Schmuck Hippie

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„Sag mal, Du wirkst irgendwie gar nicht wie ein Polizist. Hast Dein Leben ja wirklich völlig umgekrempelt.“, sagt Thomas und schaut mich dabei von der Seite an.

Im Fernseher setzen die Avengers mit malaischen Untertiteln zur letzten Schlacht an. Wegen der wummernden Reggae Musik ist der Originalton kaum zu hören. Mir ist bewusst, dass da noch etwas kommt.

„Wie ist das eigentlich. Wird man als Polizist automatisch rechts? Hat das was mit dem Beruf zu tun?“, setzt er hinterher. Thomas würde man zu Hause als Aussteiger bezeichnen. Aber eigentlich ist er keiner, weil er niemals drinnen war. Mit 18 schloss er eine Lehre ab, packte den Rucksack und begann durch Südamerika zu reisen. Selbst bezeichnet er sich als Hippie. Laut seiner Beschreibung seien in Südamerika alle Hippie, die ihr Leben als reisende Schmuckverkäufer bestreiten. Er schläft in einem kleinen Zelt hinter dem Hostel. Mein kleiner Raum, nicht größer als eine Gefängniszelle mit einem alten Etagenbett ist schon einfach, aber er toppt alles. Ich bin etwas älter als er. Vor ein paar Tagen erzählte er irgendetwas von Mitte 40ig.

Ich schaue ihn an. „Bevor ich Dir antworte, würde ich gern wissen, was für Dich rechts ist.“, antworte ich ihm. Er stutzt kurz. „Na, rechts halt! Was man halt darunter versteht.“

Ich schüttle mit gespitzten Lippen leicht den Kopf. „Das ist mir zu einfach. Stolzer Deutscher? Nationalist? Juden Hasser? Ausländerfeindlich? Einer der gern Linke aufmischt? Was meinst Du?“

Thomas weiss nicht so recht, was er antworten soll. Laut überlegt er und wirft wild Begriffe durcheinander. Dann entscheidet er sich. „Rechts ist einer, der sich in das System und die Hierarchie einfügt. Ein Linker ist kritisch, progressiv und nicht engstirnig.“

„Aha!“, kommentiere ich seine Definition. „Dann waren treue DDR Bürger Rechte? Hierarchie hatten die ohne Ende. Angepasst waren sie auch und ein System hatten sie auch. Haben sich aber als Sozialisten bezeichnet.“

„Nein, das meine ich nicht. Ich meine, wenn sie Rechte beschützen, aber Linke verprügeln.“

„Vielleicht verhauen sie ja alle, die sich nicht an die Spielregeln halten? Egal ob einer „Heil Hitler! brüllt oder „Bullenschweine“ schreit, und sich beim Steinewerfen den Arm auskugelt. Vielleicht gehen ihnen diese Kackvögel alle auf die Nerven? Ist doch irgendwie ne klare Sache. Wenn ich mich in den Boxring stelle, darf ich mich nicht wundern, wenn sich der andere wehrt. Oder?“

„Aber Polizisten werden doch dafür ausgebildet Gewalt zu vermeiden.“, kommt von Thomas. Ich merke, wie sich mein Gesicht zu einer Maske verformt. „Gewalt verhindern? Auf Gewalt gibt es immer nur eine Antwort: Gewalt! Stellt sich immer nur die Frage, wer damit anfängt und da sind sich alle nicht einig. Ich habe mein ganzes Leben mit Gewalt gelebt. Wer sie ausführt muss lernen, dass es immer eine Antwort gibt, sonst drehen sie frei, weil sie damit Erfolg haben.“

„Sagst Du als Polizist?“ „Ex! Darauf lege ich wert. Nein, als Mensch. Sagt der Junge aus der Hovhhaussiedlung. Sagt der Mann, der das Nachtleben kennt. Sagt der Mann, der zu viele Drecksäcke kennt, die glauben mit Gewalt Schwächere unterdrücken zu können. Sie alle haben auf die Fresse verdient, bis sie kapieren, das sie damit nicht durch kommen. Gewalt ist unpolitisch. Es geht immer darum, brutaler als ein anderer zu sein.“

Thomas schaut auf seine vom Barfusslaufen schmutzigen Füsse. „Gewalt kenne ich. In Bolivien herrscht mehr so die Anarchie. Die hängen auch mal jemanden einfach auf. Die Leute haben nicht viel Vertrauen zur Polizei.“ Er merkt plötzlich, dass er mit seinem rechts nicht weiter kommt. Er fängt an davon zu erzählen, wie er in 20 Jahren den Kontakt zu Deutschland verloren hat. Alles was er weiss, erfährt bei Besuchen der Mutter im Sauerland. Der Bruder ist rechts. Er hasst Ausländer und lebt in seiner Blase. Die Avengers verkloppen derweil im Fernseher Loki, den abtrünnigen Bruder von Thor. Plötzlich setzt er neu an. „Warum bist Du gegangen?“

„Weil sie mir alle auf die Nerven gingen. Die kaputten echten Rechten drehen am Zeiger. Sie kapieren nicht, wie simpel ihr Denken ist. Die machtgeilen Vögel von der CDU und die gecasteten aalglatten Karrierevögel der FDP rollen ihnen den braunen Teppich aus. Völlig durchgeknallte Kids auf XTC, verwirrtes Zeug labernd, halten sich für Cheguevara. Und alle samt sind das Ergebnis eines auf Gier basierenden vermodernden Systems. Das hat mein Kopf nicht mehr hinbekommen. Und diese Kleinbürger, machen es nicht besser.“

„Das ist alles an mir vorbei gegangen. Mein Bruder hatte ein Burnout. Ich habe das lange nicht verstanden. Depressionen und so. Ich hab mal versucht zu meditieren. Aber ist nicht mein Ding. Kopf abschalten ist nicht machbar.“

Ich denke mir meinen Teil. Er ist an sich ein feiner Mensch. Tagelang hat er einem jungen Malaien das Flechten von Armbändern beigebracht. Nicht die üblichen einfachen Sachen, sondern echt interessante hübsche Bänder. Für mich ist dabei auch eins abgefallen. Aber der junge Kerl wird daran scheitern, dass er kein gutes Material bekommt.

Die Avengers haben die letzte Schlacht für sich entschieden. Ich habe Thomas noch den Weg zu einem der einsamen Strände beschrieben. „Vielleicht sieht man sich nochmals On the Road!“ „Ja, vielleicht.“

Ich bleibe mit der Frage zurück, was solche Typen machen, wenn sie alt werden sollten. Vor allem in einem Deutschland, welches mittellose Alte als lästiges Übel betrachtet. Oder macht einer wie er, einfach Schluss? Ich glaube er erwähnte etwas in dieser Richtung in einem Nebensatz. Irgendetwas mit frei gelebt und frei gestorben.

Jetzt gerade bin ich schon ziemlich lange an einem Ort. Langsam zieht es mich wieder auf die Strasse.

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