September 28 2019

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Reading Time: 4 minutes

Wenn ich mich recht zurückerinnere, ist die Kennzeichnung von Polizisten seit ungefähr 25 Jahren ein Diskussionsthema. Allein die Begriffsfindung Kennzeichnungspflicht ist vergiftet. Wer will schon freiwillig gekennzeichnet werden? Pflichten werden ebenfalls nicht zwingend mit positiven Emotionen verbunden. Es wird nicht vom Tragen eines Namensschilds, einer Indentifizierungsnummer oder Unterscheidungszeichen gesprochen. Ich finde, solche Begriffe machen den Einstieg in eine Diskussion unnötig schwierig.

Viele Fragen stehen dabei im Raum. Von wem wird die Kennzeichnung gefordert? Worin besteht die Motivation nach der Forderung? Immerhin war es den Menschen jahrzehntelang egal. Festzustellen ist dabei, dass das Thema immer mal wieder verschwindet und dann wieder vehement diskutiert wird. Dieses Mal ging der Diskussion eine Debatte über Polizeigewalt und eine recht fragwürdige Studie darüber voraus.
Wer beteiligt sich am Thema? Einerseits die Polizeigewerkschaften, Personalvertretungen, aktuell stark die Mitglieder der GRÜNEN in der Polizei, einige Interessierte und wenn ich die Account – Beschreibungen in den Social Media richtig interpretiere, viele sich selbst als Radikal bezeichnende Personen. In der breiten Bevölkerung scheint das Thema nicht nachzuhallen.

Polizisten, die sich gegen eine Kennzeichnung verwehren, argumentieren u.a. mit der Gefährdung ihrer Person. Zu der kann es in zweierlei Art kommen. Straftäter könnten den Namen nutzen, um sie zu bedrängen, und Radikale könnten ständige Anzeigen zum taktischen Mittel machen. Zum ersten Teil muss man eingestehen, dass diese Gefahr spätestens in einer Gerichtsverhandlung bei der Nennung eines Zeugen oder Akteneinsicht durch den Rechtsanwalt ohnehin gegeben ist. Der zweite Teil ist nicht von der Hand zu weisen. Insbesondere, weil sich die Szene hierzu bereits geäußert hat. Sie haben mitbekommen, dass eine Anzeige beispielsweise eine Beförderung verzögern kann oder wenigstens Scherereien nach sich zieht. Ich verzichte auf eine Quellenangabe. Aber Interessierte können dies mit wenigen Klicks in einschlägigen Foren nachlesen. Aus der Sicht eines Radikalen ist dies eine durchaus zulässige taktische Maßnahme. Ein zweites Argument ergibt sich aus einer insbesondere in radikalen Kreisen geborenen Grundhaltung, dass eine signifikante Mehrheit der Einsatzbeamten mit unzulässiger Gewalt agieren. Daraus leiten die Polizeivertretungen einen Generalverdacht ab, der sich in der Kennzeichnungsforderung manifestiert.

Bei der Gewalt, ausgehend von Polizisten, stehen viele Behauptungen in Raum, bei denen beidseitig keine brauchbare Beweislage vorgebracht werden kann. Ausgerechnet Personen nach einer Widerstandshandlung zu Polizeigewalt zu fragen ist ein netter Kampagnenansatz, aber recht durchsichtig. Wer gegen eine polizeiliche Maßnahme Widerstand leistet, muss mit der Anwendung, einer juristisch «unmittelbarer Zwang» genannten Gewalt, rechnen und kassiert eine Strafanzeige wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. War die ursächliche Anordnung rechtswidrig, ist im Nachgang der geleistete Widerstand gerechtfertigt. Kaum ein Straftäter lässt sich verständlicherweise freiwillig ohne Gegenwehr festnehmen. Auch hier wird es zu Gewalt kommen. Deshalb gehen viel Gegenanzeigen ins Leere. Es mag nicht fair klingen, aber die Gewaltanwendung zum Durchsetzen einer Polizeimaßnahme ist zulässig.
Die Intensität muss verhältnismäßig, notwendig und geeignet gewesen sein. Nebenbei kann auch die einfache Ohrfeige zur Unterbrechung einer öffentlichen Beleidigungstirade durchaus zulässig sein. Gleiches gilt für einen Faustschlag, wenn ein aufgebrachter Bürger sein Geschlechtsteil präsentieren will.

Zurück zur Kennzeichnung. Wem nützt sie? Der Polizist ist in einer Standardkonfrontation verpflichtet, dem Betroffenen einer Maßnahme, seine Dienstnummer zu nennen. Funkwagenbesatzungen haben damit in der Regel kein Problem. Bei der Festnahme eines Straftäters schreibt der festnehmende Beamte einen Festnahmebericht. Über den ist er jederzeit zu identifizieren. Bis in die Zelle im Polizeigewahrsam gibt es eine Kette von Verantwortlichen. Kritisch wird es meistens erst bei Demonstrationseinsätzen. Aber auch dort nur in besonderen Fällen. Wird einer festgenommen, notiert der für Vorführung verantwortliche Beamte den Namen des Festnehmenden. Was bleibt? Zum Beispiel die vorrückende Einsatzgruppe, welche entweder Demonstranten zurückdrängen oder erkannte Straftäter aus der Demo entfernen soll. Weiterhin diejenigen, welche die undankbare Aufgabe haben, entweder Sitzblockaden zu entfernen oder besetzte Häuser zu erstürmen.

Meiner persönlichen zweiseitigen Erfahrung nach, hat man als Demonstrant in solchen Situationen andere Sachen im Kopf, als sich Zahlenkombinationen zu merken. Außerdem haben Sitzblockaden den Sinn, für die Polizei – die Staatsmacht – unschöne politisch verwertbare Bilder zu produzieren. Großes Geschrei gehört dazu. Der Kampf zwischen Besetzern und der Polizei dauert nun auch schon knappe vier Jahrzehnte an. Dazu muss man nichts mehr sagen oder schreiben. Was eine Kennzeichnung bei diesen Auseinandersetzungen bringen soll, habe ich noch nicht ganz verstanden. Bei Demonstrationen und den nachfolgenden Riots, habe ich eine klare Einstellung. Jedem ist bei solchen Anlässen klar: Die Demo ist vorbei, in den nächsten Minuten knallt es hier. Wenn ich bleibe, ist das eine Entscheidung, die Risiken mit sich bringt. Bekomme ich etwas ab – dann ist das so! Das sind die erwartbaren Folgen eines Straßenkampfes. Ich kann schlecht erwarten, dass sich die «Bullen» wie Kegel abwerfen lassen.

Wenn ich etwas gegen Polizeimaßnahmen, wie eine Räumung oder Beseitigung einer Blockade vorbringen will, sind meine Ansprechpartner Politiker, Senatoren und Einsatzleiter. Ich erinnere dabei an den alten «Hamburger Kessel», der sich als rechtswidrig erwies. Den kann ich aber nicht dem einzelnen Einsatzbeamten vorwerfen, sondern muss mich andere Stellen wenden.
Das höchste Risiko mit von Polizisten ausgeübter Gewalt in Kontakt zu kommen, haben neben Demonstranten, klassische Straftäter. Und meiner Erfahrung nach, nehmen die zu 90 % dies stillschweigend hin. Schon deshalb, weil sich das bei der Gerichtsverhandlung nicht gut macht. Aber wie beschrieben, lässt sich der Name der Polizisten aus der Akte entnehmen. So what? Der normale Bürger mit seiner Beschwerde bekommt die geforderte Dienstnummer und kann damit seine Beschwerde adressieren.

Eins möchte ich noch anfügen. Geschlossene Einsätze, die im Zusammenhang mit Riots stattfinden, sind meiner Meinung nach keine polizeilichen Einsätze im klassischen Sinne. Die letzte Eskalationsstufe beim G20 oder vor vielen Jahren in Berlin der Einsatz Mainzer Straße, haben Bürgerkriegscharakter wie einst in Belfast. International würden hier paramilitärische Einheiten zum Einsatz kommen. Man sollte nicht vergessen, dass beispielsweise Molotow Cocktails von Partisanen zur Bekämpfung von Panzern entwickelt wurden. Da handelt nicht mehr der einzelne Beamte, sondern eine Kampfeinheit. Ein individuelles Handeln kann ich da nicht mehr erkennen.

Nehme ich die Perspektive der Radikalen ein, kann ich das Anliegen durchaus nachvollziehen. Bei allen anderen würde mich interessieren, ob sie ihr Wissen über brutale Festnahmen auf der Straße nach Straftaten oder Widerstandshandlungen, vom Hören – Sagen her kennen, oder selbst Zeuge waren. Denkbar sind natürlich auch Beschwerden, bei denen die Dienstnummer nicht übergeben wurde. Das Polizeigeschäft ist oftmals merkwürdig. Keiner der mit der Polizei in Konflikt gerät, ist darüber sonderlich glücklich und zieht selten seinen eigenen Beitrag in die Überlegungen mit ein. Aber grundsätzlich muss man auch einräumen, dass es ziemlich egal ist, weil der Name des einschreitenden Beamten ohnehin ermittelbar ist. Für mich ist die Diskussion recht sinnlos. Von den GRÜNEN in der Polizei würde ich gern mal wissen, wo die eigentlich hin wollen. Darum muss ich mich mal kümmern. Für Praktiker führen sie die Diskussion eigenartig und vor allem voller Misstrauen. Ich behaupte nicht, dass Polizisten bei Festnahmen mit Teebeuteln werfen. Ich erkenne auch die Gefahr, dass die Traumatisierung einiger Beamter, die sie sich bei Straßenkämpfen einhandelten, zu Impulskontrollverlusten führt, aber die Namen sind doch ohnehin nachvollziehbar.

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Juni 4 2019

Sicherheit für den Chef … die Ohren

Reading Time: 9 minutes

Immer  wieder gern höre ich den Podcast der beiden Reporter Axel Lier und Peter Rossberg. Für jemanden der an sicherheitspolitischen Fragen in Berlin interessiert ist, ein empfehlenswertes Format. Vorweg muss ich sagen, dass ich der BILD und B.Z. weiterhin voller Skepsis gegenüberstehe. Aber die beiden diskutieren oft mit viel Hintergrundwissen und sind nicht immer auf einer Linie. Das ist spannend und macht Spaß. Im aktuellen Beitrag luden sie sich ihren «Chef» Julian Reichelt in die Sendung ein.

Warum sie dies taten, erschloss sich mir nicht. Insgesamt wurde es ein fast einstündiger Ritt durch alle möglichen Themen. Organisierte Kriminalität in Verbindung mit den Clans, G20, journalistische Ethik, Ausrichtung der BILD, Sicherheitspolitik in Berlin, Fußball, Hooligans, Polizeigewalt, der tödliche Verkehrsunfall mit Beteiligung eines Polizisten, Grundrente und persönliche Statements.

Vor dem nachstehenden Text möchte ich eins klar und deutlich herausstellen. Manche teilten meine Beiträge zu den nachstehenden Themen mit dem Hinweis auf eine bei mir gezeigte Neutralität. Das mag gut gemeint sein, aber sie besteht nicht. Ich bin befangen! Allein der Umstand, dass ich mich selbst in der einen oder anderen Lage befand, verhindert dies. Wenn Journalisten in ihren Artikeln darauf hinweisen, dass man einem Polizisten bei über 90 Kilometern in der Stunde eine bedingte Tötungsabsicht unterstellen kann, fühle ich mich im Nachgang dessen Beschuldigt. Ich habe zigfach im Dienst über diesem Wert gelegen und ich stehe dazu. Heute würde ich es nicht mehr tun. Doch Entscheidungen sind an dem Kenntnisstand und der Situation vor dem Ereignis zu messen. Danach sind wir alle schlauer. Wer bei mir im BLOG Neutralität erwartet, wird enttäuscht werden. Abstand? Ja, den kann man von mir erwarten.


Suff – Cop – sie können es nicht lassen …

Ich blieb bei Minute 24:32 gekennzeichnet mit dem Begriff «Suff – Cop» hängen. Ich schrieb hierzu bereits etwas in meinem BLOG. Mein erster Gedanke war: Sie können es nicht lassen. Boulevardpresse hin oder her, es gibt für mich keinerlei Rechtfertigung für die Prägung dieses Schlagworts und die Herstellung einer Verbindung zu einem Menschen. Seitens Axel Lier wurde kritisch hinterfragt, inwiefern die hauptsächlich aus Polizeikreisen geäußerte Kritik am Umgang mit dem Thema gerechtfertigt sei.

Herr Reichelt offenbart bei diesem Thema einiges über seine Denkweise. Der betreffende Polizist habe sich in den Social Media in einer « … nicht gerade rechtsstaatlich anmutender Form präsentiert.» Hieraus leitet er die Zulässigkeit eines Verdachts bezüglich einer durch nichts belegten alkoholisierten Einsatzfahrt ab. Danach schwenkt er um.

Es gehe ihm weniger um die Person, denn mehr um die aufwendige und die raffinierte Vertuschung seitens der Polizei.

Die Fakten sehen wie folgt aus. Der Polizist postete diverse provokante Schwarz/Weiß Fotografien von sich und anderen. Unter anderen eins, bei dem er sich eine Waffe an den Kopf hält. Warum? Nun, dahinter steckte schlicht ein künstlerischer Anspruch, ausgerichtet auf eine spezielle Szene, die solche Fotografien mögen und damit ihrer Lebensart Ausdruck verleihen. Das Werk eines Künstlers völlig isoliert zu betrachten ist ein gewagtes Unterfangen. Das Motiv ist nicht einmal besonders originell. Es gibt diese Pose von vielen Berühmtheiten. Vom Regisseur Quentin Tarantino sogar als Poster.

Ich wollte ursprünglich als Titelbild für diesen Beitrag ein entsprechendes Bild nehmen. Leider kosten die zahlreichen Bilder eine Menge Geld – so viel dazu!

Menschen geben bei Aussagen immer eine Auskunft über sich selbst.

So wie es aussieht, besteht im Bewusstsein von Herrn Reichelt die Verknüpfung: Schräg aussehender Mann, tätowiert, ambitionierter Hobby Fotograf für die Metal – Szene, unverantwortliche Lebensweise, Alkohol, betrunkener Autofahrer. Auf keinen Fall darf so einer, Polizist sein. Bundesweit hätten damit diverse Fahndungsgruppen, SEK und MEK Einheiten ein Personalproblem. Denn dort sehen aus Gründen viele so aus.

Rechtsstaatlichkeit ist für Herrn Reichelt auf einem Foto erkennbar. Gut, wenn einer auf einer Demonstration den Hitler – Gruß zeigt, stimme ich ihm zu. Aber von sich ein Foto machen zu lassen, in dem man sich symbolisch eine Waffe an den Kopf hält, ist allgemein nicht verboten. Der Aufnahmeort könnte interessant werden, wenn es sich um eine in Deutschland verbotene Waffe handelt. Ist die Aufnahme beispielsweise in den USA entstanden, gäbe es nicht einmal bei einer hier verbotenen Waffe eine Beanstandung.

In seinen Ausführungen unterstellt er den ermittelnden Polizisten eine Vertuschungsabsicht, die er auch noch als raffiniert bezeichnet.

De facto wurde von den Verletzten am Ort des Geschehens keine Blutprobe nach forensischen Kriterien und Bedingungen genommen. Diese erfolgte erst im Zusammenhang mit der medizinischen Behandlung. Ab hier wird es undurchsichtig. Auf diversen Internetseiten wird darauf hingewiesen, was dabei alles schief gehen kann. Meiner Kenntnis nach, weiß bisher auch noch niemand, mit welcher Motivation der festgestellte Blutwert das Krankenhaus, entgegengesetzt der ärztlichen Schweigepflicht, verließ. Es gibt wenig öffentlich Bekanntes, woran sich ein konkreter Verdacht festmachen lassen könnte. Außer, dass man einem solchen Typen alles zu traut. Die BILD! Zeitung des nach Sensation heischenden kleinen Bürgers.

Herr Rossberg ging ebenfalls auf die aus der Berichterstattung hervorgegangene Kontroverse ein.

Dabei wies er auf die massive Kritik – u.a. von mir – an der Form der Darstellung hin. Ich vermeide bewusst das Wort Bericht. Spätestens mit der Verwendung des Begriffs «Suff – Cop» hat jeder Text nicht mehr diesen Anspruch verloren, und landet in der Schublade „Schmierfink“.

Er empfand die Kritik einiger, als Scheinheiligkeit, weil der Tod der jungen Frau in den Hintergrund geriet. Die Logik erschließt sich mir nicht. Es geht meiner Auffassung nach um mehrere scharf voneinander abzugrenzende Sachverhalte.

Da wäre die Fragestellung bezüglich der Sinnhaftigkeit von Einsatzfahrten mit überhöhter Geschwindigkeit (hierzu habe ich mich vom Saulus zum Paulus entwickelt!), der damit in Verbindung stehenden Risikobewertung und die sich anschließenden ethischen Betrachtungen.
Dann steht die Verfahrensweise an Unfallorten mit Beteiligung von Polizisten zur Diskussion. Das ist richtig und vollkommen zulässig. Und ganz am Ende kommt für mich die Frage: Wie weit die Boulevardpresse im Umgang mit einem Menschen gehen darf. Nicht rechtlich, sondern unter ethischen Gesichtspunkten. Rechtlich nahezu unendlich, wenn man sich nicht an den selbst gegebenen Pressekodex hält oder in Straftaten abgleitet.

Was hat zum Beispiel das Verhalten des Unfallfahrers bei einer dienstlichen Einsatzfahrt mit seinen Veröffentlichungen in den Social Media zu tun? Nüchtern gesehen: Gar nichts! Die Recherchen ergeben keinerlei Sinn, es sei denn, ich will den Mann in zweifacher Hinsicht diskreditieren, nämlich als Mensch und in seiner Funktion Polizist.

Herr Reichelt sagt dazu, dass die BILD eine Story an der Person entlang erzählt.

OK! Auch wenn es nicht meinem Geschmack entspricht, lasse ich mich darauf ein. Zur Person gehört für mich auch, dass da einer ist, der jahrzehntelang seinen Dienst bei der Polizei geleistet hat. Wo er das tat, wurde nicht berichtet. Ich weiß es mittlerweile, werde es aber nicht preisgeben. Für den Tod eines Menschen verantwortlich zu sein, brennt sich gerade bei Polizisten tief in die Seele.
Wurde hierzu etwas erwähnt? Nein! Gab es einen Bericht über die Gefahren und Risiken von Einsatzfahrten in einer Großstadt? Wurden hierzu die stets in Artikeln erwähnten «gut unterrichteten Quellen» befragt? Nein!
Ich unterhielt mich mit einem Journalisten. Seine ersten Worte waren: «Das er viel zu schnell war, steht völlig außer Frage!» OK! Mag sein! Besonders vor dem Hintergrund des Unfalls. Doch sonderlich ungewöhnlich war die Geschwindigkeit nicht. Die wird in der Stadt häufiger gefahren besonders von Zivileinheiten. Dem Erzählen nach, nicht mehr ganz so verrückt, wie ich es erlebte, aber es reicht.

Ja, dies kann kontrovers diskutiert werden. Da gibt es das Ereignis, wo der Polizist hinfährt, es besteht ein Risiko für einen oder mehrere Unbeteiligte/n, den Streifenpartner und sich selbst, und den Anspruch der bevölkerung, an die Polizei. Ich habe in meinem BLOG keinen Hehl daraus gemacht, dass ich beschlossen habe, die Fragen des Lebens buddhistisch anzugehen. Heute ergibt sich für mich ein Ursache – und Wirkungsprinzip. Wofür auch immer ich mich entscheide, es wird nicht ohne Wirkung bleiben. Wäre ich noch im Dienst, würde ich mich 2019 für eine langsame Anfahrt entscheiden. Was da am Ereignisort stattfindet ist nicht meine Saat und ich werde sie nicht zu meiner machen. Von 1992 – 2017 dachte ich darüber anders. Ich ersah aus meiner Mitgliedschaft in einem Mobilen Einsatzkommandos eine Pflicht, schneller, professioneller und risikofreudiger zu fahren, denn es eine „normale“ Streifenwagenbesatzung“ tun würde. Frei nach dem von einem ehemaligen Leiter des MEK Berlin formulierten Mottos: Wo MEK drauf steht … ist auch MEK drin!“

Scheinheiligkeit! Das trifft für mich auf Leute zu, die mit dem Finger auf andere zeigen und selbst nicht besser sind. Ich wünsche niemanden etwas Schlechtes, aber bekanntermaßen werden wir gerichtet, wie wir andere richten. (Das nennt sich christliche Leitkultur!)

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch gemessen werden.

Matthäus 7,1-5

Ein junger Mensch ist gestorben, für andere geht das Leben irgendwie weiter. Für mich gibt es da einen eklatanten Unterschied zwischen einem vorsätzlichen Töten und einem Unfall. Es würde für mich sogar einen Unterschied machen, ob jemanden einen Angehörigen von mir vorsätzlich tötet oder alles eine Folge eines Unfalls war. An einem Unfall kommt keiner vorbei. Jeden Tag sterben Menschen. Doch sie sind nicht mehr da.

Wie gehen wir mit den Überlebenden um?

Man muss einen Menschen nicht physisch töten, um ihn zu zerstören. Das geht auch anders. Nicht ohne Grund ist in vielen Kulturen der Suizid das Mittel der Wahl, um der Schande zu entgehen. Ist es das, was die an der Berichterstattung beteiligten Journalisten, besonders die Urheber von «Suff – Cop», erreichen wollen? Will die bürgerliche Gesellschaft dieses? Will ich das?

Wenn ich am Straßenrand stehe und ein Polizeiwagen mit Blaulicht an mir vorbeifährt, denke ich mir mittlerweile: «Wisst ihr, was ihr da tut?» Aus meinen zurückliegenden Zweifeln ist Gewissheit geworden. Das Risiko ist es nicht wert. Am Ende werden möglicherweise zwei Menschenleben zerstört. Das Fremde und das Eigene. Egal was am Einsatzort stattfindet, es befindet sich in der Verantwortung eines Täters. Am Ende bist Du, der Polizist, immer der Dumme. Bisweilen kommt es mir vor, als wenn der Umstand, dass eine Tat nicht verhindert wurde, schwerwiegender ist, denn die Tat selbst. Aber aus der Nummer kommt man psychologisch noch heraus. Da kann man sich als Betroffener an den Kopf fassen und sich sagen, dass manche Teile der Gesellschaft den Knall nicht gehört haben. Bei einem selbst verursachten tödlichen Unfall sieht das anders aus.

Kürzlich diskutierte ich das Thema mit einem ehemaligen Kollegen. Er sagte, was ich selbst jahrelang predigte. Wenn Du hier bist, musst Du das Risiko in Kauf nehmen. Sie machen Dich fertig, wenns schief geht. Aber darauf darfst Du nichts geben. Machst Du Dich davon abhängig, was bestimmte Teile der gesellschaft von Dir wollen, kannst Du gehen. OK … das war gestern und ein anderes Leben. Mir ist aber bewusst, dass Menschen mit der Sozialisation eines Journalisten nichts davon wissen können. Ich drücke es mal sehr polemisch aus … mit den bösen Jungs abhängen, macht einen noch nicht zum Bullen – dazu gehört mehr.

Die BILD wirkt der Radikalisierung der Bürger entgegen.

Ich blieb beim Zuhören noch bei einem weiteren Thema hängen. Herr Reichelt formulierte im Sendebeitrag eine steile These. Die Berichterstattung, wie sie seitens der BILD praktiziert wird, vermittelt den Bürgern das Gefühl nicht allein gelassen zu werden, weil es immerhin noch die Presse gibt, welche Missstände aufzeigt. Ei oder Huhn? Diese Frage schoss mir sofort durch den Kopf. Bei dem Ritt durch die Themen, fielen auch die Stichworte «Kotti», «Organisierte Kriminalität» und «Clans».

Die «Organisierte Kriminalität» besteht wahrlich aus weit mehr, denn nur aus den Clans. Ohne harte Zahlen benennen zu können, gehe ich persönlich davon aus, dass die nicht einmal die größten Umsätze machen. Aber sie sind sichtbar und laut, womit sie das viel zitierte subjektive Sicherheitsbedürfnis des Bürgers beeinträchtigen. Damit haben sie im Lauf der Jahre erst den russischen und vornehmlich aus Serbien stammenden Banden, später den Rumänen, Bulgaren und Vietnamesen, den Rang abgelaufen. Andere Gruppen, wie die Italiener oder andere Asiaten, hielten sich schon immer traditionell im Hintergrund. Hierüber wird selten im Boulevard berichtet. Der Fokus liegt beim für jedermann Sichtbaren. Ein Missstand? Ich denke schon.
Die Berichterstattung in Bezug auf terroristische Aktivitäten sind seitens der BILD/ B.Z. in der Regel auch nicht wirklich tiefgreifend, sondern eher hysterisch. Man könnte auch sagen, dass die Sicherheitsbehörden von der Boulevardpresse vor sich her getrieben werden. Immerhin geht es um Wähler und Macht. Beides möchte man ungern verlieren.

«Kotti» und der meistens damit in Verbindung genannte «Görli» sind ein Paradebeispiel für das Bedienen der kochenden Volksseele. Beide Gebiete stehen in einem engen Zusammenhang mit der Drogen – und Sozialpolitik. Es werden keine Lösungen dafür gesucht, sondern es wird in andere Stadtbereiche verdrängt. So lange, bis beides aus der Sicht des Bürgers verschwunden ist und sich endlich dort sammelt, wo es hingehört: In die Siedlungen am Stadtrand. Was in Paris und Marseille funktioniert hat, muss doch in Berlin auch möglich sein.

Alle die verzweifelt auf der Suche nach Alternativen sind, werden vom Springer Verlag hart angegangen. Berlin – West war einst die Hochburg des Heroin Konsums. Dies ist nicht mehr der Fall. Das liegt aber nicht an der Polizei oder gar der Politik, sondern an einer Veränderung der Drogenszene.

Es gehört zu den Eigenarten des Menschen, dass er sich erstens auf das bewegliche Sichtbare stürzt und vom Gesehenen auf das Allgemeine schließt. BILD/B.Z. sind moderne Moritaten – Sänger. Damit erfüllen sie eine alte gesellschaftliche Funktion. Vom Hause Springer aus, ging damit schon immer die Einflussnahme auf die Politik zur Unterstützung des unteren Bereichs des Bürgertums, einher. Die wollen in der U – Bahn nicht lesen, inwieweit die Immobilienbranche in die OK eingeflochten ist.

Sie wollen auch nichts von komplizierten Geldwäschegeschäften, der in Wilmersdorf und Charlottenburg ansässigen russischen Gruppen wissen. Ein italienischer Mafiosi hat schwarze schmalzige Haare, eine Lupara im Auto und spricht schlechtes Deutsch. Shisha Bars, dicke Autos, sich beknackt aufführende «libanesische Kurden (es sind keine!)», schwarze Männer, die Drogen an Kinder verkaufen, besoffene Polizisten und zottelbärtige Terroristen machen da einfach mehr her. Ebenso interessieren sie nicht taktische Geplänkel zwischen Innensenator Geisel und anderen Senatorinnen. Sie wollen sich darüber empören und die BILD liefert das passende Material. Hohe Bälle annehmen und flach abspielen ist nicht ihre Spielart.

Das soll auch alles sein – aber sich zum Bewahrer vor der Radikalisierung aufzuschwingen – halte ich für gewagt. Dies sollte man eher den investigativen Journalisten überlassen. Ab und wann holt man Herrn Schupelius von der Currywurstbude weg und der schreibt, was der Mann von der Straße denkt und gut ist. So sehr ich auch manch einen Artikel in der B.Z. bezüglich der kriminellen Vorgänge in Berlin schätze, Herr Reichelt hat mich erneut in Sachen SPRINGER ent/täuscht. Anders gesagt: Die Täuschung ist zu Gunsten einer klaren Sicht, entschwunden.

Herr Reichelt lieferte Dank guter Fragen noch einen kleinen Gaumenschmaus. Die beiden fragten ihn nach seiner Meinung zu Pyrotechnik in Fussballstadien. Bei der Antwort zierte und drehte er sich. Am Ende kam bei heraus: Die Stimmung ist schon geil … Ja, da war wieder das Spiel mit den bösen Jungs. Kaum war er fertig, warf er den Außenborder an und ging in den Rückwärtsgang. So habe ich diesen Typ Mensch immer kennengelernt.

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März 24 2019

Polizei a.D. vs. System? Ein Widerpruch?

Reading Time: 8 minutesVon einer wahrlich gut über meine Person informierte Frau bekam ich letztens die Worte zu hören: «Du kannst doch nicht, nach dem Du über 30 Jahre als Vertreter des Systems gearbeitet hast – dieses mit einem Mal anzweifeln.»

Diese Aussage ist meiner Auffassung nach symptomatisch in der öffentlichen Diskussion über die Polizei und ihre gesellschaftliche Rolle. Ich glaube, einige unterliegen da einem Irrglauben bzw. einem Missverständnis. Gar nicht wenige ergreifen den Beruf Polizist, weil sie eine gewisse Grundüberzeugung mit Geld verdienen kombinieren. Zumindest kenne ich sehr viele, die das Grundgesetz in seiner Ausgestaltung für eine gute, wenn nicht sogar die erstrebenswerteste Verfassung, für einen modernen Staat halten. Vieles wurde mir persönlich erst in der Ausbildung ab 1987 bewusst. Auch heute noch, stehe ich dazu, dass das was da steht, eine wirklich gute Sache ist.

Doch das Grundgesetz ist ein Rahmen. Die Gesellschaft, die Politiker, die Wirtschaft innerhalb dieses Rahmens ist eine ganz andere Nummer. Seit dem Inkrafttreten wurde an den Artikeln immer wieder herumgebastelt. Meistens war dies von erheblichen Protesten in der Bevölkerung begleitet. Gekümmert hat es am Ende niemanden und die Veränderungen standen. Meistens wurde mit der Veränderungen der Zeiten argumentiert und oftmals war es die Angst, welche benutzt wurde. Mich hat das schon immer fasziniert. Ich finde es anmaßend, Leuten die damals unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, Krieg, Terror, etwas entwarfen, zu unterstellen, dass sie von einem Terror der heutigen Zeit nichts wissen konnten.

Ich glaube, es reicht für den Entwurf allgemein gehaltener Maxime vollkommen aus, um die Kontroll – und Überwachungssucht des Staats zu wissen. Man muss nichts über die technischen Möglichkeiten der Zukunft wissen. Die Annahme lautet: «Wenn etwas auf den Markt kommt, werden es bestimmte Persönlichkeiten auch nutzen wollen!» Ich stütze diese Behauptung unter anderen darauf, dass sich die europäischen Staaten immer mehr den Dystopien aus den Zwanziger und Dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts annähern. Diese Entwicklung hat wiederum nichts mehr mit den Ideen der Schöpfer des Grundgesetzes zu tun.

Unmittelbar regelt das Grundgesetz nicht das Wirtschaftssystem der Bundesrepublik Deutschland. Es stellt lediglich Anforderungen an ein Wirtschaftssystem. Gelenkte und geplante Wirtschaftsstrukturen schließt es genauso aus, wie die allgemein als Raubtierkapitalismus bezeichnete vollkommene unkontrollierte freie Entfaltung. Das passt einigen, insbesondere den Global – Playern nicht in den Kram, weil sie dieses als Hemmschuh für Wachstum und Konkurrenzfähigkeit des Standorts Deutschland betrachten.

Meinem Empfinden nach, bekommen die Vertreter dieser Auffassung immer mehr Oberwasser. Dies hat gesellschaftlich tiefgreifende Folgen und betrifft auch jemanden, der einer in der Verfassung implementierten Säule, nämlich der Exekutive dient.
Im Grundgesetz steht auch nichts über die gesellschaftliche Entwicklung in eine verwaltete Gesellschaft. Wenn überhaupt ließe sich ein Verbot aus dem Passus, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, ableiten. Wer Menschen ihrer Individualität beraubt, sie in politischen Reden stets in Kategorien einsortiert, unter Begriffen zusammenfasst, Gesetze und Verwaltungsvorschriften erlässt, die dies tagtäglich forcieren, entzieht Menschen die Würde.

Es ist dem «einfachen» Bürger nicht vorzuwerfen, wenn er nach ständiger verbaler Beeinflussung durch eine politische «Elite», dies in sein Verhalten übernimmt. Doch die Elite verliert die Berechtigung diese Bezeichnung in Anspruch zu nehmen. Was ein großer Teil jenseits der von Ghostwritern und Beratern vorgebenen Texte für Bundestagsreden von sich gibt, ist absolut unterirdischer Populismus. Teilweise, nämlich dann wenn für einen Deutschen nicht zu Diskutierendes mit Euphemismen verschleiert wird, geht es ganz weit über den Rand des Grundgesetzes hinaus. Umzäunte und bewachte Auffangzentren außerhalb des Staatsgebiets sind im deutschen Sprachgebrauch immer noch Lager. Wenn überhaupt, könnte man auf deutschen Gebiet von einem Durchgangslager analog zu Friedland sprechen.

Es ist erbärmlich, wie sich das Establishment, allen voran die CDU/CSU gegenüber der AfD positioniert, wenn sie von denen behauptet, dass sie Unsägliches wieder hoffähig machen wollen. Aber beispielsweise, vertreten von der Jungen Union, von „Gleichschaltung“ spricht. Dobrindt spaziert ebenfalls ein wenig durch die Geschichte und fordert die „Konservative Revolution“, aus der bekanntlich ein aus Österreich zugewanderter Politiker namens Adolf Hitler die NSDAP bastelte. Auch solche Dinge stoßen einem überzeugten Kriminalbeamten auf. Ich weiß nicht, wie oft ich bei Berichten überlegte, welche Worte ich verwende, um nicht einen vollkommen falschen Eindruck zu erwecken. Ich habe mir einige Gedaanken darüber gemacht, wie das mit der Gleichschaltung der Gesellschaft, unter anderen bei der Polizei, passieren konnte. Aber Herr Seehofer kämpft ja auch bis zur letzten Patrone.

Die Gesellschaft, die der Polizist dient, hat diese Menschen an die Spitze des Staats gesetzt! Freundlich ausgedrückt „ultrakonservative“ die jeden Tag bewusst und vorsätzlich mit den niedrigen Instinkten der Masse spielen. Als ich bei der Polizei anfing, hatten sich gerade Leute wie Franz – Josef Strauss aus dem großen Geschehen verzogen. Innensenatoren, die sich nicht unter Kontrolle hatten, bekamen mächtig Gegenwind. Die Republik befand sich politisch im Aufwind und wurde langsam, trotz der Lethargie der Bonner Provinz und einem mehr als biederen Dauerkanzler, zu einem wirklich aufgeklärten modernen Staat. Die rhetorischen Propaganda – Kriege zwischen dem „Schwarzen Kanal“ – Schnitzler und ZDF Magazin – Löwenthal, dienten fast nur noch der Erheiterung. Heute kommen mir die beiden vor dem Hintergrund des aktuellen Geschehen wie blutige Amateure vor.

Mir ist in Gesprächen aufgefallen, dass gerade die Generation der heute 70 – 80 jährigen Bundesbürger, also die der Anfangszeit nach dem II. Weltkrieg, dies durchaus kritisch beäugt, während die Generation der 40 – 60 jährigen, eher unbesorgt damit umgeht. Ich empfinde beim Zuhören auch oftmals eine Abgestumpftheit der Sprecher. Sie leben innerhalb des Rahmens «Grundgesetz», aber sie leben nicht aktiv die Idee.

Den „Grünen“ wird neuerdings vorgeworfen, dass sie eine Verbotspartei wären. Beginnen wird doch erst einmal damit, mit welcher Impertinenz, Respektlosigkeit und Arroganz „Hierarchiespazierer“ wie Spahn, Lindner, Söder, Dobrindt u.a. auf normale Menschen eindreschen, die im Gegensatz zu ihnen eine echte Lebensleistung vollbracht haben und nun vor den Trümmern ihres Lebensentwurfs stehen. Es soll noch Menschen geben, die arbeiten und nicht ihr Leben nach der Karrieregeilheit ausrichteten.

Jedes Recht und jede Freiheit muss der auf Gier und Drang nach unbegrenztem Wachstum geprägten Wirtschaft abgerungen werden. Der Kapitalismus hofiert nun einmal diese im menschlichen Verhalten implementierten Phänomene. Bisher ging alles gut, doch langsam melden sich Zeichen am Horizont, dass das ganze aus dem Ruder gerät.

Die sozialen Spannungen werden größer. Die geringer Bedachten oder Verlierer werden an die Ränder der Städte gedrängt und verkommen dort zu verwalteter biologischer Masse. Es entstehen scharf abgegrenzte Eliten. Sicherheit – und Schutzbedürfnisse werden zur Frage des gezahlten Geldes. Wer es sich leisten kann, zieht in Häuserkomplexe mit eigenen Sicherheitsdiensten. Wohlhabende Bürger bezahlen private Security – Streifen, die gekleidet in Fantasieuniformen Quartiere beschützen sollen.

Statussymbole nehmen eine immer wichtigere Rolle ein. Hingegen sinken Persönlichkeit und Lebensleistung im Ansehen bzw. verlieren ihre gesellschaftliche Rolle. Parallel wird das Bedürfnis nach diesen Symbolen seitens der Werbung (Wirtschaft) befeuert. Alles Prozesse, die auch im Ostblock nach der Öffnung in den Neunzigern zu beobachten waren und auch heute noch dort deutlich gesehen werden können.

Parallel werden in der Gesellschaft der «Habenden» dekadente Diskussionen geführt, die mit der Lebensrealität der Menschen den Hochhäusern am Stadtrand, den Zonenrandgebieten oder strategischen innerstädtischen Spekulationsgebieten, nicht im entferntesten etwas zu tun haben. Auch dieser Spalt wird immer größer. Ich unterstelle einer großen Zahl prominenter „LINKER“, dass sie sprachlich und programmatisch zur ehemals als „Arbeiterklasse“ bezeichneten Schicht, jeden Kontakt verloren haben.

Ich habe das beruflich in den vergangenen dreissig Jahren alles verfolgen können. Bereits in den Neunzigern dämmerte mir bei einem Aufenthalt in der damals noch bestehenden Tschechoslowakei, während meiner Zeit in Kommissariaten welche sich auf Organisierte Kriminalität durch Bürger aus Restjugoslawien und G.U.S. spezialisiert hatten, dass ich in eine Zukunft blickte. Als ich um 2000 von einer privaten Sicherheitsfirma in der Berliner Potsdamer Straße aufgefordert wurde, mit meinem Zivilwagen wegzufahren oder in Marzahn beim Betreten eines Hauses einen uniformierten Portier passieren musste, rundete sich mein Bild langsam ab.

Die nachfolgenden operativen Einsätze in den Siedlungen von Spandau, Neukölln, Marzahn, Hellersdorf bestätigten mich in allem, was ich oben formuliert habe. Noch übler sieht es in den «ärmeren» neuen Bundesländern aus. Was wir dort als Berliner verdeckt operierende Einsatzkräfte zu sehen bekamen, hat sich mir tief eingeprägt. Zeitweilig wähnte ich mich in der Dritten Welt. Wer dort auch noch Heime für Zuflucht Suchende aufstellt handelt meiner Meinung nach mit Vorsatz und will für seine Zwecke die Eskalation der Situation. Da steckt Kalkül dahinter.

Wer von einem Konsens der Gewaltlosigkeit, einer deutschen Leitkultur spricht, redet nicht über die Siedlungen, in Rostock, Frankfurt/Oder, Cottbus, Berlin, Magdeburg und anderen Gebieten. Wir steuern, wenn wir nicht längst schon angekommen sind, auf einen Zustand zu, in dem sich die glitzernden wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen nur auf eine sich gern präsentierende Minderheit, beziehen, die das echte Bild verschleiern. Ich wehre mich dagegen, die Menschen, die dort abgehängt von allem sich sozial selbst überlassen sind, aufgrund ihres Verhaltens zu verurteilen. Wer dort nicht heranwächst, muss erst einmal das Gegenteil beweisen.

Der natürliche Lebensraum eines Kriminalbeamten ist genau an diesen schwierigen Plätzen. Exekutive bedeutet auch, für die Entscheidungen und Bestrebungen einer gewählten Regierung einzutreten und die Folgen zu sehen. Ich bin kein Verfassungsrichter, insofern steht es mir nicht zu, das Gebaren als verfassungswidrig zu bezeichnen. Aber ich erlaube mir ein persönliches Empfinden. Und das meldet mir, dass das mit Regieren im Sinne des Wohls für die Bevölkerung und der Menschlichkeit nichts mehr zu tun hat.

Alles ist darauf ausgerichtet: «Geht es der Wirtschaft gut, geht es auch dem Volk gut!» Ich mach mal eine andere Rechnung auf. Der Wirtschaft im Falle eines Konzerns oder Global – Players, um bei diesem namen – und gesichtslosen Begriff zu bleiben, geht es am besten, wenn wenig Gehälter gezahlt werden müssen, die Sozialabgaben gering sind, die Rente klein ist und maximale Gewinne erzeugt werden können. Der Wirtschaft, bezogen auf den inneren Markt und Wohlstand des Bürgers, geht es gut, wenn die Kaufkraft des Inländers hoch ist. Portugal hat das gerade erfolgreich vorgemacht. Wie es anders aussieht habe ich in der Mongolei gesehen. Schaut man sich die Innenstadt von Ulanbataar an, wähnt man sich in einen aufstrebenden Staat. Jeder Meter, der einem aus der Innenstadt entfernt, zeigt einem den Irrtum auf. Doch soweit muss man gar nicht reisen, wenn man in Berlin wohnt. Da gibt es diesen Effekt auch. Passend hierzu gehorcht die Berliner Polizeiführung den Vorgaben der «Habenden». Den neuen Konzepten nach, wird die Polizeipräsenz in der Innenstadt erhöht und damit am Rande ausgedünnt.

Die aktuelle Situation Hartz IV ist für mich ein Beruhigungsmittel. Die Leute bekommen genau die Zuwendungen, die sie halbwegs überleben lasssen und sie mit dem Druck versehen, bei Zuwiderhandlungen das auch zu verlieren. Anderenfalls bestände das Risiko, dass sie zur Revolte übergehen. Wie das ausgeht und aussieht erleben wir gerade in Frankreich. Die sind Deutschland nämlich auf dem Land, in den Banlieue und den Randgebieten um wenige Jahre voraus. Amüsanterweise (Zynismusmodus!) schreibt die Zentrale für politische Bildung dazu:

Seit drei Jahrzehnten stellen die benachteiligten Randgebiete der französischen Großstädte eine zentrale Herausforderung der französischen Innenpolitik dar. In den Banlieues prägen Arbeitslosigkeit, städtische Verwahrlosung und Gewalt den Alltag. Urbane Ausschreitungen erreichten 2005 ein erschreckendes Ausmaß. Experten warnen vor einer starken sozialen Segregation, wie sie in vielen US-Städten zu finden ist.

Ich habe mir das mal vor einigen Jahren in Paris angesehen. Als jemand, der in einer Berliner Hochhaussiedlung aufwuchs und dort ab und zu zum Zwecke der eigenen Erdung mal vorbei schaut, kam mir vieles merkwürdig bekannt vor. Im Gegenzuge bestätigte mir ein Sozialarbeiter aus Paris, der sich mal Berlin mit seinen Augen ansah, mein Gefühl. Aus Gesprächen mit Lokalpolitikern weiß ich auch, dass die das durchaus genauso sehen wie ich.

Gleiches spielt sich bei der Bekämpfung der Drogenszene ab. Man stelle sich vor, der «Görlitzer Park», wäre irgendwo am Rande von Marzahn oder Heerstraße – Nord. Kein Mensch würde sich dafür interessieren. In Berlin spielt sich immer das gleiche Spiel ab. Quartiere werden herunter gewirtschaftet. Dann kommen sie Studenten und Künstler auf der Suche nach günstigen Wohnraum. Die Gegend wird «hipp» und attraktiv für «Habende» mit alternativen aufgeklärten Lebensverständnis. Bevorzugt ziehen dann Anhänger der «Grünen», Kreative, Designer und Architekten in die Häuser. Die Mieten steigen und das Niveau hebt sich. Übrig bleiben die Fragmente vor der Tür. Obdachlose, Abhängige, das örtliche Trinkermilieu und Prostitution.
Dafür gibt es dann die Polizei, die jene Szene gefälligst woanders hin verdrängen soll. Meistens ins nächste Gebiet welches heruntergebracht werden soll.

Hierzu ein kleiner Exkurs in die Berliner Geschichte. Der Berliner Humboldthain wurde einst als eine Art Botanischer – und Zoologischer Garten für das Bürgertum errichtet. In direkter Nachbarschaft zum sogenannten Roten Wedding. Einem der Ausgangspunkte der Novemberrevolution 1918. Damals schon missfielen den Bürgern von Berlin die zahlreichen herumlungernden Obdachlosen und Schlafburschen. Deshalb forderten sie von der Polizei die Verdrängung. Irgendwie hat sich wenig geändert. Doch eins: Die kannten das Beruhigungsmittel Hartz IV noch nicht.

Das geschieht so lange, bis die Berliner Illusion in der Mitte frei von Störenfriede ist. Am Ende des Prozesses bleiben nur noch die Stadtränder. Hallo Paris, Hallo London, wir wären dann auch soweit.

Nein, ich habe immer versucht, für eine Gesellschaft einzutreten, die zum Rahmen Grundgesetz passt. Was jetzt passiert, hat damit nichts mehr zu tun. Entstanden ist ein System, welches nicht zum Rahmen passt. Und dagegen kann ich ohne jegliche Skrupel antreten – eben gerade, weil ich eine ganze Menge gesehen habe. Die Geschehnisse und das Gesehene im Polizeidienst treiben einen häufig vor sich her. Es ist absolut menschlich, dass man bei gleicher Informationslage zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt. Meins ist, dass Menschen nicht als das geboren werden, was sie irgendwann sind.

Viele Faktoren wirken auf die Persönlichkeit ein. Nach meiner Logik ist die Anzahl kranker, gewaltätiger, brutaler, egoistischer, asozialer Menschen eine Kennzahl für den Zustand der Gesellschaft. Dabei geht es weniger um Fallzahlen in Kriminalstatistiken, sondern wie man die Täter oder Einsatzsituationen persönlich erlebt. Eine Gesellschaft produziert ihre Problemfälle immer alleine. Der bürgerliche ausgestreckte Zeigefinger, bedeutet immer, drei Finger zeigen auf das Bürgertum und einer, der Daumen, auf die Machthaber, die sie gewählt haben. Immer nur auf den Täter zu schauen, sich auf Stereotype zu fixieren ist nachvollziehbar, ist meiner Meinung nach einen Schritt zu kurz gedacht.

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Februar 20 2019

Die Pflicht füreinander da zu sein …

Reading Time: 10 minutes

Bevor ich auf die Ursachen eines Verhalten, welches als Corps – Geist, bezeichnet wird, eingehe, möchte ich aus meiner Perspektive ein paar Sachen zum Thema Pflichten loswerden:

Seit ich darauf achte, fällt mir in Unterhaltungen ein stets wiederkehrendes Denkmuster auf. Meine Gesprächspartner gehen davon aus, dass ich etwas tun müsste, und meistens nicht deshalb, weil sie das so festgelegt haben, sondern weil man es tut. Die gute alte rhetorische Antwort: «Wer ist man? Und ich muss gar nichts, außer meine Notdurft verrichten.», betrachte ich als durchgehend bekannt.

Aber keiner hält sich daran. Offensichtlich werde ich ungefragt in ein komplexes Pflichtsystem eingebunden. Nach deren Auffassung gehört es zum Beispiel zu meinen Pflichten auf meine Gesundheit zu achten, Drogen zu meiden, nicht übermäßig Alkohol zu mir zu nehmen, auf andere einzugehen, mir einen Lebenspartner zu suchen, Freundschaften zu pflegen. Ich soll alles dafür tun, dass ich lange lebe, und darf diesem Leben nicht ungefragt ein Ende setzen. Mir wird gesagt, dass ich Ordnung zu halten habe und meinem Leben eine Struktur geben muss. Kaum begann ich mit dem Schreiben, hieß es, ich dürfte nicht belehren, ich müsste offen bleiben und den Menschen Gedankenanregungen geben. Diese Auflistung ist nicht abschließend. Beim längeren Nachdenken würden mir vermutlich noch einige mehr einfallen.

Die Sache mit der Pflichterfüllung, kenne noch von wo ganz anders her. Aus diesem Grund bin ich da ausgesprochen sensibel.

OK! Was hat es mit diesen Pflichten auf sich?

Pflichten können freiwillig übernommen werden, sie können aus moralischen oder ethischen Gründen erwachsen oder per Gesetz bestimmt werden. Ich habe mal bei WIKIPEDIA nachgelesen. Dort steht zum Thema Pflichten, die sich aus ethischer Sicht ergeben:

«Die philosophische Lehre von den Pflichten heißt Deontologie (von altgriechisch το δέον ‚das Erforderliche, die Pflicht‘ und λόγος ‚Lehre‘, also ,Pflichtenlehre‘), ein Begriff, der um 1930 durch den britischen Philosophen C. D. Broad näher definiert und der teleologischen Ethik gegenübergestellt wurde. Das Grundprinzip der Deontologie ist die Berufung auf die Motivation für eine Handlung. Es folgt die Prüfung, ob Motivation und Handlung mit einem Wertmaßstab, den jeder vernünftige Mensch einsehen kann, vereinbar sind oder nicht. Das Begründungsverfahren lässt nur die Attribute „gut“ oder „schlecht“ zu.»


Seite „Pflicht“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Januar 2019, 03:04 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Pflicht&oldid=184830043 (Abgerufen: 20. Februar 2019, 02:57 UTC)

Oha! Dachte ich beim Lesen spontan. Ich habe noch nie in meinem Leben einen durchgehend vernünftigen Menschen kennengelernt. Und was soll dieser Wertmaßstab sein?

Aber meine Gedanken schweiften noch weiter ab. Ich habe im Leben verschiedene Werte in unterschiedlichen Gruppen kennengelernt. Es stimmt, dass daraus Pflichten hervorgingen. Dazu gehörte zum Beispiel die absolute Offenheit und Ehrlichkeit innerhalb eines Einsatzteams. Gleichermaßen geziemte es sich nicht, dass Teammitglieder gegenseitig verpfeifen, und schon gar nicht nach «oben» gehen, bevor sie nicht untereinander gesprochen haben. Andere Pflichten ergaben sich aus der Notwendigkeit, mit Fehlern umzugehen. Sie kommen bei jedem vor. Wichtig ist, sie einzugestehen, damit er nicht wiederholt werden muss und Fehlerquellen künftig wenigstens minimiert werden können. Das kann nur funktionieren, wenn einem Menschen die Option gegeben wird, aus der Situation wieder heraus zu kommen.

Zeitweilig arbeitete ich einem Bereich, in dem es die Regel gab: Fehler passieren, sie kosten Dich eine Runde für alle und nachdem Du bezahlt hast, darf darüber nicht mehr gesprochen werden. Wenn einer bei einem Fehler übelste Repressalien, Verlust der Arbeit, oder die Vernichtung seines Ansehens zu befürchten hat, wird er nicht auf die Idee kommen, den Fehler einzugestehen.

Es bedarf also einer Fehlerkultur, die die Unvernunft und die Fehlbarkeit des Menschen berücksichtigt, die daraus resultierenden Fehler als menschlich erachtet, und damit ein Eingeständnis ermöglicht. Jeder, der in diesem Team arbeitet, muss sich zwingend dieser Kultur gegenüber verpflichtet sehen, sonst funktioniert sie nicht.

Zum Thema gehört auch Kritik an einem Verhalten. Zum Beispiel setzen sich Mitglieder eines Teams zusammen und bewerten rückblickend ihre Arbeit. Ist ein gewünschtes angestrebtes Ziel nicht erreicht worden, muss herausgefunden werden, wie es dazu kam. Meistens wurde eine Entscheidung getroffen, die sich im nach hinein, als ineffektiv oder nicht zielführend erwies. In der Regel wird dies kurz unter Fehler einsortiert.

Wird offen darüber gesprochen, kann ermittelt werden, ob der Entscheidungsprozess optimiert werden kann oder Maßnahmen notwendig sind. Dabei gilt die Grundregel: Eine Entscheidung muss immer nach dem Wissensstand vor und nicht danach bewertet werden.

Bei diesen Gesprächen muss darauf geachtet werden, dass die Kritik positiv und nicht mit ausgestreckten Zeigefinger geübt wird.

«Ich fand gut, wie sehr Du Dich engagiert hast. Hast Du einen Vorschlag, wie wir ein wenig den Druck herausnehmen können, damit Du nicht mehr in der Not bist, überschnell handeln zu müssen?»

So arbeiten Profis, die sich an Zielen orientieren. Sie wissen auch, dass Vergangenes unabänderlich ist und nur noch für eine Auswertung taugt.

Um all dies leisten zu können, muss untereinander Vertrauen bestehen. Jedes einzelne Teammitglied muss sich darauf verlassen können, dass gemeinsam akzeptierte Ziele existieren, jeder an einer Umsetzung interessiert ist und sich im Rahmen seiner Möglichkeit dafür einsetzt bzw. bereit ist, dafür Leistungen zu erbringen.
Bei Teams, die sich in Bereichen bewegen, in denen die Teammitglieder bei ihren Aufgaben in Lebensgefahr geraten können, besteht ein besonderes Vertrauensbedürfnis. Im Idealfall weiß ich bei meinen Teampartnern von ihrem privaten Gemütszustand, ihren Problemen, ihren Bedürfnissen, Krankheiten u.s.w. Arbeitnehmern aus anderen Arbeitsbereichen erscheint dies oftmals befremdlich, da ihnen dies zu weit in das Privatleben hineinreicht. Aus diesem Vertrauen bildet sich etwas, was allgemein Kameradschaft genannt wird.

Innerhalb dieser werden auch die zum Teil traumatischen Erlebnisse miteinander verarbeitet. Mal besser, mal schlechter. Jedes Team entwickelt dabei interne Strategien.

In seinen Grundanlagen hat der Mensch ein internes uraltes Gefahrenprogramm. Erkennt er eine Lebensgefahr, rennt er entweder weg oder versteckt sich vor dem Angreifer. Eine weitere Option ist das sich Totstellen. Fällt der Angreifer nicht darauf rein und der Atem des angreifenden Raubtieres ist riechbar, geht er entweder zum Angriff über oder sucht nach Fluchtoptionen.

Keine dieser Verhaltensweisen ist bei Soldaten, Feuerwehrleuten oder Polizisten wünschenswert. Von ihnen wird die genau entgegengesetzte Verhaltensweise erwartet. Das verändert die Persönlichkeit nachhaltig.

Kommt es dann noch zu einer realen unmittelbaren Lebensgefährdung für sich selbst oder einen anderen, wird es besonders arg. Hinzu kommen Situationen, in denen diesen Berufsgruppen über Jahrzehnte die Endlichkeit des Menschen, nämlich von einer Sekunde zur nächsten an einem unerwarteten Zeitpunkt und Ort, vor Augen geführt wird.

Folgen, sind eine von der gesellschaftlichen Norm abweichende Lebensweise, die Versetzung innerer Grenzverläufe, eine erhöhte Risikobereitschaft und Stresserkrankungen mit Grenzverläufen ist die Beurteilung von belastenden Situationen gemeint. Was für einen mit solchen Situationen nicht konfrontierten Menschen bereits als eine emotional belastende Situation eingestuft wird, erfährt bei diesen Berufsgruppen eine vollkommen andere Bewertung. Es muss sehr viel passieren, bis die sagen: «Stopp, das ist zuviel!» Parallel werden Ereignisse mittels Sprache, Banalisierung, Verniedlichung, Sarkasmus heruntergestuft.
«Schweine erkennen sich am Gang.» Einsatzbeamte, Soldaten und Feuerwehrleute erkennen sich schnell am Habitus und finden zusammen. Auch das entspricht dem menschlichen Verhalten. Gegenüber Menschen, die mit alledem nichts anfangen können, eher befremdet reagieren, wird ein gegenseitiger Schutz aufgebaut.

Im zurückliegenden Fall des Unfallfahrers Peter G. wurde sein Dank an die Solidarität kritisiert. Ich fragte mich, wie unmenschlich die Zeiten geworden sind. Niemand hat sich in die Lage versetzt. Du sitzt zu Hause und bist am Tod eines Menschen beteiligt gewesen. Allein … verdammt alleine. Und dann meldet sich vielleicht einer bei Dir: „Alter mach keinen Quatsch! Wir stehen zu Dir. Keiner von uns weiß, dass ihm das nicht auch passieren könnte!“ Aber warum sollte jemand darüber nachdenken? Er ist ja nur ein abgefuckter Cop. Das dieses Denken verbreitet ist, weiß jeder in diesem Job. Auch dafür ist das Auffangnetz da.

Niemand hat Dir jemals beigebracht, wie Du damit umgehen sollst. Also gehst Du erstmal den Weg nach vorn. Über dreißig Jahre lang hast Du den Kopf hingehalten und eine Millisekunde mit furchtbaren Folgen macht alles kaputt. Es muss einen Sinn gehabt haben – aber wen außerhalb des Teams interessiert das schon?

Leute, die in ihrem Leben immer alles auf die sichere Karte gesetzt haben, mit Sicherheit nicht. Die haben maximal Dünnpfiff, weil Wähler abhanden kommen könnten.

Nicht zwingend traumatisch, aber ein auf die Persönlichkeit einwirkender Faktor ist der tägliche Umgang mit Menschen in besonderen Lebenslagen.

Mensch trifft auf Mensch. Kriminalbeamte und Schutzpolizisten erleben für den Unbedarften unglaubliche und schwer vorstellbare Verhaltensweisen.

Sei es, dass Eingesperrte durchdrehen und mit Fäkalien um sich werfen, Straftäter sich mit dem Vortäuschen eines epileptischen Anfalls einer Festnahme entziehen wollen, sich an die Geschlechtsteile fassen und plötzlich die Hand ins Gesicht eines Beamten halten, mittels Schreien und Selbstverletzung eine Misshandlung vortäuschen, widerlichste Straftaten ausgehend von einem anderen behaupten, um sich zu rächen, sich selbst anzünden, Rasierklingen verschlucken, mit Drogen gefüllte Kondome im Körper transportieren, Glasscherben und Cuttermesser Klingen in die Haare einflechten, oder aufgrund einer eigenen vorhergehenden Traumatisierung dissoziieren. Das ist nur kleine Auswahl an Erlebnissen aus meiner eigenen Biografie.

Ich kann verstehen, dass der gängig sozialisierte Mensch bei den Bildern, die heutzutage mit Smartphones aufgenommen werden, zu anderen Ergebnissen kommt, als tatsächlich stattgefunden haben. Doch vieles ist nicht so, wie es scheint und überrascht einen.

Zum Beispiel würde ich auch gern jeder Frau die Schilderung einer Vergewaltigung abnehmen, jede angezeigte Kindesmisshandlung durch einen Vater mit Emotionen begleiten, doch das ist mir nicht mehr möglich. Gleichfalls habe ich gelernt, das Video – Ausschnitte, die die Vorgeschichte nicht zeigen, im höchsten Maße manipulativ sind und zu diesem Zwecke gern eingesetzt werden. Glauben sie mir, man macht sich mit dieser skeptischen Haltung keine Freunde. Menschen wollen nämlich das glauben und sehen, was in ihre Vorstellungswelt passt, da sind Zweifler lästige Zeitgenossen. Sich nicht halbwegs auf das «Normale» verlassen zu können erzeugt zusätzlichen Stress.

Die Schilderungen zu glauben, ist ebenfalls eine sinnvolle Eigenschaft unseres Gehirns. Menschen sind im sozialen Gefüge auf ein gewisses Maß an Vertrauen angewiesen. Es bedarf einiger Arbeit an sich selbst, wenn dieses Vertrauen nicht mehr da ist.

Stress ist ein im Verhalten des Menschen, evolutionärer Zustand, der ursprünglich für Gefahrensituationen entwickelt wurde.

Die kürzeste Formel lautet: Stress macht doof! Das Großhirn verabschiedet sich und das «Zentrale Nervensystem» übernimmt zusammen mit dem Reptiliengehirn (Amygdala) die Kontrolle. Da hilft das beste Training nicht. Die Handlungsabläufe werden so schnell, dass das Großhirn nicht mehr zum Zuge kommt. Das Ergebnis sind Handlungen, die sich keiner erklären kann. Um so geringer die Pausen zwischen den stresserzeugenden Ereignissen sind, desto eingeschränkter wird das Denkvermögen des Betroffenen – die Wahrscheinlichkeit von Fehlleistungen steigt an.

Angehörige dieser Berufsgruppen wissen dies alles und gestehen sich gegenseitig in einem von ihnen selbst zu vertretenden Maße fehlerhafte Reaktionen zu. Ihnen ist bewusst, dass dies alles Teil des Berufs ist. Wer sich dem Beruf und seiner Bedeutung verpflichtet fühlt, muss diese Dinge zwingend in Kauf nehmen.

In unserer Gesellschaft haben wir keine Fehlerkultur, an die sich alle Mitglieder halten. Die Menschlichkeit wird negiert. Fehler, die zur Schädigung oder Tod eines Menschen führen, dürfen dem allgemeinen Tenor nach nicht passieren. Da ist es nicht verwunderlich, dass wenige sich in der Lage fühlen, Fehler einzuräumen. Gerade in den letzten Tagen haben wir dies in Berlin wieder erlebt. Auch eine Realität, die hingenommen werden muss. Verwunderlich ist es aber auch nicht, dass Menschen in diesem Beruf versuchen, sich vor dieser Ignoranz zu schützen.

Oftmals muss es nicht einmal ein gravierender Schaden an der Unversehrtheit sein, es reicht ein fehlerhaftes Verhalten in der Biografie und die öffentliche Ächtung erfolgt lebenslang. Aber gut, auch dies hat menschliche Züge. In Kenntnis dessen, haben sich die Religionen die Option einer Vergebung durch einen Gott ausgedacht. Wenn schon der doofe Mensch nicht dazu in der Lage ist, gibt es wenigstens posthum eine Vergebung. Manch einen beruhigt das.

Der Pöbel denkt nicht, vergibt und verzeiht nicht.

Oftmals muss es nicht einmal ein gravierender Schaden an der Unversehrtheit sein, es reicht ein fehlerhaftes Verhalten in der Biografie und die öffentliche Ächtung erfolgt lebenslang. Aber gut, auch dies hat menschliche Züge. In Kenntnis dessen, haben sich die Religionen die Option einer Vergebung durch einen Gott ausgedacht. Wenn schon der doofe Mensch nicht dazu in der Lage ist, gibt es wenigstens posthum eine Vergebung. Manch einen beruhigt das. Der Pöbel denkt nicht, vergibt und verzeiht nicht.

Das Abarbeiten an einer Institution, die in die Rechte der Menschen eingreift, was grundsätzlich niemand mag, ist ein Phänomen in einer Massengesellschaft und erfüllt eine Funktion. Die Polizei soll ein Idealbild erfüllen. Pflichterfüllung, Gesetzestreue, Professionalität, Charakterstärke, Verfassungstreue heißen die geforderten Eigenschaften. Denn so sieht der Deutsche Staat und Teile der Bevölkerung sich selbst gern. Man fühlt sich gleich besser, wenn die diesem Idealbild, welches man selbst meistens nicht einmal ansatzweise erfüllt, dem ebenfalls nicht gerecht werden. Andere Bevölkerungsgruppen finden diese Forderungen eher ablehnungswürdig und haben jeden Tag einen Kragen, weil das von ihnen staatlicherseits gefordert wird. Wie gut, wenn die Vertreter des Staats selbst beweisen, dass das nicht funktioniert. Dann sollen die gefälligst auch richtig auf den Sack bekommen.


Mit ihrem Handlungsauftrag gerät die Polizei quasi täglich zwischen die Fronten. Ist es verwunderlich, wenn sich ihre Mitglieder einkapseln und sich gegenseitig bei stehen, selbst wenn das auch mal schwierig werden kann. Ich weiß aus Gesprächen mit älteren gereiften Mitgliedern der autonomen Szene, dass die durchaus ein Verständnis für die Lebenssituation und Reaktionen der einzelnen Polizisten haben, denn gegen den Einzelnen geht es nicht. Es geht um das, was er symbolisiert und da kann auf den Einzelnen taktisch gesehen keine Rücksicht genommen werden. Beim seelisch verkrüppelten Bürger, der Opfer der gesellschaftlichen Fehlentwicklungen geworden ist, sieht es ein wenig anders aus. Über menschliches Verhalten denkt der nicht mehr nach. Der denkt ausschließlich innerhalb der Kategorien, die ihm in den Kopf gesetzt wurden.

Nahezu alle Artikel, die ich in den letzten Tagen zu polizeilichen Themen gelesen habe, bestanden aus Stereotypen, oberflächlicher Betrachtung, Bedienen der niederen Instinkte der Leserschaft, links, rechts und bürgerlich. Tendenziell erfolgt keine Analyse nach alter Art: These, Antithese, Synthese. Einerseits finde ich es richtig staatliches Handeln kritisch zu beäugen, andererseits erwarte ich eine Aufbereitung und Ausleuchtung aller Ecken.
Jeder der sich zum Thema äußerte, fand sich manipulativ passend zum bedienenden Leserkreis verkürzt wieder.

Sogar aus den eigenen Reihen der Polizei bzw. Innensenat erfolgt eine simple Bedienung der zukünftigen Wähler. Zum Beispiel wäre im Fall des derzeit in der Öffentlichkeit stehenden Peter G. eine Erwähnung seiner menschlich fürchterlichen Situation einer Fürsorgepflicht seitens des Dienstherren hilfreich gewesen. Auch die Wortwahl, die man von Leuten in dieser Position erwarten könnte, empfand ich persönlich seltsam. Natürlich kann man mit juristisch belegten Begriffen arbeiten. Doch niemand muss es tun.

Er hätte alternativ auch sagen können:

«Uns wurden Informationen übergeben, die derzeit geprüft werden. Ob sich daraus notwendig eine neue Betrachtung des Sachverhalts ergibt, wird eine eingehende Untersuchung ergeben. Bis wir näheres wissen, insbesondere bezüglich der Qualität der Informationen, gilt für uns die jedem in unserem Staat zustehende Unschuldsvermutung, der wir uns besonders aus unserer Fürsorgepflicht heraus, verpflichtet fühlen.»

Wer von «Corpsgeist» bei der Polizei spricht und diesen annimmt, kann sich im Falle eines echten Interesses nicht auf beschimpfen beschränken, sondern muss auch auf Spurensuche gehen und nach Faktoren für dieses vollkommen normale menschliche Verhalten suchen. Dann kann ein Verständnis entstehen und ein Gegenwirken versucht werden. Bisher war alles verstärkend.

Polizeipräsidenten/innen, Innensenatoren/innen kommen und gehen.
Die Polizisten/innen bleiben und machen sich ihren eigenen Reim darauf. Bereits bei AMRI kam mir die Idee einen Catering Service für Untersuchungsausschüsse aufzumachen, weil die stark in Mode kommen. Faszinierend, dass die Experten – ist das eigentlich ein geschützter Begriff – mehr Ahnung haben, als die versierten Ermittler bei der Polizei.Aber allgemein wird der Polizei diesbezüglich misstraut. Ich kenne einige Bürger, die trauen der Politik auch nicht über den Weg. Warum hat noch niemand in Erwägung gezogenen, einen Bürger – Ausschuss zu bilden, der die Arbeit des Untersuchungsausschusses untersucht? Ich meine das nicht einmal polemisch. Könnte interessant werden, wenn alle größeren OK – Verfahren demnächst von Untersuchungsausschüssen begleitet werden.


Jeder, der die Seite der Polizei beleuchtet, wird neuerdings sofort mit dem Vorwurf belegt, reflexartig die Polizei zu verteidigen bzw. ihr – wie es der 1. Vorsitzende der GRÜNEN Oliver von Dobrolowski formuliert – Unfehlbarkeit unterstellt. Gerade davon bin ich sehr weit entfernt. Selbstverständlich passieren Fehlleistungen. Diese sind abzugrenzen von klaren kriminellen Handlungen, deren Vorhandensein ebenfalls nicht bestreitbar sind. Je nach Schwere, kommt es hier sogar zu internen zusätzlichen Sanktionen.

Ich verwende mich gegen kollektive Beschuldigungen, Vorverurteilungen, gesellschaftliche Entmenschlichung ganzer Gruppen, egal aus wem sie sich zusammensetzen, den Verkauf der menschlichen Würde für Auflagenzahlen und die sich ausbreitende Abkehr vom Individuum und seiner Eigenschaft ein Mensch zu sein. Das passiert mit ausländischen Straftätern, völlig unbescholtenen Menschen, Polizisten und Politikern.

Ich lasse auch nicht die Opfer außer acht. Ohne eigenes Zutun wird mancher Opfer von Prozessen, die er selbst nicht zu verantworten hat. Doch ich weise darauf hin, dass das jederzeit auf uns alle zutrifft. Wir wollen es nur nicht wahr haben.

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August 8 2018

Burnout Teil III

Reading Time: 15 minutes

Bevor Sie den letzten Teil der drei BURNOUT Beiträge lesen, habe ich einige Fragen. Kennen Sie Bob Ross? Haben Sie bereits mehr als drei nächtlich ausgestrahlte Folgen Medical Detektivs gesehen? Sind Sie schon einmal bei einer Folge einer Serie im Sessel eingeschlafen und an der passenden Stelle der Wiederholung wach geworden? Liegt die letzte Leerung ihres Briefkastens mindestens drei Tag zurück? Haben Sie in den letzten Tagen, vor einer neuen Bierbestellung ausgerechnet, wie viele Stunden bis zum nächsten Dienstantritt sind? Liegen in der Wohnung mehr als drei ungeöffnete Briefe herum? Sind sie krank geschrieben?

Sollten Sie mit diesen Fragen etwas anfangen können, würde ich mich darüber freuen wenn Sie weiterlesen. Machen wir uns nichts vor: Die Zeit dazu haben Sie. Allen anderen wird der Beitrag vermutlich zu lang werden bzw. das Interesse fehlen.

Einer der miesesten Dinge bei einem BURNOUT ist der Begriff selbst und wie bereits in den anderen Teilen erläutert, die damit einhergehende Bezeichnung Krankheit. Wer sich in dieser Lebenslage befindet, kennt Krankheiten in Form von grippalen Infekten, Verletzungen, Zahnschmerzen pp.. Die anderen Sachen sind falscher Lebenswandel, Unvermögen, Urlaubsreife, kurzfristige Stressbelastungen, mangelnde Selbstkontrolle usw. Deshalb nannte ich es in TEIL I – II gesundes NOTLAUFPROGRAMM zum Schutz vor schlimmeren Folgen. BURNOUT ist eine lächerliche Bezeichnung, die von modernen Weicheiern erfunden wurde. Frei nach dem Motto: Irgendetwas muss ja auf dem Zettel stehen. So jedenfalls der allgemeine Tenor in Arbeitsbereichen, in denen es genau dazu kommt. Tatsächlich wird jeder im Berufsleben Stehende beim Lesen der Ankreuzteste einige Treffer haben.
Einige ziehen sich auch gern darauf zurück, dass es das früher schließlich auch nicht gegeben habe. Die Generationen davor haben einfach gearbeitet.

Ist das so? Ich sehe dies ein wenig anders. Die Durchhalteparolen der sogenannten Nachkriegsgenerationen sprechen dagegen. Durchhalten ist nicht zwingend Leben. Bereits der Römer Seneca kritisierte vor 2000 Jahren, dass die Mitbürger ihr Leben auf eine Zeit nach dem Arbeitsleben verschieben würden, ohne zu wissen, ob sie dieses Alter überhaupt erreichen würden. Wir leben schon seit geraumer Zeit in einem Umfeld, in dem eine andere Sicht auf das Leben für einige Wirtschaftsbereiche erhebliche finanzielle Verluste einbringen würde. Zu weit in die Vergangenheit zu schauen bringt glaube ich wenig. Ich beschränke mich auf das 1965 erschienene Lied: Mother Little Helper der Rolling Stones. Zumindest damals scheint schon einiges aus dem Ruder gelaufen zu sein.

Man kann sich trefflich streiten, wie ein erfülltes, gesundes, selbst bestimmtes Leben aussieht. Wer mit den eingehenden Fragen etwas anfangen kann, wird mir zustimmen, dass es so jedenfalls nicht aussieht. Ich selbst habe mir eine morbide klingende Regel zu eigen gemacht. Ich frage mich, ob das was ich gerade tue auch seine Berechtigung hätte, wenn ich wüsste, dass ich in den nächsten zwei Tagen sterbe. Anders: Ich habe den Tod zu meinem besten Ratgeber gemacht.

Vor einem Jahr habe ich  mir ein Experiment vorgestellt. Drei Probanden wird die Aufgabe gegeben, mittels eines durch Muskelkraft angetriebenen Generators eine lebenserhaltene Maschine mit Strom zu versorgen. Von der Maschine ist ein Patient abhängig. Im Wechsel von drei Schichten treten die Probanden in die Pedale und produzieren Strom. Jeweils nach einer Woche wird einer abgezogen, so dass nach zwei Wochen nur noch einer 24 Stunden lang treten muss, um den Patienten am Leben zu erhalten.

Dem letzten Probanden wird nach einiger Zeit bewusst, in welchen Dilemma er sich befindet. Hört er auf zu treten, stirbt der Patient. Letztlich ist aber auch klar, dass er die Nummer nicht auf ewig durchhält. Egal, wie es läuft, am Ende fühlt er sich schuldig. Er sitzt in der Falle. Entweder er steigt ab, weil er sein eigenes Leben voran stellt oder seine Kräfte versagen. 

Ich versuchte mit diesem fiktiven Experiment für mich selbst zu ergründen, wieso man nicht einfach geht und den ganzen Kram anderen überlässt. Warum überträgt der letzte Proband nicht die Verantwortung auf den Konstrukteur, der wissen müsste, dass der Patient nach Abzug der beiden anderen irgendwann sterben wird? Schließlich könnte er jederzeit mit der Begründung absteigen, dass das weitere Geschehen nicht in seiner Verantwortung liegt, sondern sich die Konstrukteure etwas einfallen lassen müssen.
Das alltägliche Geschehen um mich herum sieht für mich nicht viel anders aus. Da gibt es eine Gemeinschaft von Bürgern die verschiedenen Berufsgruppen sagt, dass von ihnen der Fortbestand der Gesellschaft abhängig ist. Krankenpflegern, Sozialarbeiter, Feuerwehrleute, Assistenz – Ärzten werden auf den Generator gesetzt, und jeden Tag machen wegen Sparmaßnahmen weniger den Job. Das eingesparte Geld versickert durch merkwürdige Lecks, wie zum Beispiel dem BER. Dieses sich gut oder schlecht fühlen kommt nicht von irgendwo her. Es gibt Gründe für die negative Bewertung des Absteigens. Komischerweise stellt man sich nicht die Frage, warum man nicht das eigene Leben höher bewertet, als das der anderen.

Auf der Suche nach den Gründen, musste ich an das den meisten bekannte Milgram Experiment denken. Ich finde, am nachdrücklichsten wurde es im Film I – wie Ikarus dargestellt. Ein Sonderermittler geht den wahren Hintergründen eines Attentats auf die Spur. Bei den Ermittlungen landet er auch in einem Institut, in dem psychologische Experimente durchgeführt werden. Er wird Zeuge eines dieser Experimente. Probanden, die zum Lehrer ernannt werden, sollen Schülern Verbindungen zwischen Bildern und Begriffen beibringen. Gibt der Schüler eine falsche Antwort, wird der Lehrer aufgefordert einen Stromschlag zu geben. Ohne seine Kenntnis, handelt es sich bei den Schülern um Schauspieler, die die Schmerzen simulieren. Die Stromschläge sind gestaffelt bis zur letalen Dosis. Soweit ist es sicherlich fast allen bekannt.

Im Film (Experiment bei 1:32) interveniert der Sonderermittler kurz vor der letalen Dosis, woraufhin er in den Versuchsaufbau eingewiesen wird. In einem folgenden Gespräch bringt er seine Fassungslosigkeit zum Ausdruck, dass die Lehrer bis zur letalen Dosis gehen wollten. Der Leiter des Instituts fragt ihn hingegen, warum der Ermittler erst zu einem derart späten Stadium eingriff. 
Das Experiment aus dem Jahr 1961 wurde mehrfach ausgewertet. Gängig ist die Interpretation, dass die Lehrer sich den anwesenden Versuchsleitern gegenüber verpflichtet fühlten, die als „Götter in weißen Kitteln“ , eine übergeordnete Autorität einnahmen.

Später wurde das Experiment nochmals ein wenig abweichend interpretiert. Die Versuchsleiter repräsentierten ein höheres Gut: die Wissenschaft. Damit hätten die Lehrer weniger wegen der Autorität gehandelt, sondern sahen sich etwas Übergeordneten verpflichtet. Frei nach der Feststellung von Aristoteles: Das Ganze (im vorliegenden Fall das Höhere) ist mehr als die Summe seiner Teile.

Meiner Kenntnis nach, wurde der Begriff Burnout von Ärzten geprägt, die bei Patienten aus sozialen Berufen ähnliche Symptome beobachteten. Ich mache mir meinen eigenen Reim darauf. Eine Freundin von mir, hat es meiner Auffassung nach auf den Punkt gebracht:

„Menschen in gesellschaftlichen Berufen haben einen Knopf für ein empathisches Programm. Jeden Tag wird der auf ein Neues gedrückt, bis er defekt ist.“

E., Sozialpädagogin

Zur Empathie kommen noch die „Strokes“ (Streicheleinheiten) hinzu, die man sich in diesen Berufen holen kann. Ich persönlich halte Altruismus für eine Lüge. Menschen handeln immer mit einem Motiv, und wenn sie sich nur durch die gegebene Hilfe besser fühlen wollen. In meinem Beispiel befindet sich der Proband anfangs in der Situation etwas Gutes zu tun, welches ihm ein positives Gefühl gibt. Nicht mehr aufhören zu können und aus seiner Perspektive für den Tod eines Menschen verantwortlich zu sein, macht ihn fertig.
Er wird bis zum bitteren Ende alles geben. Immerhin kann er dann noch behaupten, alles einem Menschen Mögliche getan zu haben. Leider ist er objektiv betrachtet ebenfalls zum Patienten geworden, der nichts vernünftiges mehr auf die Reihe bekommt. Die Lebenserfahrung sagt uns, dass der Patient nicht sterben wird, weil die Erfinder des Systems an der nächsten Ecke einen anderen Dummen finden.

Aus einer mittlerweile größeren Zahl von Gesprächen heraus habe ich entnommen, dass nahezu jeder, der in der Falle landete, über begünstigende Verhaltensmuster verfügte.

Alle hatten etwas mit Anerkennung, ursprünglichen Glauben an Idealen und Überzeugung vom Ganzen zu tun.
Mich selbst habe ich mehrfach gefragt, warum ich mich nicht an Henry Miller orientierte. Der betrachtete ein glückliches Ego als infizierend für andere. Er leitete daraus ab, dass alle erst einmal für sich selbst sorgen sollten, dann wäre die Folgewirkung auf alle betrachtet wirksamer, als wenn man ständig versuchen würde, anderen zu helfen. Entscheidend ist auf jeden Fall ein Überdenken der eigenen Verhaltensmuster. Denn immerhin haben sie sich schädigend ausgewirkt.

Wer aus einem BURNOUT eine Chance machen will, muss UMDENKEN, NACHDENKEN und nochmals ÜBERDENKEN. Von Kindheit an, werden uns Programme implementiert. Geboren werden wir mit dem riesigen Potenzial eines Menschen. Erziehung, Sozialisierung, berufliche Prägung, führen zur Eingrenzung. Jegliche vermeintlich eigene Erkenntnis und Maxime muss auf den Prüfstein gelegt werden. Was ist wirklich meins und was ist das Ergebnis von Manipulationen?

Wie äußert sich ein Burnout?

Soviel ich weiß, gibt es wie immer keine Standards. Für mich ist das Schreiben darüber eine sehr prekäre Angelegenheit, der ich mich aber stelle. Dafür habe ich individuelle Gründe. Mein Weg der letzten drei Jahre brachte mich mit Menschen zusammen, die an der gleichen Station strandeten.

Ich stellte bei mir selbst und bei den anderen ein auffälliges Desinteresse am Leben von Mitmenschen fest. Wer sein eigenes Leben kaum noch geregelt bekommt, entwickelt logischerweise ein Desinteresse. Beruflich fällt dieses weniger auf, im Privatleben ist das eher kontraproduktiv.

Es kommt ständig zu Fehlern, die oftmals etwas mit Gedächtnisleistungen zu tun haben. Zum Beispiel ist ein Polizist ohne ein halbwegs funktionierendes Kurzzeitgedächtnis ziemlich aufgeschmissen. Das kann soweit gehen, dass nach wenigen Schritten nicht mehr erinnerlich ist, warum man eigentlich losgelaufen ist. Physiologisch ist es noch da, nur wird es nicht benutzt, da der gegenwärtige Augenblick quasi nicht mehr existiert.

Entweder drehen sich die Gedanken um die Vergangenheit oder man denkt bereits an die nächsten Aufgaben. Am ehesten lässt sich das mit einer schnellen Autobahnfahrt vergleichen. Alles was auf gleicher Höhe passiert ist uninteressant. 50 Meter voraus ist wichtig und eventuell bestehen noch Erinnerungen an das Geschehen bei der Abfahrt. Im Umfeld führt dies zur berechtigten Kritik.  Die Leute um einen herum interpretieren das als Schusseligkeit oder „Verpeilt“ sein.

Nach dem Dienst ist nur noch die Zeit vor dem Dienst. In der Zwischenzeit passiert nicht sonderlich viel Erwähnenswertes. Die Betroffenen stürzen sich lieber noch mehr in die Arbeit, anstatt sich dem meist bereits desolaten Privatleben zu widmen, welches von Konfrontationen an allen Fronten geprägt ist. Was will man dort, wenn es ohnehin nur Stress gibt?

In den vergangenen drei Jahren habe ich von zwei aus Afghanistan zurückkehrenden Soldaten (einer mit Gefechtserfahrung) und zwei ehemaligen Kollegen erfahren , dass sie einen Moment erlebten, in dem sich alles zuspitzte. Wer sein gesamtes Leben auf den Beruf ausgerichtet hat und sich komplett dem Direktiv des Arbeitslebens unterworfen hat, besitzt keine Kapazitäten für sein restliches Leben.
Polizisten und Soldaten wähnen sich in diesem Augenblick in der Rolle des von der Gesellschaft Ausgebeuteten, der ein Anrecht auf eine Gegenleistung für die erbrachten Opfer hat.
Nun, unser System funktioniert ein wenig anders. Jeder von uns ist eingebunden, und man kann sich dem nicht einfach entziehen. Finanzämter, Gebühreneinzugszentralen, Versicherungen, Ärzte, Dienstleister, Personalstellen, öffentliche Einrichtungen kennen wenig Erbarmen mit Menschen, die abtauchen und nicht mehr die Kraft aufbringen, lästige und bisweilen vollkommen unsinnige Nachfragen zu beantworten.
Jeder kann sich in einer solchen Lage glücklich schätzen, wenn er einen Lebenspartner hat, der das abfängt. Bei den genannten Fällen, war der längst weg. Kommt dann noch ein minimales Ereignis hinzu, wird es zum  berühmten Tropfen auf das volle Fass.
Der Betroffene fällt in eine tiefe schwarze Leere.

Alter, ich kam zurück von der Mission und da war nichts mehr. Selbst die Kohle war schnell weg. Ich stand auf dieser Scheiß Brücke. Wär kein Berufsverkehr gewesen, wäre ich gesprungen.

Olaf, Bundeswehrsoldat, 29 Jahre

Hinzu kommt bei vielen eine latente Scham, nichts mehr leisten zu können. Was man aus diesen Tag macht, ist der alles entscheidende Faktor für das Leben danach – und es kann im Anschluss ein deutlich Schöneres geben.

Ich schreibe hier über Leute, die sich ehemals in der Bezeichnung Leistungsträger sonnten. Die meisten Polizisten, die ich kenne, leben in der Illusion, ein anständiges Leben unter Beachtung der gesellschaftlichen Regeln zu führen. (Bei Lehrern ist das ähnlich. Die einen sollen Regeln durchsetzen und Verstöße ahnden, die anderen vermitteln sie und versuchen ein Verständnis dafür zu erzeugen.)

Wenn die bei der Scheidung alles der Alten zu schreiben und es so sein soll, dass ein Hauptkommissar kein Geld mehr hat … Bitte, dann werden wir mal sehen, ob sich als Gut erweist. Wenn ich in einer 200 EUR Buchte in Neukölln wohne, brauche ich kein Schloss mehr einbauen. Dann brauchen die Penner wenigstens nicht die Tür eintreten.

Karsten, PHK, 53 Jahre

Trölle, die haben uns verarscht. Es war alles nur eine riesige Verarsche. Was ich Ihnen aber richtig übel nehme, ist die Sauferei, die sie mir beigebracht haben.

Martin, PHM, ehemaliger Schießtrainer, 53 Jahre

Die strikte Regelkonformität, die unter Umständen Teil des problematischen Verhaltensmusters war, funktioniert aber nicht mehr. Regeln sind bei einem Polizisten ein völlig anderes Thema, wie bei anderen Berufsgruppen. Für fast alles gibt es eine Geschäftsanweisung. Eine der ersten Dinge, die ein Berufsanfänger lernt, ist das „Arsch an die Wand schreiben“, weil der normale Mensch diese nicht alle befolgen kann.

Burnout ist nicht ein Symptom, sondern ein Syndrom. Kraftlosigkeit, Stimmungsschwankungen, Aggressionen, Frustrationen, Depressionen, Traumatisierungen, psychosomatische Reaktionen, Schlafstörungen, durch Schichtdienst zerstörter Bio – Rhythmus, Anpassungsstörungen, Panikattacken, Veränderungen in den Gehirnstrukturen, erworbene bedingte Konditionierungen, die unkontrolliertes Verhalten auslösen, ergänzen sich zu einem ganzen Paket. Von den meisten Veränderungen merkt der Betroffene als Letzter etwas.
Gut wäre es, wenn Vorgesetzte dies bemerken. Ohne Groll möchte ich hier anmerken, dass da einiges in die falsche Richtung geht. Wie lange wurde im Führungswesen gebraucht, bis man feststellte, dass oftmals die dauerhafte Anwesenheit eines Mitarbeiters ein Warnsignal darstellt, während die Abwesenheit durchaus der Hinweis auf ein intaktes Sozialleben sein kann? Unpünktliches Erscheinen zum Dienst, wird eher abgemahnt, denn als Signal erkannt.
Noch heute werden verschuldete Beamte mit einer finanziellen Disziplinarstrafe oben drauf bekommt, statt dass ihm Hilfsangebote unterbreitet werden.

Ich glaube ohnehin daran, dass die Grundeinstellung ein nicht unwesentlicher Punkt beim Thema BURNOUT ist. Kulturell bedingt, wird in Deutschland dem Beschäftigten erst einmal Faulheit, Unwilligkeit und Böswilligkeit unterstellt, der es entgegenzutreten gilt. Es gibt tatsächlich Länder, in denen erst einmal das Gegenteil davon unterstellt wird und beim Auftreten dieser Verhaltensweisen, eine Spurensuche bei den Führungskräften beginnt. Davon sind wir bei uns weit entfernt, zumindest im leicht archaisch veranlagten Öffentlichen Dienst. Die Verwendung von Anglizismen aus der Betriebswirtschaftslehre macht eben noch keine moderne Führungskraft aus.

In nicht wenigen Arbeitsbereichen kann es nur eine vernünftige eigenverantwortliche Reaktion geben: „Sachen packen und verschwinden.“ Denn diese Bereiche sind „Allesbrenner„. Sollen sich die Gestalter dieser Arbeitsbereiche doch einen anderen Idioten suchen. Auch hierzu möchte ich ein Beispiel anführen.

In meinem ehemaligen Dienstbereich gibt es ein Dienstzeitenmodell, welches keins im eigentlichen Sinne ist. Es nennt sich „Bedarfsorientierter Dienst“. Der Ursprungsgedanke war gut und richtig. Die Beamten versehen ihren Dienst bei besonderen Einsatzlagen ohne Berücksichtigung normaler Stunden- und Pausenregeln. Gleichzeitig sind sie hoch flexibel Einsatzbereit und reagieren innerhalb weniger Stunden auf veränderte Lagesituationen. Wenn danach besondere Ruhephasen zwischen den Einsatzlagen folgen, kann das funktionieren. In einer Zeit, die von Misstrauen und Effizienz – Denken bestimmt ist, kommt es zur Ausnutzung des Beamten. Die Folgen sind verheerend. Früher konnte man jedes Teammitglied unangekündigt mitten in der Nacht anrufen und alle kamen eine Stunde später zur Dienststelle gerast. Die Reihen sind in den vergangenen Jahren verständlicherweise lichter geworden.

Die Ruhephasen werden im Denken der planenden höheren Etagen zu ineffizienten Leerzeiten, die es zu füllen gilt. Durch die Unterlassung einen Schichtdienst einzurichten, werden für den Haushalt ein paar EURO eingespart. Einer seltsamen Logik folgend, betrachten die Entscheidungsgremien diesen Dienst weniger belastend, als den Schichtdienst.
Der Beamte zahlt den Preis, in dem er oder sie vollkommen die Kontrolle über das Leben außerhalb des Dienstes verliert. Wie will man unter diesen Bedingungen in einem Verein mitarbeiten, sich für die Kinder in der Schule engagieren oder einfach mal einen  Tanzkurs mit dem Lebenspartner belegen.

Für meinen Teil habe ich zwanzig Jahre lang in einer Situation gearbeitet, in der ich lediglich 8 Stunden im voraus wusste, wann ich am nächsten Tag, inklusive der Wochenenden und Feiertage, arbeiten werde. 
Die europäischen Arbeitszeitregelungen werden dabei auch nicht eingehalten, da sie jede Menge Ausnahmen kennen. Amüsant war das bei einem psychologisch betreuten Bewerbungsverfahren. Ich musste einen Psychotest absolvieren, in dem ich nach meiner Lebensplanung gefragt wurde. Ich antwortete: Es gibt keine. Das zog einige Fragen nach sich. Ich beschrieb daraufhin meinen Alltag.
„Ich gehe nach 8 Stunden in die Dusche. Unter der Dusche erzählt mir ein Kollege, dass ich am nächsten Tag um 07:30 Uhr da sein soll. Auf dem Weg von der Dusche zum Spint hat sich alles wieder geändert. Nun heißt es 15:00 Uhr. Auf dem Weg nach Hause bekomme ich einen Anruf. Jetzt ist von 22:00 Uhr die Rede. Der nächste Tag ist ein Sonntag. Ich brauche Sonntags eine halbe Stunde von zu Hause zur Dienststelle. Kurz vor dem Eintreffen bekomme ich einen Anruf, dass sich alles erledigt hat und ich wieder beidrehen kann.“ Bitte, wie soll man ein solches Leben planen?

Ich betone: Ich hätte jederzeit gehen können. Da ist der Part der Eigenverantwortlichkeit für sich selbst. Aber ich bin nicht ohne Grund auf das Beispiel mit dem Generator gekommen. Außerdem macht es irgendwann keinen Sinn mehr zu gehen. Nach einigen Jahren hat man sich an dieses Leben gewöhnt und kann gar kein anderes mehr führen.

Mein langes Verharren führte dazu, dass ich einen Überblick bezüglich der Entwicklung bekam. Ich möchte an dieser Stelle einen jungen ausgeschiedenen Kollegen zitieren:

„Trölle, sie bedienen sich an uns, wie an einer Chipstüte. Wie ein Chips sollen wir nicht denken oder gar reden. Wir sind operative Beamte, aus ihrer Sicht sind wir das Letzte.“

F, 30 Jahre, POM a.D.

In einem zurückliegenden Beitrag über Konflikte in der Berliner Polizei erwähnte ich, dass es bei der Kriminalpolizei niemals um eine echte Bekämpfung, sondern um eine Verwaltung der Kriminalität geht. Es geht gar nicht anders.
Straftaten sind wie Unkraut. Sie werden den Garten niemals mit normalen Mitteln frei bekommen. Wenn Sie das schaffen wollen, brauchen sie Agent Orange oder Roundup. Leider vernichten sie damit alles und stehen am Ende vor einer Steppe. Wer das nicht frühzeitig akzeptiert, legt sich selbst einen gepflasterten Weg zum persönlichen Endpunkt. 

Die wenigsten in der Öffentlichkeit auftretenden „Debattierer“ haben eine Vorstellung von Berufskriminellen oder wollen sie öffentlich kundtun. Wie heißt es so schön: Details würden die Öffentlichkeit beunruhigen. Fakt ist, abgehangene Persönlichkeiten aus Ländern, in denen Überleben ein echter Kampf ist, treffen auf eine Gesellschaft, deren Themen Sexismus, Rassismus, Gender – Ausgleich, die sexuellen Eskapaden von temporären Promis, sexuelle Belästigungen pp. sind. Die Lachen sich halb schlapp und ziehen ihr Ding durch. Beispielsweise plant ein russisches Bandenmitglied einen fünfjährigen Gefängnisaufenthalt in einem der reicheren europäischen Länder fest in seine Biografie ein. Das ist eben so. Wir kommen nicht daran vorbei es hinzunehmen. Wir können schlecht Gefängnisse wie ein Zoo gestalten, in dem jeder Gefangene eine Zelle bekommt, wie er es in seinem Heimatland zu erwarten hätte. Wie immer bringt Reichtum auch seine Problematiken mit sich. Der Hartz IV Empfänger in Marzahn muss sich vor diesen Tätern nicht fürchten. Zu ihnen wird er nicht kommen. Dann hätte er auch zu Hause bleiben können. Das ist das Problem der reichen deutschen Gesellschaft. Die Mitglieder wollen protzen, aber nicht den Preis dafür bezahlen. Mein Mitleid hält sich mittlerweile in Grenzen. Ich bedauere nur, dass ich knappe 30 Jahre brauchte, um das zu erkennen.

Jedem der diesen BLOG hier liest und sich in einer ähnlichen Situation befindet, wie ich es hier geschildert habe, möchte ich etwas mit auf den Weg geben. Niemand, der über Jahre hinweg Vollgas gegeben hat, ist davor gefeit in eine Lage zu geraten in der die Post nicht mehr geöffnet wird, die Beihilfe und die Arztrechnungen über den Kopf wachsen, der Lebenspartner das Weite gesucht hat und vieles mehr schief gegangen ist, wo man früher im intakten Zustand, mit den Finger drauf zeigte.

Die Psyche ist keine Maschine, sondern ein filigranes System.

Wenn man die Gelegenheit bekommt mit Kollegen wirklich offen zu sprechen, ist man erschrocken, wie viele in der Leere hängen und auf den beschriebenen Tag mit immer höherer Geschwindigkeit zu streben. 

Schon der alte Säufer und Autor Charles Bukowski stellte fest, dass es Tage gibt, an denen man denkt: Es geht nicht weiter. Dann lacht man darüber, weil einem einfällt, wie oft man das schon in der Vergangenheit dachte.

Geht es um die Polizei ist das Geschrei in der Öffentlichkeit oft groß. Ich denke, dass ist eine Art Tradition in Deutschland. Beim Fußvolk habe ich in 30 Jahren wenige wirklich faule Beamte kennengelernt. Es gibt sie, dass will ich nicht Abrede stellen. Ich erinnere mich an einen Kerl, der quasi sein Wohnzimmer samt seines Fernsehers nachts ins Büro geschleppt hatte und sich jeden Tag dort einschloss, bis der Kommissariatsleiter die Tür eintrat. Aber diese Ausnahmen landen meistens nicht in der Presse. Die dort landen, sind diejenigen, welche weit über alle Grenzen hinaus gegangen sind.

Immer wenn ich etwas über vermeintliche Manipulationen, Mauscheleien, verschwundene Aktenvermerke oder Ähnliches lese, ergreift mich Traurigkeit, weil ich weiß, dass es wieder einen der Engagierten erwischt hat.


Immer mal wieder gibt es echte „Seitenwechsler“. OK! Das gehört zum Geschäft. Es werden immer Leute versuchen, einfacher ans Geld zu kommen. Intern ist der Druck wegen der desolaten Stellenlage extrem hoch. Bis zur Besoldungsgruppe A12 hängt sich kaum einer in die Seile, und meistens wollen die auch noch was werden. Ich denke immer: „Ihr werdet alt, aber nicht mehr …“, doch das ist deren Problem.“
Ich gebe zu, dass ich beispielsweise meinen Hauptkommissar noch recht einfach bekam. Heute müssen Leute bereits für A10 ein Assessment – Center durchlaufen.

Ich kann dem außenstehenden Leser nur raten: Glauben Sie nicht alles, was in den ersten Tagen über einen vermeintlichen Skandal in der Presse steht. 99,9 % aller Verschwörungstheorien sind vollkommener Blödsinn, weil sich niemand vorstellen kann, wie einfach manche Geschichten sein können. Die einfache Geschichte verkauft sich nur schlechter. Die Zeiten eines investigativen Journalismus in den gängigen Publikationen sind vorbei.

Vor ca. 20 Jahren befand ich mal in einer Situation, die aktuellen „Skandalen“ ähnelt. Zwei Aussagen haben mich durch die Zeit gebracht. „Hast Du Dir als Polizist etwas vorzuwerfen?“ und „In zehn Jahren interessiert das keine Sau mehr!“

So bitter, wie es klingt: Jeder innerhalb einer Besoldungsgruppe bekommt am Anfang des Monats den identischen Betrag auf das Konto überwiesen.

Um die Weihnachtszeit herum rief mich ein ehemaliges Teammitglied an, der zwischenzeitlich auf einer Stabsdienststelle „arbeitete“. Er wusste, dass ich mich ganz gut mit Textverarbeitungen auskenne. „Sag mal, wie bekomme ich in ein Dokument eine Bitmap oder wie das heißt eingefügt? Und gibt es da auch Weihnachtsmänner?“
„Du musst über Einfügen gehen. Ja, es gibt Weihnachtsmänner. Aber warum willst Du das wissen?“
„Der Direktionsleiter will es ein wenig nett machen und ich soll mit dem Beamer einen Weihnachtsmann an die Wand werfen.“
„Äh? Wie lange brütest Du bereits über diese Aufgabe?“
„Seit gestern Nachmittag!“

So geht‘ s auch. Und der Kollege steht nicht in der Zeitung. Seine Wohnung wird nicht durchsucht. Ihm werden nicht die privaten Mobiltelefone abgenommen. Der bekommt keine Scheidungspapiere zugestellt … im Gegenteil, er wird sogar schneller befördert. Denkt mal drüber nach.

Das war der letzte Teil zum Thema BURNOUT. In nächster Zeit werde ich mich ein wenig mehr den Vorbereitungen meines Asientrips widmen. Hierzu werde ich natürlich berichten. Knappe 10.000 km mit dem Zug, da wird es auch die eine oder andere Gelegenheit zum Schreiben geben. Wer zum Thema noch Fragen an mich hat, kann sich bei mir gern persönlich melden.

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August 3 2018

Burnout

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worum geht’s?

Wird von jemanden der Begriff BURNOUT verwendet, kommt innerhalb kürzester Zeit ein Schlaumeier um die Ecke gebogen, der feststellt: Gibt es nicht! BURNOUT ist eine Bezeichnung, die ein Euphemismus für Depressionen ist. Mir stellt sich dabei die Frage: Ist das wichtig? Dienstlich fuhr ich vor einigen Jahren einen E – Klasse Daimler. Nach wenigen Wochen, nahm die Kiste kein Gas mehr an. Stur rollte der Wagen mit 60 km/h vor sich hin. Egal wie ich das Gaspedal trat, das Ding wollte einfach nicht. In der Werkstatt teilte mir ein freundlicher Mechaniker mit, dass die Elektronik einen Fehler festgestellt hatte und deshalb ein NOTLAUFPROGRAMM eingeschaltet wurde. Vor drei Jahren verglich ich Menschen in der Arbeitswelt gern mit Maschinenteilen innerhalb einer größeren Maschine, welche sich abnutzen.

Die E – Klasse betrachte ich als einen besseren Vergleich, weil der Mensch eben nicht ein Teil, sondern deutlich komplexer ist. Ähnlich wie das Fahrzeug, welches aus den tiefen der elektronischen Auswertung die Meldung bekommt, dass etwas nicht stimmt, meldet das System des Menschen, bestehend aus dem limbischen System, der Amygdala und dem Großhirn: Stopp! Irgendetwas stimmt nicht. Wenn ich ungebremst weiter mache, kommt es zur nachhaltigen Zerstörung. BURNOUT ist für mich nichts anderes, wie ein NOTLAUFPROGRAMM. Warum wurde es eingeleitet?

Wenn ich mit einem Fahrzeug Schindluder treibe und es gnadenlos mit Höchstgeschwindigkeit über die Autobahn jage, wird es je nach Bauart irgendwann in die Knie gehen. Es wird mir auch nicht verzeihen, wenn ich die Gänge bis zur Schmerzgrenze ausreize, kein Kühlwasser nachfülle, den Ölstand nicht prüfe oder nicht tanke. Nun gibt es Leute, die behandeln ihre Fahrzeuge in dieser Art und andere pflegen das Auto fast zu Tode. Beim Fahrzeug handelt es sich in meiner Analogie um das gesamte System und der Fahrer ist das zu betrachtende EGO. In der Konsequenz gibt es mehrere Faktoren:

  • Es macht einen Unterschied, ob ich mit einem Golf oder einen Jaguar kontinuierlich 180 km/h fahre.
  • Welche persönlichen Voraussetzungen bringt der Fahrer mit sich?
  •  In welchem Umfeld befindet sich der Fahrer?
  • Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen dem Fahrer und dem Umfeld? Wenn ich Unternehmer bin, werde ich Fahrer finden, die gegen eine passende Motivation, wie die Henker von A nach B fahren. Ebenso werde ich auf Leute treffen, die mir einen Vogel zeigen. 

Aus diesen wenigen Faktoren ergeben sich mannigfaltige Ansätze. Es ist nicht das „böse“ System, welches den Arbeitnehmer bis zur letzten Neige auspresst, sondern es bedarf auch eines Persönlichkeitstyps, der das mit sich machen lässt. Aus diesem Grunde begreife ich nach einigen Jahren des Nachdenkens den Zustand des NOTLAUFPROGRAMMS als eine echte Chance im Leben … unter der Voraussetzung, dass Reparaturmaßnahmen eingeleitet werden. Ich räume dabei ein, dass ich solche Worte noch vor 4 Jahren als bescheuerte Durchhalteparolen eingeordnet hätte. 

Das Umfeld lässt sich nicht ändern. Egal, wie man es anstellt, auf dieser Seite passiert nichts. Ausschließlich die Auseinandersetzung mit dem eigenen Umgang und den dazugehörigen Persönlichkeitsmerkmalen ergibt einen Sinn. Ich selbst habe 30 Jahre im Öffentlichen Dienst des Landes Berlin verbracht. Mit Inbrunst versuchte ich Änderungen herbeizuführen. Diesen Versuch nennt man im Allgemeinen „Kampf“ und dieses Wort impliziert wiederum Krieg. Dem vor langer Zeit lebenden chinesischen General Sun Zi wird die Erkenntnis zugeschrieben: „Beginne niemals einen Krieg, den Du nicht gewinnen kannst.“

Burnout bei der Polizei

Bei der Polizei wird den Neuanfängern ein Spruch mit auf den Weg gegeben, der quasi ein Katalysator beim Prozess des Ausbrennens ist. „Der Polizeiberuf ist kein Job, sondern eine Berufung!“ Ich weiß nicht, aus wessen kranken Geist dieser Satz entsprungen ist, aber er wird heute noch verwendet. Egal, was auch immer passiert, der Polizist macht weiter. Vor allem dort, wo der „normale“ Arbeitnehmer, der seinen Lebensunterhalt mit einem Job bestreitet, die Flinte ins Korn werfen würde. Denn er folgt einer Berufung. 
Im schlimmsten Fall, kann das dazu führen, dass der „Gescheiterte“ keinen anderen Ausweg sieht, als sich eine 9 mm Kugel aus seiner Dienstwaffe durch den Kopf gehen zu lassen.
BURNOUT versteckt sich in vielen Bezeichnungen. Eine ist die sogenannte „Innere Kündigung“. 

Neuanfängern bei der Polizei wird ein falsches Bild der Polizeiarbeit vermittelt. Nüchtern betrachtet ist der Polizist ein Landesbeamter. Damit ist sein Dienstherr das jeweilige Land, welches von den gerade amtierenden politischen Vertretern repräsentiert wird. Der Polizist hat alle Entscheidungen, die im Einklang mit dem Grundgesetz stehen, auf der Straße, im Zweifel auch gegen den Widerstand der Bevölkerung oder Teilen durchzusetzen. Ob er selbst damit konform geht oder nicht, ist uninteressant. Selbst bei der Kriminalitäts/Verwaltung/Bekämpfung wirkt die Politik mit. Sie legt nämlich die Schwerpunkte fest, stellt die Mittel zu Verfügung und regelt die Personalstärke. Eigener Idealismus, Bewertungen oder gar moralische Betrachtungen haben dabei wenig Spielraum. Exakt hieran scheitern viele.

Ermittlungen sind eine bezahlte Dienstleistung. Der Ermittler befriedigt nicht seine eigenen Bedürfnisse, sondern er handelt für einen Auftraggeber. Dies muss er sich stets vor Augen halten. Handelt er jenseits des Willens bzw. Vorstellungen des Auftraggebers beginnt er auf eigene Rechnung zu arbeiten.

Die politischen Vertreter haben in der Vergangenheit beschlossen eine konkrete Anzahl an Ermittlern für die Ermittlungen im Bereich Terrorismus zur Verfügung zu stellen. Hierzu gehören die Beamten in der Sachbearbeitung und im Operativen Bereich. Mit dieser Personalstärke ist ein nachvollziehbares Pensum leistbar.
Letztlich ist das nicht anders, als die Bestellung einer Baukolonne. Die Älteren kennen dies noch aus den Mathematik Büchern. 10 Arbeiter graben einen Graben in 5 Tagen. Wie viele Tage benötigen 5 Arbeiter? Wenn der Polier einen Bericht schreibt, in dem steht, dass er mit den 5 Arbeitern ebenfalls 5 Tage gebraucht hat, ist etwas Faul. 
Das Problem ist: Ein Graben ist ein Graben, einige Tote auf der Straße, sind ein Desaster, welches schwer verkauft werden kann.

Grundsätzlich ist die Zuteilung des Personals nicht einmal verkehrt. Denn ein Terrorist lässt sich im Zweifel weder von einem oder zwanzig Ermittlern stoppen. Entscheidend ist, welche Maßnahmen abgefordert werden, ob die nun tatsächlich etwas verhindern oder nicht, steht auf einem anderen Blatt Papier. Standardmäßig werden Telefonüberwachungen geschaltet, Observationen veranlasst, Erkenntnisse ausgewertet, Datenbanken gespeist und ausgewertet, unzählige Vermerke und Berichte geschrieben, Akten verwaltet, Bilder ausgewertet (immer brav unter Berücksichtigung der Persönlichkeitsrechte).
Richtig wäre es, wenn sich der Polizist an die Willensbekundungen des Auftragsgebers, welche er durch Personalzuteilung, Materialzuwendung, Dienst – und Geschäftsanweisungen, Gesetze, Ausführungsvorschriften pp. bekundet hat, stoisch hält. Würde er dies tun, stellte sich schnell heraus, dass der Auftraggeber vollkommen verblödet ist. Leider ist das mit dem Risiko verbunden, dass sich der Blödmann selbst in Gefahr bringt. In seiner gnadenlosen Arroganz, es besser zu wissen, versucht der Polizist es gerade zu biegen. Oftmals geht das wiederum für ihn nicht gut aus. Das konnten wir zum Beispiel bei den Geschehnissen rund um den Breitscheidplatz beobachten.

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Februar 17 2014

Asservate

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