bei den Forschungen heraus kommt, wirtschaftlich ist, sich in Geld umwandeln lässt oder man damit etwas kaputt machen kann, ist denen nicht wichtig. Die sind einfach nur neugierig. Wenn jemand nur noch für Geld forscht, verliert er seinen Anspruch Naturwissenschaftler zu sein. Diese Wissenschaftler sagen Ihnen nun schon geraume Zeit: Das haben wir heraus gefunden! Was sie daraus machen ist nicht unsere Aufgabe. Dummerweise passen die Aussagen auf den ersten Blick überhaupt nicht in den Plan «Big Money». Aber dürfen sie deshalb ignoriert werden? Was ist Ihr Plan bzw. Ihr Problem? Sie brechen sich doch keinen Zacken aus der Krone, wenn Sie auf Vernunft umschalten.

Manchmal frage ich mich, ob Sie nicht längst selbst von dem Monster eingesperrt wurden, welches Sie selbst geschaffen haben. Ich habe Sie auf einer philosophischen Ebene und nicht als Kapitalist angesprochen. Die «Größen» des Kapitalismus haben doch längst unsere Geschicke übernommen. Der Mensch und seine Bedürfnisse sind doch längst zu einem bewertbaren Wirtschaftsgut geworden. Das betrifft Sie, wie auch mich. Alles, unsere Zeugung, unsere Entwicklung im Mutterleib, der erste Schrei, Emotionen, Bedürfnisse, Krankheiten, Alter und der Tod ist Business. Selbst wenn wir uns gegenseitig Töten, ist es ein millionenschweres Geschäft.

Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wir setzen gedanklich nochmals neu an und ziehen mal alle unsere «Denker», «Naturwissenschaftler» unter Ausschluss der «Verdiener» heran und hören denen mal aufmerksam zu und bewerten die Lage. Damit gäben wir der Vernunft eine Chance. Die Ergebnisse werten wir aus und stellen dann einen Forderungskatalog an die Großverdiener des bisherigen Systems. Wer von denen nicht mitmacht, bekommt den Hintern versohlt … so klassisch konservativ.

In tiefer dauerhafter Verbundenheit, denn es würde Sie nicht ohne mich und anders herum, mich nicht ohne Sie geben.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr „Linksversiffter“

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Februar 16 2019

Ein hässliches Unkraut und der Boulevard

Reading Time: 5 minutes

Die BILD Zeitung gehört zu den Blättern mit der größten Reichweite. Ein Teil des Konzepts der BILD ist es die einfach gestrickten Regionen des Gehirns zu bedienen. Das finde ich grundsätzlich in Ordnung. So sind die Menschen nun einmal, sie wollen unterhalten werden. Das ist das Konzept und ob man dazu beitragen will oder nicht, ist persönliche Geschmackssache. Die BILD ist aber zu einer Institution geworden. Der Erschaffer Axel Cäsar Springer wollte das auch so und hat sein Ziel erreicht. Ein Einfluss auf die öffentliche Diskussion ist nicht zu bestreiten. Auf den Begriff Meinung verzichte an dieser Stelle.

Unsere Zeit ist geprägt von bezahlten PR Strategen, die mittels gezielter und ausgeklügelten Kampagnen, das Geschehen und Denken in der Bevölkerung beeinflussen. Ein Mittel der Wahl ist die Findung markiger Begriffe oder Euphemismen. In den letzten Tagen nahm ich den Begriff «Suff – Cop» auf, aber in der öffentlichen Debatte schwirren deutlich mehr herum. Deutschland kommt mir in den zurückliegenden Jahren vor wie ein Schnellkochtopf mit dem ein paar Leute herum experimentieren. Irgendwie muss man das Ding doch zum explodieren bekommen lassen. Auch wenn die aktuellen Unternehmungen der BILD nicht neu sein, dieses Spiel begleitet sie seit Jahrzehnten. Ältere erinnern sich noch, dass dem SPRINGER Verlag einst das Attentat auf Rudi Dutschke zur Last gelegt wurde und es hieraufhin zu Straßenschlachten kam. Diverse andere Geschichten folgten und wurden sogar mal Gegenstand eines Bestsellers von Günter Wallraf.

Es scheint eine Frage zu sein, für welche Folgen meines Handelns ich mich verantwortlich fühle und welche ich von mir weisen kann. Die Geschichte vom Streichholz und dem Brandstifter. Bin ich verantwortlich für den Hausbrand, weil ich die Streichhölzer dafür lieferte? Journalisten, die bei Boulevard Blättern arbeiten scheint dies in weiten Bereichen vollkommen egal zu sein. Es geht nicht darum, eine Story zu bringen! Es ist eine Frage des «Wie», des «Warum», in welchen Rahmen, und der Benutzung der Wörter. Ich kann neutral und ruhig berichten oder aufpeitschend. Ein Problem der Zielrichtung und am Ende eventuell auch des Ethos.

Ruhiges, rationales, analytisches Betrachten und Aufbereiten der Geschichte verkauft sich nicht. Eine Zeitung will Umsatz machen. Habe ich keinen richtigen «Knaller», der allein mit seiner Benennung die Auflage steigert, muss ich mir halt einen erschaffen. Früher brüllten die Zeitungsjungen die Schlagzeilen in den Straßen. Und bevor es Zeitungen gab, zogen Moritatensänger mit ihren Bildern durch die Dörfer und erzählten in blumigen Worten von den Schrecken, die passiert sind. In den Spontizeiten der Achtziger sagten wir immer: «Retortenbaby gezeugt, BILD war im Reagenzglas dabei» oder wir waren uns einig darüber, dass aus der BILD Blut herauslaufen würde. Bemerkenswert ist, dass sich mittlerweile auch der Berliner Tagesspiegel und die TAZ nicht zu schade sind, in das Moritaten Geschäft mit einzusteigen. Es müssen schlechte Zeiten herrschen.

Übersehen werden darf nicht, dass eine Kundschaft bedient wird. Spränge niemand darauf an, würden sie es nicht tun. Kein Abhängiger – kein Dealer; keine Freier – keine Prostituierte; keine Strassenkäufer – keine illegalen Zigarettenhändler. Jeder Leser ist also mit im Boot.
Ebenfalls entspräche es einer gewissen Doppelmoral, wenn man sich beispielsweise über die Behandlung eines Polizisten mokieren würde und gleichzeitig die Berichterstattung bezüglich einer anderen Person vollkommen in Ordnung fände. Persönlich ist das nicht mein Anspruch. Ich kann es für mich weder bejahen, dass weiterhin die Sprache verroht, und das Niveau quasi täglich nach unten reguliert wird, oder eine derartige Behandlung von Menschen eine Legitimation erfährt. Ich kritisiere dies bezüglich eines jeden Menschen. Und ich sehe nochmals einen Unterschied, wo das geschieht. Bei einer einzelnen Person mag das unter Umständen hinnehmbar sein, weil es Probleme in der Persönlichkeit gibt. Bei Artikeln, die aus einer Redaktion hervorgehen und eine unweit größere Reichweite haben, damit auch weitreichende Folgen nach sich ziehen, ist das etwas anderes.

Von mehreren Seiten wurde in der Vergangenheit die AfD dafür angeprangert, dass sie mit der Wahl ihrer Worte, ehemals unsägliches in der Gesellschaft implementieren. Sie machen das nicht alleine. Ohne eine Presse, die diverse Worte aufgreift, um beim Pöbel anzukommen, hätten sie es schwerer. Seitens seriöser Journalisten wird auch immer wieder auf die manipulierten Verlautbarungen der Partei verwiesen. Doch wo genau besteht der Unterschied zum Boulevard? Ich erkenne keinen. Sie bedienen sich in einem gemeinsamen Werkzeugkasten. Hintergründe, Fragen, Zweifel und eine differenzierte Sprache sind hinderlich beim zweckgebundenen Bedienen der niederen Instinkte. Innerhalb weniger Minuten muss der malochende Leser vollgepumpt werden. Ein wenig was zum Aufgeilen, ein paar Promis zum Träumen und Abarbeiten, ein wenig das Gefühl: Du bist gut und die anderen sind böse, «Wir hier unten, die da oben.», ein paar Sündenböcke für alles Schlechte und ein Aufreger.

Mal trifft es den einfachen harmlosen Kerl, der sich nach Mallorca verzogen hat, der für alle «Sozialschmarotzer» herhalten muss, ein anderes mal einen psychisch Kranken, der zum Stellvertreter aller Muslime gemachht wird. BILD Kampagnen haben, wenn man Wallraf glauben darf, und ich tue das, einige Suizide nach sich gezogen. Selbst Schuld, sagt sich vermutlich der Boulevard Reporter. Unabhängig vom Glauben, ich halte das mehr als wahrscheinlich, zerstörte Existenzen sind niemals förderlich.

Mein Fazit: Das Gebaren der Presse, nicht nur des Ressort Boulevard, ist am festzustellenden Rechtsruck der Gesellschaft maßgeblich beteiligt. Niemand kann Ihnen diesbezüglich Vorschriften machen. Jedes Blatt, jeder Verlag und jeder Journalist muss sich damit selbst konfrontieren und seine eigene Rechnung aufmachen, inwieweit er damit leben kann. Meiner Auffassung nach, wurde in Deutschland zu oft das Prinzip befolgt: Ich habe nur dieses oder jenes Erlaubte getan, für alles Folgende bin ich nicht verantwortlich. In meinem Verständnis: Doch! Nämlich dann, wenn es nicht vollkommen von der Hand zu weisen ist und ich die Chance habe es zu erkennen. Und die besteht! Wenn ich bejahe, dass mein Handeln über meine Person und Existenz hinaus eine Bedeutung hat, komme ich nicht daran vorbei. Ich bin nicht der Überzeugung, dass ich mich mit dem Verweis, dass ich diesen oder jenen Artikel nicht geschrieben habe, aus der Verantwortung stehlen kann.

Das ist ein wenig, wie mit der Polizei. Dort leistet man Dienst für eine Gesellschaft, aber man ist auch gezwungen, die Vorgaben einer Regierung umzusetzen. Ich lasse mal dahin gestellt, inwiefern die heutzutage noch tatsächlich die Chance hat, Repräsentant des Wählers zu sein oder vielmehr eine ausführende Institution der Großen in der Wirtschaft geworden ist. Sehe ich das so, muss ich in den Spiegel sehen und mit mir selbst ins Reine kommen. Kann ich das noch mit meinem Gewissen vereinbaren oder gerate ich unter Umständen in massive innere Konflikte? Ist es an dem, sollte ich Gehen in Erwägung ziehen.

Vielleicht besteht das Ziel darin, die Lufthoheit über die Stammtische und die Herrschaft über die manipulierbare Masse der rechten Bewegung, angeführt von der AfD, wieder abzunehmen. Das ist bisher immer schief gegangen. Zu betrachten sind nicht die Jahre ab Gründung der AfD, sondern ein viel längerer Zeitraum. Dieses Denken ist nicht vom Himmel gefallen, sondern was wir heute sehen, sind die ersten Blüten von einer Pflanze, die 1945 mal abgemäht wurde. Die Wurzel blieb in der Erde erhalten und wurde von vielen Gärtnern umsorgend gegossen. Die Wortwahl, die Darstellungsweise, die Attacken gegen alles, was linksseitig gedacht wird und die damit einhergehende Diffamierung, ist purer Dünger.

Dummdreistes rechtes Gebaren wird sanktioniert. Ich ersehe sie als die wilden Triebe. Das Subtile, nicht sofort Erkennbare wird brav gehegt. Doch immer das, was man nicht sofort sieht, ist das Gefährliche.

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Februar 16 2019

Alte Zöpfe …

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Friedrich Wilhelm I. verfügte am 28. September 1717, dass Kinder zur Schule gehen können.

„ … Wir vernehmen missfällig, dass die Eltern, absonderlich auf dem Lande, in Schickung ihrer Kinder zur Schule sich sehr säumig erzeigen. Und dadurch die arme Jugend in große Unwissenheit, was das Lesen, Schreiben und Rechnen betrifft, aufwachsen lassen.“

und weiter:

„ … dass hinkünftig an denen Orten, wo Schulen sein, die Eltern bei nachdrücklicher Straffe gehalten sein sollen, ihre Kinder im Winter täglich und im Sommer, wann die Eltern die Kinder bei ihrer Wirtschaft benötigt sein, zum wenigsten ein- oder zweimal die Woche in die Schule zu schicken.“

Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/einfuehrung-der-schulpflicht-in-preussen-zur-bildung-guter.871.de.html?dram:article_id=396893

Es ging also darum, den Eltern auf die Finger zu klopfen, dass Sie gefälligst die Kinder zur Schule gehen lassen sollen. Pflicht bezieht sich demnach auf die Eltern und für die Kinder ergibt sich daraus ein Recht. Zu dieser Zeit waren Kindern entweder familiäre Arbeitskräfte und später in der Industrie billige Arbeitskräfte bzw. unter Tage, aufgrund der Körpergröße gern genommene Werkzeuge. Und der Staat verpflichtete sich dazu, die passenden Möglichkeiten zu schaffen.

Zur Schule zu gehen ist damit in erster Linie ein Recht neben anderen Rechten. Wir unterstellen Kindern grundsätzlich ein nicht vorhandenes Bewusstsein dafür, was passiert, wenn sie nicht zur Schule gehen, deshalb haben wir ein Auge darauf. Das ist soweit auch vollkommen richtig.

Zu meiner Schulzeit, damals in der Rolle eines stellvertretenden Schulsprechers, organisierte ich zusammen mit anderen einen Schulstreik. Ich war jung und dachte nicht nach. Hätte ich nachgedacht, würde ich damals eine andere Formulierung gefunden haben. Nämlich: Wir haben unsere Rechte gegenüber gestellt und beschlossen, dass das Eintreten für unsere Zukunft, in dem wir gegen den NATO – Doppelbeschluss und die russischen SS20 Raketen demonstrieren, damit endlich die Gefahr eines atomaren Krieges gebannt wird, schwerwiegender ist. Kommt – beidseitig – endlich zur Vernunft.

Das Wort «Streik» ist fehl am Platz. Streiken ist ein Arbeitskampfmittel gegen Unternehmer. Es schädigt diesen und führt im Idealfall zum Einlenken. Wen sollte der Schüler mit seiner Abwesenheit vom Unterricht schädigen? Insofern ist das Wort «Schulstreik» sinnlos.

Was erreichten wir? Objektiv nichts! Das konnte vorher niemand wissen, war aber auch nicht zwingend Sinn und Zweck. Die Leute in der Politik sollten daran erinnert werden: Über Euer Dasein hinaus gibt es Menschen, die mit Euren Entscheidungen leben müssen, nämlich wir dort auf Straße.
Ähnliches passiert heute wieder, mit den gleichen Fehlern. Wieder wird von einem Schulstreik gesprochen und erneut wird der Begriff Schulpflicht falsch verstanden. Wobei meiner Auffassung nach, die unglückliche Wortwahl Schulstreik zu vernachlässigen ist, während das Missverständnis in Sachen Schulpflicht eine andere Denkrichtung eröffnet.

Schule ist kein Selbstzweck. Dort sollen Schülern mehrere Dinge vermittelt werden. Zum einen ein gewisses Grundwissen. Sprachen, Mathematik, Physik, Erdkunde, kulturelles Wissen gehören dazu. Darüber hinaus Geschichtswissen, wie unser Staat und Gesellschaft funktioniert und sie sollen eine Sozialisation zum mündigen Staatsbürger erhalten. Eine Demonstration, sich zeigen und die Überzeugung auf der Straße kundzutun, ist ein Kernbestandteil unseres Staatssystems. Der Kritiker mag sagen: Ja, aber nicht während der Schulzeit. Nun, die Wahl der Zeit verfolgt ein Ziel. Mal ganz davon abgesehen, dass es kaum einen besseren Unterricht geben kann, denn das eigene Erleben. Das Fernbleiben vom Schulgebäude soll Aufmerksamkeit erzeugen, Signale setzen und Diskussionen auslösen.

Einigen gefällt das nicht – Ziel erreicht! Über lange Zeit wurde von einigen kritisiert, dass sich junge Leute nicht mehr politisch engagieren. Manch einer mag darüber auch dankbar gewesen sein. Interessanterweise ist mit der Forderung nach dem politischen Engagement häufig verbunden, wie das stattzufinden hat. In geregelten Bahnen, brav, unauffällig und über die innerparteilichen Instanzen. Das könnte einigen gut in den Kram passen, dann könnten sie es nämlich kontrollieren und kanalisieren. So funktioniert das aber nicht!


Nach 1945 haben wir in Deutschland unsere Erfahrungen mit der repräsentativen Demokratie gemacht. Manches hat sich gut entwickelt, einiges weniger gut. Unterschiedliche Faktoren haben dazu geführt, dass eine politische Klasse entstanden ist, die sich verselbstständigt hat. Die Funktion Politiker wurde zum Lebensberuf. Häufig kommt es dazu, dass Leute von der Schule aus zur Universität gehen, einen einschlägigen Studiengang belegen – BWL, VWL, Jura, Soziologie – und auf dem direkten in die Politik gehen, in dem sie sich in der Hierarchie einer Partei nach oben arbeiten. Das gelingt ihnen deshalb, weil sie im Studium die für viele andere Berufe schwer zu durchschauenden komplizierten Mechanismen einer Partei durchschauen und für sich benutzen können. Eine politische Idee oder Vorstellung zu haben ist eins, sie im deutschen «Über» – Regelwerk an den Start zu bekommen ist ein rückwärts eingesprungener Rittberger und nachfolgenden Salto vorwärts. Dafür haben «Verwaltungsmenschen» in einer durch und durch verwalteten Gesellschaft in Jahrzehnten gesorgt. Das verschafft der zweiten Hauptgruppe unter den Berufspolitikern, nämlich den Beamten, zumeist aus dem Höheren Dienst, entscheidende Vorteile. Mit dem realen Leben, z.B. in einem mittelständischen Handwerksbetrieb, hat das alles nichts mehr zu tun. Beamte, Juristen, Kaufleute (die niemals in diesem Sinne gearbeitet haben), leben erfahrungsgemäß in einer sogenannten Papierlage, die sie für die Realität halten. Außerdem haben diese Menschen, wie man heutzutage sagt, eine Kernkompetenz. Die Durchsetzungsfähigkeit in einer Hierarchie, welche mit institutionellen Autoritätsverhältnissen arbeitet, die selten etwas mit natürlicher menschlicher und über Jahre hinweg, gewachsener Autorität zu tun hat.

Vor diesem Hintergrund mag der aktuelle Schülerprotest gegen die politischen desaströsen Eskapaden in der Klima – Politik, eines der wichtigsten Themen überhaupt, naiv und hilflos erscheinen. Aber er ist direkt und einfach: Was auch immer Ihr da erzählt, es ist schwachsinnig, denn wir messen Euch Politiker an den Ergebnissen. Für mich bei diversen politischen Themen eine sehr einfache aber durchaus wirkungsvolle Betrachtungsweise. Ich muss als Bürger nicht zwingend verstehen, warum und wieso etwas nicht funktioniert, wenn ich sehe, dass das was am Ende heraus kommt, Schrott ist.


Ich finde, es verhält sich wie bei einer Produktionsmaschine. Ich will etwas herstellen und hole mir ein paar Ingenieure und Kreative herbei, die mir eine passende Maschine bauen sollen. Sie machen sich ans Werk und eines Tages produziert sie. Jetzt sehe ich mir das Produkt an. Wenn es unbrauchbar ist, eventuell sogar gefährlich, ist etwas schief gelaufen. Dafür muss ich nicht das Innere der Maschine verstehen, dafür habe ich meine Ingenieure, die behaupten solche Maschinen konstruieren zu können. Allerdings muss ich mich auch selbst prüfen, ob mein gewünschtes Produkt an sich sinnvoll ist.

Wir wollen globale Veränderungen, in Bezug auf das Klima, Müll, Umwelt, Artenschutz, bessere Verteilung der Ressourcen, Bekämpfung der Armut, Hunger und vor allem keine Kriege. Das ist unser gewünschtes Produkt. Konstruiert und erbaut wurde uns eine Maschine, die dauerhaft unbrauchbaren Ausschuss produziert. Die Schüler sehen das ziemlich klar und ohne all die Brillen, die Ältere auf der Nase haben. «Es ist uns ziemlich egal, warum die Maschine nicht funktioniert, wir wissen nichts über den inneren Aufbau, aber das Produkt zerstört unsere Zukunft – tut etwas dagegen. Wir sind noch nicht so weit, würden aber ganz gern eine Chance haben.» Diese Forderung finde ich verständlich und in Anbetracht der uns bekannten Zahlen auf diesen Gebieten auch durchaus begründet.

Jetzt gibt aber einige der älteren Generation, die sich brüskiert zeigen. Ich vermute, mehrheitlich sind es die, welche auch damals nicht dabei waren. In Betrieben gibt es immer mal wieder Konstrukteure, die aus lauter Eitelkeit sagen: «Wieso? Das Ergebnis sieht doch ganz gut aus, ein paar kleinere Verbesserungen und es sieht doch gut aus.» Da bedarf es dann einiger Vernünftiger die auf dem Tisch hauen. «Klappe halten! Das ist Schrott und ein Blinder mit Krückstock kann es erkennen. Mach was Du Idiot oder wir haben hier ein Problem. Wenn die Produktion so weiter läuft, fliegt uns der Laden hier um die Ohren.» Ich denke, einige haben auch ein ausgewachsenes Problem damit, die Fehler im Denken und bei der Vorgehensweise einzugestehen. Es würde nämlich bedeuten, dass ihre Lebensleistung in Frage gestellt wird. Dabei ist es simpel. Fehler müssen passieren, damit man herausbekommt, wie man es nicht machen sollte. Aber mit diesem Ergebnis muss man arbeiten und nicht immer weiter machen.

Wie auch immer Greta Thunberg einzuordnen ist. Tausende Schüler sind ihr gefolgt und der Reflex der älteren Unverbesserlichen ist langweilig, vorhersehbar und einige tausend Jahre alt.

„Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“


Keller, 1989, ca. 3000 v. Chr., Tontafel der Sumerer

Wir reden immer gern davon, dass die Menschheit, zumindest in Europa, sich weiterentwickelt hat, dass Mittelalter, die Monarchie und die Barbarei hinter sich gelassen hat. Mir kommen nicht nur Zweifel, sondern bisweilen gehe ich von Gewissheit aus, dass dieses nicht der Fall ist.

In meiner Jugend sagten Ältere gern zu mir: «Du musst auch mal auf Ältere hören und ihre Erfahrungen respektieren.» Ich ahnte damals schon, dass die Sache hat einen Haken. Die hatten ihre eigenen Erfahrungen, in ihrer Zeit und vor dem Hintergrund der zurückliegenden Ereignisse. Heute bin ich einer der Älteren und blicke auf meine Erfahrungen zurück. Wie gesagt, wir erreichten damals nichts. Aber das bedeutet nicht, dass die Neuen keinen Erfolg haben können. Eine neue Zeit, ein anderes Problem, eine andere Gesellschaft, keiner kann diesbezüglich Prognosen treffen. Versucht es! Wir werden sehen, was sich daraus entwickelt. Die Älteren sagten auch zu mir: «Du musst auch mal eine Sache zu Ende bringen!», genau so, wie sie die Erziehung junger Männer zu disziplinierten Mitgliedern der Gesellschaft via Bundeswehr favorisierten. Nebenbei eine sehr seltsame Logik, damals gab es keine Frauen beim Bund. Waren die damit alle undiszipliniert? Egal, dieses nur als Beispiel überkommener Traditionen. Das sind alles Durchhalteparolen, die den Menschen in einer ihm feindlich gesonnenen Umwelt überlebensfähig machen sollen.

Wir sollen was wir angefangen haben auch zu Ende bringen. Dann können wir angeblich zurückschauen und uns auf die Schulter klopfen, dass wir etwas erreicht haben und daraus eine Selbstbestätigung ableiten. Ich persönlich wäre nachträglich dankbar, wenn ein paar Leute in der Geschichte mal darüber nachgedacht hätten, was sie da angefangen haben, ihren Stolz und Wunsch nach Selbstbestätigung überwindet und es nicht zu Ende gebracht hätten. Das ist für mich echte Größe. Trotz erheblicher Investitionen die Erkenntnis zuzulassen: Das war eine extrem blöde Idee von mir. Selbstbestätigung kann der Mensch auch anders erlangen.

Auch dies ist die Botschaft der Schüler: Ihr habt da ein paar Sachen in Gang gesetzt, die ihr besser nicht zu Ende bringen solltet. Wir benötigen im 21. Jahrhundert neue Ansätze und keine, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert haben, zwei Weltkriege, eine kaputte Gesellschaft, die Zerstörung der Umwelt und den Klimawandel, wenigstens begünstigten. Insofern liebe Schüler wünsche ich Euch viel Glück und denen die auf häuslichen Widerstand treffen, viel Kraft und Stärke, dass gehört bei Protest immer dazu. Es ist nicht zu erwarten, dass diejenigen, gegen die man protestiert, vor Freude in die Hände klatschen.

Und lasst Euch nicht beirren von ihm Kopf verkalkten Kommentatoren, die Euch einen Flug, ein Smartphone oder Euren Konsum vorwerfen. Das ist in vielerlei Hinsicht grotesk und gibt mehr Auskunft über die, denn es echte Kritik an Euch ist. Erstens haben sie die Voraussetzungen dafür geschaffen und die Gesellschaft geformt, in der ihr dieses Konsumverhalten erlernt habt. Zweitens setzt ihr diese Dinge ausnahmsweise mal nutzbringend ein. Alles was ihr jetzt benutzt, wurde in dem System produziert, was Ihr jetzt kritisiert. Ihr müsst Euch nur darüber klar sein, das Forderungen auch Folgen haben können und eine Gesellschaft dann deutlich anders aussehen wird.

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Februar 13 2019

Eine Gesellschaft von Richtern

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Es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil anderer abhängen.

Jean Paul Sartre

«Nur die allein leben in Muße, die ihre Zeit der Weisheit widmen: Sie allein leben. Sie hüten nämlich nicht nur ihre eigene Lebenszeit gut, sie fügen ihr auch noch jede Zeit Epoche hinzu. Alle Jahre, die vor ihnen gelebt wurden, haben sie für sich gewonnen … Man kann mit Sokrates diskutieren, mit Karneades zweifeln, mit Epikur zurückgezogen leben, das Wesen des Menschen mit den Stoikern überwinden, mit den Kynikern hinter sich lassen.»

Senecea, Das Leben ist kurz

Das menschliche Großhirn verarbeitet Informationen, die zuvor durch die älteren Hirnareale gegangen sind und von unzulänglichen Sensoren ermittelt wurden. Diese unzulänglichen Daten werden basierend auf individuellen Erfahrungen, dem bestehenden Gefühlszustand, den individuellen Fähigkeiten und vorhandenen Routinen ausgewertet. Diverse Fehlerquellen, die evolutionär begründet sind, sind nur mit äußerster Konzentration und viel Übung einigermaßen umgehbar.

Am Ende lautet das Ergebnis: Ich habe recht. Mein Abbild von der Welt ist korrekt. Meine Lebensvorstellungen sind die richtigen und wer dagegen verstößt, handelt falsch.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass zu irgendeinem Zeitpunkt die Kapazität des Gehirn größer wurde, denn der Mensch zum Überleben benötigte. Es begann sich zu langweilen. Damit begann eine neue Ära. Es erzeugt in uns ein individuelles Universum. Wollen wir einem anderen Menschen mitteilen, wie dieses Universum aussieht, müssen wir kommunizieren. Dies tun wir mit der Körpersprache, Gestiken, hormonellen Ausströmungen, der Stimme, Wörtern, erzeugten Klängen und Bildern.

Eine äußerst komplizierte Sache, die trotz aller Sorgfalt grundsätzlich nur bedingt funktioniert.

Im Prinzip ist jeder ein Maler. Mit einer individuellen Farbpalette und einer Sammlung an Pinseln, zeichnen oder malen wir ein Bild auf einer inneren Leinwand unseres Gegenübers. Wir haben keinerlei Einfluss darauf, welche Art Projektionsfläche uns der andere zur Verfügung stellt, wir wissen nicht, welche Farben er erkennen kann und wir haben auch keine Kenntnis über seine Interpretationen. Wir müssen erfragen, wie der andere das Bild auslegt. Außerdem kann sich das, bei der Veränderung eines einzigen Faktors, innerhalb einer Sekunde ändern. Gleiches widerfährt uns. Im Ergebnis haben wir keinerlei Möglichkeiten unser Bild, welches ein anderer von uns hat, zu beeinflussen. Dennoch sind wir mit dem Versuch rund um die Uhr beschäftigt.

All diese Dinge sind menschlich. Immer wenn ein Mensch handelt, ist es von der logischen Ableitung her, menschlich! Unmenschlich ist an sich ein vollkommen unsinniges Wort. Gemeint ist ein vom Gehirn erzeugtes «Idealbild» eines Menschen, welches variiert.

In unterschiedlichen Kulturen zeichnete irgendwann mal jemand ein Bild auf der inneren Leinwand und definierte: So sollte meiner Auffassung nach, ein Mensch handeln. Mit der tatsächlichen Natur des Menschen hat dieses Bild wenig zu tun. Je idealer es aussieht und von den 200.000 Jahre alten Verhaltensmustern des Säugers aus der Ordnung Primaten, Unterordnung Trockennasenprimaten, Familie Menschenaffe – kurz: nackter Affe abweicht, umso unerreichbarer wird es.

In den Buchreligionen wird alles vom Idealbild abweichende mit dem Begriff Schuld belegt, dem totalen Ideal entspricht ausschließlich Gott. Die Anhänger versuchen sich dem Bild zu nähern, sind aber am Ende auf Vergebung angewiesen, weil sie es nicht erreichten. Konfuzius und einige Griechen beschrieben den Weg und die Unternehmungen zum Erreichen des Idealbilds als das Lebensziel des Menschen. Buddha ging auf die Suche, warum der Mensch es nicht erreichen kann, und vertrat die Meinung, dass erst einmal die Hinderungsgründe beseitigt werden müssten.

Der nüchterne Verhaltensforscher und Psychologe sagt: Ihr könnt anstellen, was ihr wollt, am Ende landet ihr immer bei dem, was in der Evolution entstanden ist. Um dieses Verhalten zu ergründen, beobachten sie und testen den Menschen in verschiedenen Lebenssituationen aus. Damit nähern sie sich ein wenig Buddha an. Mit dem Unterschied, dass der einen Weg gefunden haben will, wie man dem Verhalten entkommt.

Diese Schuld, also nicht dem Idealbild zu entsprechen, laden wir im Alltag mal mehr oder weniger gravierend, auf uns. Wir entschuldigen uns, wenn es sich nicht gerade um Gibbs in Navy CIS handelt, rund um die Uhr. Für Unaufmerksamkeiten, Unterlassungen, Gedankenlosigkeiten, Fehlleistungen, falsche Lagebeurteilungen und vieles mehr. Zusammengefasst für lauter Dinge, die schlicht dem menschlichen Verhalten bzw. Fehlbarkeiten entsprechen.

Oftmals deshalb, weil wir für diese Handlungen oder die Umwelt einfach ungeeignet sind. Dinge, die uns das gelangweilte Gehirn beschert hat. Ausgelegt sind wir für das Leben in Horden/Verbänden, die eine flexible Gruppenunterteilung und Hierarchien haben. Verhaltensforscher haben das bei uns nah verwandten Primaten beobachtet und Abiturienten, die in den Achtzigern Bio – Leistungskurs hatten, wurden damit belästigt. Ein Leben in einer Massengesellschaft, die Industrialisierung und die damit einhergehenden enthumanisierten Arbeitsprozesse künstliche starre Hierarchien und ähnliche Phänomene waren in der Evolution niemals vorgesehen.
Die daraus resultierenden Folgen beschäftigen Psychologen und Psychiater, die versuchen zu retten, was zu retten ist. Meiner ganz persönlichen Meinung nach, kann sich ein im eigentlichen Sinne psychisch gesunder Mensch in der überwiegenden Zahl moderner Berufe und Gesellschaftsstrukturen nicht eingliedern.

Das Idealbild ist abhängig von der Kultur. Jede Gesellschaft benötigt Regeln des Zusammenlebens. Das ist bei den anderen Primaten nicht anders. Hierzu gehören sehr praktische, deren Zweck klar erkennbar ist und ritualisierte Handlungen, bei denen der Ursprung bisweilen schwer ermittelbar ist. Eine Regel soll ein soziales Gefüge ermöglichen und Konflikte verhindern, bzw. im Falle eines Entstehen Schlimmeres verhindern (z.B. Demutsgeste). Damit haben gut überlegte Regeln für alle einen Vorteil. Sind sie einseitig und begünstigen lediglich einen Teil, wird es kompliziert. Damit diese Regeln eingehalten werden, bedarf es eines Sanktionssystems. Ich denke, die meisten werden mir bis hier zustimmen.

Da wir aber in einem System leben, welches ein Ergebnis der nicht ausgelasteten Gehirnregionen ist, welches in großen Teilen nicht den natürlichen Bedürfnissen des nackten Affen entspricht, wird es in vielen Bereichen kompliziert.

Dem künstlich erzeugten Idealbild auch nur ansatzweise zu entsprechen wird immer schwieriger, womit es auch immer wahrscheinlicher wird, mit der Definition Schuld belegt zu werden. Die Beurteilung, ob eine Diskrepanz zwischen Idealbild und festgestellten Handeln besteht, nennen wir Richten. Und wer richtet, ist ein Richter. Jedes Mal, wenn wir um Entschuldigung bitten, ernennen wir einen anderen zu unserem Richter. Am Ende leben wir in einer Welt, die sich aus Richtern und Schuldigen zusammensetzt.
Die andere Formel lautet: «Ich entschuldige mich!» Anders: «Ich verhalte mich nicht den Regeln des Ideals entsprechend, aber ich habe gute Gründe dafür oder ich bin Opfer meiner menschlichen Unzulänglichkeiten geworden.»

Ich mag es nicht, wenn mich jemand um Entschuldigung bittet oder sich selbst entschuldigt. Ich mag nicht zum Richter gemacht werden, eine Rolle, die ich nicht einnehmen kann. Da ich dem gleichen Problem unterliege, kann ich schlecht etwas dazu sagen.
Im anderen Fall handelt er oder nicht! Bin ich dadurch benachteiligt, war er sich aus seiner Perspektive selbst oder etwas anderes offensichtlich wichtiger, denn meine Belange. Vielleicht war er auch nur Opfer seiner Fehlbarkeiten. Dafür kann ich ein Verständnis entwickeln oder es lassen.


In unserer Gesellschaft sieht das alles ein wenig anders aus. Eine große Anzahl ernennt sich selbst zum Richter über andere, in dem sie eine Schuldzuweisung betreiben. Ist einem anderen Menschen seine Abweichung vom Idealbild, welches ohnehin niemand in Gänze erfüllt, vorzuwerfen? Hätte er bei reiflicher Überlegung und Abwägung aller ihm zugänglichen Informationen – die erwähnten unzulänglichen – das Abweichen verhindern können? Auch die eigenen Informationen über das Handeln des anderen sind unzulänglich und mit jede Menge Fehlerquellen versehen. In der Regel sehe ich nur das Endergebnis einer langen Geschichte. Wie soll ich da als Mensch richten?

Irgendjemand muss diesen Menschen suggeriert haben, dass sie die Befähigung dazu haben. Sie überheben sich über die Fehlbarkeit, das wird Überheblichkeit genannt. Die meisten davon leben in einem Umfeld, welches dazu geeignet ist, bei einem unauffälligen Verhalten, geringe Abweichungen vom deutschen Idealbild zu ermöglichen. Sie entschuldigen sich dafür, dass sie fünf Minuten zu spät zur Arbeit kommen. Vielleicht haben sie vergessen, dem Vorgesetzten die Tür aufzuhalten, oder den Hochzeitstag vergessen. Das dichte deutsche Regelwerk ermöglicht ein scheinbares Einhalten eines künstlichen Idealbildes, welches nicht zwingend mit einem ethischen Idealbild im Einklang stehen muss. Jenseits dessen, gibt es in der Deutschen Gesellschaft diverse sogenannte Subkulturen mit eigenen Idealbildern. Zum Beispiel lädt ein Rocker aus einer 1 % – Gang Schuld auf sich, wenn er mit der Polizei kooperiert und wird deshalb ins «Bad Standing» gestellt. Dies ist nur ein Beispiel von vielen.

Ein Teil der Gesellschaft, die gesetzestreuen Bürger, die sich im Allgemeinen mittels ausreichender Machtmittel zur dominanten Gruppe gemacht haben, hat sich der Gerichtsbarkeit und damit eines benannten Richters unterworfen. Er richtet im Abgleich mit dem von dieser Gruppe akzeptierten Idealbild. Zugestanden wird, dass es Umstände geben kann, die es auch einem gesetzestreuen Bürger nicht möglich machen, dem Bild zu entsprechen. Dies sind die sogenannten Schuldausschliessungsgründe. Eventuell war das Abweichen auch gerechtfertigt. Töten gehört normalerweise nicht zum gesetzlichen Idealbild, kann aber gerechtfertigt werden, dann passt es wieder. Für das Vaterland im Krieg zu töten, wird von den Gesetzestreuen zum Beispiel akzeptiert, während es von religiösen Idealbildern abweicht. Doch diese Beurteilung der Diskrepanz, steht alleinig dem dazu berufenen Richter zu, hierauf hat sich die dominierende Untergruppe der Gesellschaft geeinigt.

Wenn auch in unserem System nicht vorgesehen, könnten sich die selbst ernannten Richter, die zugleich die passenden Sanktionen zu ihren Urteilen fordern «Kopf ab, Schwanz ab, Einsperren bis er verfault u.s.w.» auf ein religiöses Idealbild berufen. Dominierend ist hierzulande das Christentum. Die höchste Gerichtsbarkeit ist Gott. In der Bibel wurde hierzu ausgeführt: «Wer da frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein!» Wer also nicht dem göttlichen Idealbild entspricht, darf auch nicht richten. Ergo … Fehlanzeige.

In der Ethik und Philosophie ist richten immer schwer, eher nahezu ausgeschlossen. Kant versuchte es mit einem Idealbild des Menschen, bekam es aber von diversen ebenso nicht zu verachtenden Zeitgenossen um die Ohren gehauen. Fazit, es ist nicht vorgesehen, dass sich ein Mensch über einen anderen zum Richter erhebt, außer im Konstrukt einer Gerichtsbarkeit auf der Basis von Gesetzen, und innerhalb dessen obliegt es nur dem dazu berufenen Richter.
Nochmal: Das variiert mit der bestehenden Kultur. Deutlich wird das am Beispiel eines südamerikanischen Kopfjägers. Das Köpfen von Menschen ist bei uns aus der Mode gekommen. Wir betrachten dies als barbarischen Mord. Dort ist es Teil der tief verwurzelten Kultur. Es entspricht nicht meinem persönlichen Geschmack, der ist aber im Sinne einer Verurteilung irrelevant. Der würde erst relevant werden, wenn unter meinen Füssen Blumen wachsen und mich ein seltsamer Schein umgibt. Der Fairnesshalber müssten sie allerdings akzeptieren, dass ich sie im Gegenzuge auch töte.


Mir bleibt nur übrig: Ich hätte anders gehandelt oder ich füge mich der Gerichtsbarkeit der dominierenden Gesellschaftsgruppe. Und weil die am längeren Hebel sitzen, muss ich auf die Fairness des berufenen Richters hoffen. Ob ich mich selbst schuldig fühle, hängt von meinem eigenen Idealbild und Selbstverständnis ab.
Für meinen Teil kann ich sagen, dass ich diesbezüglich einiges abgekratzt habe. Ich versuche immer mehr, in mir den Menschen zu akzeptieren. Der Vorteil daran ist, dass ich dies auch jedem anderen zugestehen kann. Das schont die eigenen Ressourcen. Andere zu verurteilen, sich selbst zu bezichtigen, ständig einem Ideal hinterherzurennen kostet Kraft und ist recht unsinnig. Ich muss mich auch für nichts entschuldigen oder Dinge in der Vergangenheit innerlich anprangern. Eigentlich muss ich mich nur im gerade jetzt stattfindenden Augenblick fragen, ob ich gerade meine Lebenszeit nach meinen Vorstellungen nutze.

Ja! Während des Schreibens sind mir einige Sachen noch deutlicher geworden, ich lasse andere daran teilhaben … Why not!

« … Wohlan, überschlage dein Leben und gib Rechenschaft davon. Berechne, wie viel dir davon der Gläubiger, wie viel die Geliebte, wie viel der Angeklagte, wie viel der Klient entzogen hat, wie viel der eheliche Hader, wie viel die Sklavenzucht, wie viel das dienstbeflissene Umherrennen in den Straßen der Stadt; nimm dazu die selbstverschuldeten Krankheiten und was unbenutzt liegen blieb, so wirst du sehen: die Zahl deiner Jahre ist geringer, als du annimmst.»

Senecea, Das Leben ist kurz

Atti gewidmet, dem der Text glaube ich ganz gut gefallen könnte

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Februar 1 2019

Eine Abrechnung

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Wenn der VP – Führer als Zeuge regelmäßig antwortet: Dazu habe ich keine Aussagegenehmigung. Wer liebt sie nicht?!

17:17, 31.1.2019 Robenknüller@TzschoppeSt bei Twitter

Wird Zeit, dass der Gesetzgeber solche Leute endlich so behandelt, wie alle anderen Leute auch.

17:19, 31.1.2019 Reply, Christian Säfken@saefken

Wer nächtens durch eine Stadt läuft, sieht die ausgeleuchteten Bereiche. Zumeist nicht zufällig. An Stellen, wo die Menschen flanieren, ist das Licht von jemanden gezielt eingesetzt worden. Die Dinge im Schatten sollen nicht gesehen werden. Läuft der Spaziergänger durch den gleichen Bereich im Tageslicht, sieht alles anders aus. Oft fragt sich der Betrachter, was er in der Nacht zuvor an diesen dreckigen Platz toll fand. Gleiches widerfährt einem Club – Besucher, der bis zum bitteren Ende bleibt. Die Musik geht aus, das Licht wird eingeschaltet, u. die Illusion verschwindet.

Wenn ich das auf die Gesellschaft übertrage, sehe ich folgendes Bild. Helle Strahler leuchten die Dinge und Geschehnisse leuchten aus, die ich sehen soll. Anderes bleibt für mich im Dunkeln. Viele Club Besucher wissen von diesem Effekt und sagen: «Das tue ich mir nicht an! Ich gehe lieber vorher.» Ich selbst war oft bis zum Ende da. Mir sind die letzten Zurückgebliebenen, die betrunken in der Ecke liegen, Frauen die auf der Toilette in ihrem Erbrochenen eingeschlafen sind, das klebrige Gemisch aus Straßendreck und verschütteten Getränken, nicht entgangen.

Mit der Gesellschaft erging es mir ähnlich. Ich habe mit einer starken Taschenlampe die dunklen Ecken ausgeleuchtet. Ich wollte sehen, was da im Verborgenen vor sich geht. Mir wurde eine Welt offenbar, die sich verhält wie Insekten, die das Dunkle bevorzugen. Geht das Licht an, rennen sie weg. Doch diese Betrachtung ist ein wenig zu einfach.

Die Wohlstandsgesellschaft liebt die mittels gezielten Strahlereinsatz erzeugte Illusion. Eine Illusion, die mit dem tatsächlichen menschlichen Verhalten nichts zu tun hat. Allgemein nennen wir sie die «Heile Welt». Sie ist ein Konstrukt, die das menschliche Gehirn zum Schutz erzeugt. Wer desillusioniert ist, hat diesen Schutz verloren. Der Desillusionierte muss sich dem gesamten Spektrum des menschlichen Verhaltens stellen. Schutz- und Kriminalpolizisten neigen dazu, den Anspruch zu haben, die Illusion mit aller Macht aufrecht zu halten. Kann das funktionieren?

Wer im Milieu lebt, kann es sich nicht leisten, mit Illusionen in der Gegend herum zu laufen. Ein weiterer sehr entscheidender Faktor: Die Illusion muss man sich leisten können! Zuhälter, Prostituierte, Dealer, Rauschgiftschmuggler, Barbetreiber, Räuber, Türsteher, Hehler, Betrüger, Hochstapler und was es sonst noch alles an alternativen Einnahmequellen jenseits der «Heilen Welt» gibt, können dies nicht. Der Preis wäre zu hoch.

Dann gibt es noch die Menschen, die sich dessen nicht bewusst sind. Sie kennen nicht die ungeschriebenen Spielregeln. In ihrer Vorstellung müssen die Regeln, welche innerhalb der Illusion gelten und scheinbar funktionieren, auch auf alle anderen Teile der Gesellschaft anwendbar sein. Sie reden von Gerechtigkeit, Transparenz des staatlichen Handelns, Offenlegung aller Taktiken, die seitens der Polizei angewandt werden, Abschaffung aller verdeckten Ermittlungen. Grundsätzlich sollte die Polizei ein Teil der Gesellschaft sein und gleichermaßen fände sich die Gesellschaft auch in der Polizei wieder.
Mit dem Gesellschaftsbegriff ist das so eine Sache. Eigentlich ist es gar nicht schwer, wenn ich mich dem mit der Mengenlehre nähere. Da wäre ein großer Kreis, den es zu definieren gilt. Zunächst würde ich ihm die Bezeichnung globale Gesellschaft geben. Dort hinein würde ich weitere kleinere Kreise einzeichnen. Das wären dann kontinentalen Gesellschaften. Hinzu kämen die nationalen, städtischen und ländlichen. Immer kleiner müssten meine Kreise werden. Ich dürfte auch nicht die bürgerliche, die vielen kleinen alternativen Gesellschaften und eben auch nicht das Milieu aussparen.

Die Angesprochenen sehen aber nur ihren kleinen Kreis und definieren ihn als die Gesellschaft. Das funktioniert nicht. Sie sind z.B, auch ein Teil der kontinentalen Gesellschaft, in der sich eben auch all die anderen kleinen Kreise befinden. Das Milieu in Russland, Türkei, Serbien, Rumänien, Bulgarien u.a., funktioniert ähnlich, aber anders. Es gibt hochinteressante Überschneidungen. Zum Beispiel wurde ich letztens Zeuge eines verdeckten Einsatzes von zivilen malayischen Rauschgiftfahndern. Deren Auftreten und das Verhalten der Dealer kam mir sehr bekannt vor.

Was funktioniert anders? Ich glaube, es gibt eine Faustregel: Je höher der Anteil der armen Bevölkerung und größer der Spalt zwischen Arm und Reich ist, umso rücksichtsloser die Straftäter. Die Grundlage für die meisten Straftaten sind unbefriedigte Bedürfnisse. Erst werden sie geweckt, auch durch das Vorleben der unerreichbaren Reichen, und dann wollen sie befriedigt werden. Bestehen keine als legal definierten Optionen, bedient sich der Mensch halt der unerlaubten Methoden. Angehörige der russischen Banden haben gelernt, rücksichtslos alles beiseite zu räumen. Die italienischen Strukturen stehen ihnen selten nach. Berühmt berüchtigt sind auch die Albaner, Serben und Bulgaren. Ein Angehöriger einer russischen Bande plant beispielsweise von vornherein einen mehrjährigen Gefängnisaufenthalt in seine Biografie ein. Gut wenn es ihn zum Beispiel in Deutschland erwischt. Die hervorragende medizinische Versorgung ist in diesen Kreisen bestens bekannt.


Nicht selten taucht in Deutschland im Zusammenhang mit Straftätern das Wort Resozialisierung auf.

Die diesen Begriff benutzen meinen etwas anderes. Sie wollen eine Sozialisierung für ihren kleinen Kreisausschnitt. Es hat bereits eine stattgefunden, nur halt in einem anderen Kreis. Eine Resozialisierung wäre dann möglich, wenn sich der Täter ehemals in ihrer Mitte befunden hätte. Dort war er aber niemals.

Richter, Staatsanwälte, Strafverteidiger, Sozialarbeiter, Rechtspfleger kommen i.d.R. aus diesem Kreis. Würden sie straffällig werden, könnte über eine Resozialisierung in den Kreis nachgedacht werden. Es gibt einen gemeinsamen Nenner. Alle sind und bleiben Menschen. Ich meine damit aber nicht das idealisierte Bild vom Menschen, sondern wie Menschen wirklich sind. Ein guter Ermittler bei der Kriminalpolizei orientiert sich daran.

Er setzt auf gegenseitigen Verrat, der durch Gier begründet wird. Das gehört genauso dazu, wie gegensätzliche Interessen auszunutzen. Er spielt mit dem Bedürfnis nach Anerkennung und das Bestreben, eine aus der Masse herausragende Identität zu bekommen. Der Ermittler wird auch alle Wahrnehmungsfehler ausnutzen. Zum Beispiel, in dem er einen so unter Druck setzt, dass er Fehler macht. Stress macht intelligente Menschen zuverlässig dumm.

Am Ende läuft es auf ein böses Spiel zwischen beiden hinaus. Wenn man aber nur die Spielregeln des eigenen Kreises kennt, wird es nichts werden. Der Ermittler muss sich bestens mit den Gepflogenheiten im benachbarten Umfeld auskennen. Manchmal wurde er dort selbst sozialisiert und später im anderen Kreis aufgenommen.

Für einige Ermittler stellen sich eines Tages zentrale Fragen. Wie soll ich mit den Spielregeln aus dem einen Kreis, das Verhalten aus dem anderen unterbinden? Haben sie mit ihrer Arroganz, Ignoranz, Doppelmoral, Selbstgefälligkeit und Dekadenz meinen Schutz und meine Energie überhaupt verdient? Wenn ich einen Klempner meines Vertrauens herbei rufe, weil bei mir ein Rohr geplatzt ist, sollte ich ihm auch eine fachmännische Reparatur zu trauen. Wenn ich alles besser weiß, kann ich die Reparatur gleich alleine durchführen.

Wenn einer vor einem deutschen Gericht steht, hat er das Recht auf eine Verteidigung. Aber hat er auch ein Recht darauf zu erfahren, mit welchen Tricks gearbeitet wurde?

Es ist für die Straftat und den Nachweis ziemlich irrelevant, wie viele Ermittler zur Aufklärung eingesetzt wurden. Ebenso ist es meistens nicht wichtig, wo und wie sich der Beobachter versteckte, vor allem nicht, wenn ein Foto vorgelegt wird. Der Vorlauf, wie es dem Ermittler gelang, sich in der Nähe des Beschuldigten zu positionieren ist für das Urteil weitestgehend unerheblich. Fragen danach, zielen in eine andere Richtung. Die Taktiken der Polizei sollen ausgespäht werden, damit andere Täter den Fehler nicht nochmals machen. Alles andere ist Kokolores. Geht es nicht darum, soll der Zeuge lächerlich gemacht werden.
Gute Strafverteidiger kennen ebenfalls die Spielregeln im anderen Kreis. Sie wissen, dass der Ermittler sich vor Gericht selbst strafbar macht, wenn er Fragen nach Taktiken der Polizei beantwortet. Deshalb bombardieren sie ihn damit. Seine stoische Antwort: «Ich habe hierfür keine Aussagegenehmigung», führt zu Nervenverlust und lässt den Ermittler als «Witzfigur» da stehen.

,Juristen, die anderes behaupten oder mit ihren Fragen dieses Ziel nicht verfolgen,sind sich schlicht nicht bewusst, welche Schäden sie über den zur Verhandlung stehenden Sachverhalt anrichten, sind entweder naiv oder sie befreien sich selbst von jeder Verantwortung für das gesamte Geschehen.“Ich habe nur …!“Immer nach dem Grundsatz: „Ich vertrete die Interessen meines Mandanten, der Rest ist mir egal.“

Aus Sorge vor einem Revisionsgrund stoppen die wenigsten vorsitzenden Richter dieses Treiben. Besonders haben sie es auf die Aufdeckung von Informanten (VP) und Verdeckten Ermittlern (VE) abgesehen. Jede Verhandlung, in der ein Mitglied eines Netzwerks vor Gericht steht, ergibt einen neuen kleinen Baustein. Da besonders bei den «hochkriminellen Netzwerken» immer die üblichen Anwälte auftreten, bekommen sie nach und nach ein Gesamtbild. Bis der Informant oder «VE» abgezogen wird oder sich u.U. in akuter Lebensgefahr befindet.

Selbstverständlich wird dies anders dargestellt und manch ein Außenstehender glaubt sogar den Ausführungen. Denjenigen könnte man zum Vorwurf machen, dass sie sich offensichtlich niemals die Frage gestellt haben: cui bono? Die sehr eng gezogenen Regeln bezüglich des Einsatzes von Informanten und Verdeckten Ermittlern, führt im Ausland im Regelfall zu Unwillen oder Kopfschütteln. Das hat bereits zu einigen Blüten geführt. Ich kann lediglich darauf hinweisen, dass ein sogenannter Under Cover Agent (UCA) aus England, Frankreich oder den USA nichts mit der Arbeit eines deutschen Verdeckten Ermittlers zu tun hat. Dazwischen liegen Welten. Wie die aussehen, werde ich nicht schreiben, da sich das nicht mit meiner Einstellung verträgt. Außerdem gibt es hierzu schon hinreichend genug Ausführungen.

Warum sollte ein Mensch mit gesunden Menschenverstand für eine Gesellschaft sein Familienleben, sein Leben und seine Psyche riskieren, die sich weder damit auseinandersetzen oder in ihrer Ignoranz alles sabotieren? Idealismus? Selbstaufopferung? Ideologie? Pulle voll – Frau betrunken? Wasch mich, aber mach mich nicht nass? Masochismus? Für einen Kreis, der weder bereit ist die Inkonsistenz der Bevölkerung und die vielen Facetten zu erkennen. Innerhalb dessen Leute hysterisch «Racial Profiling» schreiend in der Gegend herum rennen, wenn ein Fahnder schlicht seinen Job macht. Für Menschen, die nicht bereit sind, die Realität des Menschen anzuerkennen und ein vollkommen verklärtes Bild haben? Ich stelle die Frage sehr bewusst auf den von mir abgeleiteten Personenkreis ab. Die Leute im Milieu können sich jederzeit auch alleine helfen, die bedürfen selten eines Schutzes. Polizisten selbst, wissen in der Regel auch, was sie tun haben. Es geht um die, welche diese Dienstleistung benötigen und einen Auftrag erteilt haben.

In Polizeikreisen wird häufig von einem Krieg gesprochen, der da draußen jeden Tag statt findet. Bemühe ich dieses Bild, dann schickt dieser Personenkreis täglich Soldaten an die Front und sieht sich mit einer Tüte Chips auf der Couch genüsslich die Fernsehbilder dieses Kriegs an. Die Auftraggeber und ihre Vertreter, die Politiker, sterben nicht im Krieg. Den Strategen in diesem Krieg wird untersagt Spione auszusenden, um den Gegner auszuspähen. Und wenn sie es doch machen, muss der Spion auf eigene Rechnung arbeiten.

Als einer der größten Theoretiker für Kriegshandlungen gilt der chinesische General Sun Zi, der seine Taktiken im berühmten Werk «Die Kunst des Krieges» niederschrieb. Zu Spionen führt er aus, dass das «Vorherwissen» ein entscheidender Faktor über Sieg oder Niederlage sein kann.

Spione sind ein äußerst wichtiges Element des Krieges, denn von ihnen hängt die Fähigkeit der Armee ab, sich zu bewegen.


Die Kunst des Krieges – Kap. 13

Sun Zi unterteilt in seinem Werk, welches unter anderen heute noch in Westpoint gelehrt wird:

  • Eingeborene Spione, die man durch freundliche Behandlung gewinnt.
  • Innere Spione, die sich aus dem Kreis der Beamten des Feindes rekrutieren. Oft wertvolle Männer, die degradiert wurden. Übergelaufene Spione, die einst dem Gegner dienten.
  • Große (Bestechungs-) Gelder und großzügige Versprechen lassen sie überlaufen. Dann können sie gegen ihre Landsleute spionieren. Sie können auch falsche Informationen an den Feind liefern (Desinformation).
  • Todgeweihte Spione stehen (noch) im eigenen Dienst. Sie werden mit Absicht getäuscht. Dann sollen sie zum Feind überlaufen. Sie werden sehr überzeugend sein, wenn sie als getäuschte Personen dem Feind berichten. Überlebende Spione bringen Informationen aus dem Lager des Feindes zurück. Solche dürfen nicht fehlen. Sie müssen einen überragenden Verstand haben. Sie haben eine intuitive Klugheit. Sie brauchen die Erscheinung eines Narren. Schäbig, aber mit aber mit eisernem Willen. Tatkräftig, widerstandsfähig, stark und mutig. Gewöhnt an (Schmutz-)Arbeit. Sie ertragen Hunger und Kälte. Auch Schmach und Schande.

Damit hat Sun Zi das Thema Verdeckte Ermittler und Informanten umfassend abgehandelt.

Sun Zi war aber auch der General, der dem Kaiser unmissverständlich mitteilte, dass er den Posten des Generals nicht übernimmt, wenn er sich nicht an seine Regeln hält. Denn dann könne er die Niederlage voraussehen. Also? Warum sollte noch irgendein Ermittler in den Bereichen Terrorismus, Organisierte Kriminalität und Schwerstkriminalität seinen Job machen wollen, wenn der Auftraggeber die taktischen Grundsätze nicht akzeptiert? Ich sehe keinen. Lese ich in den Social Media Kommentare von Juristen, Politikern aus allen Richtungen, und vor allem aus dem Personenkreis, der sich als Auftraggeber versteht, bekomme ich täglich eine Bestätigung. Ich weiß, dass viele Ermittler nur das Spiel spielen. Ein echtes Interesse am Personenkreis, der sie einst beauftragte haben sie keinerlei Interesse mehr. Sie sehen sich auch nicht mehr als Teil dieses Kreises. Sie haben ihren eigenen aufgemacht. Die aus dem anderen Kreis halten sie nur noch für lächerliche Figuren. Doch sie kommen nicht daran vorbei, dass sie Angehörige des übergeordneten Kreises sind. Ich bin ein wenig herumgekommen. Deshalb weiß ich, dass sich dieser Effekt nicht nur auf Deutschland bezieht. Den Ermittlern in anderen Staaten geht es nicht anders. Letztlich hat das wahrscheinlich alles auch immer mit der fortschreitenden Dekadenz und dem Spalt zwischen Arm und Reich zu tun.

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September 14 2018

Feste Jungs immer weiter so …

Reading Time: 7 minutes

Demokratie, Grundgesetz, Neoliberalismus, Kommunismus, Nationalismus, Soziale Marktwirtschaft, Rechtsstaat, Parteien … ein Reigen an Begriffen, unter denen sich diverse Interpretationen gliedern. Antworten des Großhirns auf die Probleme, welche entstehen, wenn Menschen das Zusammenleben in einer Horde zu Gunsten einer Massengesellschaft aufgeben. Wie lange halten wir an diesen Strategien fest? Mindestens seit dem Beginn der Industriellen Revolution und dem daraus geborenen Kapitalismus in seinen unterschiedlichen Ausformulierungen. Einige von denen, welche erkannten, dass das in die falsche Richtung geht, ersannen den Kommunismus. Im ersten Zuge war es eine philosophische Überlegung. Was passiert nach den Gesetzen der Logik, wenn sich die Sache mit der Industrialisierung weiter entwickelt? Später, etwa in den 60ger – 70ger Jahren, dachten Philosophen darüber nach, wie sich ein Leben in einer dekadenten Wohlstandsgesellschaft entwickeln würde. Basierend auf den alten Überlegungen, machten sie sich Gedanken darüber, wie der Mensch als monetär bewertetes Gut verwaltet werden wird und sich seine Menschlichkeit erhalten könnte. 

Die Zeit wurde begleitet von furchtbaren Kriegen, Atomwaffeneinsätzen, Hungersnöten, Genoziden, Despoten, Wirtschaftskrisen und Zusammenbrüchen. Jeden Motor, der so unzuverlässig funktioniert, hätten wir längst verschrottet. Seit längerer Zeit erleben wir eine weitere Revolution: die Digitalisierung. Schon in den 20gern des letzten Jahrhunderts, arbeiteten die Strategen des Kapitalismus mit Massenmanipulationen, die komplette Gesellschaften unter die Kontrolle der Auftraggeber brachten. Sie erreichten sogar den Sturz von Regierungen (siehe Veröffentlichungen CIA zur Fruit Company Affäre). In den USA spricht man mittlerweile vom Deep State. Hat das alles noch etwas mit dem ursprünglichen Demokratiegedanken zu tun?

Wo stehen wir 2018? Engagierte Wissenschaftler turnen auf Gletschern in Südamerika, Neuseeland, Europa und Grönland herum und schlagen Alarm. Eisproben ergeben eindeutige belastbare wissenschaftliche Ergebnisse für unseren Anteil daran. Täglich ereilen uns neue Horrorbilder von Plastikmüll in den Meeren. Die Strategen sorgen dafür, dass das Gehirn des im Wohlstand lebenden Bürgers das Problem auf die Dritte Welt abschiebt. Fukushima und Tschernobyl haben gezeigt, was passieren kann. Zur Entwicklung neuer Atomwaffen wurden gigantische Landmassen atomar verstrahlt. Große Teile des Atommülls lagert oberirdisch, weil kein Endlagerort gefunden wird und neueren Erkenntnissen nach, auch nicht gefunden werden wird. Naturkatastrophen häufen sich. Ungebremst werden die Regenwälder abgeholzt, demnächst werden die Meere leiden dürfen, wenn die Manganknollen geschürft werden, obwohl bereits bekannt ist, dass der Vorgang auf hunderte von Jahren alles zerstört. Das immer wiederkehrende Argument: Die Industrie braucht Energie und die garantiert unseren Wohlstand. Ein Wohlstand, an dem global nur ein kleiner Anteil partizipiert. Nahezu alle versierten Wirtschaftswissenschaftler warten auf die nächste große Krise. Parallel wird gerüstet und gerasselt, was das Zeug hält. Vieles findet man nur in den Tiefen des Internets. Ob es die Chinesen sind, die den anderen asiatischen Staaten im Himalaya das Wasser abstellen, die USA sich geopolitisch ihre Pfründe im Nahen Osten sichern und den Keil zwischen Russland und Europa aufrecht erhalten … nichts davon verheißt etwas Gutes für die Zukunft.

Zukunft impliziert zwei Dinge. Folgende Generationen Lebewesen auf diesem Planeten und ein Gewissen, der aktuell Lebenden. Wer sich heute mit Fragestellungen wie Gewissen, Vernunft, ethischen Betrachtungen und ähnlichen Themen auseinandersetzt, wird von den einfachen Gemütern als Gutmensch bezeichnet. In der großen Politik geht es so weit, dass sich Menschen ans Mikrofon stellen und von der Migration als Mutter aller Probleme sprechen. Wer das sagt, ist entweder unter Umständen zu Recht davon überzeugt, dass seine Zuhörer verblödet sind oder ist es selbst. Wenn es Eltern geben sollte, dann sind es die Prinzipien, die diese Migration erzeugen. Die Staaten investieren in Wissenschaftler, die den Stand der Dinge ermitteln, die Zukunft bei ungeänderten Ablauf prognostizieren sollen und brauchbare Lösungen ermitteln sollen. Doch es wird ihnen weder zu gehört, noch werden die geforderten Änderungen eingeleitet. Mit Verlaub, dann hätte man das Geld auch zum Fenster heraus werfen können.

Im Kleinen gibt es engagierte Menschen, die Häuser entwickeln, in denen Menschen mit erheblich reduzierten Ressourcenverbrauch leben können. Längst gibt es neue Verfahren, die Energie liefern könnten. Um sie produktiv einzusetzen, müssten von Menschen gezogene bunte Linien auf Papier überwunden werden. Allen bisherigen Prinzipien müsste eins übergeordnet werden: Das Prinzip der Vernunft – und zwar global. Schaut man Reportagen über innovative Antworten auf die Probleme, stellt man eines sehr schnell fest. Die Lösungen beschränken sich auf einen elitären Kreis finanzkräftiger Personen. Im Gegenzuge werden obszöne Summen für die Verteidigung der bunten Linien ausgegeben.

2018 … ein Energieriese setzt mit aller Macht seine Interessen durch. Der kleine Wald wird den Kohl nicht fett machen. Weder wird er, wie behauptet, das Energiefressproblem der anhängigen Industrieriesen lösen, noch fällt er bei der globalen Situation ins Gewicht. Aber er hat eine Symbolkraft. Junge Menschen haben sich bei Wind und Wetter in den Bäumen verschanzt. Wenn ein Mensch bei unter Null in einem Baum ausharrt, beweist er Engagement und Überzeugung. Unterstützt wurden sie von Anwohnern aller Altersklassen, Förstern und Anrainern. Mich erinnern diese Bilder an die 80ger. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich an damals 70 – 80 Jährige denke, die von der Polizei weggetragen wurden. Sie verwiesen darauf, dass der Widerstand gegen einen Staat, der sich mittels Polizei gegen seine Bürger wendet, eine Frage des Gewissens ist und ihnen aus ihrer Jugend bekannt vor kommt. 

Wie damals eskaliert die Lage irgendwann. Herbert Marcuse wurde einst gefragt, wie er für sich die Frage der Gewalt beantwortet. Er antwortete, dass Gewalt niemals allein stehend betrachtet werden kann. Gewalt muss sich immer gegen etwas richten und dies kann auch die Gewalt, ausgehend von einem anderen sein. Mit dem Eingriff in die Natur im Umfeld der Anwohner, übt die Landesregierung zusammen mit RWE Gewalt aus. Fraglich ist, ob sie durch die Wahl der Regierung innerhalb eines parlamentarischen demokratischen Systems legitimiert ist. Früher sagte man, das Individuum hat gegenüber den Belangen der Allgemeinheit zurück zu stehen. Hiermit wurden unter anderen Zwischenlager für Atommüll gerechtfertigt. Mir stellt sich die Frage, wie sich das Individuum verhalten soll, wenn nach verständiger und vernünftiger Bewertung die Entscheidungen der herrschenden politischen Elite nicht dem Wohl der Allgemeinheit dienen, sondern ausschließlich der Aufrechterhaltung eines ins Verderben führenden Systems. Mit Sicherheit kann es nicht angezeigt sein, das eine Gruppe aus zehn Leuten sich anmaßt, dies beurteilen zu können. Wenn namhafte Wissenschaftler, Organisationen deren Reputation nicht im Zweifel steht und das Individuum gemeinsam zu diesem Ergebnis kommen, sieht das schon anders aus.

Die Geschichte hat uns gelehrt, dass diverse Entscheidungen, die nicht auf Vernunft basierten, sondern wirtschaftlichen Interessen oder vorübergehenden Eitelkeiten genügten, heute noch sichtbaren Schaden anrichteten. Es gab Leute, die massiv dagegen antraten und mittels staatlicher Gewalt bekämpft wurden. Wer stur auf die Buchstaben des Gesetzes verweist, negiert den Akt des zivilen Widerstands. Doch ob der Widerstand berechtigt war, zeigt sich meistens erst nachträglich. Nun könnte man behaupten, dass auch die Aktivitäten der AfD und der Rechten Bewegung einen zivilen Widerstand darstellen. Persönlich verneine ich dies. Meiner Meinung nach, will dieser Widerstand wohl überdacht sein und darf nicht von sogenannten niederen emotionalen Appellen begleitet bzw. geleitet sein. 

Die AfD und ihre Anhänger bewegen sich ausschließlich auf der Ebene des Appells. Wissenschaftliche Bezüge, die für eine vernünftige Entscheidung notwendig sind werden ignoriert. Spätestens wenn Frau Weidel dezent infantil von ihrem Biologieunterricht erzählt, in dem man ihr etwas über die Photosynthese und CO2 beigebracht hat, wird einem dies klar. Ähnlichen Unsinn geben Curio und von Storch von sich. Mit Vernunft hat das nichts zu tun, eher mit den Auswirkungen der Dekadenz, gegen die der Widerstand zu richten ist. 

Meiner Auffassung nach ist ein Spalt zwischen Politik und Wissenschaft entstanden. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt bedingten sich Wissenschaften und politische Entscheidungen. Heute wird die Wissenschaft nur noch zu Rate gezogen, wenn es der Geldvermehrung dient oder einen militärischen Vorteil verschafft. Das ist nicht vernünftig. Wie beschrieben, ist der Hambacher Forst für mich ein Symbol und eine Denkaufgabe für die nächste Generation. Die Politik handelt unvernünftig, setzt völlig falsche Signale und verschafft einem global agierenden Energiekonzern und energiehungrigen Industrien Vorteile. Die heute 20zig jährigen lernen, dass sich im bestehenden System die Konzerne über die Politik durchsetzen werden, das Feindbild Polizei wird vertieft und die aktive politische Beteiligung wird bereits in diesem Alter ausgebremst. Bravo!

Das Symbol Hambacher Forst bedeutet: In welche Richtung soll es gehen? Bisher werden Industrie und Energieproduzent weiterhin hofiert. Nichts ändert sich. Gorleben, Brockdorf und die Castor – Transporte wiederholen sich. Aber eins ist dann doch neu dabei. Der Landesvater Laschet kann sich auf die rot – grüne Vorgängerregierung berufen. Nach dem Verlust des Status Friedenspartei unter Joschka Fischer, verlieren die Grünen nun auch noch den Status Umweltpartei. 

Ich betrachte das politische Geschehen in der Gesellschaft ein wenig analog zu einem Team. In jedem Team muss es eine Starke Fraktion geben, die gegen die gängigen Entscheidungen der Mehrheit argumentieren. Ein intelligenter Teamführer wird diese Fraktion stützen und zuhören. Unter dem wirtschaftlichen Druck einer Wohlstandsgesellschaft, die nichts Schlimmeres kennt, als Einschränkungen hinnehmen zu müssen hat sich ein politischer Einheitsbrei entwickelt, der seitens der PR Strategen unterstützt wird. Kritische Geister verlieren ihre politische Heimat. Die Folge ist außerparlamentarischer Widerstand.

Die beiden aktuellen in den Medien favorisierten Vordenker Precht und Lesch haben es auf unterschiedlichen Wegen gut zum Ausdruck gebracht. Precht hat auf die ernsthaften Bedrohungsszenarien für die globalen Gesellschaften hingewiesen. Zu denen auch der ungebremst steigende Energiehunger und die Förderung von Techniken (z.B. Bitcoins) gehört, die diesen noch steigern. Lesch wird nicht müde, auf die Unvernunft der Menschen hinzuweisen, die einen Eingriff in diese Szenarien verhindert. Es bleibt die Frage offen: Wie begegnet man Unvernunft, die täglich von Profis am Leben erhalten wird. Der Kampf kann theoretisch am effektivsten bei denen ansetzen, die ein Interesse an einem irrationalen Handeln zur Mehrung ihres Vermögens bzw. Aufrechterhaltung eines sie begünstigenden Systems besitzen und ihren Dienstleistern. Zum Beweis muss man sich nur die Internetpräsenz von RWE ansehen. Sie ist ein Schulbeispiel für Greenwashing und PR Strategien zur Übertünchung dessen, worum es tatsächlich geht. Warum setzen kritische Journalisten dort nicht an? Was wäre, wenn auch die Boulevardpresse über die Aktivitäten von RWE in Südamerika berichten würde, statt nur auf die Demonstranten hinzuweisen? Wie wäre es, wenn die großen bunten Blätter dieses fadenscheinige Aufforstungsprogramm an den Pranger stellen würden? Vielleicht könnte man bei Taff dem Promimagazin auch mal die Anwohner zu Wort kommen lassen. Dies alles wird nicht passieren. 

Am Ende möchte ich auf einen Auszug bei Wikipedia hinweisen:

Die gewachsene, traditionelle Unternehmenskultur von RWE ist stark von der Verwurzelung im rheinischen Bergbau und der Montanmitbestimmung geprägt. Sie ist konsensorientiert und bürokratisch.[64] Charakteristisch für den Konzern ist die wechselseitige Einflussnahme durch und auf kommunale Anteilseigner. Diese ist durch nach Aktiengesetz nicht vorgeschriebene[65] Regionalbeiräte institutionalisiert, in denen lokale Politiker, Vertreter städtischer Energieerzeuger und weitere Interessenvertreter sitzen.[66] Diese erhalten von RWE eine Aufwandsentschädigung in Höhe von jährlich 6650[67] bis 7400 Euro.[68] Das Kopfnicken mit Büffetbezeichnen Kritiker des Konzerns als „legalisierte Korruption“.[65][67][69] Nach einem Rechtsstreit des Beirats Napp vor dem Bundesverwaltungsgericht müssen seit 2011 die kommunalen Beiräte die Vergütung abführen.[70]

Auch kam es in diesem Zusammenhang in der Vergangenheit immer wieder zu direkten Zuwendungen an Kommunal- und Landespolitiker; so wurde im November 2004 bekannt, dass RWE unter anderem an Hermann-Josef Arentz 60.000 Euro jährlich bezahlt und kostenlos Strom geliefert hat. Ebenso wurden an den CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer 81.800 Euro gezahlt und kostenlos Strom geliefert. Der Konzern begründete die Zahlungen mit einem „Kommunikationsfehler“. Durch diese sog. RWE-Affäre geriet RWEs Lobbyismuspolitik generell in die Kritik.

Lobbyisten des RWE-Konzerns beziehen über die SPD Hausausweise des deutschen Bundestags, mit denen sie direkten Zugang zum Gebäude haben.[71][72]

Seite „RWE“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 13. September 2018, 21:38 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=RWE&oldid=180886705 (Abgerufen: 14. September 2018, 12:07 UTC)

Bei mir bleiben wenige Fragen offen.

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August 8 2018

Burnout Teil III

Reading Time: 15 minutes

Bevor Sie den letzten Teil der drei BURNOUT Beiträge lesen, habe ich einige Fragen. Kennen Sie Bob Ross? Haben Sie bereits mehr als drei nächtlich ausgestrahlte Folgen Medical Detektivs gesehen? Sind Sie schon einmal bei einer Folge einer Serie im Sessel eingeschlafen und an der passenden Stelle der Wiederholung wach geworden? Liegt die letzte Leerung ihres Briefkastens mindestens drei Tag zurück? Haben Sie in den letzten Tagen, vor einer neuen Bierbestellung ausgerechnet, wie viele Stunden bis zum nächsten Dienstantritt sind? Liegen in der Wohnung mehr als drei ungeöffnete Briefe herum? Sind sie krank geschrieben?

Sollten Sie mit diesen Fragen etwas anfangen können, würde ich mich darüber freuen wenn Sie weiterlesen. Machen wir uns nichts vor: Die Zeit dazu haben Sie. Allen anderen wird der Beitrag vermutlich zu lang werden bzw. das Interesse fehlen.

Einer der miesesten Dinge bei einem BURNOUT ist der Begriff selbst und wie bereits in den anderen Teilen erläutert, die damit einhergehende Bezeichnung Krankheit. Wer sich in dieser Lebenslage befindet, kennt Krankheiten in Form von grippalen Infekten, Verletzungen, Zahnschmerzen pp.. Die anderen Sachen sind falscher Lebenswandel, Unvermögen, Urlaubsreife, kurzfristige Stressbelastungen, mangelnde Selbstkontrolle usw. Deshalb nannte ich es in TEIL I – II gesundes NOTLAUFPROGRAMM zum Schutz vor schlimmeren Folgen. BURNOUT ist eine lächerliche Bezeichnung, die von modernen Weicheiern erfunden wurde. Frei nach dem Motto: Irgendetwas muss ja auf dem Zettel stehen. So jedenfalls der allgemeine Tenor in Arbeitsbereichen, in denen es genau dazu kommt. Tatsächlich wird jeder im Berufsleben Stehende beim Lesen der Ankreuzteste einige Treffer haben.
Einige ziehen sich auch gern darauf zurück, dass es das früher schließlich auch nicht gegeben habe. Die Generationen davor haben einfach gearbeitet.

Ist das so? Ich sehe dies ein wenig anders. Die Durchhalteparolen der sogenannten Nachkriegsgenerationen sprechen dagegen. Durchhalten ist nicht zwingend Leben. Bereits der Römer Seneca kritisierte vor 2000 Jahren, dass die Mitbürger ihr Leben auf eine Zeit nach dem Arbeitsleben verschieben würden, ohne zu wissen, ob sie dieses Alter überhaupt erreichen würden. Wir leben schon seit geraumer Zeit in einem Umfeld, in dem eine andere Sicht auf das Leben für einige Wirtschaftsbereiche erhebliche finanzielle Verluste einbringen würde. Zu weit in die Vergangenheit zu schauen bringt glaube ich wenig. Ich beschränke mich auf das 1965 erschienene Lied: Mother Little Helper der Rolling Stones. Zumindest damals scheint schon einiges aus dem Ruder gelaufen zu sein.

Man kann sich trefflich streiten, wie ein erfülltes, gesundes, selbst bestimmtes Leben aussieht. Wer mit den eingehenden Fragen etwas anfangen kann, wird mir zustimmen, dass es so jedenfalls nicht aussieht. Ich selbst habe mir eine morbide klingende Regel zu eigen gemacht. Ich frage mich, ob das was ich gerade tue auch seine Berechtigung hätte, wenn ich wüsste, dass ich in den nächsten zwei Tagen sterbe. Anders: Ich habe den Tod zu meinem besten Ratgeber gemacht.

Vor einem Jahr habe ich  mir ein Experiment vorgestellt. Drei Probanden wird die Aufgabe gegeben, mittels eines durch Muskelkraft angetriebenen Generators eine lebenserhaltene Maschine mit Strom zu versorgen. Von der Maschine ist ein Patient abhängig. Im Wechsel von drei Schichten treten die Probanden in die Pedale und produzieren Strom. Jeweils nach einer Woche wird einer abgezogen, so dass nach zwei Wochen nur noch einer 24 Stunden lang treten muss, um den Patienten am Leben zu erhalten.

Dem letzten Probanden wird nach einiger Zeit bewusst, in welchen Dilemma er sich befindet. Hört er auf zu treten, stirbt der Patient. Letztlich ist aber auch klar, dass er die Nummer nicht auf ewig durchhält. Egal, wie es läuft, am Ende fühlt er sich schuldig. Er sitzt in der Falle. Entweder er steigt ab, weil er sein eigenes Leben voran stellt oder seine Kräfte versagen. 

Ich versuchte mit diesem fiktiven Experiment für mich selbst zu ergründen, wieso man nicht einfach geht und den ganzen Kram anderen überlässt. Warum überträgt der letzte Proband nicht die Verantwortung auf den Konstrukteur, der wissen müsste, dass der Patient nach Abzug der beiden anderen irgendwann sterben wird? Schließlich könnte er jederzeit mit der Begründung absteigen, dass das weitere Geschehen nicht in seiner Verantwortung liegt, sondern sich die Konstrukteure etwas einfallen lassen müssen.
Das alltägliche Geschehen um mich herum sieht für mich nicht viel anders aus. Da gibt es eine Gemeinschaft von Bürgern die verschiedenen Berufsgruppen sagt, dass von ihnen der Fortbestand der Gesellschaft abhängig ist. Krankenpflegern, Sozialarbeiter, Feuerwehrleute, Assistenz – Ärzten werden auf den Generator gesetzt, und jeden Tag machen wegen Sparmaßnahmen weniger den Job. Das eingesparte Geld versickert durch merkwürdige Lecks, wie zum Beispiel dem BER. Dieses sich gut oder schlecht fühlen kommt nicht von irgendwo her. Es gibt Gründe für die negative Bewertung des Absteigens. Komischerweise stellt man sich nicht die Frage, warum man nicht das eigene Leben höher bewertet, als das der anderen.

Auf der Suche nach den Gründen, musste ich an das den meisten bekannte Milgram Experiment denken. Ich finde, am nachdrücklichsten wurde es im Film I – wie Ikarus dargestellt. Ein Sonderermittler geht den wahren Hintergründen eines Attentats auf die Spur. Bei den Ermittlungen landet er auch in einem Institut, in dem psychologische Experimente durchgeführt werden. Er wird Zeuge eines dieser Experimente. Probanden, die zum Lehrer ernannt werden, sollen Schülern Verbindungen zwischen Bildern und Begriffen beibringen. Gibt der Schüler eine falsche Antwort, wird der Lehrer aufgefordert einen Stromschlag zu geben. Ohne seine Kenntnis, handelt es sich bei den Schülern um Schauspieler, die die Schmerzen simulieren. Die Stromschläge sind gestaffelt bis zur letalen Dosis. Soweit ist es sicherlich fast allen bekannt.

Im Film (Experiment bei 1:32) interveniert der Sonderermittler kurz vor der letalen Dosis, woraufhin er in den Versuchsaufbau eingewiesen wird. In einem folgenden Gespräch bringt er seine Fassungslosigkeit zum Ausdruck, dass die Lehrer bis zur letalen Dosis gehen wollten. Der Leiter des Instituts fragt ihn hingegen, warum der Ermittler erst zu einem derart späten Stadium eingriff. 
Das Experiment aus dem Jahr 1961 wurde mehrfach ausgewertet. Gängig ist die Interpretation, dass die Lehrer sich den anwesenden Versuchsleitern gegenüber verpflichtet fühlten, die als „Götter in weißen Kitteln“ , eine übergeordnete Autorität einnahmen.

Später wurde das Experiment nochmals ein wenig abweichend interpretiert. Die Versuchsleiter repräsentierten ein höheres Gut: die Wissenschaft. Damit hätten die Lehrer weniger wegen der Autorität gehandelt, sondern sahen sich etwas Übergeordneten verpflichtet. Frei nach der Feststellung von Aristoteles: Das Ganze (im vorliegenden Fall das Höhere) ist mehr als die Summe seiner Teile.

Meiner Kenntnis nach, wurde der Begriff Burnout von Ärzten geprägt, die bei Patienten aus sozialen Berufen ähnliche Symptome beobachteten. Ich mache mir meinen eigenen Reim darauf. Eine Freundin von mir, hat es meiner Auffassung nach auf den Punkt gebracht:

„Menschen in gesellschaftlichen Berufen haben einen Knopf für ein empathisches Programm. Jeden Tag wird der auf ein Neues gedrückt, bis er defekt ist.“

E., Sozialpädagogin

Zur Empathie kommen noch die „Strokes“ (Streicheleinheiten) hinzu, die man sich in diesen Berufen holen kann. Ich persönlich halte Altruismus für eine Lüge. Menschen handeln immer mit einem Motiv, und wenn sie sich nur durch die gegebene Hilfe besser fühlen wollen. In meinem Beispiel befindet sich der Proband anfangs in der Situation etwas Gutes zu tun, welches ihm ein positives Gefühl gibt. Nicht mehr aufhören zu können und aus seiner Perspektive für den Tod eines Menschen verantwortlich zu sein, macht ihn fertig.
Er wird bis zum bitteren Ende alles geben. Immerhin kann er dann noch behaupten, alles einem Menschen Mögliche getan zu haben. Leider ist er objektiv betrachtet ebenfalls zum Patienten geworden, der nichts vernünftiges mehr auf die Reihe bekommt. Die Lebenserfahrung sagt uns, dass der Patient nicht sterben wird, weil die Erfinder des Systems an der nächsten Ecke einen anderen Dummen finden.

Aus einer mittlerweile größeren Zahl von Gesprächen heraus habe ich entnommen, dass nahezu jeder, der in der Falle landete, über begünstigende Verhaltensmuster verfügte.

Alle hatten etwas mit Anerkennung, ursprünglichen Glauben an Idealen und Überzeugung vom Ganzen zu tun.
Mich selbst habe ich mehrfach gefragt, warum ich mich nicht an Henry Miller orientierte. Der betrachtete ein glückliches Ego als infizierend für andere. Er leitete daraus ab, dass alle erst einmal für sich selbst sorgen sollten, dann wäre die Folgewirkung auf alle betrachtet wirksamer, als wenn man ständig versuchen würde, anderen zu helfen. Entscheidend ist auf jeden Fall ein Überdenken der eigenen Verhaltensmuster. Denn immerhin haben sie sich schädigend ausgewirkt.

Wer aus einem BURNOUT eine Chance machen will, muss UMDENKEN, NACHDENKEN und nochmals ÜBERDENKEN. Von Kindheit an, werden uns Programme implementiert. Geboren werden wir mit dem riesigen Potenzial eines Menschen. Erziehung, Sozialisierung, berufliche Prägung, führen zur Eingrenzung. Jegliche vermeintlich eigene Erkenntnis und Maxime muss auf den Prüfstein gelegt werden. Was ist wirklich meins und was ist das Ergebnis von Manipulationen?

Wie äußert sich ein Burnout?

Soviel ich weiß, gibt es wie immer keine Standards. Für mich ist das Schreiben darüber eine sehr prekäre Angelegenheit, der ich mich aber stelle. Dafür habe ich individuelle Gründe. Mein Weg der letzten drei Jahre brachte mich mit Menschen zusammen, die an der gleichen Station strandeten.

Ich stellte bei mir selbst und bei den anderen ein auffälliges Desinteresse am Leben von Mitmenschen fest. Wer sein eigenes Leben kaum noch geregelt bekommt, entwickelt logischerweise ein Desinteresse. Beruflich fällt dieses weniger auf, im Privatleben ist das eher kontraproduktiv.

Es kommt ständig zu Fehlern, die oftmals etwas mit Gedächtnisleistungen zu tun haben. Zum Beispiel ist ein Polizist ohne ein halbwegs funktionierendes Kurzzeitgedächtnis ziemlich aufgeschmissen. Das kann soweit gehen, dass nach wenigen Schritten nicht mehr erinnerlich ist, warum man eigentlich losgelaufen ist. Physiologisch ist es noch da, nur wird es nicht benutzt, da der gegenwärtige Augenblick quasi nicht mehr existiert.

Entweder drehen sich die Gedanken um die Vergangenheit oder man denkt bereits an die nächsten Aufgaben. Am ehesten lässt sich das mit einer schnellen Autobahnfahrt vergleichen. Alles was auf gleicher Höhe passiert ist uninteressant. 50 Meter voraus ist wichtig und eventuell bestehen noch Erinnerungen an das Geschehen bei der Abfahrt. Im Umfeld führt dies zur berechtigten Kritik.  Die Leute um einen herum interpretieren das als Schusseligkeit oder „Verpeilt“ sein.

Nach dem Dienst ist nur noch die Zeit vor dem Dienst. In der Zwischenzeit passiert nicht sonderlich viel Erwähnenswertes. Die Betroffenen stürzen sich lieber noch mehr in die Arbeit, anstatt sich dem meist bereits desolaten Privatleben zu widmen, welches von Konfrontationen an allen Fronten geprägt ist. Was will man dort, wenn es ohnehin nur Stress gibt?

In den vergangenen drei Jahren habe ich von zwei aus Afghanistan zurückkehrenden Soldaten (einer mit Gefechtserfahrung) und zwei ehemaligen Kollegen erfahren , dass sie einen Moment erlebten, in dem sich alles zuspitzte. Wer sein gesamtes Leben auf den Beruf ausgerichtet hat und sich komplett dem Direktiv des Arbeitslebens unterworfen hat, besitzt keine Kapazitäten für sein restliches Leben.
Polizisten und Soldaten wähnen sich in diesem Augenblick in der Rolle des von der Gesellschaft Ausgebeuteten, der ein Anrecht auf eine Gegenleistung für die erbrachten Opfer hat.
Nun, unser System funktioniert ein wenig anders. Jeder von uns ist eingebunden, und man kann sich dem nicht einfach entziehen. Finanzämter, Gebühreneinzugszentralen, Versicherungen, Ärzte, Dienstleister, Personalstellen, öffentliche Einrichtungen kennen wenig Erbarmen mit Menschen, die abtauchen und nicht mehr die Kraft aufbringen, lästige und bisweilen vollkommen unsinnige Nachfragen zu beantworten.
Jeder kann sich in einer solchen Lage glücklich schätzen, wenn er einen Lebenspartner hat, der das abfängt. Bei den genannten Fällen, war der längst weg. Kommt dann noch ein minimales Ereignis hinzu, wird es zum  berühmten Tropfen auf das volle Fass.
Der Betroffene fällt in eine tiefe schwarze Leere.

Alter, ich kam zurück von der Mission und da war nichts mehr. Selbst die Kohle war schnell weg. Ich stand auf dieser Scheiß Brücke. Wär kein Berufsverkehr gewesen, wäre ich gesprungen.

Olaf, Bundeswehrsoldat, 29 Jahre

Hinzu kommt bei vielen eine latente Scham, nichts mehr leisten zu können. Was man aus diesen Tag macht, ist der alles entscheidende Faktor für das Leben danach – und es kann im Anschluss ein deutlich Schöneres geben.

Ich schreibe hier über Leute, die sich ehemals in der Bezeichnung Leistungsträger sonnten. Die meisten Polizisten, die ich kenne, leben in der Illusion, ein anständiges Leben unter Beachtung der gesellschaftlichen Regeln zu führen. (Bei Lehrern ist das ähnlich. Die einen sollen Regeln durchsetzen und Verstöße ahnden, die anderen vermitteln sie und versuchen ein Verständnis dafür zu erzeugen.)

Wenn die bei der Scheidung alles der Alten zu schreiben und es so sein soll, dass ein Hauptkommissar kein Geld mehr hat … Bitte, dann werden wir mal sehen, ob sich als Gut erweist. Wenn ich in einer 200 EUR Buchte in Neukölln wohne, brauche ich kein Schloss mehr einbauen. Dann brauchen die Penner wenigstens nicht die Tür eintreten.

Karsten, PHK, 53 Jahre

Trölle, die haben uns verarscht. Es war alles nur eine riesige Verarsche. Was ich Ihnen aber richtig übel nehme, ist die Sauferei, die sie mir beigebracht haben.

Martin, PHM, ehemaliger Schießtrainer, 53 Jahre

Die strikte Regelkonformität, die unter Umständen Teil des problematischen Verhaltensmusters war, funktioniert aber nicht mehr. Regeln sind bei einem Polizisten ein völlig anderes Thema, wie bei anderen Berufsgruppen. Für fast alles gibt es eine Geschäftsanweisung. Eine der ersten Dinge, die ein Berufsanfänger lernt, ist das „Arsch an die Wand schreiben“, weil der normale Mensch diese nicht alle befolgen kann.

Burnout ist nicht ein Symptom, sondern ein Syndrom. Kraftlosigkeit, Stimmungsschwankungen, Aggressionen, Frustrationen, Depressionen, Traumatisierungen, psychosomatische Reaktionen, Schlafstörungen, durch Schichtdienst zerstörter Bio – Rhythmus, Anpassungsstörungen, Panikattacken, Veränderungen in den Gehirnstrukturen, erworbene bedingte Konditionierungen, die unkontrolliertes Verhalten auslösen, ergänzen sich zu einem ganzen Paket. Von den meisten Veränderungen merkt der Betroffene als Letzter etwas.
Gut wäre es, wenn Vorgesetzte dies bemerken. Ohne Groll möchte ich hier anmerken, dass da einiges in die falsche Richtung geht. Wie lange wurde im Führungswesen gebraucht, bis man feststellte, dass oftmals die dauerhafte Anwesenheit eines Mitarbeiters ein Warnsignal darstellt, während die Abwesenheit durchaus der Hinweis auf ein intaktes Sozialleben sein kann? Unpünktliches Erscheinen zum Dienst, wird eher abgemahnt, denn als Signal erkannt.
Noch heute werden verschuldete Beamte mit einer finanziellen Disziplinarstrafe oben drauf bekommt, statt dass ihm Hilfsangebote unterbreitet werden.

Ich glaube ohnehin daran, dass die Grundeinstellung ein nicht unwesentlicher Punkt beim Thema BURNOUT ist. Kulturell bedingt, wird in Deutschland dem Beschäftigten erst einmal Faulheit, Unwilligkeit und Böswilligkeit unterstellt, der es entgegenzutreten gilt. Es gibt tatsächlich Länder, in denen erst einmal das Gegenteil davon unterstellt wird und beim Auftreten dieser Verhaltensweisen, eine Spurensuche bei den Führungskräften beginnt. Davon sind wir bei uns weit entfernt, zumindest im leicht archaisch veranlagten Öffentlichen Dienst. Die Verwendung von Anglizismen aus der Betriebswirtschaftslehre macht eben noch keine moderne Führungskraft aus.

In nicht wenigen Arbeitsbereichen kann es nur eine vernünftige eigenverantwortliche Reaktion geben: „Sachen packen und verschwinden.“ Denn diese Bereiche sind „Allesbrenner„. Sollen sich die Gestalter dieser Arbeitsbereiche doch einen anderen Idioten suchen. Auch hierzu möchte ich ein Beispiel anführen.

In meinem ehemaligen Dienstbereich gibt es ein Dienstzeitenmodell, welches keins im eigentlichen Sinne ist. Es nennt sich „Bedarfsorientierter Dienst“. Der Ursprungsgedanke war gut und richtig. Die Beamten versehen ihren Dienst bei besonderen Einsatzlagen ohne Berücksichtigung normaler Stunden- und Pausenregeln. Gleichzeitig sind sie hoch flexibel Einsatzbereit und reagieren innerhalb weniger Stunden auf veränderte Lagesituationen. Wenn danach besondere Ruhephasen zwischen den Einsatzlagen folgen, kann das funktionieren. In einer Zeit, die von Misstrauen und Effizienz – Denken bestimmt ist, kommt es zur Ausnutzung des Beamten. Die Folgen sind verheerend. Früher konnte man jedes Teammitglied unangekündigt mitten in der Nacht anrufen und alle kamen eine Stunde später zur Dienststelle gerast. Die Reihen sind in den vergangenen Jahren verständlicherweise lichter geworden.

Die Ruhephasen werden im Denken der planenden höheren Etagen zu ineffizienten Leerzeiten, die es zu füllen gilt. Durch die Unterlassung einen Schichtdienst einzurichten, werden für den Haushalt ein paar EURO eingespart. Einer seltsamen Logik folgend, betrachten die Entscheidungsgremien diesen Dienst weniger belastend, als den Schichtdienst.
Der Beamte zahlt den Preis, in dem er oder sie vollkommen die Kontrolle über das Leben außerhalb des Dienstes verliert. Wie will man unter diesen Bedingungen in einem Verein mitarbeiten, sich für die Kinder in der Schule engagieren oder einfach mal einen  Tanzkurs mit dem Lebenspartner belegen.

Für meinen Teil habe ich zwanzig Jahre lang in einer Situation gearbeitet, in der ich lediglich 8 Stunden im voraus wusste, wann ich am nächsten Tag, inklusive der Wochenenden und Feiertage, arbeiten werde. 
Die europäischen Arbeitszeitregelungen werden dabei auch nicht eingehalten, da sie jede Menge Ausnahmen kennen. Amüsant war das bei einem psychologisch betreuten Bewerbungsverfahren. Ich musste einen Psychotest absolvieren, in dem ich nach meiner Lebensplanung gefragt wurde. Ich antwortete: Es gibt keine. Das zog einige Fragen nach sich. Ich beschrieb daraufhin meinen Alltag.
„Ich gehe nach 8 Stunden in die Dusche. Unter der Dusche erzählt mir ein Kollege, dass ich am nächsten Tag um 07:30 Uhr da sein soll. Auf dem Weg von der Dusche zum Spint hat sich alles wieder geändert. Nun heißt es 15:00 Uhr. Auf dem Weg nach Hause bekomme ich einen Anruf. Jetzt ist von 22:00 Uhr die Rede. Der nächste Tag ist ein Sonntag. Ich brauche Sonntags eine halbe Stunde von zu Hause zur Dienststelle. Kurz vor dem Eintreffen bekomme ich einen Anruf, dass sich alles erledigt hat und ich wieder beidrehen kann.“ Bitte, wie soll man ein solches Leben planen?

Ich betone: Ich hätte jederzeit gehen können. Da ist der Part der Eigenverantwortlichkeit für sich selbst. Aber ich bin nicht ohne Grund auf das Beispiel mit dem Generator gekommen. Außerdem macht es irgendwann keinen Sinn mehr zu gehen. Nach einigen Jahren hat man sich an dieses Leben gewöhnt und kann gar kein anderes mehr führen.

Mein langes Verharren führte dazu, dass ich einen Überblick bezüglich der Entwicklung bekam. Ich möchte an dieser Stelle einen jungen ausgeschiedenen Kollegen zitieren:

„Trölle, sie bedienen sich an uns, wie an einer Chipstüte. Wie ein Chips sollen wir nicht denken oder gar reden. Wir sind operative Beamte, aus ihrer Sicht sind wir das Letzte.“

F, 30 Jahre, POM a.D.

In einem zurückliegenden Beitrag über Konflikte in der Berliner Polizei erwähnte ich, dass es bei der Kriminalpolizei niemals um eine echte Bekämpfung, sondern um eine Verwaltung der Kriminalität geht. Es geht gar nicht anders.
Straftaten sind wie Unkraut. Sie werden den Garten niemals mit normalen Mitteln frei bekommen. Wenn Sie das schaffen wollen, brauchen sie Agent Orange oder Roundup. Leider vernichten sie damit alles und stehen am Ende vor einer Steppe. Wer das nicht frühzeitig akzeptiert, legt sich selbst einen gepflasterten Weg zum persönlichen Endpunkt. 

Die wenigsten in der Öffentlichkeit auftretenden „Debattierer“ haben eine Vorstellung von Berufskriminellen oder wollen sie öffentlich kundtun. Wie heißt es so schön: Details würden die Öffentlichkeit beunruhigen. Fakt ist, abgehangene Persönlichkeiten aus Ländern, in denen Überleben ein echter Kampf ist, treffen auf eine Gesellschaft, deren Themen Sexismus, Rassismus, Gender – Ausgleich, die sexuellen Eskapaden von temporären Promis, sexuelle Belästigungen pp. sind. Die Lachen sich halb schlapp und ziehen ihr Ding durch. Beispielsweise plant ein russisches Bandenmitglied einen fünfjährigen Gefängnisaufenthalt in einem der reicheren europäischen Länder fest in seine Biografie ein. Das ist eben so. Wir kommen nicht daran vorbei es hinzunehmen. Wir können schlecht Gefängnisse wie ein Zoo gestalten, in dem jeder Gefangene eine Zelle bekommt, wie er es in seinem Heimatland zu erwarten hätte. Wie immer bringt Reichtum auch seine Problematiken mit sich. Der Hartz IV Empfänger in Marzahn muss sich vor diesen Tätern nicht fürchten. Zu ihnen wird er nicht kommen. Dann hätte er auch zu Hause bleiben können. Das ist das Problem der reichen deutschen Gesellschaft. Die Mitglieder wollen protzen, aber nicht den Preis dafür bezahlen. Mein Mitleid hält sich mittlerweile in Grenzen. Ich bedauere nur, dass ich knappe 30 Jahre brauchte, um das zu erkennen.

Jedem der diesen BLOG hier liest und sich in einer ähnlichen Situation befindet, wie ich es hier geschildert habe, möchte ich etwas mit auf den Weg geben. Niemand, der über Jahre hinweg Vollgas gegeben hat, ist davor gefeit in eine Lage zu geraten in der die Post nicht mehr geöffnet wird, die Beihilfe und die Arztrechnungen über den Kopf wachsen, der Lebenspartner das Weite gesucht hat und vieles mehr schief gegangen ist, wo man früher im intakten Zustand, mit den Finger drauf zeigte.

Die Psyche ist keine Maschine, sondern ein filigranes System.

Wenn man die Gelegenheit bekommt mit Kollegen wirklich offen zu sprechen, ist man erschrocken, wie viele in der Leere hängen und auf den beschriebenen Tag mit immer höherer Geschwindigkeit zu streben. 

Schon der alte Säufer und Autor Charles Bukowski stellte fest, dass es Tage gibt, an denen man denkt: Es geht nicht weiter. Dann lacht man darüber, weil einem einfällt, wie oft man das schon in der Vergangenheit dachte.

Geht es um die Polizei ist das Geschrei in der Öffentlichkeit oft groß. Ich denke, dass ist eine Art Tradition in Deutschland. Beim Fußvolk habe ich in 30 Jahren wenige wirklich faule Beamte kennengelernt. Es gibt sie, dass will ich nicht Abrede stellen. Ich erinnere mich an einen Kerl, der quasi sein Wohnzimmer samt seines Fernsehers nachts ins Büro geschleppt hatte und sich jeden Tag dort einschloss, bis der Kommissariatsleiter die Tür eintrat. Aber diese Ausnahmen landen meistens nicht in der Presse. Die dort landen, sind diejenigen, welche weit über alle Grenzen hinaus gegangen sind.

Immer wenn ich etwas über vermeintliche Manipulationen, Mauscheleien, verschwundene Aktenvermerke oder Ähnliches lese, ergreift mich Traurigkeit, weil ich weiß, dass es wieder einen der Engagierten erwischt hat.


Immer mal wieder gibt es echte „Seitenwechsler“. OK! Das gehört zum Geschäft. Es werden immer Leute versuchen, einfacher ans Geld zu kommen. Intern ist der Druck wegen der desolaten Stellenlage extrem hoch. Bis zur Besoldungsgruppe A12 hängt sich kaum einer in die Seile, und meistens wollen die auch noch was werden. Ich denke immer: „Ihr werdet alt, aber nicht mehr …“, doch das ist deren Problem.“
Ich gebe zu, dass ich beispielsweise meinen Hauptkommissar noch recht einfach bekam. Heute müssen Leute bereits für A10 ein Assessment – Center durchlaufen.

Ich kann dem außenstehenden Leser nur raten: Glauben Sie nicht alles, was in den ersten Tagen über einen vermeintlichen Skandal in der Presse steht. 99,9 % aller Verschwörungstheorien sind vollkommener Blödsinn, weil sich niemand vorstellen kann, wie einfach manche Geschichten sein können. Die einfache Geschichte verkauft sich nur schlechter. Die Zeiten eines investigativen Journalismus in den gängigen Publikationen sind vorbei.

Vor ca. 20 Jahren befand ich mal in einer Situation, die aktuellen „Skandalen“ ähnelt. Zwei Aussagen haben mich durch die Zeit gebracht. „Hast Du Dir als Polizist etwas vorzuwerfen?“ und „In zehn Jahren interessiert das keine Sau mehr!“

So bitter, wie es klingt: Jeder innerhalb einer Besoldungsgruppe bekommt am Anfang des Monats den identischen Betrag auf das Konto überwiesen.

Um die Weihnachtszeit herum rief mich ein ehemaliges Teammitglied an, der zwischenzeitlich auf einer Stabsdienststelle „arbeitete“. Er wusste, dass ich mich ganz gut mit Textverarbeitungen auskenne. „Sag mal, wie bekomme ich in ein Dokument eine Bitmap oder wie das heißt eingefügt? Und gibt es da auch Weihnachtsmänner?“
„Du musst über Einfügen gehen. Ja, es gibt Weihnachtsmänner. Aber warum willst Du das wissen?“
„Der Direktionsleiter will es ein wenig nett machen und ich soll mit dem Beamer einen Weihnachtsmann an die Wand werfen.“
„Äh? Wie lange brütest Du bereits über diese Aufgabe?“
„Seit gestern Nachmittag!“

So geht‘ s auch. Und der Kollege steht nicht in der Zeitung. Seine Wohnung wird nicht durchsucht. Ihm werden nicht die privaten Mobiltelefone abgenommen. Der bekommt keine Scheidungspapiere zugestellt … im Gegenteil, er wird sogar schneller befördert. Denkt mal drüber nach.

Das war der letzte Teil zum Thema BURNOUT. In nächster Zeit werde ich mich ein wenig mehr den Vorbereitungen meines Asientrips widmen. Hierzu werde ich natürlich berichten. Knappe 10.000 km mit dem Zug, da wird es auch die eine oder andere Gelegenheit zum Schreiben geben. Wer zum Thema noch Fragen an mich hat, kann sich bei mir gern persönlich melden.

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