Februar 19 2019

Eine Hommage an meine Familie …

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Letztens fragten mich in einer Bar ein Lette und ein Ire, ob ich aus West Berlin oder Ost Berlin stammen würde. Bei meiner Antwort bemerkte ich, wie eine ordentliche Portion Stolz in mir hochkam. «West – Berlin!», antwortete ich. Wenn ich überhaupt so etwas wie eine Heimat habe, dann ist es diese nicht mehr existierende historische Stadt. Die beiden setzten nach. Sie wollten wissen, ob meine Familie den ganzen Mist mitgemacht hat oder zuwanderte. Niemand wanderte damals nach Berlin. Plötzlich gingen mir all die ganzen Geschichten wieder durch den Kopf.

Meinem Gefühl nach, welches nach Gesprächen mit anderen meiner Generation entstand, waren Menschen in anderen Städten weniger an politischen Themen interessiert. Väterlicherseits war mein Großvater in der Weimarer Republik zusammen mit seinen Brüdern in der KPD. Einige wurden als Widerstandskämpfer geehrt. Die Wurzeln der Familie lagen im Arbeitermilieu. Roter Wedding spricht man nicht mit Bedauern aus, sondern mit Stolz. Dieses Milieu war nicht einfach. Von meinem Großvater wurde mir berichtet, dass er sich von allen enttäuscht abwendete, als die «Gruppe Ulbricht» im Nachkriegsberlin auftauchte und die Kommunisten sich neu formierten. «Thälmann würde sich im Grab umdrehen, wenn er Euch hören könnte!», soll er gesagt haben.

Der Konflikt zwischen Ost u. West war in der geteilten Stadt eine stets präsente Geschichte. Und die Arbeiter hatten nichts vergessen. Zum 17. Juni gibt es interne Familiengeschichten, wie auch zum Mauerbau und dem daraus entstandenen Riss in der Familie. Die Generation meiner Eltern spielte noch in den Trümmern und Ruinen, erfuhren die Not der Lebensmittelmarken und bejubelte die vom Himmel fallende Schokolade, die die Piloten der «Luftbrücke» abwarfen. Wie überall standen alle aus den Trümmern wieder auf. Ich wurde 1966 am Gesundbrunnen, in unmittelbarer Nachbarschaft zum alten «Roten Wedding» geboren. Meine Eltern hatten wenig Zeit, sich eine Jugend, wie wir sie heute kennen zu leisten. Der hier schreibende «Kleine Hosenscheißer» hatte Hunger. Über Charlottenburg ging es zum Berliner Stadtrand nach Spandau. Mühsam rackerte sich die Familie aus dem alten Arbeiterbezirk heraus. Die Alten blieben bis zum Ende in alter Verbundenheit in ihrer Heimat, dem Wedding. Ich erinnere mich noch gut an die Worte meiner Großmutter zum Thema Reisen: «Ich habe wenige schöne Plätze im Leben gesehen. Einmal war ich auf dem Broken. Aber das Wenige was ich sah, habe ich gespeichert. Und wenn ich verreisen will, schließe ich die Augen und sehe mir die Gegend nochmals an.»

Ich habe nicht vor Berliner Arbeiterfamilien zu glorifizieren. Ich würde es mal etwas euphemistisch als den harten Weg bezeichnen, der mit den Vorstellungen des heutigen Mittelstands wenig zu tun hat. Mein «Alter» wollte damals weg. Hinaus in die Ferne, aber das funktionierte nicht. Wie erwähnt, ich säße dann nicht hier und schriebe diese Worte. Nicht wenige meiner Generation, hatten entweder nur einen Elternteil oder es wäre besser gewesen, wenn sie wenigstens einen davon niemals kennengelernt hätten. Viele denken darüber nicht nach, aber weder der Krieg, noch die Folgezeit, oder die erlernten Verhaltensweisen verschwinden einfach mal aus einer Familiengeschichte.

Das lässt sich meiner Beobachtung nach, häufig sogar bei politischen Einstellungen nachvollziehen. In Weimar und während des III. Reiches war das konservative Bürgertum eine Stütze der Nationalsozialisten. Die Arbeiter vom Wedding, die in der Rüstungsindustrie malochten, erahnten, worauf die Nummer hinaus läuft. Man kann in historischen Berichten von einigen handfesten Auseinandersetzungen in den Fabriken lesen. Die Ersten, welche den Satz prägten: «Es war nicht alles unter Adolf schlecht.», stammten aus dem Bürgertum. Der Nationalsozialismus war mehr, denn der Holocaust, er bediente auch Persönlichkeitselemente.

Die es damals aus dem Wedding und seinen Strukturen herausschafften, erkannten: «Schulbildung ist der Weg raus!» Sie verstanden Schulbildung nicht als etwas, was die Kreativität, Analytik, die Fähigkeit sich Wissen selbst anzueignen, vermitteln sollte, sondern sie setzten mehr auf das Wissen an sich. Wissen, was sich später in einem ernährenden Beruf anwenden ließ. Philosophie, schöne Künste, Religion und andere Geisteswissenschaften wurden anerkannt, dennoch als brotlose Kunst bewertet. Was einen nicht mit Sicherheit ernähren kann, ist nicht erstrebenswert. Aus deren Perspektive absolut nachvollziehbar.

Ich war schockiert, als mir eine Lehrerin auf dem Gymnasium erläuterte, dass die verwendete Sprache, die Fähigkeit sich ohne ständige Wiedergabe der wörtlichen Rede und das Vokabular, dem gesellschaftlichen Aufstieg hinterher hängen. Deshalb merke der Zuhörer, trotz passender Inhalte, wo die Ursprünge der Familie lägen. Schockiert trifft es nicht, ich war erbost! Mein «Alter» gab mir damals auf meinem Weg folgende Worte mit: «Wenn Du aufsteigst, vergiss nicht, wo Du her kommst und verlerne nicht die Sprache des einfachen Mannes. Das ist der Gesellschaftsvertrag. Die Arbeiter sorgen dafür, dass intelligente Menschen eine Ausbildungschance bekommen und denen entsteht daraus die Verpflichtung, die Gesellschaft voranzubringen.» Ich weiß nicht, ob das auf seinem Mist gewachsen ist, auf jeden Fall ist es gut. Gut ist auch, dass er es sagte. Traurig ist, dass das nicht viele mit auf den Weg bekamen.

Bei allen Reibereien die wir in der Familie hatten und den Debatten, die wir führten, übersah ich lange einen wesentlichen Punkt: Wir hatten sie! Und selten erkannten wir, wie wichtig das ist. Ich konnte nur derjenige werden, der ich bin, weil ich die Chance bekam, mich daran abzuarbeiten. Und meines Wissens war das keine Einbahnstraße. Trotz schmerzlicher Erfahrungen, die in einer Biografie niemals ausbleiben, partizipierten wir aneinander.

Mein Leben bis hier, war davon geprägt, mich mit dem Identitätskampf zwischen Arbeiter – und Bürgertum auseinanderzusetzen. Den Beweis anzutreten, ich bin mindestens genauso gut wie Ihr. Vielleicht war es auch unterschwellig die Idee den Haufen von innen heraus aufzuräumen. Ins Bürgertum einzuheiraten und mir nächtelange Auseinandersetzungen über Doppelmoral, Borniertheit, Proletarierstolz, Arroganz des Bildungsbürgertums, nationalsozialistische Familienvergangenheit zu führen, gehörte sicherlich dazu.

Ich schrieb: Bis hier! Ich habe begriffen, dass es um eine Emanzipation auf verschiedenen Ebenen ging. Die eigenen Rollen im Leben anzunehmen, die Rollen anderer zu verstehen, Entwicklungen zu akzeptieren und den Menschen hinter der Rolle zu sehen. Möglicherweise nennt sich das, Erwachsen werden. Was wir darunter verstehen ist sehr verschieden. Natürlich gibt auch hierfür Definitionen und Abhandlungen. Aber wer interessiert sich schon für solche Dinge außerhalb eines Psychologiestudiums? Ich würde es am ehesten mit dem Vorhandensein eines Bewusstseins für das eigene Leben beschreiben, auf jeden Fall mache ich es nicht am Alter fest, meiner Überzeugung nach, sterben viele pubertierende Kinder im hohen Lebensalter.

Ich fand es sehr amüsant, als ein Psychologe in einem Seminar die Teilnehmer aufforderte «das innere Kind» an die Hand zu nehmen und sich als Erwachsener schützend davor zu stellen. Halt Anthroposophen, dazu mag ich mich nicht äußern. Aber klasse fand ich die Frage einer Frau im mittleren Alter: «Was mache ich, wenn ich keinen Erwachsenen finde, der sich vor mich stellen könnte?»

Rolle bedeutet auch, dass mir ein Regisseur ein Skript in die Hand drückt und mich auffordert loszulegen. Was soll ich tun? Wer keine schauspielerische Ausbildung hat, wird sich selbst spielen und nach besten Gewissen sein Schauspiel abgeben. So erging es jedenfalls den alten Generationen, wenn sie Eltern wurden. Der nachfolgenden wurden wenigstens die grundsätzlichen Dinge einigermaßen erklärt. Mit einigen Übertreibungen. Es war die Zeit, wo man klare Vorstellungen von Haushaltsführung, Kinderbehandlung, Geschlechterrollen und Berufsleben hatte. Bei mir schwirrten immer ein paar Bücher im persönlichen Antiquariat herum. Ich erinnere mich an Titel wie «Sehen, Beurteilen, Handeln!», «Das große Buch der Kinderpflege», «Elektrisch Kochen» und praktische Ratgeber für die Verwendung der neuen Haushaltstechniken. Mit einem Grinsen im Gesicht muss ich feststellen, dass ich Leute kenne, denen ich es schenken sollte. Es war ach die große Zeit der Sportvereine. Holt die Gören von der Straße, dann machen sie keinen Blödsinn und lernen Sozialverhalten.

Fakt ist aber auch, dass innerhalb meiner Lebenszeit umwälzende Ereignisse stattfanden, die nicht ohne Folgen blieben. Die Digitalisierung hat in alle Lebensbereiche Einzug gehalten. Mit positiven, negativen, und schwer bewertbaren Auswirkungen. Wie gesagt, bisweilen wünsche ich mir von dem einen oder anderen Menschen: «Sehen, Beurteilen, Handeln». Dafür müsste sich diejenigen die Zeit nehmen, statt spontan mit einem Tastendruck einen Handlungsablauf in Gang zu setzen. Ein dauerhafter Blick in die virtuelle Welt, ist beim Sehen der Realität auch nicht förderlich.

In meiner Generation entwickelten viele meiner Mitstreiter ein gewisses Verständnis für Pädagogik und wir machten neue Fehler. Dinge wie pränatale Beeinflussung des Kindes, natürliche und gesunde Ernährung, Turngruppen für Kleinkinder, frühkindliche Spracherziehung und Talentförderung, ein breitgefächertes außerschulisches Bildungsangebot wurde unterbreitet – jedenfalls im Bürgertum, der Mittel – und Oberschicht. Unten gab es weiterhin auf den Zahn, wenn es nicht lief.
Und wie schon früher, stellen sich die halb – und tatsächlich gebildeten eher gegen den Lehrer, weil sie der Auffassung sind, es besser zu wissen. Ich schließe das nicht aus, aber wegen der Betriebsblindheit hinsichtlich des eigenen Sprösslings, sollte man sich das Bild des Lehrers wenigstens mal anhören. In den einfacheren Familien, besteht häufiger die Neigung, sich mit dem Lehrer, wenn er passend auftritt zu solidarisieren. Bei zur Schau getragener Arroganz kommt es allerdings zum Gegenteiligen. Meine Kinder sind alt genug und falls sie Kinder bekommen sollten, werden sie ihre Fehler machen.

Bewusstsein für die Rolle, als Vater, selbst Kind, Großvater, Freund, die berufliche Rolle, die Folgen des eigenen Lebens und vor allem für das eigene Sein und den Lebensabschnitt in dem man sich befindet zu entwickeln, ist nicht einfach.

Vieles fiel mir persönlich erstmals auf, als ich feststellte, dass ich in einem Alter angekommen war, wo meine Kinder Ablösungsprozesse von mir durchlebten, an die ich mich gut erinnern konnte. Damals sah ich knochenalte Menschen vor mir stehen, und nun drehte ich mich herum und suchte den alten Mann, von dem die immer redeten. Die meinten tatsächlich mich!

Nun bin ich in einer Lebensphase, in der Eltern meiner Freunde aus dem Leben scheiden. Eins habe ich bereits daraus gelernt. Viele stehen nach der Beerdigung mit der Erkenntnis da, dass sie noch viele Fragen hatten, die sie niemals stellten. Oft tritt auch die Trauer über die vielen kleineren und größeren Dispute ein, die sich im Angesicht des unvermeidlichen Endes, als sinnbefreit erweisen. Man hätte so vieles anders machen können, wenn man es einfach hingenommnen hätte. «Hätte, hätte, Fahrradkette!», riefen wir früher.

Bemerkenswert finde ich, dass ich und meine Zeitgenossen in einer Zeit des Friedens und Wohlstands in Deutschland lebe und damit die besten Voraussetzungen gegeben sind, ein Bewusstsein zu erlangen. Erst wenn die grundlegenden Bedürfnisse eines Menschen erfüllt sind, ist er in der Lage sich weitergehende Gedanken zu machen. Da besteht der Unterschied zu den alten Zeiten im zerbombten Berlin und in den Kriegsjahren zuvor. Der Weg meiner Familie hat nach ca. 100 Jahren einen Abschnitt erreicht, an dem die folgenden Generationen grundsätzlich alle Möglichkeiten haben. Einen, den sich mein Großvater vermutlich niemals hätte ausmalen können.

Doch neue dunkle Wolken ziehen am Horizont auf. Die Dekadenz demontiert das Bewusstsein. Viele reden gern von einer Bewusstseinskontrolle. Meiner Auffassung nach, ein Widerspruch oder eine falsch gewählte Formulierung. Wer im philosophischen Sinne eins hat, ist immun gegen Manipulationen oder kann sich dagegen wehren. Ich sehe das Problem darin, dass die meisten keins haben, deshalb auch keine Identität entwickeln und ihnen eins von fremder Seite her gegeben wird. Anteilig geht es somit darum, die gewonnene Identität zu verteidigen.

Unser Körper und der Geist verknüpfen Sinneswahrnehmungen, wie Gerüche, bestimme Frequenzen und Widerhall und Licht, mit Emotionen. Wenn ich eine Werkstatt betrete, in der es nach alten Schmieröl, Metall und dem markanten Geruch eines Schweißgeräts oder dem, welcher von Kontaktkohlen eines Elektromotors ausgehen, riecht, bin ich zu Hause. Da komme ich her. Das ist mein persönlicher «Rosebud» aus Citizen Kane.

Mit Sorge schauen gerade die alten Arbeitersprösslinge, denen Weimar durch ihre Eltern noch nah war, die Berlin noch zerstört sahen, Not und Elend des Kriegs kennen, die in Berlin ankommenden umherirrenden Flüchtlinge aus den Ostgebieten sahen, die Zerrissenheit der Familien durch die Kriegserlebnisse erlebten, die Traumata der heimkehrenden Väter zu spüren bekamen, auf die kommende Zeit. Das Bürgertum war auch vom Krieg betroffen, aber es erholte sich vom Krieg schneller. Die bereits vorhandene Bildung, Netzwerke, politische und wirtschaftliche Aufstiegschancen waren ungleich besser.

Sie fühlten einen Verrat der aus ihrer Sicht eigentlich guten Sache. Bürgerliche Ordnung, Sicherheit, Disziplin, die gute Stube, klare Unter – und Überordnungsverhältnisse, das deutsche Volk mit seinen vermeintlichen Erfolgen in der Kaiserzeit, die Wiederauferstehung und wenigstens den Versuch unternommen zu haben, den Verrat und die Demütigung von 1918 rückgängig zu machen, waren in ihrem Sinne. Nicht das nationale Völkische und der sie einigende Patriotismus war schlecht und ursächlich, dieser durchgeknallte Österreicher mit seinen Vasallen hatte sie in die Katastrophe geführt. Aus ihren Reihen stammten die glorifizierten aufrechten Offiziere der Wehrmacht, die lediglich Dienst für das Vaterland leisteten. Traditionelle deutsche Werte, die heute noch oder erst recht wieder, eingefordert werden.

Wir sind die Summe aus vielen Erfahrungen und Prägungen. Auch die Familienhistorie, die von einer zur nächsten Generation weiter gegebenen Werte gehören dazu. Wir können uns das nicht aussuchen. Die Geburt wirft uns in die Familie hinein. Allein die Entscheidung, was wir mit dem machen, was wir vor finden obliegt uns selbst.

Mit meinem Patriotismus, Vaterlandsliebe, und dem Stolz Deutscher zu sein, sieht es nicht gut aus. Mit Beginn der Industrialisierung war dieses Konstrukt niemals nett zu den Arbeitern.

Sie wurden bei der Revolution vom Bürgertum zusammengeschossen, der Kampf für bessere Lebensverhältnisse wurde brutal niedergeschlagen, quasi jeder Intellektuelle, der sich auf die Seite der Arbeiter schlug wurde diffamiert oder ihm geschah Schlimmeres. In beiden Kriegen hatten sie die meisten Opfer. Jede Verbesserung musste dem Bürgertum im harten Kampf abgerungen werden. Damit schließe ich nicht aus, dass sich unter den Rechten auch immer Arbeiter befanden. Doch die Vordenker saßen wo anders und wurden nicht von dort aus gestellt.

Stolz ist eine angeborene und nicht anerzogene Emotion, die sich in der Evolution bewährt hat. Ich bin stolz auf den Werdegang meiner Familie und den Errungenschaften, die einmal mit Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Ich stehe zu dem Gedankengut und den Werten, die aus dieser Geschichte hervorgegangen sind. Meiner Empfindung nach, ist meine eingenommene Kontraposition zu vielen bürgerlichen und vor allem kleinbürgerlichen Werten und der latent in mir schlummernde Anarchismus, eine Fortsetzung der Geschichte.

Anarchie ist nicht, das Chaos, wie es in bürgerlichen Kreisen oftmals behauptet wird, sondern der Widerspruch gegen künstliche starre Hierarchien, die mittels institutioneller Autorität und zugeteilten Machtmitteln agieren. Etwas, was in produktiven Gruppenstrukturen selten funktioniert. Ein Kolonnenführer in einem produzierenden Betrieb, der keine Ahnung von dem Job hat, sondern lediglich per Dekret die Führungsaufgabe bekommen hat, wird nicht lange bleiben.

Bei aller notwendigen kritischen Auseinandersetzung, möchte ich mit diesem Beitrag aus gegebenen Anlass mal an einer besonderen Stelle, nicht Dankbarkeit zeigen, sondern Demut vor den Leistungen in der Vergangenheit zollen. Vielleicht habe ich deshalb in letzter Zeit allergisch auf den im Internet kursierenden Begriff Polizeifamilie reagiert. Auch das ist für mich unter Bewusstsein subsumiert.

Mir sind im Leben auch einige bürgerliche Familien begegnet. Eine hatte sogar zeitweilig die wahnwitzige Idee mich einzugliedern. Heute kann ich sagen: Ganz blöde Idee! Alle die ich erlebte, versuchten, einem kantianischen rationalen Idealbild zu entsprechen. Vorhersehbar scheitern sie daran immer. Doch in der Verweigerung diese Unmöglichkeit anzuerkennen, gehen die Konflikte bei Ihnen immer ins subtile und finden andere Ventile. Während es dann bei den Sprösslingen zu Verhaltensauffälligkeiten kommt.

Ich erinnere mich an einen jungen Hooligan der es mal auf den Punkt brachte: «Hey, meine Mutter ist Religionslehrerin und mein Vater ist Professor an der Uni. Ich hatte keine andere Chance, ich muss einfach mal auf die Kacke hauen.» Aber das ist ein weites Feld für Psychologen.

In meiner Familie wurde es oft turbulent, aber dafür offensichtlich und im Rahmen bereinigend. Wie immer, hat alles seine Vor – und Nachteile. Aus dem alten Weddinger Milieu entwachsene Familien haben eine für andere äußerst unangenehme Außenwirkung. Jeder Polizist kennt das Problem. Haben die einen Außenfeind oder geht es gar um die Kinder, wird es übel. Diesen Effekt unterliegen die aber auch intern. In meiner Zeit als Mediator bei der Polizei fand ich eins immer traurig. Wenn die beiden Kontrahenten vor mir eigentlich zum gleichen Ziel wollten, aber sich kommunikativ darüber nicht austauschen konnten. Sie verstanden nicht, dass sie zwar unterschiedlich handelten, dennoch das identische Produkt anstrebten. Ein Klassiker in der Mediation.

Ein anderer Klassiker ist, wenn sich die Streithähne gegenseitig in Rollen manövrieren. Das geht bei Menschen recht zügig. Eine falsche Assoziation, ein falsches Wort, eine unkorrekte Beobachtung, schon fängt der eine an sich in eine strafende Autoritätsrolle zu erheben und der andere mimt den auskeilenden Jugendlichen. Das ändert sich dann in Millisekunden. Der staunende Zuschauer wundert sich dann nur noch. Es gibt wunderschöne Theorien über die Einnahme einer rationalen Ebene. Alle Theorie ist bekanntermaßen grau.

Wer sich ein wenig bei Twitter herumtreibt, kann jeden Tag sehen, wie das schief geht, schon weil sich 45 jährige Pubertierende gegenseitig mit Dreck bewerfen.

Ein anderer Klassiker ist, wenn sich die Streithähne gegenseitig in Rollen manövrieren. Das geht bei Menschen recht zügig. Eine falsche Assoziation, ein falsches Wort, eine unkorrekte Beobachtung, schon fängt der eine an sich in eine strafende Autoritätsrolle zu erheben und der andere mimt den auskeilenden Jugendlichen. Das ändert sich dann in Millisekunden. Der staunende Zuschauer wundert sich dann nur noch. Es gibt wunderschöne Theorien über die Einnahme einer rationalen Ebene. Alle Theorie ist bekanntermaßen grau. Wer sich ein wenig bei Twitter herumtreibt, kann jeden Tag sehen, wie das schief geht, schon weil sich 45 jährige Pubertierende gegenseitig mit Dreck bewerfen.

Da hilft nur Bewusstsein herstellen. Wer bin ich gerade? Warum bin ich es? Was hat dazu geführt? Wie sieht die Energiebilanz aus und was ist mit der Kosten – Nutzenrechnung? Wenn man es bis über 50 geschafft hat, was nicht selbstverständlich ist, wird die Kosten – Nutzungsrechnung immer interessanter.

Das ist mein Job und meine Rolle im Generationenvertrag. Die alten Geschehnisse, Erfahrungen, Hintergründe, Geschichten aufzunehmen, sie mit dem Neuen, was ich dazu beitragen kann, abzugleichen und etwas daraus zu machen. Meine Töchter werden es weiter ergänzen.

Wiederholung schafft Wiedererkennen. Aus diesem Grunde nochmals abschließend. Meiner Meinung und vor allem Erfahrung nach, steht und fällt alles mit der Herstellung eines Bewusstseins. Dazu muss man Anhalten, einen Schritt neben sich machen, alles, Körper, Seele, Geist, das nähere und weitere Umfeld betrachten, um die eigene Rolle, Wirkung im Geschehen betrachten. Erst wenn das alles passiert ist, kann ich auch verantwortlich handeln. Dies schreibt einer, der in seinem Leben ziemlich oft als wütender und zorniger Kerl unterwegs war. Einer, der im Zweifel immer im konsequenten Vorwärtsgang unterwegs war. Begleitet wurde dies von einem Leben auf der Überholspur und einem sich immer mehr erweiternden Vielfrontenkrieg. Erst war ich dessen müde, heute bin ich von der anderen Lebensart zutiefst überzeugt.


Ich bin der Konflikte, die von pubertierenden Menschen um mich herum erzeugt werden und in mein Leben hineingetragen werden,überdrüssig. Ich möchte dazu ein typisch deutsches Beispiel geben: Kennen Sie Kleingartenkolonien? An sich würde die Bezeichnung Gartenkolonie ausreichen. Wo kommt also klein her? Man mag meinen, dass es von der Größe der Gärten her kommt. Das stimmt so nicht. Ich leite es von kleingeistig und Mikrokosmos ab. Wer das deutsche Bürgertum kennenlernen will und Studien betreiben will, miete einen Garten in einer Kolonie. Zunächst geht es darum, dass ein Regelwerk erstellt wird. Ob dieses einen Sinn ergibt oder nicht, ist uninteressant, Hauptsache es existiert. Dann gehen sie auf die Suche nach einem Vorstand, der narzisstisch genug ist, hieraus eine Identität zu beziehen.

Er ist Nutznießer und Opfer zu gleich. Durch die Erhebung aus der Normalität wird er zur Zielscheibe jeder nur erdenklichen Verschwörungstheorie.
Die Parallelen zum deutschen Staatswesen sind offensichtlich. Was einer unter Garten und seine Interessen daran versteht, ist sehr individuell. Ich arbeite mich ein wenig daran ab, schaue mir gern Insekten an, freue mich über wilde Gäste und finde es toll, wenn Sie bei mir ein wenig Restlebensraum finden. Dafür schichte ich diesen Gästen sogar eine Art „Bamboo Hut“ auf. Bürgertum und Individualität, finden Sie den Fehler! Im gewissen Rahmen, aber bitte nicht zu auffällig. Im nächsten Gang kommt es zu einer Überlegung: «Wenn ich mich kasteie und an die Regeln halte, warum nimmt sich der andere das Recht, dies nicht zu tun? Der soll sich gefälligst auch Kasteien, und wozu habe ich den ganzen Aufwand betrieben? Hält sich einer nicht an die Regeln, kommt es zu Veränderungen und Unruhe, dass wollen wir hier nicht.» Da dem Kleinbürger – da war es wieder das Wort klein – zur Konfrontation mit offenen Visier, der Mut fehlt, beginnen die subtilen Spiele.

Früher hätte ich in einer solchen Situation unter zwei Optionen zu wählen gehabt: «Drauf oder Drauf!» Heute ignoriere ich Sie einfach, ich bin weder an ihrem äffischen Spiel interessiert, noch gebe ich mich der Illusion hin, sie zu ändern, oder das ein Gespräch zu etwas führen würde.
Wie bei Twitter – nebenbei eine gigantische deutsche Kleingartenkolonie – ergibt das alles keinen Sinn. Das Beste daran ist, dass sie kaum eine Handhabe gegen meine Ignoranz haben und sie letztlich ihre eigene Lebenszeit opfern. Sorge bereitet mir nur, dass so viele von Ihnen existieren und sie ein Nährboden für einen autoritären Staat sind. Das sind die Mitläufer von damals, heute und morgen. Denunzianten haben immer ein niederes Motiv und die denen Zuhören, sollten sich ihrer Sache sehr sicher sein, wenn sie ihnen zuhören.

Meine Familie ist Kummer mit solchen Leuten gewöhnt und wir haben uns weiterentwickelt. Auch da bin ich voller stolz – meine Töchter gehen da noch ganz anders heran, wie ich. Ihre totale Immunität, gegen solche Verhaltensweisen ist wunderbar zu beobachten und macht Spaß. Manchmal wünschte ich mir ein wenig mehr Radikalität und Gelassenheit – aber das kommt vielleicht noch.

19.2.2019 Langkawi, in Gedanken am M.T.

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August 16 2018

November 1989 …

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Im November 1989 begann die Wiedervereinigung. Jeder, der diese Zeit bei der Polizei und Feuerwehr erlebte hat seine eigenen Geschichten erlebt. Ich finde, sie alle sind es wert festgehalten zu werden. Es war eben nicht dieser eine Tag, der 9.11.1989 an dem sich alles schlagartig alles änderte, sondern es folgte eine wilde Zeit.

Der Tag an sich war ein historisches Einzelereignis, bei dem in der nachträglichen Betrachtung einige Dinge gern übersehen werden, die in Zukunft wieder Bedeutung bekommen könnten.

Ich bewundere die Offiziere der Grenztruppen, die die Schlagbäume öffneten und keinen Schießbefehl gaben. Ein einzelner Schuss und es hätte eine Katastrophe gegeben. Eine auflaufende Menschenmenge läßt sich nicht einfach mal stoppen. Viele der heutigen Demonstranten für eine Grenzschliessung übersehen dies. Eigentlich muss man sagen: Wer diese Nacht erlebt hat, sollte die Ereignisse 2015 auch mal unter diesem Gesichtspunkt betrachten.

Schaue ich auf damals zurück, fehlt mir persönlich der chronologische Ablauf der Geschehnisse.

Eins weiß ich noch: Es gab einen Plan … der gründlich in die Hose ging. Die Polizei West und Ost sollte nach und nach, geordnet und strukturiert zusammengeführt werden. Dazu muss Jüngeren die Ausgangslage erklärt werden.

Zu Mauerzeiten hatte die West – Berliner/Berlin – West (siehe weiter unten) Polizei einen sogenannten Kombattantenstatus. Das bedeutet, die Polizisten durften im Kriegsfall legal abgeknallt werden, hätten aber im Falle einer Gefangennahme die Genfer Rechte in Anspruch nehmen können.

Es tobte der Kalte Krieg und das geteilte Berlin galt als Frontstadt. Gemäß der allierten Bestimmungen wurden Polizisten im Westteil der Stadt noch am MG , zeitweilig an Granaten und Sturmgewehren ausgebildet. Es gab zu dieser Zeit abstruse Pläne. Auf ein geheimes Stichwort hin, hätten sich alle Polizisten bei der nächsten Dienststelle melden müssen und wären dort in Kampfeinheiten aufgeteilt worden, um zusammen mit den alliierten Streitkräften die herranstürmende Rote Armee aufzuhalten. Die wären im Ernstfall vermutlich einfach um Berlin herum gelaufen, aber der Kalte Krieg hatte selten etwas mit Vernunft zu tun.
Zu dieser Zeit wurde auf kleinste Dinge geachtet. Keiner hätte BRD geschrieben. BRD war die Bezeichnung seitens der „DDR“ (man beachte die Anführungsstriche ;-)), offiziell schrieb man BR Deutschland. Gleichfalls verhielt es sich mit Berlin – West oder West – Berlin. Auch aus diesem Grunde kann ich 2018 nur mit dem Kopf schütteln, wenn es heute heißt, die Sprache wäre vollkommen unwichtig. Manch einer meiner Generation sprach noch konsequent von der SBZ (Sowjetisch besetzte Zone).

Jedenfalls waren Polizisten beidseitig durchaus bereit, aufeinander zu Schießen und es kam auch vor.

Nämlich dann, wenn die Grenzposten drüben Flüchtlingen hinterher schossen. Vor der Mauer gab es auf der Weststeite das sogenannte Unterbaugebiet. Dieses gehörte noch zum Staatsgebiet der DDR. Lag dort ein verblutender Flüchtling, konnte ihm schwer geholfen werden. Schaffte er es heraus und die Kerle schossen weiter, wurde zurück geschossen. Die Situation war immer etwas unübersichtlich.

Befuhr man als Polizsit die Transitstrecke, gab es immer ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Die „Drüben“ wussten sehr wohl von jedem den Beruf und sogar den Dienstgrad. Vorkommnisse, wie zum Beispiel ein Ansprechversuch seitens der Staatssicherheit oder besondere Kontrollen mussten der Dienststelle gemeldet werden. Freunde sehen anders aus, es war eher eine echte tiefgreifende Feindschaft. Die hatte auch etwas mit dem Berufsethos zu tun.

Die „Drüben“ schützten eine Diktatur, während auf der anderen Seite die Freiheit und die Demokratie geschützt werden sollte.

An einem der Tage nach dem „Mauerfall“ traute ich meinen Augen nicht. In der Perlebergerstr., dem Dienstgebäude der Direktion 3, vor dem „Mauerfall“ noch Direktion City genannt, standen auf dem Flur des Geschäftszimmers ca. 80 Frauen und Männer herum. Normalerweise stand dort in den frühen Morgenstunden niemals jemand. Es muss kurz vor der Wiedervereinigung gewesen sein. Die da standen, war die komplette Kriminalpolizei des Ostteils. Ermittler, Sekretärinnen, Schrankenwärter, Dienststellenleiter, Spurensicherer … ein bunter Haufen. „Kollektiv“ hatten sie beschlossen „herüberzumachen“, denn keiner war sich sicher, wo die Reise hin geht. Mein damaliger Kommissariartsleiter, der schon in den Tagen zuvor Pläne für eine Zeit nach der Vereinigung ausarbeitete, bekam den Auftrag, die Lage zu lösen. Er lief durch die Meute und teilte jedem eine Nummer zu, die einem Kommissariat entsprach.

Kurz darauf saßen wir uns in den Räumen gegenüber. Gestern noch Feinde … heute irgendetwas. Dabei galt es herauszufinden, wer denn nun eigentlich was war. Außerdem war an den Folgetagen immer einer wemiger da. Es hieß dann immer: „Drei Buchstaben!“. Gemeint war das MfS (Ministerium für die Staatssicherheit). In der ersten Welle, waren dies aber nur die ganz groben Fälle. Das Feintuning sollte Jahre dauern. Ich erinnere mich persönlich an einen Feuerwehreinsatz in Berlin – Mitte. Dort hatte die Feuerwehr bei einem Brand eine Wohnung öffnen müssen. In der Wohnung lagen überall gestohlene Mercedes Sterne herum. Das war Routine. Weniger gewöhnlich waren einige Unterlagen, die offen herum lagen. Es handelte sich um Einsatzberichte eines inoffiziellen Mitarbeiters, die von einem Offizier unterzeichnet waren, den wir noch nicht auf der Rechnung hatten und deshalb noch im Nachbarkommissariat arbeitete. An anderen Tagen verweigerte ein Festgenommener die Aussage, solange die „Schreibkraft“ noch im Raum wäre – drei Buchstaben.

Nicht weniger spannend war die Arbeit im „Wilden Osten“, wie wir das neue bzw. alte Stadtgebiet nannten. Dabei wurde mir erstmalig das gesamte Ausmaß des Verfalls im Osten bewusst. Viele Wohnungen waren Hals – über Kopf von den Bewohnern aufgegeben worden. Dort zogen nun seltsame Gestalten ein. Undichte Gasleitungen brachten uns in Panik. In manchen Wohnungen fehlten Teile des Fussbodens, so dass man im Dunkeln aufpassen musste, nicht abzustürzen. Zeitweilig war auch die Kommunikation nicht gewährleistet. Notgedrungen führten wir zwei Funkgeräte mit und versuchten den Ost – und den Westfunk zu verfolgen. Als Zivilkräfte patroullierten wir mit heruntergelassenen Scheiben und lauschten auf die Sirenen der Feuerwehr. Rauschte eine an uns vorbei, hefteten wir uns an die Stoßstange. War es ein Brand oder eine Leiche, blieben wir, gab es nichts zu tun, streiften wir weiter herum.

Plötzlich herrschte überall Materialknappheit. Bei Papiermangel schrieben wir auf DIN A4 Umschlägen. Zeitweilig gingen uns die Farbbänder aus, ein anderes Mal fehlte es an Durchschlagspapier. Um die Not zu überwinden, wurde der Fahrzeugpark durchmischt. Prompt durfte ich lernen, wie ein Barkas 1000 funktioniert. Das Ding brachte mich beinahe um. Ich machte den Fehler auf dem Kaiserdamm bei einer Sonderrechtsfahrt die Bremse zu treten. Der Versatz waren zwei komplette Fahrspuren. Ich denke dabei auch an die Kollegen, die einen Wartburg zum regulären TÜV brachten und die Karre gnadenlos durchfiel.

Legendär war auch die Einsatzfahrt mit einem Wartburg quer durch die Stadt von der Perlebergerstr. nach Lankwitz. Dort sammelten wir wichtige Beweismittel ein. Auf der Rückfahrt stellte sich Höhe des Rathaus Schöneberg ein aufbgebrachter Kollege quer. „Ihr Irren! Die halbe Stadt versucht Euch einzufangen, weil angeblich drei durchgeknallte Ossis durch Berlin rasen.“ Wir hatten übersehen, dass unser Wartburg noch Ost – Berliner Kennzeichen hatte und schwerlich als Polizeiwagen zu identifizieren war.

Manche „Kriminalfälle“ brachten einen zum Staunen. Da war zum Beispiel dieser Büroeinbruch. Der Staatszirkus der DDR war in einem Gebäude der GeStaPo oder einer ähnlichen Truppe aus dem III. Reich untergebracht. Jedenfalls gab es in jeder Etage uralte massive Wandtresore, in denen noch die Schlüssel steckten. Die Staatssicherheit hatte jedoch die Nutzung untersagt. Deshalb bewahrten die Angestellten das Geld in einem Blechschrank auf, der von den Einbrechern mit Leichtigkeit geknackt wurde. Verrückt!

Delikte, die keiner mehr kannte, standen wieder auf der Tagesordnung. Kohlendiebstahl beim Nachbarn, zigfacher Stromdiebstahl und Riegelzieher hatten wieder Hochkonjunktur. Die Türsicherungen im Westen hatten diese Sparte quasi aussterben lassen. Kaum hatten die Junkies aus dem Westen gepeilt, wie einfach es war im Osten einzubrechen, brach dort die Hölle aus.

Manch einer tat mir auch leid. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der in einen Kiosk einbrach, weil er schlicht Hunger hatte und nicht begriff, wie das neue System funktionierte. Überhaupt waren einige aus der unbekannten Kundschaft seltsam. Damals war es zum Beispiel äußerst unüblich sich das Gesicht tätowieren zu lassen. Einer hatte es mir dann mal erklärt. In der DDR galt man damit als asoziales Element, dem man bevorzugt die Ausreise bewilligte. Bitter, wenn die Aktion Anfang 1989 statt fand.

Auch die Kollegen untereinander taten sich anfangs schwer mit der  aufgezwungenen Freundschaft. Mehrfach kam es zu Schlägereien untereinander, bei denen auch mit dem Schlagstock und dem Tränengas nicht gespart wurde. Einmal soll der Anlass die Bezeichnung POW gewesen sein. Der so Bezeichnete fragte nach, was die Abkürzung bedeuten würde. Die Antwort: „Such Dir was aus. Entweder Prisoner of War oder Privat Ossi Worker.“

Wie immer, wenn eine Dikatur zusammenbricht, gibt es ein Problem: Was machen wir mit denen, die einst den Staat stützten? Es ist nicht möglich, schlagartig ausreichend Personal zu bekommen.

Also greift man auf die Alten zurück. Manche gingen, viele blieben oder wenn sie aus Berlin verschwanden, tauchten sie in Brandenburg wieder auf. Schwierig! Ich selbst legte mir die Philosophie zu, dass ein ehemaliger Volkspolizist letztlich auch nur seine Arbeit machte. Probleme hatte und habe ich mit den höheren Diensträngen. Ein Major der Volkspolizei muss sich besonders mit dem System DDR arrangiert haben und hat in der neuen Polizei nichts zu suchen. – meine Meinung! Doch viele von denen blieben dabei. Schlimmer noch: Sie stiegen wieder auf. Mir sagte mal einer im Vertrauen:

Eins ist doch klar. Wäre die Mauer in die andere Richtung gefallen, würdest Du jetzt in Bautzen den Hof fegen. Wir hätten Euch alle aussortiert.

Zitat Major (Ang.) R., 1992

Ich hatte auch meine Probleme mit den Grauzonen. Da gab es zum Beispiel einen, der im Umfeld von Jugendclubs polizeiliche Informanten führte. Angeblich ging es immer nur um Straftaten, die auch im Westen geahndet worden wären. Ich kann das nicht glauben. Ein seltsamer Geschmack bleibt. Mir wurden auch einige bekannt, deren Personalakten von Leuten gesäubert wurden, die schon einige Monate vor dem Mauerfall den Braten rochen. Aus einigen NVA Soldaten wurden plötzlich Polizisten und der eine oder andere Vermerk verschwand aus der Akte.

Dan waren da noch die ganz merkwürdigen Kollegen. Sie verfügten über Kenntnisse und Nahkampfausbildungen, die nicht im Entferntesten etwas mit Polizei zu tun hatten. Sie waren ehemalige Mitglieder von Spezialeinheiten der NVA – zumeist 1500 % Überzeugte – die zur Belohnung nach dieser Zeit dort, bei der Polizei übernommen wurden. Ohne passende Ausbildung … versteht sich.

Bisweilen wurden aber auch Talente übersehen. Einige Zeit fuhr ich mit einem Ost – Kollegen, der sich im Besonderen auf die Spurensicherung verstand. Kein Wunder … der Mann war der Spezialist der Spezialisten und konnte den „Alten“ noch einiges zeigen. Zum Beispiel war die DDR damals bei der Sicherung von Schuhabdruckspuren weiter, wie der Westen.

Mein persönliches unvergessliches Highlight dieser wirren Jahre war die Feier zur Wiedervereinigung. Der Polizeiführer plante der Weeltpresse ein besonders friedliches Bild abzuliefern. Deshalb sollten wir in Zivil die Wiese vor dem Reichstag und die dort anwesenden Kamerateams aus aller Welt schützen. Bereits in den Nachmittagsstunden waren wir hoffnungslos verloren. Unserer zivilen lockeren Polizeikette standen hunderttausende Menschen gegenüber. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit, rannten wir ohne ein Kommando bekommen zu haben, um unser Leben. Wir kamen erst an der Freitreppe wieder zum Stehen und formierten dort zusammen mit der Volkspolizei und eigenen uniformierten Einsatzkräften eine aus drei Reihen bestehende Kette, an die die Menschenmasse anbrandete. In diesem Augenblick hätte alles passieren können.

Später hatte Bundeskanzler Kohl die irrsinnige Eingabe, den Menschen vor dem Rednerpult die Hand zu reichen. In Folge dieser Aktion wurden mehrere Menschen fast zu Tode getreten. Nur das beherzte Eingreifen des dort stehenden SEK Berlin verhinderte das Schlimmste.

Fazit 2018 …

Die Polizei änderte sich. Die ich 1987 einst kennenlernte, veränderte sich auch unter dem Einfluss der Wiedervereinigung. In keiner anderen Deutschen Stadt hatten die Ereignisse der Anfangsjahre vergleichbare Auswirkungen auf die Polizei, wie in Berlin. Ausschließlich in Berlin trafen innerhalb weniger Stunden die Vertreter zwei unterschiedlicher Staatssysteme von einer Minute auf die andere zusammen und managten mit großer Improvisationsgabe eine chaotische Lage, die extrem gefährlich war.

Danach kam die Phase des Zusammenwachsens von zwei Systemen, die eigentlich nicht zusammenwachsen können. Allein schon, wenn man beispielsweise berücksichtigt, dass herausragende Mordfälle in der DDR verschwiegen wurden und spezielle Ermittler der Staatsicherheit die Aufklärung übernahmen. Weiterhin an allen Ecken und Enden Verbindungen zwischen MfS und Polizei bestanden, die in dieser Form im Westen undenkbar waren. Mir fiel bis 1989 jedenfalls kein Büro des Beauftragten für das LfV am Ende des Flures auf. Es gab bei uns auch keinen Briefkasten, in dem man Hinweise hinterlassen konnte.

Meiner sehr persönlichen Bewertung nach, waren wir im Westen naiv. Wir dachten, dass ausschließlich wir bestimmen würden, wie sich alles entwickeln würde. Meiner Auffassung nach, ist diese Annahme unlogisch. Selbstverständlich hat auch der Osten seine innerdienstlichen Gepflogenheiten eingebracht und mit Einfluss genommen. Anfangs wies ich auf die Lage an der Grenze 1989 hin. Ein ehemaliger Kollege der Volkspolizei sagte mal zu mir:

Niemand wurde dazu gezwungen aus der DDR zu flüchten. Die Flucht war ein unverantwortlicher Akt, vor allem, wenn noch eine Familie dabei war. Jedem waren die Konsequenzen bekannt.

An seine Worte muss ich immer denken, wenn ich die Sprüche von PEGIDA Demonstranten und auch manch einem ehemaligen Kollegen höre. Sie klingen sehr ähnlich. Niemand wird gezwungen in ein Boot zu steigen und jedem sollte klar sein, worauf er sich einläßt … im Zweifel ist die Flucht tödlich. Niemand aus dem alten Westen, wäre auf die Idee gekommen, bezüglich der Mauertoten einen Gedanken in dieser Richtung zu hegen. Für uns lag der Fehler beim schießenden GrePo (Grenzposten) und nicht beim Flüchtling, der sein gutes Recht wahrnehmen wollte. Das Denken der DDR Gesellschaft hat uns eingeholt. Womit ich nicht sage, dass nur ehemalige DDR Bürger dieses Denken inne haben, sondern es hat sich wie ein Virus in der kompletten Gesellschaft verbreitet.

Es ist auch nicht der Fall, dass die Volkspolizei der DDR Teil der Bürgerbewegung war, die angeblich die DDR zu Fall gebracht hat. Im Gegenteil, sie war die letzte Bastion des Regimes. Diese Bürgerbewegung hätte gar nichts ausgerichtet, wenn die damalige Sowjetunion nicht grünes Licht gegeben hätte. Es wäre auf einen zweiten 17. Juni hinausgelaufen. Genausowenig stand die gesamte Bevölkerung der DDR auf der Straße. Hundertausende von 16,4 Millionen! sind nicht alle. Die SED hatte ab 1961 alles dran gesetzt, um die Kultur, das Denken in der Bevölkerung bis tief in die Familien hinein zu verändern. Man muss schon sehr seltsam unetrwegs sein, um dieses zu ignorieren. Natürlich haben diese fast dreissig Jahre Spuren hinterlassen.

Gleichermaßen hat sich die Berliner Polizei bis heute nicht von den finanziellen und materiellen Verlusten dieser Zeit erholt. An manchen Stellen wurde es auch in der Gestaltung der Stellen ein wenig holperig. Anfangs sagte man beispielsweise, keiner der alten Führungskräfte wird jemals eine Führungsaufgabe in der neuen Polizei bekommen. Ein reines Lippenbekenntnis. Revanchismus? Mag sein … Ich fand es die falsche Botschaft. Beamte sind nun einmal die tragende Säule des Staats. Wer sich bis 1989  innerhalb der DDR bereits auf einen führenden Dienstgrad hochgedient hatte, bewies seine Systemtreue. Ich habe mich auch nicht mit den Ausbildungsinhalten der Volkspolizei in den unteren Dienstgraden beschäftigt. Persönlich habe ich jedoch Abgründe kennengelernt. Wenn ich heute die Kritik an den neuen Polizeischülern lese, kann ich nur sagen: Dann hättet ihr mal damals einige der neuen Kollegen aus dem Osten erleben sollen. Es soll auch vorgekommen sein, dass Leute, die zuvor lediglich die Steinplatten am Alex mit den Schuhsohlen putzten, plötzlich zum Ermittler avancierten.

Fairerweise muss ich einräumen, dass wir eine Bundeskanzlerin haben, die ebenfalls eine Führungsposition in der DDR einnahm. Für mich immer das Gegenargument, wenn Leute über die SED Vergangenheit der LINKEN meckern. Die Blockflöten von der DDR CDU einfach zu übernehmen, war jetzt auch nicht gerade der geschickteste Schachzug in Sachen Demokratie. Aber immerhin hat die Frau die Sache mit den Grenzen nicht vergessen – das ehrt sie.

Keiner der Haushalte nach 1989 war ansatzweise ausreichend, um die gigantische Aufgabe des Aufbaus einer neuen Hauptstadtpolizei zu stemmen. Es wurde jedes Mal nur Flickschusterei betrieben. Ich bleibe auch bei meiner Kritik an einem Typen wie Thilo Sarazzin, der maßgeblich am finanziellen Untergang beteiligt war und heute den Mund aufreisst. Vielleicht hätte er sich damals ein wenig mehr mit den finanziellen Problemen der Innensicherheit beschäftigen sollen, anstatt Eigenstudium in der Rassenlehre zu betreiben. Die Polizei im Westen hatte schon ihre Probleme aus den Vorjahren und dann kam auch noch die Wiedervereinigung. Mit Ruhm hat sich in den Jahren weder die CDU unter Diepgen, noch die SPD unter Wowereit bekleckert. Die Polizei war für beide ein lästiger Wurmfortsatz und beide mochten den Öffentlichen Dienst nicht sonderlich gut leiden. Polizei waren immer diese lästigen Forderer, die den schönen Haushalt durcheinander brachten.

Hätten wir in den Neunzigern Fotos unserer Räume veröffentlicht, wäre das Geschrei groß gewesen und es hätte ein Disziplinarverfahren nach dem anderen gegeben. Ich erinnere daran, dass Berliner Polizeigebäude von Hollywood bei Agentenfilmen mehrfach als Kulisse herhielten, wenn alte Ostblockgebäude aus den Sechzigern/Siebzigern dargestellt werden sollten. Das Gute an einer Bürokratie ist die lückenlose Erfassung. Es gibt heute noch Stühle bei der Polizei, die einen Erfassungsstempel aus den Fünfzigern haben! Ich will auch nicht wissen, aus welchen Jahren diverse Blechschreibtische stammen.

GDie Ausbildungsjahrgänge, welche 1989 ihr erstes Dienstjahr draußen versahen, begannen unwissentlich 1987 in den letzten Jahren des Kalten Kriegs ihre Ausbildung unter Alliertenstatus. Erstaunlicherweise stellen sie heute noch die Mehrheit der Beschäftigten. Es sind aber auch die Jahrgänge, von denen in der Presse berichtet wird, dass sie nach und nach in die Knie gehen. Das mag auch daran liegen, welche Leistungen im Zusammenhang mit dem Aufbau erbracht  und welche Entbehrungen in Kauf genommen wurden. Diese Jahrgänge, sind vermutlich die letzten, denen ständig erklärt wurde: Sie müssen für den Aufbau Opfer bringen. Da will ich gar nicht dran denken, dass wir mal mit Urlaubsgeld , 13ten Monatsgehalt und Berlinzulage eingestellt wurden. Wir lernten auch noch das fiskalische Jahr kennen und butterten eigenes Geld ins Inventar. Wir organisierten ausrangierte Büromöbel bei Banken, kauften auf eigene Kosten Kopfhörer, Taschenlampen, PC’s, Drucker, Büromaterial usw., weil es galt den Aufbau zu organisieren.

Ich werde mir keines der Bücher eines Sarazzin oder vielleicht demnächst mal von Wowereit kaufen. Ich verspüre wenig Lust, denen nachträglich nochmals Geld in den Rachen zu werfen. Wir wurden zu Zeitzeugen wichtiger historischer Ereignisse. Auch wenn der Vergleich bösartig ist, mache ich ihn. Nach 1945 stand Deutschland vor ähnlichen Problemen. Das Dritte Reich war tatsächlich nicht nur der Holocaust und der II. Weltkrieg. Das III. Reich war auch ein Beamtenapparat in einem gleichgeschalteten System. Nach 1945 konnte nicht alles aussortiert werden, man musste auf altgedientes Personal zurückgreifen. 1989 sah das nicht anders aus … für mich war das eine lehrreiche Geschichtsstunde zum Verständnis der Geschehnisse nach 1945. 2018 werden mir immer mehr die Auswirkungen dessen bewusst. 23 Jahre nach 1945 erlebte die Bundesrepublik die Bewegung der 68er. Ich vertrete die Meinung, dass man geschichtlich schon etwas unterbelichtet sein muss, wenn man diese 68er Ereignisse nicht entsprechend in einen Kontext setzt. Frau Bär und Herr Dobrindt haben da Einiges nicht verstanden. 1989 ist nunmehr 29 Jahre her. Es ist an der Zeit, dass sich die Jugend mit den Überbleibseln der DDR in der Gesellschaft auseinandersetzt. Ich glaube nicht daran, dass alles zur Zeit einem Rechtsruck geschuldet ist – vieles hat auch mit der DDR und den Folgen zu tun, die nicht aufgearbeitet wurden.

So lange ich in einem normalen Café noch patziert werde, mich eine Verkäuferin fragt: „Was möchte er denn bitte?“; oder Eingaben auf dem Revier gemacht werden; manch einer sich im Kollektiv gut aufgenommen fühlt; durchs Gebiet macht … wird bei mir die Erinnerung nicht verblassen und die Veränderungen nicht unsichtbar bleiben.

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